16. Mai 2018 Lesezeit: ~7 Minuten

Das deutsche „Monument Valley“

Steile Hügel mit flachen Gipfeln ragen aus einer Landschaft empor, die vor rund 200.000 Jahren von riesigen Eismassen gänzlich glatt geschliffen worden ist. Wo früher das Eis regierte, dominieren heute Millionenstädte und gigantische Industrieareale.

Der größte Ballungsraum Deutschlands, das Ruhrgebiet, ist die Wiege der deutschen Industrie. Besonders der Bergbau hat die Region geprägt. Schon im Mittelalter wurde im Ruhrgebiet nach oberflächennaher Kohle gegraben. Aber erst zum Ende des 19. Jahrhunderts hin wurde der Steinkohleabbau im Zuge der Industrialisierung im großen Stil möglich.

Lichter auf einer ebenen Fläche

Das Geleucht, eine überdimensionale Grubenlampe auf der Halde Rheinpreussen in Moers

Bei der Kohleförderung unter Tage wird zwangsläufig verkaufsunfähiges Nebengestein gefördert. Bereits beim Aufsuchen und Erschließen der kohlefördernden Schichten fällt das sogenannte „taube Gestein“ an. Dieses Gesteinsmaterial wird größtenteils zu Hügeln aufgehaldet.

Heute zeugen Hunderte Abraumhalden von diesem Wirtschaftszweig, dessen Ende in Deutschland kurz bevorsteht. Deutsche Steinkohle ist gegenüber ausländischer Kohle nicht mehr wettbewerbsfähig, der Untertagebergbau technisch zu aufwändig und die Energiewende in vollem Gange.

Eine surreale Treppe

„Tiger and Turtle“ in Duisburg

Mein Interesse an den Halden wurde allerdings nicht im Ruhrgebiet, sondern in meiner Heimat, dem Saarland, geweckt. Auch im Lothringen-Saar-Nahe-Becken, einem Landstrich, in dem die heutigen Landesgrenzen des Saarlandes liegen, prägte der Bergbau die Region wie kein anderer Wirtschaftszweig.

Um an die im Jahr 2012 zu Ende gegangene Bergbauära zu erinnern, die hier über 250 Jahre Bestand hatte, wurde das Saarpolygon errichtet. Dabei handelt es sich um eine begehbare Stahlkonstruktion auf der Halde Ensdorf, die an die polygonförmigen Abstützungen in den Stollenanlagen erinnern soll.

Die geradlinige, in sich aber gewundene Konstruktion, die sich auf der plateauförmigen Halde befindet, faszinierte mich bei meinem ersten Besuch sofort. Als leidenschaftlicher Landschaftsfotograf, der in seinen Bildern die Schönheit der Natur festzuhalten versucht, fand ich in der Halde Ensdorf und dem Saarpolygon eine fast surreale Welt vor. Zu diesem Zeitpunkt waren mir die sogenannten „Haldenerlebnisse“ im Ruhrgebiet noch gänzlich unbekannt.

Stahlkonstriktion auf einer Halde

Das Saarpolygon in Ensdorf

Stahlkonstruktion auf einer Halde

Der Tetraeder in Bottrop

Als ich aus beruflichen Gründen meine Heimat im Oktober 2016 für anderthalb Jahre verließ und im Ruhrgebiet lebte, entdeckte ich innerhalb kürzester Zeit einige der touristisch erschlossenen Halden. In ihrer Gestaltung waren sie ganz offensichtlich auch Vorbild für das damals erst kürzlich eröffnete Saarpolygon.

Die Fahrt über die das Ruhrgebiet durchziehenden und in west-östlicher Richtung verlaufenden Autobahnen gleicht einer Fahrt durchs „Monument Valley“. Die flache Landschaft wird von unzähligen, von Menschenhand geschaffenen Erhebungen unterbrochen. Auf vielen stehen exponiert die unterschiedlichsten Haldeninstallationen.

Berg mit Distel

Die Himmelstreppe auf der Halde Rheinelbe

Leuchtende Säule

Halde „Große Holz“ in Bergkamen

Im ersten Moment hört sich Leben und Arbeiten im Ruhrgebiet für all diejenigen, die nicht aus der Region kommen, nicht besonders attraktiv an. Ich gebe es auch zu. Wirklich warm geworden bin ich mit der Region während meines Aufenthalts nicht.

Die Menschen sind offenherzig und unkompliziert, meine Arbeit an einer Gesamtschule in Mülheim war erfüllend, doch die Heimat zwischen Hunsrück und Pfälzer Wald konnte und wollte ich nicht für immer hinter mir lassen. Mit der Aussicht auf ein interessantes, so ganz anderes Fotoprojekt, war ich allerdings motiviert, die Region zu erkunden und mich auf sie einzulassen.

Über staubige Wege oder endlos erscheinende Treppen stieg ich mit meiner Kameraausrüstung im Gepäck auf viele der Halden. Ich nahm weite Anfahrten und wenig Schlaf in Kauf, um die Serie neben meiner schulpraktischen Lehrerausbildung fortzuführen und stetig zu erweitern. Nicht selten musste ich eine Halde mehrmals aufsuchen, bis ich mit meinen Fotos zufrieden war.

Betonstehle

Bramme auf der Schurenbachhalde in Essen

Viele der teils schon bewaldeten, oftmals aber an Mondlandschaften erinnernden Halden können heute betreten werden. Sie stellen beliebte Ausflugsziele dar und ermöglichen einen beindruckenden Blick über das Ruhrgebiet, das im Übrigen viel grüner ist, als so manch einer denkt.

Besonders in der Dämmerung zeigen sich die rekultivierten Halden von ihrer eindrucksvollsten Seite. Sie erinnern dabei nicht nur an die Montanindustrie, sondern stehen auch für den Wandel des Ruhrgebiets hin zu einer Dienstleistungs- und High-Tech-Region.

Ich empfehle allen Besucher*innen, gerade in den Abendstunden eine Taschenlampe einzupacken, da die oft steilen Wege auf die Halden nicht beleuchtet sind. Während meines Projekts bin ich nicht selten im Dunkeln zurück zum Auto gewandert; natürlich lag die Taschenlampe wieder einmal in meiner Wohnung.

Holzstehlen

Totems auf der Halde Haniel in Bottrop

Denkmal in der Dämmerung

Halde Hoheward in Recklinghausen

Die Auswahl der Halden ist sehr subjektiv. Ich habe im Vorfeld viel recherchiert und die in meinen Augen eindrucksvollsten Halden für die Serie ausgewählt. Mir war es wichtig, dass dieses surreale Gefühl in der Serie zum Ausdruck kommt, das mir das Saarpolygon zu Beginn des Projekts (als ich noch gar nicht wusste, dass es ein Projekt wird) verschafft hatte.

Aus diesem Grund habe ich auf die Halden verzichtet, auf denen die Natur schon weit fortgeschritten ist beziehungsweise die Installation sich der Natur bereits unterordnen.

Auch die beleuchteten Halden fand ich tendenziell interessanter als die, die keine nächtliche Illumination aufweisen. Mit einem dramatischen Himmel, wie es beispielsweise bei der Aufnahme der Halde Hoheward der Fall ist, habe ich versucht, eine Lichtstimmung herzustellen, die eine unwirkliche Atmosphäre erzeugt.

Zugegebenermaßen handelt es sich hierbei um ein rein zufälliges Bild, doch Zufall und Glück sind ein ständiger Begleiter in der Fotografie. Grundsätzlich war mir ein nahezu klarer Himmel bei den Motiven wichtig. Dadurch werden die Haldeninstallationen freigestellt und der Effekt, als stamme die Szenerie aus einer anderen Welt, in meinen Augen verstärkt.

Staglkonstruktion

Halde Norddeutschland in Neukirchen-Vluyn

Die Zeit im Ruhrgebiet war spannend, lehrreich und stellte für mich neben meiner beruflichen Weiterbildung und Profilierung eine fotografische Herausforderung dar. Noch nie hatte ich eine Serie mit einem klaren Thema und über solch einen langen Zeitraum verfolgt.

Alle hier gezeigten Halden sind sicherlich einen Besuch wert und zeigen die Wandlungsfähigkeit der beiden Regionen. Saar und Ruhr sind zwar räumlich voneinander getrennt, doch verbindet sie eine ähnliche Geschichte. Beide zeigen heute, dass sie wandlungsfähig sind und sich auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen einstellen können, ohne zu vergessen, was sie einst groß gemacht hat.

Titelbild: Blauer Leuchtturm im Korridorpark (Bergkamen)

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4 Kommentare

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  1. Sehr schöner Artikel und noch schöneren Fotos. Es gibt wohl in ganz Deutschland keine andere Region, die, zumindest im Bereicht alte Industrie, so viele Fotomotive bietet wie das Ruhrgebiet.