20. Juli 2012 Lesezeit: ~ 9 Minuten

Meine Reise nach Bangladesh

“Sind Deine Bilder nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran!”

Dieses Zitat von Robert Capa geistert mir immer wieder auf’s Neue durch den Kopf, als ich meine Reise nach Bangladesh, meinem bis dahin „exotischsten“ Reiseziel in Südasien, antrete. Was ist es, was mich in dieses kleine und zugleich am dichtesten besiedelte Land der Erde zieht, das in den westlichen Medien allenfalls durch immer wiederkehrende Naturkatastrophen Aufmerksamkeit erregt?

Nicht nur die ohnehin spärlich gesäten Touristenattraktionen sind es, sondern viel mehr die Tatsache, dass man über dieses kleine Fleckchen Erde doch so wenig zu sehen und zu lesen bekommt und ausländische Touristen lieber einen Bogen um dieses Land machen.

Doch wie leben und arbeiten die Menschen dort auf engstem Raum zusammen? Wie sind die Arbeits- und Lebensbedingungen, die Infrastruktur und der soziale Wohlstand? Zählt Bangladesh doch zu einem der wohl bekanntesten Billiglohnländer auf unserem Planeten.

In Dhaka freunde ich mich mit dem Fahrrad-Rikscha-Fahrer Abdul an. Er spricht ein wenig Englisch, wofür ich sehr dankbar bin, da die meisten Bengalen außer Bengali und Hindi keiner weiteren Fremdsprache mächtig sind. Abdul bemerkt schnell, dass ich an den wenigen Sehenswürdigkeiten Dhakas auch wenig Interesse habe. Ich schildere ihm, was mich wirklich interessiert und was ich sehen und – wenn möglich – auch in Bildform festhalten möchte.

Abdul erweist sich als große Hilfe für mein Vorhaben. Über einen Mittelsmann werde ich neben den Schiffswerften von Dhaka auch in eine Textilfabrik und eine Gerberei eingeschleust, ohne von Wachleuten oder Vorarbeitern des Geländes verwiesen zu werden. In einem Stadtteil im Osten von Dhaka stoppt Abdul seine Rikscha. Er meint, ich solle selbst etwas die Gegend erkunden und mich später wieder mit ihm an einer gemeinsam ausgemachten Stelle treffen.

Ich schaue mich um und entdecke neben der Straße einen Seitenarm des Buriganga, einem Ausläufer des Ganges, der durch Dhaka fließt, der teilweise von einer Steinmauer verdeckt ist. Am Flussufer arbeiten Männer in der brütenden Mittagshitze. Sie reinigen kleine Plastikscherben im schmutzigen, geradezu schwarzen Flusswasser, die anschließend am Ufer großflächig zum Trocknen ausgelegt werden, bis sie dem nächsten Recyclingschritt zugeführt werden.

Mit der Kamera in der Hand beschließe ich, die Szenerie aus der Nähe zu betrachten. Erstaunt, einen Ausländer zu sehen, unterbrechen die Arbeiter für einen kurzen Augenblick ihre Tätigkeiten. Ich begrüße die Männer mit einem freundlichen „assalam o alaikum“ und beobachte das Treiben, das direkt vor mir stattfindet.

Um natürlich wirkende, ungestellte Aufnahmen machen zu können, lasse ich mir Zeit. Die Männer sollen sich an die Kamera und meine Präsenz gewöhnen. Nachdem mir niemand zu verstehen gibt, dass ich unerwünscht sei und ich mir sicher sein kann, von ihnen akzeptiert zu sein, beginne ich meine Aufnahmeserie aus verschiedenen Positionen, Blickwinkeln und natürlich aus nächster Nähe.

Man fühlt sich durch mich nicht gestört. Im Gegenteil: Die Männer gehen ihren Tätigkeiten, dem Waschen und Auslegen der Plastikscherben weiter nach, als wäre ich gar nicht anwesend. Ich überlege mir genau, wie die Bilder später aussehen sollen. So vermeide ich, ziel- und planlos den Auslöser zu betätigen.

Ich stelle mir das Bild schemenhaft vor dem inneren Auge vor. Die Positionierung der Personen im Vordergrund, der Anteil des Hintergrunds, was fokussiert sein soll und welchen Augenblick ich abwarten sollte, um interessante und auch stimmungsvolle Bilder machen zu können.

Ich mache einige Aufnahmen, mal unmittelbar direkt vor den Arbeitern, dann wieder mit etwas Abstand, um den Hintergrund mit ins Bild einfließen zu lassen. Man scheint Vertrauen in mich und mein Handeln zu haben. Hin und wieder unterbricht einer der Männer seine Arbeit, um interessiert meine bisherigen Aufnahmen auf dem Display zu begutachten.

Mit einem Daumen nach oben oder einem zustimmenden Kopfnicken signalisiert man mir, dass man mit meiner Arbeit zufrieden zu sein scheint. Unglücklicherweise ist von den Arbeitern keiner der englischen Sprache mächtig und so beschränkt sich unsere Kommunikation lediglich auf Gestik und Mimik. Man hat verstanden, dass ich natürliche Bilder des Geschehens machen möchte und auf gestellte Aufnahmen keinen Wert lege.

Mich überkommt das Gefühl, als würde die Männer ein gewisser Stolz erfüllen, bei ihrem Tun fotografisch festgehalten zu werden. Es wird energisch gearbeitet. Man möchte, dass ich zeige, wie fleißig und unter welchen Bedingungen diese Tagelöhner ihr täglich Brot verdienen.

In solchen Situationen überkommt mich immer wieder ein Gefühl von Scham. Die Frage, warum ich hier stehe und nicht selbst mit den Beinen im schwarzen Flusswasser stehen muss, um den Abfall der zivilisierten Welt zu waschen. Man beginnt, über den Sinn und Unsinn unseres täglichen Treibens, unserer eigenen Probleme in der „zivilisierten“ westlichen Welt im Vergleich zu dem, was einem hier vor Augen geführt wird, zu philosophieren.

Jeder, der schon einmal durch einen Slum gelaufen ist, wird das nachvollziehen können. Das Erstaunliche an solchen Situationen ist nicht das große Elend, das sich im Vergleich zu unserer technologischen und materialistischen Gesellschaft darbietet, sondern viel mehr das Verhalten der Menschen selbst. Kein Zeichen von Trauer oder Verzweiflung ist in den Gesichtern zu erkennen. Im Gegenteil.

Man wird freundlich begrüßt, zum Tee eingeladen und trotz der Sprachbarriere in Gespräche verwickelt, die nur mit Händen und Füßen geführt werden. Kurz gesagt: Man spürt eine Wärme, die von diesen Menschen ausgeht, wie wir sie in unserer Gesellschaft überhaupt nicht kennen.

Nicht zu leugnen ist überdies die immense Verschmutzung der Umwelt. Bei einer Bevölkerungszahl von mehr als 158 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die doppelt so groß wie Bayern ist, entsteht ein klares Problem. Ein bizarres Bild bietet sich mir noch am selben Abend. An einer anderen Stelle auf derselben Straße sehe ich auf der anderen Seite des Flusses in der Ferne die rauchenden Schornsteine zahlreicher Backsteinfabriken.

Eilig, da die Sonne bereits untergeht, suche ich einen Standpunkt, von dem aus die Sicht nicht durch Bäume, Gebäude oder Lastwagen behindert wird. Ich klettere auf einen Sandberg, der zu einem Fabrikgelände gehört. Da oben bietet sich mir ein geradezu spektakulärer und surrealer Blick auf die Szenerie am gegenüberliegenden Flussufer. Die untergehende Sonne verstärkt diese unwirkliche Atmosphäre noch.

Einige Meter vor mir steht ein Mann, der ebenfalls von diesem Sandberg aus den Sonnenuntergang beobachtet. Als er mich und meine Kamera bemerkt, geht er höflich zur Seite, um nicht im Bild zu stehen. Ich bedeute ihm, so stehen zu bleiben, den Rücken mir zugewandt. Er willigt ein und ich mache meine Aufnahme. Der Betrachter soll diese apokalyptisch anmutende Szene durch die Augen des Mannes vor mir sehen, als wäre es seine eigene Heimat, der Ort, an dem er jeden Tag auf’s Neue aufwacht.

Es sind lediglich zwei Impressionen, die ich hier schildere, nur ein Bruchteil dessen, was ich in einem Monat Aufenthalt in Bangladesh gesehen und erfahren habe. Ob ich dorthin zurückkehren möchte? Bangladesh ist mit Sicherheit kein Urlaubsland mit Erholungsgarantie. Es ist viel mehr ein Stück Lebenserfahrung und eine Horizonterweiterung, die man dort erleben darf.

Davon abgesehen ist Bangladesh durchaus ein fotografischer „Garten Eden“, der noch entdeckt werden möchte. Trotz großer Armut und Überbevölkerung, staubigen und verdreckten Straßen, Verkehrsstaus und Smog würde ich eine Reise dorthin erneut antreten.

Zurück in Deutschland beginne ich mit der Selektion meiner Bilder. Da ich schon vor den Aufnahmen vor Ort überlege, was und wie ich etwas zeigen möchte, geht dieser Arbeitsschritt recht zügig vonstatten. Es ist besser, genau zu überlegen, was man wie ablichten möchte, als ständig den Auslöser unkontrolliert zu betätigen.

Mit „offenen“ Augen unterwegs zu sein, ist überdies unabdingbar. Dennoch treffe ich eine engere Auswahl meiner gesamten Aufnahmen. Welche Bilder transportieren Stimmungen, Gefühle oder Botschaften? Welche haben einen harmonischen Bildaufbau, interessanten Hintergrund oder laden zu langem Betrachten und Nachdenken ein? Wie aussagekräftig ist diese oder jene Aufnahme? Das sind die Fragen, die ich mir bei meiner persönlichen Selektion stelle.

Der Betrachter soll nicht innerhalb von ein paar Sekunden möglichst viele Bilder anschauen. Er soll gefesselt sein, neugierig, und das Bild auf Details hin untersuchen. Wenn einem so etwas gelingt, spreche ich von einer geglückten Aufnahme. Nicht zu vergessen die Bilder, die einem die Nähe zu den abgelichteten Menschen vermitteln. Sie zählen meiner Meinung nach zu den wichtigsten, führen sie den Bildbetrachter doch unmittelbar ins Geschehen hinein. Getreu dem Leitsatz:

Sind Deine Bilder nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran!

Unterstütze kwerfeldein

Wenn Dir dieser Artikel oder das ganze Magazin gefällt, kannst Du die weitere Arbeit von kwerfeldein gern via Paypal, Überweisung oder Dauerauftrag mit dem, was es Dir wert ist, unterstützen. Vielen Dank!

kwerfeldein finanziert sich neben Werbeeinnahmen auch durch Provision von Verkäufen auf Amazon und freiwillige Beiträge der Leser*innen, um unabhängig zu bleiben.

Paypal


Überweisung

kwerfeldein
IBAN: DE0837050198 1933436766
BIC: COLSDE33XXX

Amazon
kwerfeldein @ Spreadshirt


44 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Bei der Betrachtung des ersten Bildes (Slum) war ich etwas enttäuscht. Stand doch gleich zu Anfang der Leitsatz Capa’s und dieses Bild lief dem zuwieder.
    Die folgenden Bilder übertrafen aber alle meine Erwartungen.
    Oder um bei bekannten Fotografen zu bleiben: “That’s Photography”.

    Lange Rede kurzer Sinn: großartig!!!!

    Danke !
    Gruß Maude

  2. Ich habe schon lange keinen so interessanten und spannenden Bericht mehr gelesen. Man kann sich anhand der guten Beschreibung annähernd in die Lage des Fotografen versetzten und es muss einfach eine tolle Erfahrung gewesen sein. Danke für die eindrucksvollen Momente, die du für uns festgehalten hast!

  3. Großartige Bilder und ein ehrlicher Text – so ähnlich ist es mir auf meinen Reisen in solche Länder auch oft gegangen. An den Bildern mag ich besonders, dass sie so unprätentiös sind und dass weniger der Fotograf und seine Absicht zu sehen ist als wirklich der Porträitierte. Was für ein Gegensatz zu den Indianer-Porträts in Photographie 7/8 2012. Aber vermutlich braucht der Mainstream halt ein bißchen mehr künstliche Kunst.

  4. Moin..danke für den tollen Bericht, da bin ich ganz bei den anderen!!

    Ich empfinde die Tonung als fehl und sie passt nicht wirklich zu deiner Aussage ..”Um natürlich wirkende, ungestellte ….” liegt bestimmt an mir aber ich finde diese Art der Fotografie braucht keine Tonung sie verliert in meinen Augen dadurch nur Aussagekraft.

    Ich kann bei solchen Fotos sehr gut mit Farbe und demnach der Wirklichkeit leben und brauche sie sogar, um mir alles besser vorstellen zu können, um nicht mein eigenes Kopfkino für die Natürlichkeit zu bemühen, um mir dann einen eventuell falschen Eindruck über die Situation zu machen. So ist jedenfalls meine Sicht auf deine bestimmt sehr guten arbeiten stark getrübt …Leider

    Vielleicht kannst du mir erklären, warum du sie gewählt hast.

    • Mit ”Um natürlich wirkende, ungestellte ….” meinte ich den eigentlichen Bildinhalt, die Szene selbst, also keine Gestellete Szenen.
      Farbbilder werden noch online gestellt! Da ich eine schwäche für s/w habe ( daher auch Vorbilder wie Munem Wasif ) habe ich eine Vorauswahlt getroffen welche Bilder in s/w eine meiner Meinung nach bessere Wirkung entfalten als in Farbe. Problem ist auch der Himmel. Lediglich in den früh morgens bzw be Sonenuntergang hat man dor eine schöne Farbe. Tagsüber fast nur weiß, was mir auf Bildern nicht so gefällt. Daher auch hier die Entscheidung für s/w. Über die Tonung mag man unterschiedlicher Meinung sein. Die einen mögen den sepia Stich, die anderen weniger. Alles eine Frage des Geschmacks. Aber wie gesagt, nicht die ganze Serie wird in s/w sein!

  5. Ein wunderbar geschriebender Bericht und auch die Fotos sind spitze. Auch auf deiner Webseite sind noch viele gute Bilder zu sehen! Ich mag die monochrome Darstellung, obwohl ich auch ab und an gerne Farbfotos von Bangladesh gesehen hätte. :-)

    Rheinländische Grüße,
    Marcel

  6. Ein sehr mitziehender Bericht (nur leider VIEL zu kurz) – würde gerne mehr lesen und sehr dichte Bilder – mein Favorit neben der Sonnenuntergangsaufnahme ist das Portrait (wenn ich entscheiden müsste,was ich aber eigentlich nicht will …)

    Top.

  7. Wer nach Bangladesh reist, um Fotos zu machen, kann sich ja eigentlich nur die Armut und damit das menschenunwürdige Leben zum Thema machen. Ein Leben, das wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Mit den hier gezeigten Bildern ist das zum Teil geglückt. Ich finde die Bilder gut, keine Frage, sie empören mich aber nicht.
    Mit dem nahe ran gehen ist das auch so eine Sache. Um Lebensbedingungen zu zeigen, muss man im Gegenteil manchmal sogar einen Schritt zurück gehen.
    Die Tonung gefällt mir nicht so gut, außer bei dem Bild mit der Person vor dem Fluss. Das berührt mein Herz. Es zeigt, dass es auch im Armenhaus der Welt (bildlich) schöne Momente geben kann.
    Henry

  8. Sehr beeindruckender, intensiver Bericht, den Du sehr passend zu den gezeigten Fotos verfasst hast. Die Fotos sind hervorragend – sehr gelungen von Komposition, Motiv und Tonalität. Weiter so! Und danke! Das macht sehr nachdenklich, ist aber auch sehr inspirierend.
    Für meinen Geschmack warst Du nah dran genug.

  9. Das ist ein Bericht,der neben beeindruckenden Bildern die Balance herstellt zwischen Land,Leuten und dem Fotografen. Über Dich findet man den Bezug zu einem entfernten Fleckchen Erde,den man bisher nicht hatte.
    Danke für den Bericht. Hast Du an anderer Stelle noch mehr über diese Reise geschrieben?

  10. Nachdem sich alle hier über die großartigen Fotos freuen (die ich selbst auch technisch und kompositorisch sehr gut finde), möchte ich doch mal ein paar kritische Töne äußern:

    Ich empfinde diese Art von Reportagefotografie als blanken Voyeurismus. Deshalb schaue ich mir auch selten Reportagen aus solchen Ländern oder auch nur die Nachrichten an. Tolle Fotos verändern noch nichts an der Situation vor Ort und jedes Mal fühle ich mich beim Betrachten ein stückweit mehr ohnmächtig vor den Ungerechtigkeiten dieser Welt.

    Ich habe weder die Mittel noch die Kraft, um selbst in solche Länder zu reisen und aktiv an der Verbesserung unserer Welt mitzuwirken. Viele andere (Leser hier) vermutlich auch nicht. Was bringt das also?

    Wir haben tolle Fotografien, die berühren und ein stückweit unsere Welt zeigen. Gleichzeitig bleibt alles so, wie es ist. Und was noch schlimmer ist: Es meldet sich gleich ein Verlag um den Voyeurismus zu monetarisieren. Super-geile S/W-Fotos, damit lässt sich fotografisch gleich Geld verdienen. Finde ich nicht gut. Was hier für ein Foto vermutlich gezahlt wird, haben die Leute dort als Jahreslohn.

    Deswegen möchte ich kritisch in die Runde werfen: Was trägt solche Fotografie zur Verbesserung/Veränderung unserer Welt bei? Wo hilft sie dabei, unser Denken zu verändern und zu realisieren, dass es nicht so bleiben kann wie es ist? Wo versetzt sie in Aktion?

    Fotografische Selbstbefriedigung mit super gut gemachten Fotos finde ich mehr als überflüssig.

    • Hallo Sam

      Ich selbst glaube nicht das “tolle” Bilder die Welt verbessern können. Für mich zeigen sie eher den momentanen Stand der Dinge (tragen sozusagen bei eine Bilanz zu ziehen, wenn man das so ausdrücken kann).
      Als Voyeurismus würde ich so etwas auch nicht bezeichnen. Die fotografierten Menschen waren sich meiner Gegenwart bewußt. Ohne Einwilligung der Beteiligten mache ich keine Aufnahmen. Deßhalb halte ich mich auch lange an einem Ort auf damit man sich an meine Präsenz gewöhnt und mich und die Kamera akzeptiert.
      Unter Voyeurismus verstehe ich, sich in einem Bus oder hinter einer Mauer zu verstecken und Menschen mit einer langen Brennweite, ohne ihr Wissen, zu fotografieren.
      Meine Vorgehensweise und auch mein eigenes Empfinden habe ich im Artikel bereits beschrieben. Daher finde ich den Begriff “fotografische Selbstbefriedigung” doch etwas daneben. Ich verstehe auch nicht das du dir diesen Artikel überhaupt durchgelesen und die Bilder angeschaut hast, schreibst du doch selbst “Ich empfinde diese Art von Reportagefotografie als blanken Voyeurismus. Deshalb schaue ich mir auch selten Reportagen aus solchen Ländern oder auch nur die Nachrichten an.”
      Ich rufe in meinem Artikel auch nicht zur Verbesserung der Welt auf. Wie bereits gesagt möchte ich nur den Stand der Dinge zeigen, sprich dokumentieren. Ich möchte auch noch erwähnen das ich niemanden meine Bilder unter die Nase reibe. Bisher ist man immer an mich herangetreten wenn es um eine “Veröffentlichung” ging. Sei es bei diesem Artikel, einem Verlag oder einer Infoscreen Präsentation.

      P.S. Die Menschen dort drüben sind nicht so unglücklich wie man immer meint. Arm an materiellen Dingen – dafür um so reicher an Herzlichkeit und Wärme.

    • Servus Sam,

      zu Deiner Frage:

      “Deswegen möchte ich kritisch in die Runde werfen: Was trägt solche Fotografie zur Verbesserung/Veränderung unserer Welt bei? Wo hilft sie dabei, unser Denken zu verändern und zu realisieren, dass es nicht so bleiben kann wie es ist? Wo versetzt sie in Aktion?”

      möchte ich Dir (m)eine Antwort geben:
      Wenn es nicht Leute gäbe, die in diese Länder Reisen und von dort Bilder und Berichte mitbringen, dann gäbe es noch viel weniger Ansätze, dort etwas zu verändern. Erst diese Bilder und Berichte geben uns einen Einblick, wie die Menschen dort leben und lassen einen Vergleich mit unserer Lebensweise zu.
      Vermutlich lässt sich unschwer herauslesen, dass ich auch jemand von denen bin, die abseits der üblichen Touristenpfade unterwegs sind und ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Bildern und Berichten festhalten. Diese zeige und erzähle ich ebenso wie Timo. Die Menschen, die ich damit erreiche, lade ich ein, mich bei meinen – zugegeben sehr kleinen – Projekten zu unterstützen. Damit können wir den Menschen dort ein klein wenig helfen, sich selbst zu helfen.
      Ohne solche Berichte und Bilder, wie die hier von Timo wäre das ungleich schwerer, weil sich viele Menschen in unserem Lebensraum überhaupt nicht vorstellen können, wie sich das Leben dort abspielt.

      @Timo: Mein Kompliment für den Artikel und die Bilder. Klasse!!

      Fred

  11. Ich möchte noch dazu sagen, dass ich Pressefotografie durchaus wichtig und gut finde und dass ich mich in meinen Ausführungen auf die Reportagefotografie in armen Gegenden der Welt beziehe. Es geht also nur um das hier gezeigte.

  12. Toller Bericht mit stimmigen Fotos!

    Keine grellbunte Sensationsextremfotografie mit Mega-Budget, sondern im wahren Wortsinn “Reisefotografie”. Sehr wohltuend und informierend!

    Kann Dich nur zu Deinem Mut beglückwünschen, in einem für uns so fremdartigen Land konsequent Deiner Passion nachgegangen zu sein.

    Ich selbst war bisher ein Dutzend mal beruflich in Algerien und die Kamera war selbstverständlicher Reisebegleiter, wie man es in hier in Europa einfach gewohnt ist.
    Ein unglaubliches Land, ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten, habe nur noch durch die Motivbrille geschaut.
    Das allererste euphorische Foto aus dem fahrenden Taxi heraus führte dann schon direkt zum ersten Zwangsstop durch eine Polizeistreife. Naiv und uninformiert wie ich war hatte ich nicht bedacht, dass man in einem geschundenen Land wie Algerien solche Dinge fast schon automatisch mit Spionage gleichsetzt.
    Ärger mit der Polizei, der nur durch unsere einheimische Dolmetscherin wieder deaskaliert werden konnte und Ärger mit den lieben Arbeitskollegen…
    Die nächsten Fotografierversuche waren auch nicht gerade sehr entspannend, weil die für uns so banale Handlung “da mach´ ich mal´n Foto von” in der Regel zu einem Menschenauflauf oder eine Befragung durch die allgegenwärtige Staatsmacht in all ihren Facetten führte.
    Da ich der arabischen Sprache nicht mächtig bin, waren das dann in der Regel endlose unangenehme Situationen mit viel Palaver und irgendwann war ich dann auch so entnervt und mürbe, dass ich das Fotografieren fast komplett drangegeben habe.

    Will sagen:
    a) ich habe großen Respekt vor den Leuten, die in einem uns fremden Kulturkreis so zielstrebig und mutig ihr Projekt durchziehen. Die Fähigkeit, sich (höchstwahrscheinlich) eigenständig aus Problemsituationen herauszulächeln, muss man erst mal haben!
    b) ich bin froh, dass es mittlerweile Fotostrecken aus jedem noch so entlegenen Zipfel dieses Planeten gibt, die mir die Welt nach Hause bringen. Das geht nur, weil es solche Fotografen wie diesen hier gibt, die die Energie haben den Arsch hochzukriegen, den Mut haben, die Kamera vor Ort aus der Tasche zu holen und abzudrücken und sich den evtl. daraus ergebenden Konsequenzen zu stellen.

    Das unterscheidet ihn im übrigen vom Voyuer: der fotografiert nämlich aus der Tasche heraus!

    Und? Wo geht´s als nächstes hin? (@Timo)

    • Hallo Andre

      Danke für das Lob und deinen eigenen kurzen Erfahrungsbericht hinsichtlich Fotografie in “Krisenländern”. Denke auch das sich einige Leute solche Unternehmungen als eine Art Pauschalreise ohne nennenswertes Risiko vorstellen, ohne dabei zu wissen das hinter der ganzen Sache doch auch ein Stückchen Arbeit steckt. Sei es jetzt das Fotografieren unter schwierigen Umständen ( hohe Luftfeuchtigkeit, Hitze, Menschenmengen, neugierige Zuschauer oder auch die Staatsmacht selbst ) oder die Tatache sich in einem fremden, noch unbekannten Land alleine zurechtzufinden und selbst zu organiesieren.
      Wo es als nächstes hingeht? Gute Frage! Momentan habe ich noch nichts konkretes geplant. Interessieren würden mich natürlich einiges. Denke gerade über einen Aufenthalt von ca. 2 Wochen in Beirut nach. Diese Stadt interessiert mich sehr. Würde mich dann auch nur auf Beirut konzentrieren und den restlichen Libanon erst mal außen vor lassen.

      Gruß

      Timo

  13. Na, dann wünsche ich gute Heimkehr und tolle Ergebnisse! Beirut würde mich auch sehr interessieren, besonders die Diskrepanz zwischen dem, was man hierzulande in den Medien oder auch vom Auswärtigen Amt erfährt und der realen Situation vor Ort.
    Viel Erfolg!!

  14. Blogartikel dazu: Meine Reise nach Bangladesh | Rappelsnut

  15. Die Bilder sind top, das Erzählte sehr interessant aber das Zitat von Capa, mit dem jeder Fotointeressierte schätzungsweise bereits 1.000.000mal in Berührung kam, gehört endlich in die Mottenkiste. Mag der Inhalt auch häufig zutreffen, es ist so unendlich öde, wenn einem immer und immer wieder das gelcihe Zitat vor die Nase gehalten wird.

  16. Hallo, echt bewegend und wahrlich Horizont erweiternd.
    Es gibt Patenschaften für arme Kinder in Bangladesh über die Compassions Stiftung
    Bilder und Berichte sind schön, Hilfe auch.
    Wenn man sieht wie arm die Menschen sind macht es Freude eine Patenschaft mit 30,- euro im Monat zu machen. So geht es mir zumindest. Das Patenkind heißt Ethun Roy und bekommt
    Schulunterricht und ein wenig materielle Unterstützung und ein warmes Essen am Tag. Ethun lebt ganz normal bei seiner Familie und bekommt eine Chance.
    Regelmäßiger Briefontakt und ab und an ein Bild.

    Weite viel Erfolg beim knipsen von solch ausdrucksstarken Bildern
    Danke
    Grüße Achim

  17. Ich schreibe gerade an einer Präsentation über Bangladesch. Dieser Bericht hier gibt einen guten Einblick in die Kultur und die Bilder sind genial schön!

  18. Blogartikel dazu: Timo Keitel im Portrait | Photocircle blog