Frau
11. März 2020 Lesezeit: ~6 Minuten

Beate Knappe: 50 Jahre als Frau und Fotografin

Ich bin seit über 50 Jahren Fotografin. Es war im Mai letzten Jahres, ich suchte nach einem ganz bestimmten Motiv, öffnete dafür etliche Kartons und Mappen meines Positivarchivs, nicht ahnend, was sich dort für Schätze finden und was das mit mir machen würde.

Die Begegnung mit einem Selbstportrait aus längst vergangener Zeit löste bei mir eine Reihe von Erkenntnissen und Erschütterungen in beide Richtungen aus: In die Vergangenheit und in mein heutiges Leben als Düsseldorfer Portraitfotografin mit eigenem Studio.

Menschen auf einer Demonstration

Menschen mit Banner auf einer Demonstration

Mir wurde klar, wie wenig miteinander verbunden die analog arbeitende Fotografin der früheren Jahre und die jetzige, nun digital arbeitende, Künstlerin sind. Die Diskrepanz zwischen der in meinen Bildern stets spürbaren wertschätzenden und empathischen Zuneigung, die ich den von mir Portraitierten und Motiven entgegenbringe, und der eigenen, zweifelnden Abwertung meiner selbst gegenüber rückte aus der Verdrängung in den Vordergrund.

Nach meiner Gesellenprüfung als Fotografin habe ich lange Zeit journalistische Reportagen fotografiert. In den zahlreichen Kartons und Mappen meines Archivs befinden sich unzählige Fotografien von Menschen, die für ihre Rechte demonstrierten oder ihre Überzeugung laut verkündeten.

Frau im Friseursalon

Frau

Neben Portraits von Politikern der damaligen Zeit finden sich sehr viele Fotos von Frauen an ihren Arbeitsplätzen, Frauen mit ihren Kindern, Frauen bei Demonstrationen. Arbeitskämpfe und soziale Konflikte waren ebenso meine Themen, wie Frauen, die für gleiche Rechte ihrer Stimme erhoben und auf die Straße gegangen sind, um zu demonstrieren. Ihre Kämpfe waren noch immer meine Kämpfe.

Mein mit vielen Hürden gesäumter Lebensweg und Werdegang als Fotografin steht exemplarisch für das Schicksal vieler Frauen meiner Generation. So habe ich versucht, mich als Fotografin zu behaupten, ich wollte nie übersehen oder beiseite geschoben werden; gelungen ist mir das nicht immer. Frauen wurden kaum wahrgenommen und unsere Arbeit hatte es sehr schwer, sich durchzusetzen.

Fotografin beim SelbstportraitPunkerin

Das alles hatte ich wieder vor Augen, als ich eine Schachtel nach der anderen öffnete. Erinnerungen an Brüche und Verletzungen, aber auch an Standfestigkeit und Mut wurden zu einer inneren Welle, der sich nicht mehr zu widersetzen war. Zeugnisse jeder meiner Lebensphasen sind Fotografien:

In je einem winzigen Augenblick konzentrierte Geschichten, mit denen meine Bilder von der sichtbaren Welt erzählen und zugleich über die Betrachterin und Fotografin Auskunft geben – als würde man umgekehrt durch ein Objektiv blicken.

Diese Kraft des Ringens und Scheiterns, des Neubeginns und der Integration verloren geglaubter Anteile in meinem künstlerischen Leben führte zum Gedanken, eine Ausstellung zu konzipieren, die mein Lebenswerk retrospektiv beleuchtet.

Frau

zwei Frauen am Straßenrand

Ich bin in den 1950er Jahren aufgewachsen, habe in den 1960er Jahren meine Schul- und Berufsausbildung absolviert und in den 1970er Jahren erfahren, was es bedeutet, in der damaligen Gesellschaft Frau und Fotografin zu sein. Die 1980er Jahre waren für mich als Fotografin besonders intensiv.

Ich entschied mich für eine Qualifikation durch ein Studium an der Universität Essen: Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie. Der Titel meiner Diplomarbeit lautete: „Die Atelier-Fotografin. Ein Frauenberuf im 19. Jahrhundert zwischen Modeerscheinung und Profession.“

FrauFrau hält ein Kind im Arm

Heute arbeite ich selbst als Fotografin in einem Portraitstudio. Das Portrait hat mich immer schon sehr interessiert, weil Menschen mich inspirieren. Ich arbeite ausschließlich in schwarzweiß, weil ich finde, dass so die Persönlichkeit eines Menschen mehr betont werden kann.

Auch meine Familienportraits entstehen in schwarzweiß und sind somit, aus meiner Sicht, nachhaltiger. Seitdem diese Ausstellung in Planung ist, denke ich darüber nach, was meine analoge Arbeitsweise von der heutigen digitalen unterscheidet, doch das wäre Stoff für einen weiteren Beitrag.

Frau

Frau an einer Tankstelle

Diese Ausstellung wird ab dem 1. Juni 2020 für vier Wochen in den Ausstellungsräumen des Gerresheimer Bahnhofs in Düsseldorf zu sehen sein. Begleitend zu meiner Retrospektive möchte ich einen Bildband herausgeben, der auf rund 100 Seiten mein Lebenswerk verdichtet, damit die zeitlich begrenzte Wirksamkeit der Ausstellung durch ein länger wirksames Medium ergänzt wird.

Meine fotografischen Arbeiten werden für die Ausstellung und das Buch von Sebastian H. Schröder kuratiert und in einen künstlerischen und zeitlichen Zusammenhang gebracht. So ergibt sich ein vieldimensionales Spannungsfeld von Zeitgeschichte und höchst individuellem Blick, von handwerklich dokumentarischer und zugleich ästhetisch anspruchsvoller Fotokunst, vom Arbeiten und Leben einer Frau in einer Männerdomäne und letztendlich auch von Selbstentfremdung und Selbstentdeckung meiner eigenen Person.

Frau unter Trockenhaubezwei Frauen auf einer Kirmes

So wie ich bei der Wiederentdeckung meiner eigenen Arbeit die Vergangenheit neu entdeckt habe, lädt das Buch alle Leser*innen zu einer Reise in 50 Jahre Vergangenheit und Gegenwart ein. Das Buch reflektiert aus meiner ganz persönlichen Sicht fünf Jahrzehnte Geschichte und Geschichten.

Die Bilder schlagen einen Bogen von den frühen experimentellen Arbeiten über die journalistischen, gesellschafts- und frauenspezifischen Arbeiten der 70er Jahre zur freieren, künstlerischen Fotografie während meiner Studienzeit und zu späteren thematischen Arbeiten bis hin zu den schwarzweißen Portraitarbeiten von heute.

Frau in einem Geschäft

Wer sich für Fotografie interessiert, für Bilder, die „für sich selbst“ sprechen, die historisch-gesellschaftlich relevant sind und die gleichzeitig ganz persönlichen Reflexionen einer Fotografin in unserer Zeit sind, erhält ein besonderes Buch und einen wertvollen Einblick in 50 Jahre Geschichte.

Dieses Buch ist der Kern meiner Crowdfunding-Kampagne zu „Knappe70“, die gerade gestartet ist und noch bis Ende April läuft. Als Dankeschöns biete ich neben meinem Buch unter anderem auch Postkarten, Drucke und Coachings an.

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20 Kommentare

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  1. Ganz starke Bilder!
    Das dritte Bild von oben (Friseurwettbewerb?) ist mein persönlicher Favorit, mein Großvater war Friseur und diese Bilder sind mir noch bekannt. Wunderbar!

  2. Sehr sehenswerte Environmental Portraits. Ich bin Jahrgang 1961 und entdecke da auch eine Menge fast Vergessenes. Demos. Postsparbuch. Briefträger. Trockenhauben. Opel Rekord (?). Paragraf 218. Deine Geschichten und die Geschichte der BRD. Sehr interessant.

  3. Das ist wie eine Reise durch mein Leben. Ich liebe diese Art von Fotografie.
    Es erinnert mich an den Kinderfilm von Astrid Lindgren, wo in Madita im Ort das erste Flugzeug zu Besuch war und die Frau des Bürgermeisters um eine Fotografie bat.

    Wäre das nich toll, wenn es heute wieder Fotografien gäbe statt Fotos?

    Herzlichen Dank für Deinen Einblick.
    Kai

    • Mhm, ich denke ich mache immer noch „Fotografien“, glaube aber auch zu verstehen was Du meinst.
      Ich denke seit dem start der Kampagne und den Reaktionen auf meine Fotos intensiv darüber nach, was für mich der Unterschied zwischen analog und digital ist.

  4. Ein sehr starker Beitrag, danke dafür!
    Ich habe ein wenig die Vermutung, dass Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens vor Einführung der digitalen Zeit bewußt gelebt haben (zu denen ich auch gehöre), dieses „analoge Gen“ nach wie vor in sich tragen. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Vor- oder Nachteil ist. Ich selbst nutze zwar die digitale Welt, würde mich im Herzen aber als eher analog bezeichnen. Vielleicht entsteht aus sowas eine Diskrepanz, die jungen, nur digital aufgewachsenen Menschen gar nicht nachempfindbar ist. Mit jedem „Karton alter Fotos“, den wir öffnen, entsteht dieser Bruch analog/digital wieder und wieder. Ich erlebe das an mir auch sehr deutlich. Von daher würde ich das nicht nur auf die Frage auf die Fotogrfaie bezogen stehen lassen. Denn dort ist alles gleich geblieben. Die wirklich relevanten, bedeutsamen und nachhaltigen Dinge passieren immer noch allesamt VOR Drücken des Auslösers. Digital ist ja nur das Ergebnis…
    Herzlich grüßend, Dirk

    • Das sage ich auch immer: Die Kamera ist „just a Tool“, egal ob analog oder digital.
      Ich bin, was die Fotografie anbelangt, zu analogen Zeiten „sozialisiert“ worden und ich denke, dass ich immer noch so fotografiere, nur der „Workflow“ hat sich geändert.
      Ich befürchte, nach der langen Zeit, die ich nun digital fotografiere, kann ich es garnicht mehr anders. Ich meine, ohne Blick auf das Display auszukommen, erscheint mir schwierig, dabei habe ich mich, bei der halbautomatischen Kamera, immer darauf verlassen, dass die Belichtung stimmt, was auch der Fall war. Ich habe ja meine Fotos mit einem schwarzen Rand vergrößert um zu belegen, dass es das ist, was ich fotografiert habe und kein Ausschnitt
      Ach, ich könnte noch soviel dazu sagen, ich denke, ich werde meine Gedanken einfach mal aufschreiben.

      • Hallo Beate,
        danke für die Antwort! Ich habe immer mal wieder mein Display ausgeschaltet. Hauptsächlich zwar, um Energie zu sparen, und außerdem bin ich einfach ein Sucher-Freak. Ich guck zu 99% nur da rein. Soviel zur Sozialisation…
        Aber das ausgeschaltete Display gibt einem zudem ein altes Gefühl zurück. Nämlich, zu warten auf´s Ergebnis. OK, im Sucher könnte ich das auch anschauen, aber sei´s drum. Ist wahrscheinlich bei Studio-/Portrait wenig hilfreich, weil man eben schon schnell nachsehen muß, aber generell geht das. Und es zeigt, man kann auch (noch) anders. Ist ein Abstecher raus aus dem Komfort, und ich finde, der macht was Gutes.
        Ja, schreib´mal was auf dazu, ist sicherlich sehr spannend!

  5. muss über Kleidung, über Brillenmodelle, über Einrichtung schmunzeln. Ehrlich gesagt: Ich will meine Kindheit in den 70/80ern nicht erneut erleben. Für mich war das alles eklig. Ich hab damit abgeschlossen, daher finde ich auch den schwarzen Rand deiner Fotografien zu belebend … ein paar worte sind mir noch eingefallen …

    fotografien

    wozu denn diese fotografien – warum?
    die einen im zimmer,
    die anderen im geschäft.
    so ehrlich, sie erinnern.
    frisuren – wozu denn?
    aufkleber der revolte – warum denn?
    straßengebell – wofür?
    alles unwiderbringlich geschehen.
    warum jetzt wieder das alte hemd anziehen?
    um endlich schlafen zu können.

    liebe Grüße, Wilhelm

  6. Schön, dass es noch Fotos gibt, die die Halbwertszeit von Instagram Veröffentlichungen überleben. Fotos, die erinnern…Fotos, die ein ganzes Leben beinhalten.
    Schön, dass es noch Fotos gibt, die nicht in digitalen Gefängnissen bleiben, sondern für die Hand und für das Auge sind.
    Danke dafür.!