Person in Anzug mit Maschinenkopf als TVaparat mit Schatten vor einer gemusterten Wand.
08. Mai 2018 Lesezeit: ~4 Minuten

Seien Sie gegrüßt! – Postkarten aus der Zukunft

Francesco Romoli liebt Science-Fiction. Und er liebt die Fotografie. Für seine Serie „Postcards from the Future“ hat der ehemalige Punkmusiker aus Pisa beides kombiniert. Romoli muss viel Zeit vor dem Fernseher verbracht haben. Gefühlt hundert Mal liefen Klassiker wie Zurück in die Zukunft, Star Wars oder E. T. auf der Flimmerkiste seiner Eltern, sagt er.

„Statt viereckiger Augen hab’ ich davon vielleicht eine Gehirnwäsche abbekommen“, versucht sich der Italiener an einem Erklärungsversuch für sein surreales Projekt. Gehirnwäsche hin, Gehirnwäsche her: Was auf jeden Fall blieb, war ein nachhaltiges Interesse an Science-Fiction und historischen Bildern mit furistischem Touch.

Historische Fotografie eines jungen Mannes sitzend im Anzug.

„An die Originalfotos kam ich über spezielle Suchmaschinen, die das Netz nach urheberrechtlich nicht geschützten Bildern durchforsten. Viele Aufnahmen haben sich aber nicht geeignet. Sie waren entweder unscharf, zu gering aufgelöst oder die Pose der Personen darauf passte nicht.“

Person in Anzug ohne Kopf vor einer gemusterten Wand.

„Anschließend habe ich die Motive freigestellt und vor einem bereits gerenderten Hintergrund mit Vintage-Look gesetzt.“

Person in Anzug ohne Kopf vor einer gemusterten Wand. Mit Bearbeitungskasten aus Bildbearbeitungsprogramm.

Die Idee für sein Projekt kam Romoli, als er Bilder eines der ersten Science-Fiction-Filme überhaupt sah: „Die Reise zum Mond“, gedreht vom Franzosen Georges Méliès und ganze 116 Jahre alt. Warum also nicht das Thema „Künstliche Intelligenz“ mal in einem Vintage-Look darstellen? Gefragt. Getan. Es war also ein Sci-Fi-Film von 1902 die Inspiration.

Entstanden ist daraus die achtteilige Serie „Postcards from the Future“. Der Titel ist angelehnt an eine Dokumentation über den US-amerikanischen Schriftsteller Chuck Palahniuk. Der ist Urheber des 1999 mit Brad Pitt und Edward Norton verfilmten Romans „Fight Club“ und einer der erfolgreichsten Autoren, wenn es darum geht, Unkonventionelles, Anti-Soziales und Nihilistisches in Bücher zu verpacken.

Person in Anzug mit Maschinenkopf an einer Steckdose angeschlossen, vor einer gemusterten Wand.

„Bestimmte Körperteile wurden durch technische Gegenstände wie Fernsehern, Radios oder, wie hier, einem fiktionalen Roboterkopf im Stil der 50er Jahre ersetzt. Details wie die Steckdose verstärken den Science-Fiction-Eindruck.“

Person in Anzug mit Maschinenkopf an einer Steckdose angeschlossen, vor einer gemusterten Wand.

„Zum Schluss habe ich noch die nötigen Schatten hinzugefügt und ließ die Bilder durch bestimmte Texturen im Eiltempo altern.“

Person in Anzug mit Maschinenkopf an einer Steckdose angeschlossen, vor einer gemusterten Wand.

Romolis Hang zu Science-Fiction entstand also ziemlich geradlinig. Zur Fotografie hingegen gelangte der Italiener erst mit 29 Jahren und über etliche Umwege, die seine Arbeiten jedoch bis heute beeinflussen: „Ursprünglich wollte ich Musiker werden, habe mich als Teenager intensiv damit auseinandergesetzt und war Mitglied einer Punkband.“ 1998 stand dann plötzlich ein PC auf seinem Schreibtisch. Prompt stürzte sich der damals 21-Jährige in die Welt von Hacking und Net Art, also der künstlerischen Auseinandersetzung mit digitalen Netzwerken und Internetdiensten. Was folgte, war ein Informatik- und Mathestudium an der Universität Pisa.

Eine Frau in Kleid mit Hut und Steampunkkopf sowie ein Herr sitzend mit Anzug und Steampunkkopf.

Zwei Kinder mit teils technischen Körperteilen.

Person in Anzug mit Maschinenkopf als TV-Apparat mit Schatten vor einer gemusterten Wand.

Zwei Personen stehend, eine im Anzug, eine im Kleid mit Radioköpfen.

Dann schenkte ihm seine Mutter eine Canon Powershot a720 zum Geburtstag. Eine neue Liebe war geboren. „Meine ersten Aufnahmen waren trivial. Ein paar Blumen und Bäume, das Meer. Nichts Besonderes“, erinnert sich Romoli. Bald darauf kaufte er sich seine erste eigene Spiegelreflexkamera, eine Canon 1000D . Inzwischen absolvierte Romoli auch eine Fotografieausbildung am Fondazione Studio Marangoni in Florenz.

Eine kleine weibliche Person mit technischen Beinen.

Drei Personen in älteren Mänteln mit sonderbaren Gesichtern.

Eine Person, stehend vor einer Wand mit einer Glühbirne als Kopf und verschränkten Armen.

Als er Photoshop für sich entdeckte, wurde Romoli klar, dass er endlich einen Weg gefunden hatte, um seine Fantasiewelt zu verbildlichen. Eine Welt, die bis dato nur in seinem Kopf existierte und von technischen und wissenschaftlichen Konventionen losgelöst war. Mittlerweile hat er neben „Postcards from the Future“ fünf weitere Serien geschaffen. Alle eine Kombination aus Fotografie und Grafikdesign und mit einer Stimmung, die längst verblichene Erinnerungen an Marty McFly und den schlohweißen Doc Brown wieder aufleben lassen.

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8 Kommentare

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  1. “Er ist Jahrgang 1986 und sich noch nicht so ganz sicher, was für ihn im Leben wichtiger ist: die Welt zu sehen oder über sie zu berichten.” – um über sie zu berichten, sollte man sie gesehen haben.

      • Sehe ich genauso. Man muss die Welt nicht zwingend bereist haben, haben um über Sie zu berichten. Jedenfalls nicht zwingend physisch. Bestes Beispiel ist dieser interessante Beitrag 😉

  2. Sehr schöner Beleg dafür, dass Photographie per se surrealistisch ist. Wer noch meint, sie sei lediglich ein technisches Aufnahmemedium zur Abbildung von Wirklichkeit, mag vielleicht mit solchen Beiträgen zum Überdenken angeregt werden. Insbesondere im digitalen Zeitalter hat sie einen uneingeschränkten Freiheitsgrad erlangt, der viele Möglichkeiten eröffnet. Danke für den Beitrag.

  3. Ein wirklich spannendes Projekt. Die Kombination unterschiedlicher Themen in einem sehr komplexen historischen Zeitrahmen ist eine große Herausforderung. Aber gerade unter der Perspektive der Technikphilosophie auch verdammt gut gelungen – sehr tiefgründig.

    Grüße, Wilhelm Heim