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07. September 2012 Lesezeit ~ 3 Minuten

Architektur in Szene gesetzt

Im Jahre 2008 habe ich mich das erste Mal mit einer kleinen Kompaktkamera bewaffnet, um der Welt zu zeigen, wie schön diese ist. Schnell landete ich bei der modernen Architekturfotografie, da diese für mich durch Klarheit und Aufgeräumtheit in der Wahrnehmung besticht. Es gab allerdings ein Problem: Oft befanden sich Gegenstände auf den Fotos, die etwas störend wirkten. Dazu gleich mehr.

Die Voraussetzungen
Zuerst wurde es Zeit für eine DSLR-Kamera und ein Stativ, um Belichtungsreihen zu erzeugen. Es war unbedingt nötig, alle Lichtstimmungen in guter Qualität zur Verfügung zu haben, um diese später für die Verarbeitung nutzen zu können und zu kombinieren.

Nun benötigte ich noch ein Bildbearbeitungsprogramm, um störende Elemente wie Feuermelder, Lichtschalter, Lampen, Steckdosen und offene Türen verschwinden zu lassen, um ein Foto als „stimmig“ zu präsentieren. Die Lösung lag in Photoshop, weil es mir völlige Freiheit bei der Bildbearbeitung lässt. Beide Komponenten machten mir aber auch eines klar: Ein Foto würde in der Entstehung und Gesamtbearbeitung nicht mehr in ein paar Minuten fertig sein.

Das entstehende Foto
Im Vorfeld finde ich es ratsam, mir nach der Ankunft in einem Objekt gleich erst einmal eine Pause zu gönnen, um die Räumlichkeiten abzuschreiten und diese auf mich wirken zu lassen. Ziel ist es, so viele Perspektiven wie möglich zu finden, um später eine Auswahl zu haben und die Location kein zweites Mal aufsuchen zu müssen.

Dabei ziehe ich auch Bodenperspektiven in Betracht, genau wie den Blick von einer oberen Etage (wenn vorhanden) nach unten. Mir ist auch wichtig, dass alle Türen in einem Raum geschlossen sind, um diesen geschlossener wirken zu lassen. Wenn möglich, entferne ich gleich noch herumliegende Läufer oder Blumen, um später die Nachbearbeitung des Fotos nicht unötig zu verlängern.

Die Bildbearbeitung

Das Ausgangsfoto ist folgendes:

Als erstes habe ich im Beispiel die Bereiche rot gekennzeichnet, die ich mit dem Stempel bearbeite, um Lichter, Türen, Schalter und Bodenspiegelungen zu entfernen.

Das Resultat der Aktion ist im folgenden Bild zu sehen:

Als nächstes habe ich die Sessel mit dem Lasso eingekreist und „Auswahl umkehren” benutzt, um mit Hilfe der selektiven Farbkorrektur die Rot-, Gelb- und Cyan-Töne komplett zu entfernen. Grund der Maßnahme: Der Raum soll kühler wirken.

Nun habe ich Kontrast hinzugefügt in den Bereichen, in denen es angebracht ist. Im Beispiel habe ich den Fußboden komplett mit dem Polygonwerkzeug isoliert und dann den Kontrast erhöht. Danach wurden die 14 Fenster oben Links etwas dunkler gestaltet, damit diese gleichmäßiger in der Helligkeit wirken.

Dann habe ich mit Renderfilter -> Beleuchtungseffekte die Mitte des Fotos aufgehellt und den Rand abgedunkelt, um den Blick auf die Sessel zu lenken. Diese bekamen auch noch etwas mehr Farbe, um sie vom Rest des Bildes abzuheben.

Nun noch mittels Transformieren die Verkrümmung entfernen und unter demselben Menüpunkt ausrichten. Gegebenenfalls noch etwas Nachschärfen. Fertig!

Nach der Bearbeitung

In der Regel lasse ich das Ergebnis dann etwas „mit sich allein“, um es nach einer Kaffeepause noch einmal neu zu betrachten, denn nach längerer Zeit am Bildschirm werde auch ich etwas „betriebsblind“ und habe manche Tönungen, Kontraste oder die Gesamtwirkung nicht mehr klar im Blick. Generell arbeite ich auch lieber am Abend, da weniger Tageslicht auf den Bildschirm fällt.

Nun folgen noch ein paar meiner Fotos, jeweils im Original und bearbeitet. Das Prinzip bei der Bearbeitung bleibt ständig das gleiche, außer dass ich oftmals die Helligkeit erhöhe oder Dinge hinzufüge und natürlich auch entferne.

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41 Kommentare

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    • Naja, wenn ich mir die Originalbilder ansehe, sieht das eher wie liebloses Geknipse aus. Schau Dir mal das Treppenhausbild an, wenn er einfach mal die Kamera gerade halten und mehr Arbeit in die eigentliche photographische Arbeit (Schärfe, Belichtung, Bildaufbau) stecken würde, könnte er sich vermutlich die halbe Arbeit in Photoshop sparen.

      Ebenso die Aufnahme aus der Galerie, das ist für mich wieder nur Geknipse, daß mehr schlecht als recht in Photoshop »gerettet« bzw. »gereinigt« wurde. Da stürzt und kippt der ganze Raum, nicht einmal die Belichtung ist gut, der nachträglich reingemachte Sessel ist dann schon sowas wie die Krönung. Ich will jetzt nicht böse klingen, aber wäre für so Sachen nicht eher ein Render-Programm besser? Mit Photographie hat’s für mich halt nicht mehr so viel zu tun.

  1. um der welt zu zeigen, wie schön diese ist.
    - kar, fotografie ist ein subjektiver vorgang. im fall von architektur liegt mMn allerdings eine gegebene, objektive umgebung vor, die durch die bearbeitung zu sehr verfremdet wird.

  2. So einfach wie es scheint, keiner kann dieser Stil von “Clean” schaffen wie Ralf. Es geht hier nicht um die vorhandene Architektur zu “Dokumentieren, sondern, eine eigenständiges, ausdrucksvolles Kunstwerk daraus zu machen. Hier ist Ralf der Meister! Glückwunsch, Ralf und wie immer, tolle Arbeit!

  3. super toll erklärt, vielen Dank.
    Mir gefallen die Bilder vorher/nachher sehr gut, das inspiriert mich so etwas auch mal auszuprobieren. Die Voraussetzung ist natürlich, dass man sich mit Photoshop auskennt, das muss ich noch üben.
    Herzlichen Dank, mir gefällts.

  4. Find ich gut das es kontovers wird! Natürlich ist alles Geschmacksache. Die Wirkung eines Fotos (Architektur) welches nicht bearbeitet wurde, löst bei mir innerliches Unbehagen aus. Oftamls farblich gesehen aber auch von der Gesamtwirkung. Deshalb “bastel” ich mir die Welt so wie ich sie will;-)))

  5. vielen dank für die dokumentation deiner einzelnen arbeitsschritte. ich finde es toll, wenn jemand seine arbeitstechniken nicht verheimlicht, sondern einen kleinen einblick in diese gewährt, um es auch für “anfänger” etwas verständlicher zu machen.
    außerdem gefällt mir deine arbeit sehr gut. ich finde der kühle klare stil passt perfekt zu der architektur die du fotografierst.
    großes lob

  6. Hola !

    Das ist für mich M-O-D-E-R-N-E _ ARCHITEKTUR-Photographie at it’s BEST.

    M O D A R C H I N G ist in der Regel STATISCH/GEOMETRISCH angelegt:

    SichtbeTON I MonoTONe Flächen I EinFARBIGKEIT I FormenGLEICHHEIT I
    WiederHOLungen I Para l l e l e l i n i enführung / . . .

    . . . und Ralf Wendrich setzt diese _ E X T R E M S T P E R F E K T _ in Szene ! ! !

    T O P ! ! ! __ ZUMINDEST FÜR MICH __

    Haut rein, euer lichtbildwerfer

  7. Vor der Belichtung vor Ort und einer ggf. erforderlichen Bildnachbearbeitung steht m.E. eine sorgfältige Auseinandersetzung mit der Architektur, beispielsweise die Frage nach dem Zweck des Gebäudes, der Lebensform der Bewohner, was zeichnet den Gebäudetyp aus, welche Materialien und Formen verwendete der Architek, in welchem Licht wirkt es einzigartig etc. …

    Architektur als Motiv könnte auch dem Informationsbedürfnis der Betrachter dienen ;o)

  8. Finde ich sehr inspirierend dieser Post. Die Kunst steckt darin zu erkennen, wie man ein Originalbild durch Effekte noch aussagekräftiger machen kann. Das ist wirklich nicht einfach, wenn man sich mal durch seine eigenen Bilder wühlt. Das hat Ralf wirklich gut drauf. Danke!

  9. Mit Verlaub…
    Spannend finde ich in dem Artikel nur, welche möglichkeiten Photoshop bietet.
    Bilder dermaßen zu verfälschen, wäre nicht mein Ding.
    Da nehme ich dann ein 3D-Programm und kann solche Räume selbst entwerfen.
    Ich bin ja kein Fotograf, kann mir aber auch nicht vorstellen, das das noch Fotografie sein soll.

  10. Das fertig bearbeitete Bild hat mit der Realität nichts mehr zu tun. Mein Ding ist sowas nicht. Dennoch habe ich viel Respekt vor deiner Arbeit und deinem Können, ICH könnte das nicht. Besonders gut finde ich jedoch, dass du hier so tiefen Einblick in deine Arbeitstechnik gewährst.

  11. Wie sie sich wieder aufregen hier, köstlich…

    Meins ists auch nicht, aber na und? Muss doch auch nicht alles in meine Kiste passen…

    Darüber hinaus darf ich loben, dass sich die Redaktion für solche Formate nicht zu schade ist…

    @lichtbildwerfer: du biszt lustig. stelle mir meist vor, wie du im theater mit schwips deine kommentare singst, mit zu viel schminke… rofl!

  12. also mir gefällt die Nachbearbeitung ausgesprochen gut!
    Klar, hat nicht mehr viel mit dem original zutun, aber das machte zu einer eigenen Kunst.
    Wenn ich meine Landschaftsfotografien in Farbe etc. total verändere, kreiere ich ja auch eine neue Wirklichkeit und damit eine Form von Kunst. Trotzdem ist die Fotografie der Ausgangspunkt und deshalb bleibts für mich auch “Fotografie”…Und ist es nicht so, dass selbst die Analogfotografien durch die Art und Weise der Entwicklung, verwendeten Chemikalien etc. auch “bearbeitet” werden/wurden. Da hätte niemand daran gezweifelt, dass es sich um “Fotografie” handelt.

    Lg, Jonas

    • Ich finde diese Symbiose aus Fotografie und Bildbearbeitung gut. Warum auch nicht etwas Kunst daraus machen? Mach Dir nichts draus, Kunst spaltet immer. Würde es jedem gefallen sollen wäre es Mainstream. Mir gefallen gerade solche Arbeiten die sich abseits davon bewegen. Man muss auch nicht immer alles verteufeln was nicht alle machen. Und dass Deine Arbeiten nicht wie im normalen Leben aussehen finde ich gerade interessant. Das macht es auch aus.

  13. Danke für den guten Artikel. Spannend, was alles mit dem Bildprogramm möglich ist. Ich nutze Gimp. Vielleicht gibt es dort auch alle beschriebenen Mögllichkeiten, jedoch kann ich sie nicht so komfortabel anwenden. Vorher- und Nachherbilder haben etwas! Mit der Reduktion nimmt die Kühle zu. Das bild mit der Treppe und dem schwarz-weiß-Fußboden gefällt mir vorher wie nachher gleich gut. Ich kann mir vorstellen, dass bei Beibehaltung der Farbe auch ein tolles Bild entstanden wäre. Der Boden sieht auf dem Vorherbild tropfnass und frisch gewischt und sehr lebendig aus. Beim Nachherbild wirkt die Treppe schwanenhaft. Das Bild wirkt sehr elegant. (Mir fehlen die passenden Worte.)

    Viel Spass weiterhin!
    Heike

  14. So etwas schreibe ich eigentlich und ganz ehrlich gesagt sehr ungern, aber ich bin in der Tat gänzlich beeindruckt von dem was du aus den einzelnen Aufnahmen herausholst. Die Ursprungsbilder sind zwar nicht schlecht, aber nach der Bearbeitung sind diese Bilder echte Kunstwerke. Genial !! Macht Lust mal wieder selber etwas mehr Architektur mit einzubeziehen :)

    Wie lange hast du an dem Hauptbild oben gearbeitet ? Alleine das Entfernen der ganzen Lichter und störenden Elemente würde mich einen halben Tag kosten :)

  15. Und wenn jetzt keine vorher-nachher Bilder gezeigt worden wären, hättet ihr alle “WOAAAH IS DAS GEIL!” kommentiert. Menschen ey, …

    Ich finde vor allem das Titelbild, den grünen Sessel und die Treppe mit den schwarzweißen Fliesen ziemlich gut.

  16. Wenn es bei der Fotografie darum geht, das Wesentliche aus einer Szene herauszuextrahieren, dann ist das hier mehr als gelungen. Gerade wegen der aufwendigen Bildbearbeitung. So kommt die architektonische Idee erst richtig zur Geltung. Das hat für mich nichts mit Verfremdung zu tun. Im Gegenteil. Mal abgesehen von dem grünen Sessel, wurde nichts hinzugefügt. Sondern lediglich das – im Sinne der Bildidee – Unwesentliche entfernt.

  17. Für mich steht am Ende das Resultat im Vordergrund. Der Weg dorthin unter Verwendung welcher Hilfsmittel auch immer ist zweitrangig. Mir gefallen die Arbeiten ausgesprochen gut. Und ich wage mal die kühne Behauptung, dass der eine oder andere Kritiker anders gesprochen hätte, wenn die Entstehungsgeschichte der Bilder nicht so herausgestellt worden wäre.

    Kunst kommt von Können – das wurde für mich hier in eindrucksvoller Weise gezeigt.

  18. Blogartikel dazu: linkTime – September 2012 – #2 | linkTIME | bhoffmeier.de

    • Hat mit Fotografie nix mehr zu tun, sorry! Da braucht es auch keín “ich finde” mehr
      Das geht schon mehr in in photorealistische Malerei. Die Resultate sehen “gut” aus. Genauso wie verbastelte Modeaufnahmen “gut” aussehen. Aber mit der eigentlichen Idee der Fotografie hat es nichts mehr zu tun, sondern ist letztlich “Betrug”