18. Mai 2018 Lesezeit: ~9 Minuten

Ein Stopp, der sich auf dem Weg in den Süden lohnt

Die Adria – früher und auch heute noch erklärtes Ziel vieler Urlauber*innen aus dem deutschsprachigen Raum. Auf dem Weg in den Süden muss man durch Friaul durch, das ja eigentlich Friaul-Julisch Venetien heißt. Auf der Autobahn im Kanaltal gilt es, zahlreiche Tunnel zu durchfahren und es lohnt sich, das eine oder andere Mal die Autobahn zu verlassen, um diese wunderbare Landschaft mit ihren alten und netten Orten etwas näher zu betrachten.

So liegt etwa Venzone – von Österreich kommend – nur rund 15 Minuten von der Autobahnabfahrt Carnia entfernt. Venzone ist ein Dorf, das 1976 von mehreren Erdstößen fast vollständig zerstört und rund zehn Jahre danach detailgetreu wieder aufgebaut worden ist. Das Auto parkt man am besten vor der Stadtmauer und dann betritt man einen Ort, in dem heute durch das alte geschlossene Stadtbild, das in das Mittelalter zurückreicht, fast nichts mehr an die gänzliche Zerstörung durch das Erdbeben erinnert.

Stadtmauer

Alte Kapelle

Nur ein Museum im Zentrum, das in eindrucksvollen Bildern den Weg des Wiederaufbaues zeigt und die Ruine der zweiten Hauptkirche „Chiesa di San Giovanni Battista“ als Mahnmal zeigen den Besuche*innen noch das Ausmaß der damaligen Katastrophe.

Durch Venzone mit dem Fotoapparat spazierend, stechen einem viele nette Motive ins Auge. So fällt sicher ein violettes Fahrrad auf, das vor einem Geschäft steht. Und das hat nichts mit einer Schokoladenmarke zu tun, die einem vielleicht gleich in den Sinn kommt, sondern es werden zahlreiche Produkte rund um den Lavendel angeboten. In der Umgebung von Venzone ist mit dem Lavendel ein Geschäftszweig entstanden, von dem rund 100 Lavendelbäuer*innen in der Umgebung leben.

Violettes Fahrrad

Möchte man die Autobahn nun weiterhin meiden – was sich absolut empfiehlt – und meldet sich langsam der Hunger, dann lohnt sich ein Abstecher nach San Daniele del Friuli, der „Hauptstadt des Schinkens“ in Friaul. Der „Prosciutto di San Daniele“ ist die kulinarische Kostbarkeit in dieser Gegend, der hier seine Heimat hat. Für seine Herstellung gelten ganz strenge Regeln und verkostet sollte er natürlich direkt vor Ort werden.

Einer der nächsten Orte, die unbedingt besichtigt werden sollten, ist Spilimbergo. Wenn man buntes Treiben und Lebendigkeit auf den Plätzen bzw. Straßen möchte, empfiehlt sich der Samstag, da Markttag. Parkplätze gibt es trotzdem meist im Zentrum in der Tiefgarage, nur ein paar Gehminuten vom sehenswerten Dom „Santa Maria Maggiore“ aus dem 13. bis 14. Jahrhundert entfernt.

Dom

Dom

Da man auf den Märkten in Italien ja fast alles kaufen kann, sind das Durchschlendern und die Betrachtung des breiten Angebotes große Vergnügen. Straßenfotograf*innen werden hier zahlreiche Motive finden.

Spilimbergo ist für seine Mosaikschule bekannt, die vor knapp 100 Jahren gegründet wurde. Ein Besuch lohnt sich, denn einerseits kann man sich während der Öffnungszeiten in den Gängen der Schule die Werke der jungen Kunstschaffenden anschauen und manchmal ist auch die Tür zu einem der Klassenzimmer geöffnet, sodass man bei der Entstehung der Werke über die Schultern schauen kann.

Bemalter Palast

Wenn man noch etwas Zeit hat und nach dem turbulenten Treiben auf dem Markt mittelalterliches Flair in Ruhe und Stille genießen möchte, empfehle ich einen Ausflug in die Berge, zu einem der schönsten Dörfer Italiens – nach Poffabro.

Es gibt in Italien die sogenannten „I borghi più belli d’Italia“ (Die schönsten Orte Italiens), zu denen aktuell auch zehn Dörfer aus Friaul zählen. Um in diese Liste aufgenommen zu werden, sind Unverfälschtheit, Tradition, Kunst und Geschichte gute Voraussetzungen. Und das alles findet man in Poffabro.

Mittelalterliche Gassen

Poffabro liegt auf 525 Metern Höhe in der Provinz Pordenone in den Karnischen Voralpen. Die Häuser wurden im 16. bis 17. Jahrhundert erbaut. Für mich war das Besondere im Ort das „Schlichte“. Es gibt keine Paläste oder monumentale Bauten, es ist die Geschlossenheit des alten Ortskerns, die mich fasziniert hat. Es sind Steinhäuser mit Holzbalkonen und enge Gassen – fast ohne Autoverkehr, was ja in Italien eine Seltenheit ist – mit Bogendurchgängen aus Stein, durch die man Hinterhöfe erreicht.

Es gibt einige kleine Kapellen und Heiligenstöcke zu entdecken und die auf den ersten Blick schmucklosen Häuser strahlen nach längerem Verweilen inmitten doch bald Geborgenheit aus. Das Schöne ist auch: Man spaziert ohne Touristenmassen durch den Ort und fängt diese Atmosphäre unverfälscht und für sich in einer Stille ein, wie es sonst nur selten möglich ist. Und gerade wenn man einen Urlaub an der Adria vor sich hat, ist es ja mit der Ruhe dort nicht immer ganz so einfach.

Mittelalterliche GasseHeiligenfigur

Wenn man nun einen Aufenthalt am Meer ins Auge fasst, sollte man an Grado nicht vorbeifahren. Einst ein Fischerdorf ist es heute eines der nettesten Badeorte an der oberen Adria, der auch noch über ein historisches Zentrum verfügt. Die engen Gassen sind vom Autoverkehr befreit, zur Sommerzeit aber sehr bevölkert. Grado ist als Urlaubsort für Familien sehr beliebt. Das Meer fällt flach ab, der Sandstrand ist breit und es gibt zahlreiche Unterkunftsmöglichkeiten.

Steg

Wenn man die Heimreise wieder antritt, ein bisschen Zeit einplanen kann und vielleicht auch noch Wein einkaufen möchte, zahlt sich ein Besuch in Cormòns aus. Hier hatte ich mein erstes (näheres) Kennenlernen mit Friaul. Cormòns ist ein Weinbauzentrum mit einer netten Enoteca, die zentral in der Stadtmitte gelegen ist. Weinverkostend mit Antipasti und Pane am Hauptplatz sitzend, war für mich damals bald beschlossen, diesen Landstrich intensiver zu besuchen.

Und Friaul hat viele nette Dörfer mit bezaubernden Plätzen und Lokalen! Da lässt es sich vom Alltagsleben, das einen umgibt, einerseits herrlich nach lohnenden Motiven Ausschau halten, andererseits die ausgezeichnete Küche dieser Gegend kennenlernen und vielleicht auch eine der speziellen friulanischen Weinsorten für sich entdecken.

Fahrrad vor einem Geschäft

Brot, Käse und Öl

Für Rotweinliebhaber*innen bieten sich etwa der Refosco oder auch der Schioppettino an. Ersterer hat eine intensive, rote Farbe und schmeckt nach Beeren, während Letzterer nur in einem kleinen Gebiet um Prepotto angebaut wird. Sein Name soll vom „Knistern“ während des Reifens am Gaumen beziehungsweise „Zerplatzen“ der dicken Schale im Mund kommen.

Weißweinliebhaber genießen den Friulano, der vielen noch unter dem Namen Tocai (Friulano) bekannt ist. Seit 2008 heißt er aber aufgrund einer gesetzlichen Verordnung eben nur mehr Friulano, um eine Verwechslung mit dem ungarischen Tokaj zu vermeiden.

Die Fahrt nach Hause könnte noch durch Cividale del Friuli führen. Eine Stadt, die am Fluss Natisone liegt, die einen mittelalterlichen Kern mit einigen Sehenswürdigkeiten besitzt, durch den man herrlich bummeln kann. Ich war schon mehrmals in Cividale – am besten hat es mir gefallen, wenn die Antiquitätenhändler*innen ihre Tische aufgestellt haben, denn dann ist der Autoverkehr aus dem Zentrum ausgesperrt und die Stadt kann gemütlich zu Fuß durchwandert werden.

Alte Stadt an einer Klippe

Gasse durch einen BogenHauswand mit Rosen

Dieser Trödelmarkt findet jeden vierten Sonntag im Monat statt und zählt zu den größten in Italien. Wenn jemand sich generell für Märkte interessiert: Nahezu jeder Ort hat „seine“ Markttage und diesbezüglich gibt es fixe Einteilungen, die sich im Internet bereits im Vorfeld abrufen lassen.

Von Cividale kann man über das nahe Udine wieder die Autobahn in Richtung Staatsgrenze erreichen oder man nimmt die „Weinstraße“ über Faedis und Nimis, die landschaftlich äußerst reizvoll ist und wo man auch direkt ab Hof von Weinbäuer*innen noch den Kofferraum mit guten Tropfen befüllen kann.

Tipp für Übernachtungen in Friaul

Wenn man Hotels vermeiden möchte, gibt es im Landesinneren zahlreiche sogenannte „Agritourismi“. Das sind Unterkünfte mit Ferienwohnungen oder –häusern in eher ländlichen Gebieten. Ich persönlich habe schon einige ausprobiert und nur gute Erfahrungen gemacht. Das Preis-Leistungsverhältnis ist gut, in der Regel wird Frühstück mit angeboten, bei vielen auch Abendessen. Die Gerichte sind landestypisch und es werden grundsätzlich nur regional erhältliche Zutaten verwendet.

Ich habe immer über agriturismo.it gebucht, wo man nach Orten, Ausstattung etc. filtern kann, um eine Unterkunft, die den individuellen Ansprüchen gerecht werden soll, zu finden.

Bänke auf einem Aussichtspunkt

Alte Mauern

Anmerkungen zur Ausrüstung

Das Fotogepäck halte ich bei meinen Reisen recht klein, deshalb bin ich vor ein paar Jahren auf das MFT-System umgestiegen und fotografiere mit Olympus. Zuerst Pen EP-5, OM-D M 1 und nun OM-D M1 Mark II . Ich fotografierte in letzter Zeit sehr gern mit dem Olympus 12–40 mm f/2.8 und dem Lumix 35–100 mm f/2.8 – diese beiden Zooms mit lichtstarken Festbrennweiten ergaben für mich eine ideale Kombination aus Qualität, Kompaktheit und Alltagstauglichkeit.

Seit etwa einem Jahr konnte ich durch den Zuwachs bei meinen Objektiven mit dem Olympus 12–100 mm f/4 die Packgröße noch einmal reduzieren. Mit diesem Objektiv und drei lichtstarken Festbrennweiten habe ich derzeit alles, was ich für meine Reisefotografie und bei Spaziergängen in meiner näheren Umgebung mit der Kamera brauche. Für die Tour durch Friaul ist man so auch ideal ausgerüstet. Möchte man auch im Inneren von Kirchen oder Höfen fotografieren, wäre ein Stativ noch empfehlenswert.

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