Portrait mit Überlagerung abstrakter Formen
04. August 2021 Lesezeit: ~10 Minuten

Wer war Yva?

Else Ernestine Neuländer wurde 1900 in Berlin geboren und gründete bereits im Alter von 25 Jahren ihr eigenes Fotoatelier. In den goldenen 1920er Jahren avancierte sie schnell zu einer gefragten Mode- und Portraitfotografin. Ihr Leben und damit auch ihre vielversprechende Karriere wurden von den Nazis beendet.

Als jüngstes von neun Kindern eines Kaufmanns und einer Modistin wächst Else – schon früh „Yva“ genannt – in einer gut situierten, jüdischen Familie der Mittelschicht auf. Ihr Vater stirbt, als sie erst zwölf Jahre alt ist. Die Mutter ernährt die Familie fortan allein und ist Yva damit sicherlich ein frühes Vorbild für weibliche Selbstständigkeit.

Mehrfachbelichtung FrauenportraitsMehrfachbelichtung weiblicher Akt

Durch die für die Zeit vergleichsweise liberalen Auffassungen und die finanziellen Möglichkeiten der Familie absolviert Yva eine Ausbildung zur Fotografin, vermutlich beim Lette-Verein, und eröffnet schnell ihr erstes eigenes Fotoatelier unter ihrem Pseudonym „Yva“.

Das Aufeinandertreffen dieser zwei Gegebenheiten in vielen jüdischen Familien dieser Zeit ermöglichte es überdurchschnittlich vielen Frauen, selbstbestimmte und selbstständige Karrierewege einzuschlagen, um so ihre durch Weiblich- und Jüdischsein eigentlich marginalisierte soziale Stellung zu überwinden.

Frau hält sich mit beiden Händen einen Trinkkelch vors GesichtDose wird geöffnet

Den schnellen Durchbruch hat wohl auch ihr Bruder Ernst beschleunigt, der Mitinhaber des Modehauses Kuhnen war. Er engagierte seine Schwester für Fotos neuer Modelle und erreichte 1927 die Veröffentlichung einiger dieser Bilder in der Zeitschrift „Die Dame“. Fortan war Yva bekannt und gefragt.

Auch über ihre fotografischen Schwerpunkte Akt, Portrait und Mode hinaus war Yva insgesamt thematisch sehr breit aufgestellt. Allerdings entwickelte sie es weitgehend unabhängig von zeitgenössischen Strömungen oder Gruppen wie dem Bauhaus, die ihrem Vermächtnis zu mehr Sichtbarkeit verholfen hätten.

Unter anderem experimentierte Yva mit Mehrfachbelichtungen (sie bannte bis zu sieben Bilder gemeinsam auf eine Platte), für die sie besonders bekannt war. Zusammen mit der von ihr gern vor schwarzem Hintergrund eingesetzten Theaterbeleuchtung kreierte sie so surreale, traumartige Fotocollagen mit ganz eigener Handschrift.

Frau mit HutFrau mit Hut

Obwohl die Fotografie sich relativ schnell nach ihrer Erfindung etwa für Faktenberichte in der Presse etabliert hatte, dauerte es erstaunlich lange, bis sie auch in der Werbung flächendeckend eingesetzt wurde. Noch bis weit in die 1920er Jahre hinein wurden Poster und Anzeigen zumeist gemalt, obwohl die foto-technischen Möglichkeiten schon lange gegeben waren.

Yva gehörte zu denen, die früh die sich abzeichnenden kommerziellen Möglichkeiten der Fotografie in der Werbebranche erkannten und für sich nutzten, als in dieser Zeit immer mehr und mehr Zeitschriften und Illustrierte erschienen. Sie war auch eine der ersten Frauen, die in der Werbung arbeiteten.

So hatte sie sich schnell einen Ruf als innovative Fotokünstlerin, die avantgardistische Techniken verwendet, aufgebaut und veröffentlichte ihre Mode-Bildstrecken oder Fotos für Werbekampagnen in zahlreichen Publikationen. Schon ab 1929 konnte sie die Teilnahme an mehreren Ausstellungen verbuchen, unter anderem auch in Berlin, Paris, Rom und London.

ModeportraitModeportrait

Ab 1930 veröffentlichte sie Foto-Geschichten, die konzeptionell zwischen Fotografie und Film angesiedelt waren, in der Zeitschrift „Uhu“ aus dem Ullstein-Verlag, für dessen Publikationen sie überwiegend tätig war. Darin wurden zum Beispiel Geschichten junger Frauen erzählt, die vom Land nach Berlin kamen, um dort berühmt zu werden.

Es wurden jedoch nur 20 der in Auftrag gegebenen 27 Foto-Geschichten veröffentlicht, bevor die Zeitschrift im Rahmen der „Arisierung“ des gesamten Verlags eingestellt wurde. Seit der Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 hatte auch Yva mit den Repressalien zu kämpfen, konnte sich ihnen aber noch relativ lange entziehen.

ModeportraitModeportrait

Ihr Fotoatelier beschäftigte zeitweise bis zu zehn Angestellte und zog mehrmals um, bis es im Jahr 1938 wegen des verhängten Arbeitsverbots geschlossen wurde. Bereits seit 1933 galt für Yva ein Arbeitsverbot als Pressefotografin, das sie jedoch zunächst durch eine Zusammenarbeit mit der Agentur Schostal umgehen konnte.

Im Jahr 1934 heiratete sie Alfred Simon, der seine eigene Karriere aufgab, um die kaufmännische Leitung des Fotoateliers zu übernehmen. Ab 1936 wurde der „arischen“ Kunsthistorikerin Charlotte Weidler die offizielle Leitung des Ateliers unterstellt, sodass es zunächst weiterhin betrieben werden konnte.

ModeportraitModeportrait

Obwohl Yvas Name schon direkt nach der Machtergreifung auf einer Liste unerwünschter Personen stand, vergrößerte das Atelier sich sogar erst einmal noch. Yva schaffte es mit ihrem geschäftlichen Geschick und fotografischen Können, als Fotografin eine Nische zu füllen, die sich im Dritten Reich gebildet hatte:

Der Staat propagierte zwar einerseits für Frauen eine Welt zwischen Kindern, Küche und Kirche, in der Drogen, Kosmetik oder überschwängliches Amüsement wie ein abendliches Ausgehen in Bars stark verpönt waren, wollte sich aber gleichzeitig als moderner Staat darstellen, sodass Elemente von Glanz und Dekadenz gerade in Fotografien von Sänger*innen oder Schauspieler*innen dann doch immer wieder zu sehen waren.

Solche und andere widersprüchliche Entwicklungen in der Öffentlichkeit und den Medien erklären, warum es für Menschen wie Yva, die in der deutschen Gesellschaft erfolgreich und fest verwurzelt waren, in dieser Zeit so schwer war, sich für eine Auswanderung zu entscheiden. Vieles, was formal verboten war, wurde in der Realität vom Staat zunächst doch toleriert.

ModeportraitModeportrait

So entstand eine relativ kleine kulturelle Nische, angefacht auch von den wenigen besonders liberalen Jahren, die vorausgegangen waren. Die Realität dieser Blase, in der sie leben und arbeiten konnte, blendete sie, sodass Yva leider erst viel zu spät erkannte, wie fragil und gefährlich diese Situation für sie war.

Im Jahr 1936 begann Helmut Newton im Atelier von Yva seine Lehrlingsausbildung. Auch er ermutigte sie – sein großes Idol – mehrfach, trotz aller Schwierigkeiten, die mit einer Auswanderung verbunden wären, zu ihrer eigenen Sicherheit besser nach Amerika zu kommen.

Zeitung lesende FrauFrau mit Hut

Yva hatte 1935/36 sogar das verlockende Angebot des Life Magazine bekommen, in New York zu arbeiten. Das Paar plante wohl mehrfach, unter anderem zu diesem Anlass, auszuwandern. Nach der Schließung ihres Ateliers hatte Yva als Röntgenassistentin im Jüdischen Krankenhaus Berlin gearbeitet.

Doch sie hörte entgegen ihrem schlechten Gefühl trotzdem auf ihren Mann, der schlussendlich in Berlin bleiben wollte. Alfred konnte sich nicht vorstellen, ihr ganzes Leben an einem anderen Ort, dessen Sprache er nicht beherrschte, wieder neu aufzubauen. Und er hegte trotz allem die Hoffnung, dass die Situation in Deutschland sich wieder bessern würde.

ModeportraitModeportrait

Sie und ihr Mann wurden verhaftet und am 13. Juni mit dem 15. Osttransport in Richtung des Vernichtungslager Sobibór geschickt. Der Transport wurde unterwegs umgeleitet und nur ein Teil der Gefangenen tatsächlich nach Sobibór gebracht. Der andere wurde ins Vernichtungslager Majdanek deportiert.

Es wurden keine genauen Listen darüber geführt, welche Gefangenen wohin gebracht wurden. Unterlagen in Yad Vashem verzeichnen, dass Yvas Mann Alfred in Majdanek getötet wurde. Zu ihrem eigenen Verbleib gibt es keine Aufzeichnungen, vermutlich wurde sie aber kurz nach ihrer Ankunft im Juni 1942 in Sobibór oder Majdanek getötet.

ModeportraitModeportrait

In der gerichtlichen Todeserklärung für Else Ernestine Neuländer-Simon alias „Yva“ wurde der 31. Dezember 1944 als Sterbedatum festgesetzt. Vor der ehemaligen Wohnung des Paars in der Schlüterstr. 45 in Berlin wurden im Jahr 2005 zwei Stolpersteine im Bürgersteig eingelassen.

Nach der Verhaftung von Yva und ihrem Mann Alfred wurden im Hamburger Hafen 34 Kisten mit dem Besitz des Paares, unter anderem Yvas fotografischem Werk, beschlagnahmt. Offenbar hatten sie sich kurz vor ihrer Deportation doch noch dazu entschlossen, zu emigrieren. 21 der Kisten wurden bei einer Bombardierung von Hamburg zerstört, der Rest wurde später versteigert.

FrauenbeineFrauenbeine

Yvas Name und Werk tauchte danach kaum irgendwo auf. Erst mit einer Ausstellung zu ihrer Person, die 2000/2001 im Verborgenen Museum Berlin (das sich in Vergessenheit geratenen europäischen Künstlerinnen widmet) stattfand und mit ihrer Erwähnung in Helmut Newtons Autobiografie entstand wieder etwas mediale Aufmerksamkeit – fast 60 Jahre nach ihrem Tod.

Yva bewegte sich fotografisch in einem Spannungsfeld. Einerseits objektifizierte sie in ihren Kampagnen selbst Frauen zu Werbezwecken. Andererseits erarbeitete sie sich einen eigenen Stil mit geometrischen Kompositionen und einem weiblichen Blick auf weibliche Modelle, der etwas Androgynes, Gender-unspezifisches hat.

So entstanden experimentelle Darstellungen, die eine eigene Mitsprache in Fragen der Repräsentation von Frauen ermöglichten. Mit ihrem eigenen Lebensweg hatte sie das klassische Rollenbild in der Kunst der Zeit ohnehin in Frage gestellt, nach dem der Mann aktiver Künstler und die Frau nur passives Modell war.

Frau mit HutModeportrait

Im Schnittfeld der Freiheiten der Weimarer Republik und all den Strömungen des Neuen – die „Neue Frau“, die „Neue Sachlichkeit“ und das „Neue Sehen“ – konnten sich insbesondere junge jüdische Frauen, die in der Zeit zwischen den Weltkriegen die nötigen sozialen und finanziellen Möglichkeiten hatten, besonders entfalten.

Entsprechend groß war die klaffende Wunde, die durch ihre fast vollständige Vernichtung und Vertreibung in die deutsche Kultur gerissen wurde. Und die Gesamtheit der Frauen wurde durch den Wiederaufbau und das nach dem Krieg veränderte Rollenverständnis für mehr als ein halbes Jahrhundert in der Entwicklung der Gesellschaft zurückgeworfen.

Studioportrait
Portrait mit Überlagerung abstrakter Formen

„Selbstportrait der Fotografin“

Mir geht es in meinen Bildern darum, die eigentliche Essenz der Fotografie von allen fremden Ausschmückungen zu befreien und gleichzeitig die künstlerischen Möglichkeiten der reinen Fotografie besser auszuschöpfen.

Wie weit Yvas Werk ihrer Zeit voraus war, wird einem wohl erst klar, wenn man es aus zwei Perspektiven betrachtet. Zum einen neben anderen tatsächlich zeitgenössischen Modefotografien oder Werbekampagnen, die wie gesagt oft sogar noch gemalt statt fotografiert waren.

Zum anderen ist festzustellen, weshalb ihre Bilder einem vom heutigen Standpunkt aus betrachtet schon fast unspektakulär vorkommen können: Man kennt ihre Bildsprache bereits. – Aber aus einer viel späteren Zeit. Yva hat sie in den 1920er und 1930er Jahren vorweggenommen und über Künstler*innen wie Helmut Newton die Entwicklung der Fotografie noch jahrzehntelang beeinflusst.

Quellen

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10 Kommentare

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  1. Moin, feiner Beitrag!
    Das „Selbstportrait der Fotografin“ liegt übrigens über einem Bild von Heinz Hajek-Halke, der später konkrete und generative Fotografie machte (s. u. a. photoscala.de )

      • Ah! Davon las ich nur etwas vages, als ich – nicht wissenschaftlich – mich über Yva informierte, deren Selbstportrait ich in ein Bild einbaute. Wo finde – oder höre/ lese – ich etwas genaueres, bitte.

      • Beispielsweise im Artikel von Dazed (Yva: shattered vision) wurde die Geschichte etwas genauer behandelt, aber auch die meisten anderen Quellen erwähnen das. Ich frage jetzt noch Das Magazin an, ob es möglich ist, mal den Originalkontext zu sehen, in dem das Bild dort veröffentlicht wurde. Soweit ich weiß, verfügt der Verlag über ein gut gepflegtes Archiv auch der frühen Ausgaben, daher habe ich Hoffnung.

  2. Blogartikel dazu: Umleitung: Aber das Windrad! Verbogene Lichtstrahlen, Revolution, Wahlkampf, Iva, Enrico Caruso und mehr. | zoom

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag über die außergewöhnliche Yva. Helmut Newton hat immer mit großem Respekt und Bewunderung von ihr gesprochen. In diesem Zusammenhang zeigen die verbalen Angriffe von Alice Schwarzer auf Helmut Newton, dem sie Sexismus und Rassimus unterstellte, wie wenig Ahnung A. Schwarzer von der deutschen Geschichte hat.