19. März 2018 Lesezeit: ~4 Minuten

Neustart. Alles auf null.

Vor etwa einem Jahr habe ich alle, wirklich alle Bilder, die ich bis dahin gemacht hatte, aus meinem Portfolio geworfen. Ich hatte ein eigenes kleines Fotostudio, in dem ich Familien-, Schwangeren-, Bewerbungsfotos und Portraits gemacht habe. Es lief nicht schlecht, die Kundschaft kam und war zufrieden – aber ich war es nicht.

Ich habe den klassischen Umweg zur Fotografie genommen: Wie so viele habe ich keine Ausbildung absolviert, aber etwas mit Medien studiert, danach ein Praktikum und Fotoassistenzen gemacht, in anderen Studios gearbeitet und auch mal für einen Onlineshop Produkte fotografiert. Was ich dabei gelernt hatte, war für mich die folgende Kette: Familienfotos = Studio = Blitzen = viiiiel Photoshop.

Familienportrait

Studiofoto aus dem alten Portfolio

Familienportrait

Familienportrait aus dem neuen Portfolio

Das hat mir anfangs auch alles Spaß gemacht, es war neu und aufregend. Und aufgrund der Tatsache, dass ich nichts anderes kannte, mich nicht mit anderen Fotograf*innen vernetzte und mich nicht umschaute, dachte ich: So muss das sein. Was mir allerdings schon damals nicht gefallen hat, war, die Kinder während der Fotosessions im Studio einzuschränken. Zwar habe ich versucht, eine „natürliche“ Atmosphäre zu schaffen, aber das ist mit Blitzlichtgewitter auf einer weißen, eingeschränkten Fläche eben nur bedingt möglich. Irgendetwas fehlte mir.

Ich machte aber weiter und baute mir ein Portfolio mit meinen Studiobildern auf. Die Konsequenz war, dass ich mehr und mehr Kundschaft bekam, die genau diese Bilder wollte und so musste ich mehr und mehr Bilder bearbeiten. Für mich gehörte zur Studiofotografie die absolute Kontrolle. Kontrolle über das Licht, über die Kleidung, einfach über alles – und was nicht im Vorhinein perfektioniert werden konnte, versuchte ich, später mit Photoshop auszugleichen.

Familienportrait

Gruppenportrait aus dem alten Portfolio

Kindergruppen-Portrait

Gruppenportrait aus dem neuen Portfolio

Nach dem ersten Weihnachtsgeschäft im eigenen Studio folgte für mich dann eine Phase des Nachdenkens. Ich war frustriert. Frustriert über die viele Nachbearbeitung und über meine Kundschaft, die natürlich nur das wollte, was ich gezeigt hatte: glattgebügelte Bilder. Am meisten frustriert war ich aber über mich selbst und meine Bilder.

Viele davon finde ich zwar auch heute noch schön, aber letztendlich berühren sie mich nicht. Warum? Mir fehlt die Echtheit der Bilder. Der Moment, das Gefühl, Emotionen und die Natürlichkeit. Das sind Dinge, die mich an Fotografien packen und nicht mehr loslassen – egal ob eine Haarsträhne absteht, egal ob das T-Shirt schief sitzt.

Ich begann endlich, mich weiterzubilden, nach rechts und links zu schauen und entdeckte durch Podcasts, ein Coaching und durch das Vernetzen mit vielen tollen Fotograf*innen, was alles möglich ist und fragte mich: Was will ich eigentlich mit meinen Bildern erreichen?

Babyportrait

Studioportrait aus dem alten Portfolio

Babyportrait

Babyportrait aus dem neuen Portfolio

Ich will zurück zum Moment. Das Fotografieren zählt; nicht die Retusche, nicht die Perfektion – sondern das Gefühl. Ich möchte mit meinen Bildern die Erinnerung an dieses Gefühl bewahren. Das Bild soll den Augenblick wiederbringen, noch einmal erlebbar machen und nicht der Versuch sein, eine idealisierte Variante zu kreieren. Ich verstehe, warum Menschen dieses „perfekte“ in die Kamera lächelnde Familienfoto haben wollen – aber mich persönlich berührt es einfach nicht.

Also habe ich mein eigenes Studio aufgegeben und beschlossen, ausschließlich zu den Familien nach Hause zu fahren oder sie draußen zu treffen. Ich habe alle, wirklich alle Bilder aus meinem Portfolio geworfen – sowohl die Familienbilder als auch die Hochzeitsfotos. Ich wollte keine halben Sachen machen und habe durch Konsequenz und Konsistenz in relativ kurzer Zeit zu mir selbst gefunden und öffne Photoshop nur noch in seltenen Fällen.

Babyportrait

Studioportrait aus dem alten Portfolio

Mutter und Kind

Familienportrait aus dem neuen Portfolio

Heute konzentriere ich mich auf die zwei Bereiche, die mir am Herzen liegen: Familien und Hochzeiten. Es war keine leichte Entscheidung, aber sie hat sich gelohnt.

Ich zeige nun ausschließlich, was mir gefällt und was ich fotografieren möchte, nicht das, von dem ich denke, dass es den meisten gefällt. Ich habe dadurch großartige Kundschaft gewonnen, die bereit ist, für besondere Fotos mehr zu investieren. Familien, die genau das wollen, was ich tue; die meine Bilder verstehen und mich gerade wegen der Natürlichkeit der Bilder buchen und nicht wegen der Perfektion.

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23 Kommentare

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  1. Das ist schön :)
    Ich bin auch keine Freundin von gestellten Studiobildern und freue mich total zu lesen, dass du mit etwas Mut und viel Interesse zu dem finden konntest, was dich erfüllt und damit von dem gewichen bist, was längst Vergangenenheit sein sollte. So tolle Bilder zauberst du!

  2. OK, ich verstehe den Wechsel in der Bildsprache – war richtig und erfolgreich, doch dieser bedingte nicht unbedingt das Studio aufzugeben.
    Bei mir bekommen die Babys auch keine Schleifchen ins Haar, weil ich das unpassend finde. Ich bin mit ganzer Leidenschaft Studiofotografin eben wg. der Konrolle des Lichtes. Den fotografieren heißt eben mit Licht umgehen können.
    Emotionen, echte Emotionen gehören in ein Portrait, doch das ist auch in der ruhigen Atmosphäre eines Studios möglich.
    Ich mag diese Verteuflung der “gekünzelten” Studiofotografie nicht und das hohe Lied auf Tageslicht.
    Die Bildsprache, für die du dich entschieden hast , kanns sowohl im Studio als auch on Location umgesetzt werden. Das du dich für diese Bildsprache entschieden hats ist absolt richtig – geht Deinen weg einfach weiter!!!

    • danke für deinen Kommentar! Ich sehe das auch so, dass Studio nicht automatisch unnatürlich und überarbeitet heißt (ich hoffe das ist nicht so rüber gekommen). Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt Studiofotografie aber hauptsächlich so kennengelernt.

      Du hast vollkommen recht – es geht natürlich viel mehr um die Bildsprache als um das Setting. Mir persönlich fällt es aber leichter dies außerhalb des Studios zu erreichen, aber das eine schließt das andere ja nicht aus.

  3. was macht die ex-kundschaft? sich quasi überzeugen lassen oder abwandern?

    (als kinder (70/80er-Jahre) waren wir jährlich im fotostudio, weil meine mutter mit der fotografin befreundet war. deren ergebnisse waren eher so wie deine neufotos, aber trotzdem studio. da konnte man auch nix mit photoshop machen und um da viel in der dunkelkammer “rumzutricksen”, dazu war die fotografin “zu faul” – auch im nachhinein finde ich einige der früheren bilder ganz schön, manche nicht so)

    • das ist tatsächlich sehr unterschiedlich! Einige haben meine Entwicklung tatsächlich schon mehrere Jahre begleitet und buchen mich immer wieder – das ist für mich natürlich besonders schön.

      Andere haben sich nicht überzeugen lassen, was zum einen eine Geschmacksfrage, zum Anderen aber auch einfach eine Preisfrage ist denke ich.

  4. Genau auf diese Weise arbeite ich schon lange , Gefühl war mir schon immer wichtiger als Perfektionismus und das sieht man den Bildern an .
    Du hast das richtige getan !

  5. Baby- und Hochzeitsphotografie ist Dienstleistung, schön wenn Dir Deine neue Art zu photographieren mehr oder zumindest ebensolchen Erfolg bei den Kunden beschert. Es liegt aber nicht am Studio und dem Licht sondern an dem verändertem Blick und der Motivwahl, das geht aber auch mit besserem Licht.

  6. Hallo, toller Artikel, gefällt mir.
    Bei mir war es ehr umgekehrt. Ich habe versucht den anderen Fotografen nachzuahmen, jedes Foto mit Photoshop bis aufs perfekte auszuarbeiten. War einfach nicht meins.
    Letztes Jahr habe ich auch alles auf Null gesetzt, meine Selbstständigkeit aufgegeben und jetzt fotografiere ich nur noch was mir Spaß macht.
    Gruß Frank

  7. Interessanter Artikel. Aber meiner Meinung nach ist es keine Merkmal von Authentizität, dass die Bilder flau und unterbelichtet sind. So etwas kann man rasch (und konnte man schon immer) korrigieren ohne an Unmittelbarkeit einzubüssen, im Gegenteil.