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21. Mai 2021 Lesezeit: ~7 Minuten

Wer war Nadar?

Den Namen des Fotografen Nadar habt Ihr sicherlich schon einmal irgendwo gelesen oder gehört. Dass er ein ziemlich bewegtes Leben hatte, lässt die Liste seiner Betätigungsfelder schon erahnen: Er war nicht nur Fotograf, sondern unter anderem auch Karikaturist, Schriftsteller und Luftschiffer.

In seinem fast 90 Jahre währenden Leben hat Nadar, der eigentlich Gaspard-Félix Tournachon hieß und 1820 in Paris geboren wurde, sich in die verschiedensten Abenteuer gestürzt, viele technische Innovationen ausprobiert und selbst so manche fotografische Pionierleistung erbracht.

une theorie photographique

Karikatur von Nadar: „Sir, es geht um das Portrait meines Mannes, der vor zwei Jahren in Buenos Aires gestorben ist. Ich wollte ihn aus dem Gedächtnis malen lassen, aber mir wurde gesagt, dass die Fotografie eine größere Ähnlichkeit als die Malerei bieten könne…“

Zuerst studierte er Medizin in Lyon, der Herkunftsstadt seiner Eltern. Nach dem Tod seines Vaters brach er das Studium allerdings ab, ging zurück nach Paris und verdingte sich dort zunächst als Schriftsteller und Karikaturist, um seine Mutter und den fünf Jahre jüngeren Bruder Adrien versorgen zu können.

Er schrieb eigene Romane sowie für verschiedene Zeitschriften und gab auch bald eigene satirische Zeitschriften heraus. Von Gustave Le Gray, der das Kollodium-Nassplatten-Verfahren miterfand und sein Atelier wie die alten Meister als Lernort zur Weitergabe von Kunstwissen sowie -handwerk begriff, erlernten er und sein Bruder im Jahr 1853 die Technik der Fotografie.

Atelier 35 Boulevard des CapucinesBoutique Marseille

Nadar fackelte nicht lange und eröffnete schon im darauffolgenden Jahr sein erstes eigenes Fotostudio, in dem er Portraits anfertigte, die zu dieser Zeit sehr beliebt waren und bereits erschwinglich wurden. Im gleichen Jahr heiratete er Ernestine Constance Lefèbvre.

Im Laufe der Jahre zog das Studio ein paar Mal um, im Jahr 1860 etwa in ein Gebäude, an dessen Fassade er ein riesiges Schild installieren ließ, das beleuchtet war und von Antoine Lumière, dem Vater der Brüder Lumière, höchstpersönlich entworfen worden war.

In seiner Zeit als Portraitfotograf lichtete Nadar eine Vielzahl bekannter Persönlichkeiten seiner Zeit ab. Dabei verwendete er im Gegensatz zur fotografischen Mode natürliches Licht, keine gemalten Hintergründe und auch keine Requisiten. Der Mensch als Individuum ohne Inszenierung stand im Vordergrund.

George Sand

George Sand

Sarah Bernhardt

Sarah Bernhardt

Claude Monet

Claude Monet

Édouard Manet

Édouard Manet

Im Jahr 1858 machte Nadar die ersten Luftaufnahmen – mit dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren aus einem Ballon heraus. Die Nassplatten mussten vor Ort im Ballon sowohl für die Aufnahme vorbereitet als auch dort entwickelt werden.

Er und der Schriftsteller Jules Verne inspirierten sich gegenseitig: So taucht im Roman „Fünf Wochen im Ballon“ die Figur Michel Ardan (ein Anagramm von „Nadar“) auf und Nadar wiederum ließ von Vernes Ballonfantasien angeregt einen riesigen Ballon namens „Le Géant“ bauen, mit dem er mehrfach aufstieg und einmal bis nach Hannover kam, wo er leider unsanft landete.

Als leidenschaftlicher Luftschiffer gab Nadar ab 1867 auch die erste Zeitschrift zum Thema heraus: „L’Aéronaute“. Außerdem half er 1870/71 während der Belagerung von Paris der Postbeförderung per Ballon aus – damit handelte es sich um den ersten Luftpostdienst der Welt.

Paris CatacombsParis Catacombs Facade no9

Doch zurück zur Fotografie: Im Jahr 1861 experimentierte er mit künstlicher Beleuchtung für fotografische Aufnahmen. Zu dieser Zeit hatte Eduard Liesegang gerade entdeckt, dass sich entzündetes Magnesium als Lichtquelle nutzen ließ, wenn die Lichtintensität und die Synchronisation mit der Aufnahme auch schwer zu kontrollieren waren.

Daraufhin entwickelte Nadar eine eigene Technik mittels elektrischem Licht, die er öffentlich vorführte, zum Patent anmeldete und nutzte, um etwa einhundert Aufnahmen der Pariser Katakomben anzufertigen, die schon damals ein beliebter Ort für Tourist*innen waren.

Mit der Qualität der Bilder war er am Ende nicht zufrieden, auch die ausufernde Logistik und Planung für die Aufnahmen frustrierten ihn. Aber trotz alledem war er nun der erste Mensch, der in der Luft und auch der erste, der unter Tage fotografiert hatte.

Chevreul

Gemeinsam mit seinem Sohn Paul erstellte er ein bebildertes Interview mit dem damals 100-jährigen bekannten Chemiker Eugène Chevreul – die erste Fotoreportage der Geschichte. Paul leitete später auch das Pariser Fotostudio seines Vaters, während dieser von 1895 bis 1909 in Marseille lebte und dort auch ein Studio betrieb.

1909 ging Nadar wieder zurück nach Paris. Im gleichen Jahr verstarb nach 55 Ehejahren seine Frau Ernestine. Er selbst starb im Jahr darauf nur ein paar Tage vor seinem 90. Geburtstag. Nadars Studio wurde nach seinem Tod durch seinen Sohn Paul weiterbetrieben, der mit Genehmigung des Vaters auch den Namen „Nadar“ verwenden durfte.

Honoré Daumier

Honoré Daumier

Jacques Offenbach

Jacques Offenbach

Jules Verne

Jules Verne

Gustave Eiffel

Gustave Eiffel

Der Spitzname Nadar entwickelte sich übrigens aus einer Mode der Jugendsprache um 1840, an bestimmte Worte die Endung „-dar“ zu hängen, so wurde aus Gaspard-Félix Tournachon zunächst „Tournadar“ und später durch Verkürzung „Nadar“, als der er dank seiner herausragenden fotografischen Arbeiten schnell überregionale Bekanntheit erlangte.

An diese hängte sein jüngerer Bruder Adrien sich dran und signierte die von ihm im eigenen Fotostudio gemachten Aufnahmen mit „Nadar jeune“ bzw. „Nadar jne“, also etwa „Nadar der Jüngere“. Was zuerst nur Verwirrung bei den Kund*innen auslöste, gipfelte in einem Rechtsstreit, den Félix Ende 1857 für sich entscheiden konnte.

autoportrait tournant

Auf eine Besonderheit mit fotografischem Bezug, die ich während der Recherche entdeckte, möchte ich noch hinweisen: Recht bekannt ist Nadars „rotierendes Selbstportrait“, das als Serie von 12 Bildern etwa um das Jahr 1865 herum von ihm aufgenommen wurde.

Während es für uns heute naheliegt, uns die Bilderserie als Animation vorzustellen oder sie auch technisch leicht direkt umzusetzen, war das wohl nicht der Zweck der Aufnahmen. Möglich, dass Nadar sie wie ein Daumenkino durchblätterte, aber belegt ist es nicht. Die Brüder Lumière brachten erst 1895 den Bildern das Laufen bei.

Autoportrait avec Ernestine, Balloon

Selbstportrait Nadars mit seiner Ehefrau Ernestine in einem Ballonkorb im Studio.

Wahrscheinlicher ist, dass die Bildserie der Erstellung einer Fotoskulptur dienen sollte. François Willème hatte die Technik entwickelt, bei der aus 12 bzw. 24 rundum aufgenommenen Fotografien mithilfe eines Pantografen eine naturgetreue Skulptur angefertigt werden konnte. Die „Société générale de photosculpture de France“ hatte ihren Sitz in der Etage unter dem Studio von Nadar.

Nadar selbst empfand die von François Willème entwickelte Technik allerdings als zu kompliziert. Während seiner Zeit in Marseille widmete er sich dem Problem erneut und trug dazu bei, die vom Fotografen Lernac entwickelte Technik der „Photostérie“ zu verbessern und bekannt zu machen, die Reliefabbildungen ermöglicht.

Suzanne AvrilRegina Neurdein

Im Grunde haben wir nun auch nur die für die (Foto-)Geschichte aus heutiger Sicht spannendsten Stationen seines Lebens stichpunktartig abgehandelt. Schlenker wie seine Rückkehr zu Fuß aus der Polnischen Legion (als „Nadarsky“) oder das Vermächtnis seines Namens für Polizeiabsperrungen in Belgien („barrières Nadar“) würden zu weit führen.

Es lohnt sich, in das Leben des selbsternannten Draufgängers und Hansdampf in allen Gassen tiefer einzutauchen, denn es ist voller weiterer spannender Anekdoten sowie Verbindungen zu anderen bekannten Zeitgenossen. Fällt Euch einmal eine Biografie oder ein Film über Nadar in die Hände, ergreift also die Gelegenheit beim Schopfe.

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