30. April 2018 Lesezeit: ~9 Minuten

Vergessene Welten

Als ich meine urbane Fotografiereise begann, sah ich meist nur leere, verlassene und verkümmerte Gebäude. Es dauerte nicht lange, bis meine Neugierde gepackt wurde: Was war die Geschichte hinter den Gebäuden? Wer hatte dort gelebt? Was hatten sie, zu ihrer Zeit, für einen Zweck und warum sind sie heute verlassen?

Diese Neugierde entwickelte sich zu einem starken Band zwischen mir und dieser Kunstform: Seit diesem Zeitpunkt sah ich so oft die schönsten Orte, verteilt über die ganze Welt.

Verlassenes Schlafzimmer

Dieses Bild ist in einem der vielen Schlafzimmer eines erst kürzlich verlassenen Zuhauses aufgenommen. Das Gebäude ist stark verfallen und gezeichnet von Feuer und Wasserschäden. Das Zimmer befand sich in einer Art von Keller und lag am Ende eines langen und dunklen Flurs.

Alte Bücherwand

Ein Raum voll mit Büchern in einem verlassenen Haus. Eben dieses Haus gehörte einem Arzt, der einen Raum weiter seine Patient*innen behandelte. Es scheint schon lange vergessen; ich bin das zweite Mal hier. Bis auf einen ganzen Haufen Dinge, die auf magische Weise an einer anderen Stelle zu stehen scheinen, hat sich nicht viel verändert.

Die Möglichkeit zu bekommen, einen kleinen Blick hinter geschlossene Türen zu wagen, ist eine wahrlich einzigartige Erfahrung, entspannend sowie aufregend zugleich. Eingetaucht in diese Umgebung, achte ich trotzdem auf jeden meiner Schritte und höre genau auf jedes noch so kleine Geräusch, um so wenig wie möglich zu verändern.

Das Fotografieren von verlassenen Gebäuden entspannt mich. Die meisten Orte, die ich besuche, sind an entfernten Plätzen und liegen in vollkommener Stille. Sie sind ein guter Weg für mich, um meinem Alltag zu entfliehen. Diese Kunst gibt mir viel positive Energie. Dazu sind die Geschichten hinter diesen Bauwerken meistens unglaublich faszinierend: Bevor ich ein Bild veröffentliche, recherchiere und informiere ich mich darüber so intensiv ich kann. Manchmal ist die Vergangenheit der Orte interessanter als das Bild.

Verlassene Kirche

Dieses Bild zeigt das Innenleben einer Kirche, die einmal wohl einen historischen Wert besaß. Das Interessanteste ist eindeutig die Deckenbemalung, die hier gut zu sehen ist. Die Kirche ist aus dem 17. Jahrhundert. Im 18. und 19. Jhd. schien es große Renovierungen gegeben zu haben, doch heute ist die Kirche seit bestimmt 50 Jahren verlassen – trotzdem scheint sie innen noch in einem guten Zustand zu sein, auch wenn von sie von außen sehr verfallen ist.

Verlassene Kirche

Dies ist eine wunderschöne, verlassene Kirche mit einem besonderen Dach. Dass ich sie fotografierte, ist erst ein paar Monate her. Dieses Gebäude kommt aus dem 19. Jahrhundert und auch schon seit knapp 50 Jahren verlassen, da eine neue Kirche gebaut worden ist. Ich hatte Glück, die richtige Person im richtigen Moment getroffen zu haben, um die Gelegenheit zu bekommen, hinein zu gehen und dieses wunderschöne Innere zu fotografieren.

Finden von vergessenen Welten

Als ich mit dem Fotografieren zu dem Thema begann, suchte und erkundete ich jeden meiner Orte selbst. Bilder von anderen Fotograf*innen, die einen Ort besucht hatten, gaben Hinweise. Lokale Nachrichten, Familienfotos, ein Kalender in der Küche oder auch der einfache Blick aus dem Fenster halfen mir. Zusätzlich waren Programme wie Google Streetview sehr hilfreich – ich fuhr mit meinem virtuellen Auto durch Städte sowie kleine Dörfer und konnte so Ausschau nach Orten halten, die verlassen wirkten; ich merkte mir die Plätze und wenn ich in der Nähe war, schaute ich sie mir an.

Dazu schreiben lokale Webseiten oft über ihre einheimischen Lost Places, was am Anfang oft eine große Bereicherung war. Um ehrlich zu sein, heute verlasse ich mich oft auf Freund*innen und mein Netzwerk. Wir teilen Orte untereinander, wenn wir speziell etwas suchen. Es gibt nur eine Handvoll Leute, mit denen ich meine Orte teile, aber ich weiß, dass sie immer für mich da sind, wenn ich sie brauche.

Verlassenes moosbewachsenes ZImmer

Dieser Ort, der einmal ein Hotel war, hatte genau den Grad des Verfalls, den ich so liebe. Die Pflanzen waren quasi überall, die Einrichtung war noch dort, aber stand nur noch mit letzter Kraft. Ich habe so viel mehr bekommen, als ich geben konnte. Bevor ich diesen Lost Place besucht habe, schlief ich in einem Hotel in der Nähe. Der Besitzer erzähle mir, dass die ganze Stadt dieses verlassene Hotel hasste, weil es von außen doch so hässlich ist.

Altes Piano

Ein verlassenes Theater in einem riesigen medizinischen Komplex. Das meiste wurde renoviert oder ist noch in der Renovierung. Hier ist ein kleiner, seltener Teil, der bis heute komplett unberührt geblieben ist. Das beste architektonische Design des ganzen Komplexes, mit luxuriösen Fluren und Plattformen. Am Anfang gab es hier Platz für 600 Patient*innen, meistens arme, an Lungentuberkulose leidende Menschen. Bald stelle sich heraus, dass es nicht genug Platz gab und die Kapazität wurde verdoppelt. Die Patienten wurden nach Geschlechtern getrennt und es gab zusätzliche Personalgebäude.

Schicksal

Ich habe viele Orte in Europa bereist: Belgien, Frankreich, Luxemburg, Italien, Deutschland, die Niederlande, Bulgarien, Rumänien, Polen, die Tschechien, Ungarn und ein paar mehr. Ich habe mir vorgenommen, jedes Jahr wenigstens ein neues Land zu bereisen.

Meine Favoriten waren bis jetzt Italien und Deutschland. Italien wegen seiner lieblichen Landschaften, wunderschönen Architektur und dem fantastischen Essen. Deutschland wegen seiner gut ausgebauten Infrastruktur, seiner spannenden Geschichten, der Sprache, die ich selbst beherrsche und der lieben und zuvorkommenden Menschen. Das erste Mal, dass ich einen verlassenen Ort fotografierte, war auch in Deutschland.

Sieben Jahre ist es jetzt her. Es war eine Steinfabrik nahe der holländischen Grenze. Zurückblickend sind die Bilder grauenvoll, aber die Erfahrung war fantastisch und der Startschuss für all das.

Alter Flügel in einem alten Saal

Erneut ein einsames Klavier in einem riesigen Krankenhauskomplex im Osten von Deutschland. Eine Gruppe von Wohltäter*innen versucht gerade, Geld zu sammeln, um einen Teil davon wieder zu erneuern.

Wendeltreppe

Dieses Bild wurde in einem riesigen und verlassenen Theater aufgenommen, das Teil eines Hotels war – zerfallen durch ein Feuer. Es ist schon lange verlassen.

Dos und Don’ts

Versuche, einfach zu genießen und die Inspiration zuzulassen, die durch die Gebäude kommt, die Du besuchst. Fasse nichts an und bewege nichts. Es ist nichts Dein. Nimm es nicht mit nach Hause. Dazu noch: Erzwinge Dir Deinen Weg nicht. Ist das Gebäude zu – ist es zu. Es passierte nicht selten, dass ich für Stunden gereist bin, um dann festzustellen, dass es keinen Eingang gibt.

Dreh Dich dann um und geh zum nächsten Ort. Dazu solltest Du versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf Dich zu ziehen, wenn Du drinnen bist. Lass Deinen Blitz in der Tasche und sei leise. Wenn Du erwischt wirst, sei respektvoll; Du bist schließlich an einem Platz, an dem Du nicht sein solltest.

Verlassenes Gebäude

Du kannst Dir sehr einfach vorstellen, wie elegant dieser Ballsaal mal gewesen sein muss mit seiner Dekoration, dem Stuck und dieser farbenfrohen Decke. Doch er steht kurz vor dem Zusammenbruch und ist einer von vielen, die ich auf meiner Reise gefunden habe. Die Zeit hat sich verändert und Orte wie dieser hier sind nicht mehr so populär und genutzt wie damals.

Lost Place

Es wird dunkel draußen und während die letzten Sonnenstrahlen langsam verschwinden, betrete ich den Ballsaal und mache das Foto. Dieser Saal gehört zu einem längst verlassenen Hotel. Als ich fertig war mit den Bildern, ist es zu dunkel, um es draußen weiter zu erkunden. Irgendwann komme ich zurück und erforsche den Rest!

Zukunftspläne

Gerade beginne ich die Arbeit mit Europa Nostra, dem europäischer Denkmalschutz-Verbund. Er veröffentlicht alle zwei Jahre eine Liste mit den sieben am stärksten bedrohten Gebäuden und Orten in Europa, in der Hoffnung, spannende Orte zu finden, die man retten kann. Ich bin ihr Fotograf und durfte an unterschiedliche Orte reisen, dort fotografieren und werde dies auch im nächsten Jahr tun. Es ist eine wunderbare Zusammenarbeit, es bringt meine Leidenschaft der verlassenen Orte mit der Leidenschaft, genau diese Orte zu retten, zusammen.

Zusätzlich bin ich im Prozess einer Partnerschaft mit den Gründern von Geovast3D, um wirklich detailreiche 3D-Darstellungen, -Videos und -Gerätschaften aus den 2D-Bildern, die ich aufnehme, zu kreieren. Ein Beispiel für das, was wir machen, findet man hier:

Lost Place

Eine Bowlinghalle; man muss sich vorstellen, dass dieser Raum stockfinster gewesen ist, als ich hereinkam. Ich konnte nichts sehen bis auf ein kleines Licht, das aus einem Fenster an der Decke fiel. Von außen war das Bauwerk fast komplett verwachsen; es ist so ein merkwürdiger Ort. Ein riesiges Areal, das nicht im Ansatz darauf schließen lässt, dass es hier eine Bowlinghalle mit zwei Bahnen geben könnte. Der Raum war auch noch mit einer schweren Holztür versperrt, die mir beim Verlassen auf die Finger fiel.

Die im Artikel gezeigten Orte sind alle in Deutschland aufgenommen worden. Wenn Du mich treffen möchtest, bist Du in Heerlen in den Niederlanden immer willkommen, um eine Tasse Kaffee mit mir zu trinken.

Der Artikel wurde von Samatha Evans für Euch übersetzt.

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