Tagebau © Sebastian Mölleken
29. Oktober 2013 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Zwischen Autobahn und Tagebau

Es ist oft nur ein ganz kurzer Moment, ein Blick im Vorbeifahren, ein Satz im Radio, eine Zeile in der Zeitung oder ein Bild im Internet, das meine Aufmerksamkeit weckt. Es setzt etwas in Bewegung und lässt mich nicht mehr los. Vielleicht eine angeborene Neugier, die mich antreibt, die in mir den Wunsch weckt, tiefer blicken zu wollen und die dafür sorgt, dass ich mich monatelang mit einem Thema beschäftige.

Ich habe mich bei meiner Arbeit in den letzten Jahren immer wieder gefragt: Wie leben Menschen unter besonderen Bedingungen? Ich war in einem Gefängnis und in einem Asylbewerberheim. Ich habe mich gefragt: Wie leben Menschen entlang einer Autobahn? Oder eben auch: Wie leben sie mit einem Tagebau?

Tagebau © Sebastial Mölleken

Alle Menschen, die ich dabei kennen gelernt und fotografiert habe, hatten etwas gemeinsam: Sie passen ihr Leben jeden Tag an Umstände an, die uns zunächst fremd sind, die wir auf den ersten Blick nicht verstehen können, die uns vielleicht sogar unwirklich, abstoßend, bedrohlich oder skurril erscheinen. Für diese Menschen sind sie aber normal geworden, sie haben sie angenommen und sich damit arrangiert. Mich interessieren genau diese Menschen und diese Lebensumstände – und wie sie einander prägen.

Zwischen Mensch und Landschaft gibt es dabei eine tiefe Verbundenheit: Die Landschaft prägt den Menschen, der in ihr lebt und gleichzeitig prägt auch der Mensch die Landschaft. Es ist eine Symbiose, deren Verbundenheit oftmals an ihren Widrigkeiten noch stärker wird. Der Mensch und seine Umwelt scheinen mir unzertrennlich. Fast immer bestehen daher auch meine Arbeiten aus Portraits und Landschaften im weitesten Sinne.

Tagebau © Sebastian Mölleken

Dabei ist es egal, an welchem Thema ich arbeite. Ob ich an der A40 stehe und Tausende von Autos an mir vorbeirasen oder ob ich vor einem 250 Meter tiefen Loch stehe, das ein Bagger langsam durch die Landschaft gräbt. Die Fragen, die ich mir stelle, bleiben gleich: Wer lebt hier und wie lebt er hier? Wie sieht seine Umwelt aus und wie wirkt sie auf ihn ein?

Viele Monate lang beschäftigte ich mich mit der A40 und mit dem, was ich hinter den Schallschutzwänden fand. Ich nahm jede Ausfahrt, lief die Strecke auf und ab, immer auf der Suche nach dem, was man im Vorbeifahren nicht sieht. Was ich fand, waren teils skurrile Landschaften, die uns zeigen, wie sehr sich der Mensch arrangieren kann und wie er sein Leben an diese Umstände anpasst. Er macht Campingurlaub im Schutze der Schallschutzwand, er weidet seine Kühe unter der Autobahnbrücke, er geht schwimmen im Dunst des Verkehrs und selbst aus dem Grab blickt manch einer noch Richtung Autobahn.

Tagebau © Sebastian MöllekenTagebau © Sebastian Mölleken

Die Menschen, die ich traf, fanden das nicht ungewöhnlich. Sie haben sich so sehr daran gewöhnt, dass sie den Lärm gar nicht mehr hören. Ich suchte unter ihnen nach einem Querschnitt durch das Ruhrgebiet und fand die unterschiedlichsten Typen: Vom Kleingärtner in Bochum über den Studenten in Essen bis hin zum Pferdebauern in Moers waren für mich alle gleich interessant. Aus Landschaften und Portraits entstand so ein Gesamtbild, das für mich das Gefühl einer ganzen Region widerspiegelt.

Mit Unterstützung der RWE Stiftung bekam ich dann die Möglichkeit, eine neue Arbeit anzufertigen. Ich entschied mich für das Thema „Tagebau“, ohne zunächst eine Ahnung von dessen tatsächlichen Ausmaßen zu haben.

Tagebau © Sebastian Mölleken

Als ich dann zum ersten Mal im Tagebau Garzweiler und in den angrenzenden Gebieten unterwegs war, wurde ich von den Eindrücken und von der Größe dieses Projektes beinahe erdrückt. „Hier wird der Tagebau in den 40er Jahren sein“, sagte die Begleitperson, die mir am ersten Tag zur Seite stand. Wir befanden uns weit ab vom jetzigen „Loch“. In den 40er Jahren? Es hörte sich an, als spreche sie von der Vergangenheit, doch sie meinte die Zukunft.

Noch heute ist mir die Logistik dieses monumentalen Eingriffs ein Rätsel und jedes Mal, wenn ich dort war, hatte ich das Gefühl, der Wirklichkeit entkommen zu sein. Alles scheint irreal, fast surreal, wie in einem Film oder Traum. Die Empfindung für Zeit und Größe verschiebt sich, denn hier herrschen andere Dimensionen.

Tagebau © Sebastian Mölleken

Nachdem ich die ersten Eindrücke verarbeitet hatte, kamen schnell wieder dieselben Fragen in mir auf, die mich auch sonst beschäftigen. Sie dienten mir als Orientierung in dieser fremden Welt:
Wer lebt hier und wie tut er das? Welche Aufgaben hat der Mensch hier? Wie sieht seine Umwelt aus und wie wirken Mensch und Umwelt aufeinander ein?

Wichtig war mir dabei, verschiedene Positionen deutlich zu machen. Nur die alte, für den Tagebau geopferte Welt zu zeigen, wäre mir zu einfach gewesen. Und es wäre auch schlichtweg falsch. Es werden Orte abgerissen – es werden aber auch neue, moderne Orte erschaffen. Die Umwelt wird angegriffen, aber es wird Energie gewonnen, die wir benötigen. Ich habe Menschen gesprochen, für die ihre Umsiedlung ein schlimmes Ereignis war, aber ich habe genauso mit Menschen gesprochen, die sich über ihre neue Heimat freuen. Es gibt beide Seiten und das zeigen auch meine Bilder.

Tagebau © Sebastian MöllekenTagebau © Sebastian Mölleken

Egal, ob ich in einem verlassenen Ort durch die leeren Straßen lief, ob ich am Rande des Tagebaus vor dem gewaltigen Bagger stand oder ob ich die Neubausiedlung durchquerte: Es herrschte immer und überall eine besondere Atmosphäre. Sie ist schwer zu beschreiben, es liegt einfach etwas in der Luft, von dem ich hoffe, es mit meinen Bildern transportieren zu können.

2012 erschien mein Buch „Tagebau“ im Kettler-Verlag. Darin fasse ich die ganze Arbeit zusammen und zeige einen umfassenden Blick auf die verschiedenen Aspekte rund um Garzweiler II. Das Buch kann direkt bei mir zum Vorzugspreis erworben werden, Bestellung über meine Homepage. Vor Kurzem wurde die Arbeit nun mit dem Felix-Schoeller-Award für Landschafts- und Naturfotografie ausgezeichnet.

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12 Kommentare

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  1. Hallo Sebastian,

    toller Artikel. Vielen Dank. Ich finde die Bilder großartig. Bin als Garzweiler-Anrainer gut vertraut mit der Landschaft und versuche bereits seit geraumer Zeit, deren Ausmaß, Stimmung und Folgen in Bilder zu fassen. Die RWE-Sondergenehmigung fehlt mir leider. ;)

  2. Sehr starke Geschichte. Vor allem das Eingangsbild hinterlässt schon einen tiefgründigen, düsteren Einblick in den Tagebau. Toll, dass du dich so intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Ich bin auch mal durch die Gegend gefahren. Die alten, verlassenen Ortschaften mit ihren wenigen Einwohnern, die teilweise mutterseelenallein vor ihren Häuschen sitzen, ist schon beängstigend. Und wenn man dann mal vor dem “Loch” steht, kann man die Dimensionen gar nicht begreifen. Man sieht fast kein Ende. Die Luft riecht leicht faul. Es ist staubig. Aber gesehen haben muss man es. Einfach nur um zu begreifen. Auch das riesige Kraftwerk bzw. die Kraftwerke am Ende des Hochizonts sind eindrucksvoll und sind ein gutes Beispiel, was wir mit unserer Umwelt anstellen. Nur leider sieht das keiner, der die Autobahn entlang fährt. Dem fallen am Straßenrand nur die Windräder auf. Das Loch ist weitestgehend nicht sichtbar. Und es fahren eine Menge Autos durch die Gegend.

    Habe nun gelesen, dass RWE in Erwägung zieht, schon bald aus dem Tagebau Garzweiler auszusteigen und die Förderung von Braunkohle nicht mehr (in dem Stil) weiter betreiben möchte, da das Ganze scheinbar nicht mehr rentabel ist. Es bleibt also spannend, ob es so weitergeht wie bisher oder sich doch was ändert. Vielleicht sieht es in den 40er Jahren ja doch noch so aus wie jetzt :-)

  3. Wirklich ganz fantastische Bilder. Ich finde auch deine herangehensweise super. Da steckt viel Aufwand und Arbeit in den Fotos. Für mich ist der Artikel leider zu euphemistisch. Kritik wird bloß im Nebensatz erwähnt. Aber anders gehts vermutlich nicht, wenn man von RWE unterstützt werden möchte. Da hat Flo die ganze Sache (meiner Meinung nach) besser ausgedrückt.

    Ein positives Gegenbeispiel ist ist dieser Artikel über den Kohletagebau von Holger Weber bei Kwerfeldein: http://kwerfeldein.de/2013/06/18/vattenfall-greenpeace-und-interaktive-fotografie/

    Bei all der Kritik möchte ich aber noch einmal betonen, dass ich die Bilder ganz großartig finde und du es, so kann man es ja auch sehen, zumindest geschafft hast die Umweltzerstörung, trotz RWE Förderung mit einfließen zu lassen.

  4. Blogartikel dazu: Links vom Rhein, 30. Oktober 2013 | Hendryk Schäfer

  5. Ich lebe ganz in der Näher dieser besonderen Landschaft und seiner Geschichte. Ich bin auch oft alleine in den verlassenen oder vereinsamten Orten um einfach einen Teil dieser Atmosphäre zu erleben. Ein wunderbarer Bericht, großartig bebildert, der all jenen einen guten Eindruck vermittelt, die selber noch nicht da waren. Allen anderen kann man nur empfehlen sich diese Eindrücke real zu holen. Dies darf aber nur geschehen, ohne wie ein zweitklassiger Tourist zu wirken. Es ist ein schmaler Grat zwischen Entsetzen und Bewunderung was der Tagebau in den letzten Jahrzehnten geschaffen oder angerichtet hat.

  6. Blogartikel dazu: Woanders – der Wirtschaftsteil | Herzdamengeschichten

  7. Blogartikel dazu: Der Wirtschaftsteil | GLS Bank-Blog: Geld ist für die Menschen da!

  8. Blogartikel dazu: Oktober 2013 | hiacynta jelen | photography

  9. Blogartikel dazu: Die 5 Fotobücher des Monats › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity