kwerfeldein
06. Februar 2011 Lesezeit: ~4 Minuten

Sigurd Quast: Future Proof

Es folgt eine Bildvorstellung von Sigurd Quast. Sigurd studiert Geomatik in Karlsruhe und ist neben dem Studium intensiv mit der Fotografie beschäftigt. Seine Schwerpunkte sind Architektur-, Landschafts- und Hochzeitsfotografie.

Es ist zwar schon ein Weilchen her, aber ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Es war einer dieser schönen Maitage im Jahr 2008. Die wohl ersten sommerlichen Temperaturen heizten das Land mit seiner wohligen Wärme auf. Das Grün auf den Wiesen und Wäldern entfaltete sein vitales Leben und weit und breit war keine Wolke am Himmel zu sehen.

Eigentlich sollte ich an diesem Tag Sommerreifen auf das Auto aufziehen (der Winter hatte uns lange im Griff), aber das musste einfach mal warten. Also nichts wie raus und ab in die Natur! Aber Moment, dachte ich mir, in die Natur gehen kannst du ja immer noch.

Nach kurzem Brainstorming fiel die Wahl auf das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart / Bad-Cannstatt. Das Gebäude selbst ist eine architektonische Meisterleistung und bietet viele Möglichkeiten, sich künstlerisch auszutoben. In den insgesamt acht Levels des Museums scheint sich kein Teilstück zu wiederholen. Spitze Kanten, runde Wände, Glas, Beton und irgendwo dazwischen historische bis aktuelle Fahrzeuge.

Da stand ich also nun mitten drin irgendwo auf Level 4 in diesem Ungetüm. Der Besucherandrang an diesem Tag war auch nicht zu verachten.  Überall scharten sich Leute um potentiell gute Motive. Als Fotograf mit dem gewissen Perfektionismus und auf der Suche nach stilistisch sterilen Szenen kein leichtes Unterfangen und mitunter auch ein Ärgernis. Jedoch denke ich, dass ich nicht allein mit dieser Meinung da stehe, oder? :)

Aber plötzlich war es so, als wären die Massen von hier auf jetzt verschwunden. Nur eine junge Dame stand mit einem Audioguide alleine am Fenster und schaute nach draußen. Die Mischung des perfekt einfallenden Sonnenlichts, dem kalten Beton und dem blauen Himmel kreierte eine besondere Atmosphäre. Als wäre man auf einmal ganz woanders. Das war die Gunst der Stunde. Anvisiert, Komposition gebildet, abgedrückt und den Moment für die Ewigkeit gespeichert.

Als ich das Bild an der Kamera begutachtete und wieder auf schaute, waren die Besucher wieder im Weg und die junge Dame fort. Zurück im hier und jetzt.

Original

Alles was dann in der Nachbearbeitung mit Lightroom und Photoshop des RAW-Bildes geschah, war die Rekonstruktion der Erinnerung dieses Momentes. Deshalb arbeite ich auch nicht mit voreingestellten Presets, um diese mehr oder weniger lieblos auf ein Bild draufzuklatschen. Die Gefahr ist mir zu groß, dass ich das Eigenleben des Bildes zerstöre. Etwas mehr Zeit und eine vollständig kontrollierte Bearbeitung bestätigen mir das Endergebnis.

Das “Originalbild“ (deshalb in Anführungszeichen, da das Bild aus der Kamera nicht das Bild repräsentiert, was wir mit den eigenen Augen sehen) war mir etwas zu dunkel. Durch gezielte Anpassung der ‚Belichtung‘ und des ‚Aufhelllichts‘ in Lightroom konnte ich den High-Key-Effekt herstellen, den ich mir während der Aufnahme des Bildes vorgestellt hatte.

In Photoshop war im Endeffekt nur noch der Feinschliff zu erledigen. Störende Flecken und Bildrauschen wurden beseitigt sowie feinere Belichtungskorrekturen partiell an bestimmten Bereichen des Bildes durch Ebenenmasken. That’s it!

Bearbeitet

Ich liebe es, wenn ich Momente festhalten kann und durch Bearbeitung so zurück in die Realität befördern kann, wie ich die Dinge in meinem Leben wahrnehme. Darum habe ich mich der Fotografie verschrieben.

Besonders gefreut hat es mich, dass das Bild bei den Sony World Photography Awards 2009 zu den besten Architekturbildern nominiert wurde.

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18 Kommentare

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  1. Interessante Geschichte die ein sehr schönes Ende gefunden hat. Das Foto wurde nicht ohne Grund da hingehängt, da hat alles gepasst würde ich sagen. Auch die Nachbearbeitung kommt sehr gut rüber.

    Gruß Alex.

  2. Das Foto ist wirklich wunderbar. Da hast du wirklich einen perfekten Moment komponiert. Auch die Entstehungsgeschichte ist schön zu lesen. Hab das Foto schon vor langer Zeit mal gesehen, sehr schön es jetzt wieder zu sehen.
    Wenn ich es richtig verstanden hab, hast du den Grundlook mit Lightroom erreicht, unglaublich was damit alles möglich ist.

  3. Ich schließe mich Rubens Kommentar an und ergänze:

    Zitat: „Ich liebe es, wenn ich Momente festhalten kann und durch Bearbeitung so zurück in die Realität befördern kann, wie ich die Dinge in meinem Leben wahrnehme. Darum habe ich mich der Fotografie verschrieben.“

    In diesem würde ich das Wort „Fotografie“ gegen „Bildbearbeitung“ austauschen. (Oder Fotografie mit anschließender intensiver Bildverarbeitug.)

    Dem würde ich voll zustimmen.

  4. Hmn ich glaube ich mag das „Original“ auch irgendwie lieber. Die beiden Versionen haben einfach eine ganz andere Stimmung. Die bearbeitete Variante wirkt sehr steril und mehr auf die Architektur konzentriert, während das Original für mich besser die Stimmung transportiert, dieses was du beschrieben hat: Plötzlich sind alle weg, Moment einfangen, und dann ist alles wieder wie vorher. Die bearbeitete Version wirkt halt irgendwie gestellter.

    Der Point.

  5. Eine interessante Geschichte.

    Doch hab auch ich erst das „Originalbild“ für das eigentliche Bild gehalten. Die in meinem Augen doch erhebliche Bildbearbeitung verstehe ich nicht ganz. Die besonderen Schatten, die durch die großen Fenster hervorgerufen werden, sind fast vollständig verschwunden. Der Moment damit doch gänzlich verändert und die Charakteristik der Architektur geht ein wenig verloren.

    Ich finde, dass Bild dennoch gelungen. Vor allem die Komposition gefällt.
    Ich selbst würde jedoch wie meine Vorredner das Original preferieren. Hängt vielleicht aber auch mit meiner Vorliebe für Filmfotografie zusammen.

    Grüße aus Mainz.

    Phil

  6. mhhh…ganz nettes bild, aber irgendwie geht bei der bearbeiteten version durch das extreme aufhellen die tiefe verloren. es wirkt halt flach und steril. die schönen verläufe in den schatten gehen fast gänzlich verloren. und wie beton schauts auch nicht mehr aus. eher wie plastik.

    ich kauf es den „lightroomfetischisten“ auch langsam nicht mehr ab, dass sie lightroom nutzen um das bild so hinzubiegen wie sie es mit ihren eigenen augen gesehen haben. in diesem fall „die Rekonstruktion der Erinnerung des Moments“. hier wird manchmal soviel hochtrapender sülz erzählt nur um irgendetwas mit zwang in einen stil hineinzuinterpretieren, anstatt ehrlich zu sein und zu sagen „ich find es schaut einfach geil aus so!“. sorry, aber so kannst du die szene nicht gesehen haben. von „dem perfekt einfallenden sonnenlicht“ ist in der finalen version kaum noch was zu sehen. ist halt weißer als der rest der szene, aber daß wars dann auch schon. und das schöne wellenspiel auf dem boden aus dem original ist auch verschwunden. sorry, für die vielleicht etwas härtere kritik.

    ich bin einfach kein fan von ebv!

    aber trotzdem…nettes bild! :)

  7. Die Geschichte zum Bild gefällt mir sehr. Die beiden Bilder auch. Ich finde nur die direkte Gegenüberstellung etwas unvorteilhaft. Beide Bilder scheinen wirklich unterschiedliche Stimmungen vermitteln zu wollen.Da es sich aber um das selbe Motiv handelt, verwirrt es den Betrachter(mich) irgendwie. Ob das jetzt etwas Gutes oder Schlechtes ist, kann ich gar nicht so genau sagen.

    Auf jeden Fall super interessant (aber auch spannend). ;)

  8. Faszinierend, wie die Meinungen hier konträr verlaufen…

    @PHILIPP MASUR:
    Ich finde die Bearbeitung ganz gelungen, das „sterile“ kann ja gerade bei moderner Architektur gewollt sein, als (offensichtliches) Mittel der Reduktion für eine (reduzierte?) moderne Architektur.

    Ich hab mal unabhängig davon vor einiger Zeit mal was ganz ähnliches im Highkey-Look „verbrochen“…

    http://www.flickr.com/photos/dogwatcher/4842222879/in/set-72157619770217830/

    .. allerdings mit deutlich mehr „Wirrwarr“ im Bild durch die ganzen Linien.. aber dafür hing meines ja auch nicht in der Ausstellung… ;)

    Aber die Umsetzung in eine „High-Key“ Variante drang sich mir damals auch geradezu auf.

    Ob einem jetzt das „unbearbeitete“ Bild oder die finale Fassung besser gefällt, ist mal wieder Geschmackssache.. ich hätte das Bild aber jedenfalls auch nicht unbearbeitet gelassen, denn in der „Rohfassung“ hat es Potential, mehr aber auch nicht in meinen Augen.

    So hat der Sigurd für meinen Geschmack es schon richtig gemacht, dass Bild nochmal „in die Mangel zu nehmen“.

    @PETER:
    Ob Sigurd dass Bild schon bei der Aufnahme schon so gesehen hat, weiß nur er.

    Auch ich rödele manche Aufnahmen schon bei der Aufnahme selber gedanklich durch alle möglichen EBV-Folterinstrumente…. Ganz ähnlich, wie jeder S/W – Fotograf dass ja vorher auch visualisiert.

    Klar, manchmal kommt man auch erst beim rumhantieren in der EBV auf einen ganz anderen Look.. aber das ist dann eben auch „Teil des kreativen Prozesses“. Im übrigen finde ich das auch nicht ehrenrührig. Wenn die analogen Jungs und Mädels mit dem Analogequipment spielen und ihre Zaubersüppchen anrühren, dann ist ja auch viel Experementiererei mit ungewissen Ausgang dabei.

    @MATTSTORM:
    Inwiefern findest du das verwirrend? Diese vorher/nachher Geschichten finde ich immer ungemein spannend.. zeigen sie doch, was aus einem Bild alles werden kann. Mach das Spielchen mal mit einem Bild und dann 20 oder mehr unterschiedlichen Varianten.. DAS ist lustig. :) Da kann man dann eine ganze Wallpaper draus machen…

    Übrigens @SIGURD:
    Guter, wenn auch etwas unauffälliger Hinweis bezüglich der „Gefahr“ der Presets.. ich merk das selber. Durch die Tatsache, dass die Presets „mal eben“ schnell angewandt werden können (im Gegensatz zu Aktionen oder Skripten bei anderen EBV-Programmen dauert die Anwendung eines Presets in LR ja nur einen Bruchteil.. und wird dann demzufolge auch gerne oft angewandt) neigt man doch gerne dazu, einfach nur alle möglichen Presets mal „durchzuklicken“…

    Kann zwar manchmal auch inspirierend sein, aber es besteht doch eine Gefahr, dass man bei einer Handvoll Presets landet die man dann immer wieder über die Bilder bügelt….

    Übrigens an dieser Stelle noch mal herzlichen Glückwunsch zur Nominierung bei den Sony World Photography Awards 2009. Okay.. ein bißchen spät.. ;)

  9. Hi Dogwatcher,

    ich finde es auch spannend, was alles aus einem Bild entstehen kann. Als ich das bearbeitete Bild gesehen habe, dachte ich: “ oh tolle Aufnahme „. Dann sah ich das Original, und alles das was vorher zu sehen war. Ich finde die Eingriffe teilweise zu drastisch. Grade wenn sich durch die Bearbeitung ganze Materialien ändern und sich auch nicht mehr erahnen lassen. Die Sichtbetondecke wird zu Putz, der Stahl der Pfosten-Riegel Fassade wird zu pulverbeschichtetem, weißen Aluminium, der Boden verliert seine Intarsie und Schatten verschwinden. Alles wird eins. Das war sicher so gewollt und ist als Stilmittel auch legitim. Allerdings empfinde -ich- es dem Gebäude und dem Betrachter gegenüber als „unehrlich“. Wenn ich das unbearbeitete Bild nicht gesehen hätte, wären mir diese Gedanken wahrscheinlich nicht gekommen. Ob das Resultat nun dadurch schlechter ist, kann ich nicht endgültig für mich beantworten. Das ist der Punkt, der mich verwirrt. ;)

  10. Hi Mattstorm,

    Man merkt ja an deiner Sprachwahl, dass du dich mit Architektur beschäftigst. Offensichtlich wären deine Intentionen bei der Architekturfotografie eine andere als die von Sigurd oder mir.

    Zumindest von mir kann ich sagen, dass, wenn ich Architektur mal ablichte, das ablichte, was mir ins Auge springt.. ich bin weder gelernter Architekt noch habe ich mich, zugegebenermaßen, bisher groß mit Architekturfotografie beschäftigt.

    Du benutzt den Begriff „unehrlich“, das setzt für mich ja fast schon eine „Täuschungsabsicht“ voraus… ;) Klingt jetzt etwas provokant hässlich.. und meine ich eher ironisch. Aber unehrlich klingt ja etwas nach „ich berumse den Betrachter des Bildes jetzt bewusst..“

    Ich glaube nicht, dass das seine Intention war. Du sprichst die Materialien an… das hört sich irgendwie nach „Werktreue“ an, ich könnte mir vorstellen, dass Sigurd die Materialien so gar nicht ins Auge gesprungen sind.. zumindest MIR wäre es so gegangen. Da ging es halt mehr um anderes, augenscheinlich.

    Wäre wohl ein interessanter Kandidat, dieses Bild, für einen „Bearbeitungs-Contest“.. Jeder bearbeitet mal nach seinen Vorstellungen. Hätte bestimmt was.

    • Kann ich alles unterstreichen, vor allem das mit der Intention. Und das ist auch gut so. Denn nur so kommt eine gewisse Vielfalt zustande. :). Was mir nur des öfteren auffällt ist, dass sich das „Retuschieren“ von Architekturaufnahmen irgendwie entgegen der restlichen Fotografie verhält. Bei Portraits,Landschaftsaufnahmen oder Makro etc. wird immer darauf geachtet, die „Natürlichkeit“ zu bewahren. Viele belächeln den TV-Spielfilm-Look auf Bildern. Für mich fällt das zweite Bild auch in diese Sparte. Die Zeichnung an der Decke oder der entfernte Bodendeckel, sind für -mich- äquivalent zu Falten oder Leberflecken bei einem Portrait.Die gehören einfach dazu.

      Nochmal, ich finde es oft zuträglich gewisse Szenen und Elemente zu abstrahieren aber bei dieser einen Aufnahme (und mit der Summe alle Änderungen) ist es mir etwas zu drastisch ausgefallen. Total subjektiv und das muss auch keiner nachvollziehen können. Es bleibt weiterhin ein tolle Aufnahme und damit belassen wir es wohl am Besten bei einer „Nachbearbeitungsgeschmackssache“.

      Danke für den netten Gedankenaustausch.;-)

  11. Hö?
    Versteh dir Kritiker nicht. Das Originalbild ist – sorry – schlicht öde und langweilig. ’ne Frau, die am Fenster steht, Schatten überall, die ablenken, dazu die dunkle Decke, die als Blickfang wirkt und so gar nichts zu sagen hat, die grünen Flecken und die massiven zusätzlichen Blickfänge außerhalb des Fensters – ich würd es eigentlich unbesehen löschen.

    Daher finde ich die Bearbeitung ziemlich gut gelungen, was hauptsächlich an der Reduktion der Bildlinien und der Farbverringerung liegen mag; so ist es ein schönes Foto. Ob das jetzt unbedingt mein Favorit für irgendwelche World Awards gewesen wäre, weiss ich nicht, aber das ist ja ein Stück weit auch immer Geschmackssache.