15. Januar 2012 Lesezeit: ~5 Minuten

Archangel – Serie

Für die vorgestellte Serie gab es weder ein Konzept, noch eine konkrete Idee. Spontan mit den gegebenen Möglichkeiten auf eine Umgebung zu reagieren, ist eine Form von kreativer Freiheit, die ich mir hin und wieder gönnen muss.

Die Serie habe ich mit Tanja, selbst Fotografin, gemacht. Wir haben uns über die Model-Kartei kennengelernt. Nach einem ersten Treffen und anschließendem Mailkontakt zeigte sich schnell, dass auch sie Lust auf eine Zusammenarbeit hatte. Wenn auch noch verhalten, denn wie sie sagte, ging es ihr nicht um Bilder von sich, sondern um den kreativen Prozess zweier Menschen. Ich war also gespannt.

Da sie eine große Wohnung mit viel Licht hat und diese für das Fotoshooting bereitstellte, nahm ich ihren Vorschlag gern an. Mein Ideenkasten im Kopf war noch wirr und unausgegoren, als ich bei ihr ankam. Ich durfte mir Zeit nehmen und ihre Wohnung erst einmal erkunden. Ich schaute mich nach dem richtigen Platz um und war um ihr Vertrauen sehr dankbar.

Diverse Fragen gingen mir durch den Kopf. Wo war genug Licht, wie die Umgebung drumherum? Eines der Zimmer hatte sie als Studio eingerichtet. Ein fast leerer Raum mit Lampen und Blitzen, die ich nicht brauchte, denn das große Fenster zum Hof und die graue Wand ohne jegliche Ausschmückung waren ideal. Auf dem Boden lag noch Laub vom letzten Fototermin. Das war der perfekte Ort.

Aber bevor es losging, unterhielten wir uns zuerst eine ganze Weile in der Küche über alles, was bewegt und uns durch den Kopf schoss. Immerhin muss man erst einmal diese feine dünne Schicht des Unbekannten durchbrechen, bevor man zusammen etwas schaffen kann. Nach fast zwei Stunden bemerkte ich, dass das Licht draußen immer fahler wurde und wir beschlossen, nun anzufangen. Es war bereits 15 Uhr, ein regnerisch grauer Dezembertag in Berlin und ich innerlich noch ein wenig aufgeregt, wegen des vor mir liegenden Unbekannten.

Schatten durchzogen den hinteren Teil des Raumes. Überall lagen ausrangierte Requisiten herum. Eine alte Gardine, Kerzenleuchter, selbstgemachte Objekte aus Draht und in der Ecke ein alter Ofen. Nur am Fenster war Licht, das alles in seiner näheren Umgebung zart umwob. Genau an dieser Stelle wollte ich sie fotografieren.

In meine Kamera legte ich einen ISO-50-Film und stellte ihn auf ISO 80, um ihn später in Promicrol entwickeln zu können. Die Kamera kam auf ein Stativ, denn es war klar, das ich die Zeiten bei diesem fahlen Licht nicht würde halten können. Mir war auch bewusst, dass ich mit solch einem niedriempfindlichen Film und den gegebenen Lichtverhältnissen mit Verwischungen zu rechnen hatte.

Ich gab Tanja die vorgefundene Gardine, die sie wie selbstverständlich um ihren Körper schlang. Ich sagte ihr, dass sie machen könne, was sie möchte, ich werde ihre Bewegungen einfangen, sie solle sich nur nicht zu schnell bewegen und in dem vereinbarten räumlichen Bereich bleiben. Ich suchte mir einen Punkt an ihrem Körper, den ich scharf stellte und bat darum, mal nur den Oberkörper zu bewegen oder nur den Kopf.

Manchmal nahm ich auch die Kamera vom Stativ, bat sie, völlig still zu stehen und bewegte die Kamera während des Auslösens um 90°. Das war die einzige Kontrolle, die ich hatte. Was am Ende wirklich auf dem Film zu sehen sein würde, das konnten wir erst nach dem Entwickeln sehen.

Nach ungefähr einer Stunde war der Film voll und wir gespannt auf das, was uns erwartet. Zuhause angekommen, setzte ich mich gleich daran, den Film zu entwickeln (für die Interessierten: Efke 50@80 in Promicrol, 10 Minuten). Nach einer halben Stunde hatte ich einen ersten kurzen Eindruck. Nach dem Trocknen fotografierte ich die Negative digital ab, um Tanja ebenfalls das Ergebnis zeigen zu können.

Da ich vorher keinerlei Vorstellung vom Ergebnis hatte, war ich nicht überrascht, aber dafür sehr angetan. Denn das Gefühl dieses Tages bei ihr, das schattige Grau, das fahle Licht vom Fenster, das Laub um uns herum, die Stille und all das fand ich in den Bildern wieder. Ich sah darin außerdem das Geborenwerden eines Wesens, geboren aus Licht und Schatten und von Silber umgeben. Ich nannte die Serie Archangel.

Diese kleine Serie hat viel in mir bewirkt. In mir ist wieder etwas erwacht, als hätte dieser Tag bereits geschlossene Türen in mir wieder aufgeworfen, um die dahinter schlummernden Gedanken und Ideen hinauszulassen. Ich habe mit Tanja zusammen eine Welt betreten, die ich ganz am Anfang, als ich anfing zu fotografieren, in mir spürte.

Das Anfängliche, die Mystik und das Verwunschene, das Nichtgreifbare, all das war wieder da und wir haben gemeinsam beschlossen, noch viele weitere Projekte zusammen zu gestalten. Das nächste Treffen ist schon geplant und die Ideenmaschine am routieren.

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9 Kommentare

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    • Das sehe ich ähnlich, da auf dem Rest der Bilder fast gar nichts mehr zu erkennen ist.
      Aber wie schon so oft merke ich auch das Kunst doch etwas seltsames ist.
      Die einen finden es toll und der Rest würde es nicht einmal bemerken. Manchmal kommt es mir vor wie des Kaisers neuen Kleider.
      Ich will damit niemanden auf die Füße treten aber so sehe ich die Sache nun einmal.

      Grüße

      Thorsten

  1. Wunderbar – die Serie und ebenso beeindruckend die Bescheibung der Entstehung.
    Zeigt mir wieder einmal, wie wichtig ein freier Kopf ist und nicht die vorher komplett durchinszenierte Situation – gerade wenn man sich gegenseitig entdeckt und erst einmal gucken muss, ob man gemeinsam arbeiten kann.

    Wenn ich die Bilder ansehe, betrete auch ich eine andere Welt – und das macht Fotografie so immens spannend und unterschiedlich – gerade bei der wahnsinnigen Fülle, die wir täglich ansehen können – wenn wir es wollen ( durch dieses Medium „Internet“ allein).

    Toll!

    Viele Grüße,
    Susanna