17. Juni 2020 Lesezeit: ~4 Minuten

Shebeen Queens

Julia Runge arbeitet seit mehreren Jahren in und über die Länder Südafrikas und nimmt mit ihrer Kamera besondere soziale Phänomene in den Blick. In ihrer aktuellen Arbeit „Shebeen Queens“ widmet sie sich Barbesitzerinnen in den informellen Siedlungen und armen Vierteln Namibias.

Für ihre vielbeachtete Abschlussarbeit an der Ostkreuzschule Berlin behandelte sie die Baster, eine Gemeinschaft in Namibia, die aus Beziehungen namibischer Frauen mit deutschen Kolonialherren hervorgegangen sind und in keiner der beiden Herkunftsgemeinschaften tatsächlich akzeptiert sind.

Portrait einer sitzenden Frau

Ihre aktuelle Arbeit „Shebeen Queens“ spielt wieder in Namibia und erfasst auf angenehme Art das soziale Phänomen von Barbesitzerinnen, die es geschafft haben, in einer traditionell patriarchalischen Gesellschaft in den informellen Siedlungen Namibias ihre Existenz zu behaupten.

„Shebeen“ stammt vom irischen Begriff „sibín“ ab, der eine improvisierte Schankwirtschaft bezeichnet. In ihrer heutigen Ausprägung sind Shebeens Kneipen ohne Schanklizenz und existieren vor allem im südlichen Afrika, besonders in Namibia.

Kleines Holzhaus mit einem Schild Night Club

Shebeens, so das begleitende Essay von Fabian Sader, sind einerseits Orte der Emanzipation: Während der Apartheid war Alkohol vor allem den ehemaligen Kolonialherren und Privilegierten (das heißt Weißen) vorbehalten. Durch die Shebeens wurde auch der indigenen Bevölkerung dieses Privileg zuteil. Andererseits treten in ihnen die Wirkungen sozioökonomischer Diskriminierung des noch immer vorhandenen Rassismus deutlich zutage. Ausnahmslos finden sich Shebeens in den armen Vierteln der Städte, sind einfach eingerichtet und werden ausnahmslos von Schwarzen aufgesucht.

Auch 30 Jahre nach Abschaffung der Apartheitsgesetzgebung hat die ökonomische und politische Benachteiligung der Schwarzen Bevölkerung kaum nachgelassen, sei es beim Zugang zu Arbeit, Bildung oder Wohnraum. Und 30 Jahre nach Ende der Apartheid sind Shebeens auch weiterhin Orte der Emanzipation, denn die Bars werden zumeist von Frauen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft betrieben, wo Selbstgebrautes und je nachdem auch Selbstgebranntes in hygienisch lockeren Umständen ausgeschenkt wird.

Frau sitzt auf einem Sofa

An diesem Punkt hören die meisten Erzählungen über Shebeens auf, nicht aber Julia Runges. Sie glorifiziert nicht und blendet genauso wenig die unschönen Seiten aus. Die Fotografin portraitiert die Shebeen Queens bei Tag, schließlich liegt ihr Fokus auf den Frauen, ihren Leistungen und ihren Kämpfen. Kurze Auszüge aus Gesprächen mit den Barbesitzerinnen vervollständigen die sehr individuellen Bilder. Die männlichen Gäste, der Alkoholismus und das Nachtleben in den Shebeens wandeln sich dabei zur stillen Nebenrolle.

Julia Runge vermeidet den Fehler, als weiße Fotografin aus Deutschland Schwarzen Frauen in Namibia bevormundend „eine Stimme geben“ zu wollen. Stattdessen lässt sie die Protagonistinnen erzählen und hält diese Erzählungen in eindrucksvollen Portraits fest – auf ihre eigene Art, in ihrer nüchternen, wertschätzenden und respektvollen Bildsprache. In jedem Bild funkelt ihr Interesse für die Menschen und das Thema. So überstrapaziert der Begriff mittlerweile auch ist, er passt hier vortrefflich: Jedes Bild wurde auf Augenhöhe gemacht.

Innenbereich einer Bar

Es war eigentlich schon immer relevant, ist aber aktuell noch einmal stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt: Fotografien (wie alle Kulturerzeugnisse) sind immer auch Reproduktionen sozialer Verhältnisse. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf haben wir alle, die soziale Phänomene dokumentieren oder lesen die Aufgabe, unseren Blick auf unsere Motive und unsere Bildsprache stetig zu hinterfragen und daran zu messen, welche Geschichte wir tatsächlich erzählen.

Das gilt vor allem für Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe bestimmte Privilegien besitzen. Diese Aufgabe hat Julia Runge hervorragend gemeistert und erzählt unprätentiös Geschichten voller Stolz, Respekt und Würde, ohne dabei kitschig zu wirken.

Buchcover mit einem Frauenportrait

Informationen zum Buch

„Shebeen Queens“ von Julia Runge
Sprache: Deutsch, Englisch
Einband: Hardcover
Seiten: 104
Verlag: Palmato Publishing
Preis: 29,99 €

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3 Kommentare

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  1. Jemanden eine Stimme zu geben muss nicht zwingend bevormundend sein. Das ist eine sehr schwierige Abwägung. Denn mit diesen Bildren gibt sie ihnen ja eine Stimme. Und das macht sie auf sehr berührende Weise. Sehr respektvoll. Und ich glaube, darauf kommt es an. Die Bilder sind nicht plakativ. Sie sind ungestellte Momentaufnahmen. Man möchte in die Bilder hineinkriechen und augenblicklich an jenem Ort verweilen, an den Julia Runge uns mitnimmt.
    p.s.
    Ein Kreativprogramm, mit dem man Regenwolken gegen einen Sonnenuntergang tauschen kann, wirkt dagegen fast peinlich.

  2. „Die Fotografin portraitiert die Shebeen Queens bei Tag, schließlich liegt ihr Fokus auf den Frauen, ihren Leistungen und ihren Kämpfen. Kurze Auszüge aus Gesprächen mit den Barbesitzerinnen vervollständigen die sehr individuellen Bilder. Die männlichen Gäste, der Alkoholismus und das Nachtleben in den Shebeens wandeln sich dabei zur stillen Nebenrolle.“

    Dass der Fokus auf den Kämpfen liegt, dass es Gespräche gibt, männliche Gäste, Alkoholismus und Nachtleben wandelt sich nicht „zur stillen Nebenrolle“, sondern kommt leider in der Fotoreportage gar nicht vor.

    Schade.

    Auch so ist das ein interessanter Bericht, aber leider mit dieser Diskrepanz zwischen Text und Bild. Die Perspektive in den Bildern ist leider eine sehr frontale und statische. Ich hätte lieber Candid Shots gesehen, „mittendrin statt nur dabei“ sozusagen.