22. April 2011 Lesezeit: ~4 Minuten

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Ich habe mich schon häufig gefragt, warum fotografiere ich eigentlich? Was bewegt mich dazu? Was will ich dem Betrachter meiner Bilder mitteilen? Was versuche ich damit zu erreichen? Ich denke, die Antwort ist, dass die Fotografie für mich einfach nur ein Ausweg, eine Flucht aus dem Alltag ist.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich möchte mich nicht beklagen, ganz in Gegenteil. Ich bin ein glücklicher Mensch und bin von den Menschen, die ich unendlich liebe, umgeben. Außerdem habe ich eine gute Arbeit, ein schönes Zuhause und sonst habe ich nichts auszustehen.

Es ist nur dieser starke Wunsch zu fliegen, diese Sehnsucht. Ich fühle mich manchmal wie in einem Käfig eingesperrt. Genau da kommt die Fotografie ins Spiel. Eigentlich hätte es auch Malerei, Musik, Tanz oder sonst etwas anderes werden können. Es geht darum, den angestauten Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Nadja Wehrwein: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Der größte Reiz in der Fotografie besteht für mich darin, die flüchtigen, aber auch schönen Dinge des Lebens zu sehen und festzuhalten. Versuchen, die Sachen sichtbar zu machen, die eigentlich gar nicht oder nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Ein Sonnenstrahl, der den ganzen Raum im Licht tanzen und spielen lässt, das Geräusch der Stille oder des Regens, das Rascheln der Blätter, das leise Wehen des Windes oder Flattern der Flügel.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Obwohl ich eigentlich ein sehr lebensfroher und kommunikativer Mensch bin, mag ich manchmal Ruhe und Stille. In solchen Momenten hänge ich gern meinen Gedanken nach.

Ich mag es, wenn es regnet, mit einem Buch am Fenster sitzend zu lesen und den Tropfen an der Fensterscheibe zuzuhören. Ich mag, an einem schönen, warmen Sommertag der Sonne zuzuschauen, die sich in den Blättern eines Baumes verfangen hat. Ich mag den leicht salzigen Geschmack einer Meeresbrise auf meinen Lippen und die Träume aus meiner Kindheit, als ich noch fliegen konnte.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Genau diese Empfindungen versuche ich in meine Bilder einzubauen und so auch dem Betrachter einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt zu gewähren. Ich gebe ein Stückchen von mir selbst Preis. Man kann nur die Dinge wirklich gut mit den anderen Leuten teilen, die einem selbst nah sind und die man gern hat.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Manchmal entstehen meine Bilder spontan. Ich habe oft eine Mittelformatkamera dabei und wenn die Situation und die Stimmung passen, wird das Foto einfach gemacht. Das Leben selbst ist häufig viel kurioser und spannender, als man sich das mit Absicht ausdenken kann. Außerdem müssen ein bisschen Glück und Zufall einfach sein. Manchmal habe ich richtige Lust, zu fotografieren und ziehe los, um die Motive zu entdecken. Dabei bleibe ich entspannt, falls es nicht klappt, weil ich mit der Zeit gelernt habe, dass man ein gutes Bild schlecht erzwingen kann.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Viele meiner Bilder bereite ich aber akribisch vor und plane deren Realisierung über längere Zeit. Wie andere Fotografen auch, habe ich immer ein Skizzenbuch bei mir, um meine Ideen sofort festhalten zu können. Mit der Realisierung der Bilder sollte man aber nicht zu lange warten. Viele Situationen sind zwar nachstellbar, aber nicht auf alle Ewigkeit. Wir leben heute und jetzt. Und diese Zeit und die Augenblicke sind einmalig. Das, was heute noch gelingt, kann morgen unerreichbar werden.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar

Ich versuche erst gar nicht, den Ansprüchen der unzähligen Online-Fotogalerien gerecht zu werden, weil es mir viel mehr um meine Gefühle, Empfindungen und Gedanken geht.

Schön, wenn dabei auch das eine oder andere gute Bild entsteht und ich freue mich natürlich auch riesig, wenn meine Bilder die Betrachter ansprechen, dann haben wir wohl etwas Gemeinsames. Es entsteht ein Dialog, der ganz ohne Worte auskommt.

Zum Schluss möchte ich nur noch Folgendes ergänzen:

Beim ständigen Fotografieren sollte man nicht vergessen zu leben! Das Leben ist wunderschön und voller Reize und Eindrücke. Innehalten, in sich hinein hören, fühlen und gute Bilder entstehen dann ganz von selbst.

Um mit den Worten aus dem bekannten Buch vom Saint-Exupéry zu sprechen:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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16 Kommentare

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  1. …na, das sind doch wunderbare Worte um in den Tag und die kommende Zeit zu starten :) Auch die Bilder empfinde ich als absolute Unterstützung der Gedanken, die ich für so nachvollziehbar wie dennoch besonders halte.
    Viele Grüße,
    Carl

  2. Ein sehr schöner und fast schon philosophischer Artikel.

    Dazu kann ich nur noch folgendes sagen:
    Der Moment, der Augenblick, die Idee schaffen das Motiv. Durch die Faszination an der Präzision, das Gefühl in Verbindung mit Perfektion entsteht das Bild.

    Wünsche ein erholsames Osterwochenende.

  3. Schöne Bilder und guter Text! Gerade die letzten Sätze sollte man sich viel öfter mal durch den Kopf gehen lassen. Denn gerade Bilder, bei denen der Fotograf und (falls vorhanden) auch das Model viel Gefühl rein steckt sind meistens am besten. Nur um Gefühle ausdrücken zu können muss man leben, und nicht nur fotos machen. Gut!

  4. Was für ein wunderbarer Beitrag. Ihre Bilder kenne ich schon länger aus der Fotocommunity. Und sie verzaubern immer und immer wieder. Schöner kann man die Leidenschaft zur Fotografie nicht auf den Punkt bringen!

    Viele Grüße aus Dresden, nach Dresden …
    Ronny

  5. Eine sehr schöner Artikel. Ich habe das Fotografieren nach einem schweren Unfall begonnen und das komponieren von Bildern hilft mir meine
    Behinderung zu vergessen und zu verarbeiten. Durch die Fotografie lernte ich das Schöne im Detail und im Moment zu erkennen.

  6. Sehr schöner Artikel!
    Und besonders das letzte Bild spricht mich sehr an. Deine Aussagen kann ich weitestgehend unterstützen. Kunst ist immer eine Ausdrucksform, die sich nicht nach der potenziellen Anerkennung richtet. Setzt dabei das Budget-Denken ein, geht die Kunst an sich kaputt.

  7. Danke, Nadja, für Deinen schönen Beitrag. Deine Bilder mag ich schon immer und mag ein klein wenig ‚Neid‘ auf Deine Fähigkeit Gefühle in Bildern einzufangen, einzurahmen nicht verhehlen. Es ist schön, Deine Gedanken auch hier zu lesen, noch schöner ist es, dass man sie auch in den Bildern lesen kann.

    Ich hoffe, wir sehen oder lesen uns auch andernorts mal wieder. Das beigebraune Forum ist ja Geschichte. Wo es weiter geht weisst Du sicher?