08. Mai 2012 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Sony World Photography Awards

Ich liebe gute Fotografie, wie wahrscheinlich die meisten von Euch. Umso mehr freute es mich, dass ich vor Kurzem für die Sony World Photography Awards nach London fliegen durfte, um der Preisverleihung beizuwohnen. Ein paar Tage nur damit verbringen, sich die inspirierenden Arbeiten anderer Fotografen anzusehen – Perfekt!

Im Folgenden möchte ich Euch nun einige der Gewinner vorstellen. Ich habe mich bei der Auswahl bewusst nicht immer an die letztendliche Auswahl der Jury gehalten, sondern zeige hier die Serien, die mich selbst am stärksten berührt haben. Heute will ich mit Bildern aus der Kategorie Fotojournalismus anfangen.

Donald Weber – Life after zero hour

Der kanadische Fotograf Donald Weber war nach dem letztjährigen Nukleardesaster in Japan einer der ersten Fotografen in der Exklusionszone um Fukushima. Seine Bilder sprechen die Sprache eines Ortes, der noch vor Kurzem voller Leben war und von einem Moment auf den anderen verlassen wurde. Sie sind aber auch ein Aufschrei einer Welt, die wir versuchen nach unseren Bedürfnissen zu verändern, ohne die Risiken überblicken zu können.

Die Fenster sind offen, Früchte liegen herum und der Spül vom Morgen steht noch herum. Es sind die Bilder eines Ortes, der auch hier sein könnte. „Wenn du jetzt alle in deinem Viertel anrufen würdest und sagst: ‚Haut ab, sofort, bringt euch in Sicherheit!‘ – das wären die Bilder, die du bekommen würdest.“, erklärt Weber. Vielleicht ist es genau diese Direktheit, dieses Gefühl, dass es auch hier sein könnte, was diese stilllebenhaften Bilder so eindrücklich und berührend macht.

Mehr über die Arbeit von Donald Weber erfahrt Ihr auf seiner Webseite, auf der sich auch viele Arbeiten aus Chernobyl finden, sowie die Dokuserie „Picture Perfect“, die in einer Episode Weber in Japan begleitet.

Rob Hornstra – Sochi Singers

Rob Hornstra aus den Niederlanden nennt sich selbst einen „Slow Journalist“. Er arbeitet vor allem an Projekten, die über lange Zeiträume ausgelegt sind. So ist die Serie „Sochi Singers“ auch Teil eines größeren Projektes, das Sochi, die Stadt für die nächsten Olympischen Winterspiele und die Region drumherum portraitieren soll. Rob arbeitet an dem Projekt zusammen mit einem Schreiber. Zusammen wollen sie eine Art Atlas der Region erstellen und verschiedene Geschichten erzählen.

Die Serie “Sochi Singers” sucht dabei nach etwas ganz Speziellem. Rob erklärt: „Eigentlich interessieren mich die Sänger in den Bars nicht. Was für mich interessant ist, ist die Einrichtung. Seit dem Ende der Sowjetunion wurde viel versucht, sich hin zu einem modernen Stil zu verändern, einem europäischen Stil, wie mir erklärt wurde. Doch das vermischt sich mit vielen anderen Einflüssen. Was mich interessiert, ist, wie ersetzt man einen alten Stil und was wird dann der ‚neue‘ russische Stil?“

Was mir vor allem gefällt ist die Vielschichtigkeit der Bilder. Die sehr flache Ausleuchtung lässt es manchmal wie ein Filmset wirken, mit Hunderten kleiner Geschichten. Ihr könnt mehr über Rob Hornstra auf seiner Webseite erfahren und auch sein Sochi-Projekt unterstützen, das sich fast ausschließlich durch Crowdfunding finanziert. Zufällig gibt es auch eine Episode von „Picture Perfect“ über Rob Hornstra und die Sochi Singers.

Maja Daniels – MONETTE & MADY

Maja Daniels ist eine junge Fotografin aus Schweden. Während sie für einige Zeit in Paris lebte, fielen ihr diese beiden identischen Zwillinge Monette und Mady auf, die sich nicht nur identisch kleideten, sondern auch „ich“ sagten, wenn sie über sich zusammen sprachen. Es dauerte über ein Jahr, bis beide einer Portraitsession zustimmten. Maja erklärte: „Obwohl sie es mögen, im Rampenlicht zu stehen – sie nehmen an Filmproduktionen teil, haben Werbekampagnen gemacht – sind sie sehr private Personen.“

Nach dem ersten Portraitshooting dauerte es ein weiteres Jahr, bis Monette und Mady zustimmten, dass Maja sie für etwa eine Woche im Alltag begleiten durfte. Entstanden ist eine interessante Serie, die gestellte Bilder mit zufälligen Situationen verbindet und so einen Einblick in ein Leben gibt, das sich von Natur aus kaum von der anderen Person trennen lässt und gleichzeitig das eigene Leben zu einer Art Kunstwerk werden lässt.

Was mich hier besonders fasziniert hat, ist die Entstehungsgeschichte. Dass jemand, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, im Rampenlicht zu stehen und es gleichzeitig im Alltag lebt, trotzdem diese strenge Trennung zwischen dem gemeinsamen Ich als Kunstwerk und dem Ich als Mensch zieht, das ist erst einmal überraschend. Umso spannender ist es dann zu sehen, wie mit Hartnäckigkeit und Vertrauen diese Grenze aufgebrochen werden konnte und beide Seiten für den Betrachter deutlich werden.

Andrew McConnell – Leaving Gaza

Eine Serie, die am Ende nicht gewinnen konnte, mich aber trotzdem völlig begeisterte, ist „Leaving Gaza“ von Andrew McConnell, der die Surfszene in Gaza Stadt dokumentiert hat. Für mich ist diese Serie eine dieser tollen Geschichten, die mit unseren Ideen eines Ortes brechen. Während wir eine Idee von Gaza haben, die von Krieg und Abschottung geprägt ist, zeigt die Serie von Andrew McConnell eine andere Seite.

Zwar sind die Bilder in dunklem Schwarzweiß gehalten, was uns immer wieder an das erinnert, was sich drumherum abspielt. Aber die Bilder zeigen auch eine Seite, die den Surfern von Gaza eine Flucht aus dem Alltag bietet. Die mittlerweile 23 Surfer in Gaza gehen raus ins Meer, um etwas anderes zu fühlen. Andrew, der selbst Surfer ist, erzählt: „Nachts hörte ich Militärfahrzeuge und Raketenabschüsse, aber tagsüber waren wir draußen im Meer und die Welt war eine völlig andere.“

Ich mag Geschichten, die uns stereotypische Ideen eines Ortes überdenken lassen und uns die menschliche Seite der Geschichte näher bringen. Dadurch, dass wir uns in das Gefühl des Surfens oder nur des Im-Wasser-Seins und die Begeisterung dafür nachvollziehen können, kommen wir den Menschen näher und wir finden eine gemeinsame Ebene.

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Mehr Geschichten von den Sony World Photography Awards findet Ihr hier.

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9 Kommentare

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  1. Ich kann mich für keine Geschichte im Einzelnen entscheiden, denn alle sind so unterschiedlich und gut. Die erste Geschichte ist eine, die mich immer wieder reinreißt. Es ist für mich immer noch unvorstellbar und egal wieviele Bilder ich dazu sehe, dieser Horror wird mir nicht begreiflich.

    Die zweite Geschichte erinnert an das Zusammenfallen der DDR. Ich erinnere mich als Kind wie sehr ich mir die Veränderung wünschte und sich das vorallem auch in den Einrichtungen oder Namensgebungen von Orten zeigte. Von daher kann ich der Serie auch viel abgewinnen.

    Die dritte Geschichte finde ich toll weil mich allein die Gesichter so faszinieren und das Konstrukt Mensch und Ego.

    Zur vierten hast du schon alles gesagt. Da kann ich nur zustimmend Nicken. Wieder ein wenig schlauer und einen neuen Wissenssplitter über eine Welt die man nur aus den Nachrichten kennt.

  2. Deine Auswahl gefällt mir sehr gut, auch wenn ich die Fukushima-Serie nicht ganz so beeindruckend finde. Gerade deinen Ausführungen zur Gaza-Serie kann ich aber nur zustimmen. Das wirft mal ein erfrischendes und menschlich verbindendes Licht auf diese Region.

  3. mich fasziniert besonders die zwillingsreihe, denn sie läßt deutlich werden, daß so mancher vorschnell gefertigter rückschluß nicht unbedingt der wahrheit entsprechen muß…nichts ist wie es scheint! schön, daß es der fotografin gelungen ist, eine art vertauensbasis zu den beiden zu schaffen. sonst wären diese interessanten aufnahmen wohl nie entstanden…