26. April 2018 Lesezeit: ~4 Minuten

Abschiedsbriefe und die Rolle der Fotografie

Es gibt Arbeiten, die man wohl nie wieder vergisst. Die Serie „Siloquies and Soliloquies on Death, Life and Other Interludes“ von Edgar Martins ist so eine. Sie bewegt durch ihre Ruhe und unaufdringliche Art bei einem Thema, das kontroverser und schwieriger nicht sein könnte: Suizid.

Als die Serie bei den Sony World Photography Awards vorgestellt wurde, erkannte ich auf dem Bildschirm zunächst nur einen Lichtstreifen. Man musste genau hinsehen, um zu verstehen. Die Bilder zeigen Briefe, die seitlich vom Licht angestrahlt werden. Abschiedsbriefe von Menschen, die beschlossen hatten, sich das Leben zu nehmen.

Brief von der SeiteBrief von der Seite

Für den Bruchteil einer Sekunde versucht man, etwas auf den Briefen zu erkennen, doch die Texte verschwinden in Schatten und man weiß schon bevor man dieses unmögliche Unterfangen beginnt, dass man es auch gar nicht wissen will. Die Briefe sind so, wie Edgar Martins sie abgebildet hat, genau richtig und erzählen genug.

Da sind Briefe auf liniertem Papier, die akkurat und überlegt zusammengefaltet wurden. Andere scheinen in Wut und Verzweiflung zusammengeknüllt worden zu sein. Jeder für sich erzählt eine Geschichte, die so sensibel und respektvoll wie nur möglich von Edgar Martins gezeigt wird.

Brief von der SeiteBrief von der Seite

Die Fotos entstanden mit hochauflösenden medizinischen Scannern, mit denen sonst Körper gescannt werden. Erste Versuche mit der Kamera zeigten immer zu viel der Briefe und wirkten zu flach. Erst nach einiger Zeit des Experimentierens fand Edgar Martins mit den Scannern die passende Technik.

Es geht ihm jedoch gar nicht so sehr um die Briefe selbst, als darum, wie die Fotografie mit der Forensik umgeht. Es geht darum, die Widersprüche und Probleme zu hinterfragen, die mit dem Konzept, der Definition und der Darstellung des Todes verbunden sind. Die Fotografie spielt eine zentrale Rolle bei der Darstellung des Todes und bei der Vermittlung unserer Beziehung zum Tod.

Eine Hand sticht etwas in ein Tuch

Edgar Martins kritisiert in seinem Werk die Unfähigkeit der Medien, sich mit diesem Problem jenseits der Verherrlichung des Grauens und des Bizarren zu befassen, was am Ende dazu führt, dass uns ein wichtiger Teilbezug zum Thema abhandenkommt und dadurch unsere Wahrnehmung selbst verändert wird. Das Projekt versucht, unsere Beziehung zum Tod, insbesondere zum gewaltsamen Tod wie dem Suizid, und die Rolle der Fotografie in diesem Prozess zu verstehen.

Die Briefe sind daher nur ein kleiner Teil einer großen umfassenden Arbeit zum Thema. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Rechtsmedizin und Forensische Wissenschaften in Portugal. Edgar Martins erhielt Zugang zu bisher nicht sichtbarem Archivmaterial wie historischen Fotografien, vertraulichen Krankenakten, Krimi- und Suizid-Szenenbeweisen. Es war wichtig für ihn, die komplette Geschichte zu kennen, um sie in den Fotos aufzuarbeiten.

anonymisiertes Familienportrait

Zuviel verraten möchte er nicht, erklärt aber ein Familienbild mit gelben Rechtecken über den Gesichtern, damit wir verstehen, wie er arbeitet: Ein Familienmitglied hinterließ nach dem Suizid nur drei Wörter auf einem Post-it. Die gelben Rechtecke symbolisieren diese Notiz, die so unpersönlich scheint. Die Anonymisierung der Personen durch die Post-its wirft Fragen auf und zeigt die Hilflosigkeit der Hinterbliebenen.

Die Teilarbeit der Briefe gewann bei den Sony World Photography Awards in der Kategorie Still Life den ersten Platz. Interessant ist zudem, dass Edgar mit einer weiteren völlig anderen Serie namens „The Poetic Impossibility of Managing the Machine“ in der Kategorie Architecture den zweiten Platz erreichte. Dies spricht für seine einzigartige Sichtweise und hohe fotografische Qualität.

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