Mixed Media Landschaft
23. August 2021 Lesezeit: ~3 Minuten

Ein Bild wie eine Wunde vernähen

Jackie Mulders Serie „Thought Trails“ illustriert, wie unsere Gehirne arbeiten, wenn wir die Gedanken einfach schweifen lassen. Unser Unterbewusstsein springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, ist mal glasklar fokussiert und dann wieder vage tastend im Nebel unterwegs.

Dabei entstehen faszinierende Verbindungen zwischen scheinbar zufälligen, nicht zusammengehörigen Aspekten. Das Gehirn blockiert bestimmte Erinnerungen von unserem Zugriff und füllt woanders Leerstellen mit den Mitteln seiner Vorstellungskraft auf.

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So manipulieren wir in gewisser Weise die Welt um uns herum schon, während wir sie wahrnehmen. In der Erinnerung gibt es keine objektive Wahrheit; was wir gesehen haben, ist verändert, verzerrt und angereichert mit Details, die gar nicht dort waren.

Ähnlich behandelt Jackie Mulder kleine, sonst unbeachtete Szenen aus ihrer Umgebung. Die Bilder davon werden dekonstruiert und ihre Teile neu verbunden zu einer erfundenen, mehrschichtigen Realität. Mit einem der Bewegung widerstrebenden Draht mäandert sie über das Papier, indem sie versucht, ihn wie einen Bleistift zu führen.

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Mit Fäden verbindet sie, was vorher nicht zusammengehörte, weit auseinander lag. In einem intuitiven Prozess des Denkens und Suchens verwendet sie vielfältige Materialien wie Kohle, Wachs, Tinte, Farbe oder Teile alter Bücher, um hier etwas zu verdecken und dort etwas zu betonen.

Ein Bild wird genäht wie eine Wunde. Möglicherweise zeigt es eine schmerzhafte Erinnerung, dann ist dieser meditative, handwerkliche Prozess sowohl im übertragenen wie auch im tatsächlichen Sinn heilend. Jackie Mulder repariert, was beschädigt wurde.

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Sie kreiert so eine eigene Welt, beruhigt beim Schaffen ihre eigene Seele sowie die der späteren Betrachter*innen. So entstehen einzigartige Werke, die sich am Ende neben ihrem ungewöhnlichen Entstehungsprozess vor allem durch ihre taktilen Besonderheiten auszeichnen.

Jackie Mulder ist Jahrgang 1960 und kommt aus den Niederlanden. Sie wuchs zuerst in einer streng religiösen Gemeinschaft auf, gegen deren rigide Lebensvorgaben sie sich schon in sehr jungen Jahren auflehnte. Der dafür nötige Funke der Rebellion in ihr ist immer noch sichtbar und heute einer der roten Fäden in ihren Arbeiten.

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Nach einer Karriere als Fashion- und Grafikdesignerin wandte sie sich erst spät der Fotografie zu. In diesem Jahr schloss sie ihr Studium an der Fotoacademie in Amsterdam ab, wo sie lebt und jetzt als freischaffende Mixed-Media-Künstlerin arbeitet. In den letzten zwei Jahren wurden ihre freien Arbeiten bereits mehrfach ausgezeichnet, im Herbst sind zwei Ausstellungen (in Amsterdam und Buren) geplant.

Jackie Mulders Arbeiten, die als Fotografien geboren werden und sich im Laufe ihres Lebens dann zu etwas anderem verwachsen, könnt Ihr sowohl auf ihrer Webseite als auch bei Instagram sehen.

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