12. September 2019 Lesezeit: ~5 Minuten

Call Me Heena: Das dritte Geschlecht in Südasien

„Hijra“ ist ein Begriff aus Südasien, der mit der modernen westlichen Geschlechtertaxonomie nicht exakt übereinstimmt. Bei der Geburt als männlich bezeichnet, haben Hijras eine weibliche Geschlechtsidentität und übernehmen schließlich weibliche Geschlechterrollen. Sie werden in der Literatur oft grob als Hermaphroditen, Eunuchen, Transgender oder transsexuelle Frauen bezeichnet. Ein derzeit gerechtfertigterer Sozialbegriff für sie ist das „Dritte Geschlecht“.

Über die biologische Definition hinaus sind Hijras als Minderheit ein soziales Phänomen und haben eine lange Geschichte in Südasien. Ihre allgemeine soziale Akzeptanz und die gegenwärtigen Lebensbedingungen variieren jedoch in Ländern wie Bangladesch, Indien und Pakistan erheblich. Wahrscheinlich stehen die Hijras hier in Bangladesch vor der schlimmsten Situation, die eine ganze Reihe von ihnen zwingt, ihr Heimatland zu verlassen und nach Indien auszuwandern.

Frau im Wasser

Mensch mit Tuch

„Ich fühle mich wie eine Meerjungfrau. Mein Körper sagt mir, dass ich ein Mann bin, aber meine Seele sagt mir, dass ich eine Frau bin. Ich bin wie eine Blume; eine Blume, die aus Papier besteht. Ich werde immer aus der Ferne geliebt werden, nie angetastet und keinen Geruch haben, in den man sich verlieben kann.“ — Heena, 51, Dhaka, Bangladesch

Sie haben verschiedene soziale und familiäre Hintergründe, finden jedoch das stärkste Gefühl der Zugehörigkeit bei anderen Hijras. Sie leben in Communities und bieten sich gegenseitig den Schutz und die Wärme einer Familie. Außerhalb der Community werden sie fast überall diskriminiert und verachtet.

Traditionell verdienten sie ihren Lebensunterhalt auf der Grundlage des kulturellen Glaubens, dass Hijras das eigene Haus mit Wohlstand und Fruchtbarkeit segnen können. Aufgrund der gemeinsamen geografischen und kulturellen Geschichte des Subkontinents fand dieser besondere hinduistische Glaube auch langsam Platz in der muslimischen Kultur des Landes. Die Zeiten haben sich jedoch geändert und Hijras haben ihren bewunderten Platz in der Gesellschaft verloren. Jetzt verdienen sie ihren Lebensunterhalt, indem sie durch die Straßen laufen und Geld von Geschäftsleuten, Bus- und Zugfahrgästen oder durch Prostitution sammeln.

Person mit Vogel auf dem Arm

Als Mohona zehn Jahre alt wurde, sperrte ihr Vater sie für drei Jahre ein, um ihre weibliche Natur vor der Welt zu verstecken. Sie entkam schließlich und landete in Delhi. Sie fühlt sich nun freier, kann aber nicht zu ihrer Familie in Bangladesh zurückkehren.

Kind tanz im Sonnenlicht

Tiptap, 8 Jahre alt, hat seit langem weibliche Züge. Die Eltern haben es akzeptiert und Tiptap kann im Erwachsenenalter selbst entscheiden, Hijra zu werden. Die Eltern denken, es ist besser, wenn Tiptap solange in der Community lebt.

Ich wuchs auf wie fast jede*r andere in meiner Gesellschaft und sah sie als weniger als Menschen an. Ihre Gewohnheiten, ihre Lebensweise und sogar ihr Aussehen kennzeichneten sie als anders und abweichend, als ob sie ein lebendiges Zeugnis biologischer Abweichung wären. Dann traf ich Heena, die mir zeigte, wie falsch ich lag. Sie öffnete mir ihr Leben, machte mich zu einem Teil ihrer Welt und half mir, etwas über das Wort „Hijra“ hinaus zu sehen. Sie ließ mich sie und andere Mitglieder ihrer Gemeinschaft verstehen, als die Mütter, Töchter, Freundinnen und Liebhaberinnen, die sie tatsächlich sind.

In der heutigen Welt haben Hijras kaum noch die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen. Sie haben keine Schulen, in denen sie lernen können, keine Tempel zum Beten, keine staatlichen und privaten Organisationen, die sie arbeiten lassen. Sie haben keinen Zugang zu den Rechtssystemen und Gesundheitsdienstleistungen.

Mutter mit Kind im Bett

„Ich hatte schon immer die Sehnsucht, eines Tages Mutter zu sein. Ich habe Boishakhi adoptiert, aber ich frage mich, ob sie mich eines Tages Vater nennen wird.“

Zwei Mesncehn umarmen sich an einer Mauer

Für die 26-jährige Chaina ist Sex mechanisch und Vergnügen nur als weit entfernter Ort gedacht.

Ich habe dieses eigenfinanzierte, laufende Fotoprojekt Anfang Juli 2012 begonnen. Meine Arbeit hat die Herzen und das Vertrauen vieler Hijras gewonnen, was sich hoffentlich in meinem Fotoessay zeigt. Um die ganze Geschichte zu erfahren, muss die Arbeit weitergehen.

Durch meine Arbeit hoffe ich, den Stimmlosen eine Stimme zu geben. Die Fotografie war schon immer ein äußerst effektives Werkzeug, um das soziale Stigma zu hinterfragen und der Welt eine andere Realität zu zeigen. Ich hoffe, dass meine Arbeit den Hijras helfen wird, in einer klaustrophobischen Gesellschaft wie der unseren eine Atempause zu finden und neue Freundschaft in ihrer weitgehend freundlosen Welt.

Dieser Artikel wurde für Euch von Katja Kemnitz aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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5 Kommentare

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  1. Es ist für mich die wohl berührendste Bilderserie, an die ich mich erinnern kann. Abgesehen davon, dass wir mit Menschen außerhalb unserer Norm in unserer aufgeklärten Welt nicht besser umgehen.
    Bei allen Religionen, jeder ist ein Kind Gottes und Du zeigst die Menschen hier in genau dieser Zartheit, Zerbrechlichkeit eines solchen Kindes, was einfach nur von uns angenommen sein will.
    Ich wünsche mir, dass diese Bilder als Ausstellung durch unser Land gehen.
    Ganz vielen Dank dafür.

    • Ich gehöre nicht zu Deinen „wir“. Davon abgesehen ist das eine hervorragende Reportage, die zeigt, dass in vielen Ländern der Welt durch die zunehmende Religiosität, Menschen die anders sind als die Normen, die durch die Religionen vorgegeben werden, massive Probleme bis hin zur Ermordung haben.

  2. „Wahrscheinlich stehen die Hijras hier in Bangladesch vor der schlimmsten Situation, die eine ganze Reihe von ihnen zwingt, ihr Heimatland zu verlassen und nach Indien auszuwandern. “

    „Die Zeiten haben sich jedoch geändert und Hijras haben ihren bewunderten Platz in der Gesellschaft verloren.“

    Hätte mir an diesen Stellen ein wenig mehr Hintergrundinfos zum „Warum“ gewünscht.