Eine Birne in einer braunen Flüssigkeitspfütze auf einem hellen Untergrund.
15. Februar 2018 Lesezeit: ~4 Minuten

Stille und ständige Bewegung: meine Stillleben

Kann ein „Ding an sich“ existieren? Und: Was ist ein „Objekt“? Das sind die Fragen, die meiner Arbeit an den Stillleben zugrunde liegen. In meinen Stillleben gehe ich forschend der Annahme der Absolutheit des Dinges nach und stelle diese Abgeschlossenheit infrage, indem ich die Beziehung zwischen den Dingen und der Welt befrage, zu der auch ich, als Fotograf und als Betrachter, gehöre.

Diese Art der Forschung bedeutet nicht, dass ich im Voraus ein festes Konzept habe, das ich verfolge, sondern dass ich durch mein „In-der-Welt-Sein“ hindurch auf einen Gedanken und auf ein Bild treffe und so aus dem Augenblick der Wahrnehmung ein Bild entsteht.

Ich arbeite immer am selben Ort, mit derselben Tischplatte, das Licht kommt durch das Fenster, es ist das natürliche Licht, das in seinen Reflexionen elementarer Teil des Bildes ist. Es ist somit nicht der Apfel im Zusammenspiel mit dem Faden, nicht die Birne, der Granatapfel oder die mit Wasser gefüllte Schale, die hier als Symbole, Ersatzobjekte oder als platonisches beschreibendes Beispiel der Wahrheit, der Idee abgebildet gezeigt werden.

Ein Teller mit angeschlagener Kante, gefüllt mit Wasser auf einem hellen Untergrund.

Viel mehr verschwimmen Hintergrund und Objekt und die Absolutheit des abgebildeten Objekts wird aufgehoben. Das Objekt zeigt sich also in der Bezogenheit, im Eingebunden-Sein in die Welt. Es zeigt sich so als nie ohne seine Verortung und seine Beziehung, nie ohne den Moment bestehend und immer erst in Abhängigkeit be- und entstehend.

Das fotografierte Bild ist somit kein Dokument, das einen konkreten vergangenen Moment festhält. Die abgebildeten Gegenstände entziehen sich dem Dokumentarischen; die dem Medium Fotografie geschuldeten Verweise verlaufen im Leeren. Sie sind als mögliche Referenzen auf ein konkret Gewesenes oder als Symbole bedeutungsleer. Das Ding zeigt sich als immer Bewegtes, als Teil der es umgebenden Welt, in fortwährend und immer augenblicklich entstehender Beziehung.

Ein halber Granatapfel auf hellem Untergrund in einer Wasserpfütze.Eine aufgebrochene Eierschale auf einem hellen Untergrund.

Seit gut zwei Jahren arbeite ich an den Stillleben, an dieser Serie, die als einzelne Bilder entstehen und verstanden werden müssen, da sie nicht in einem festen Zusammenhang konzipiert werden. Auch stelle ich sie immer wieder unterschiedlich zusammen, einerseits untereinander oder aber auch im Kontext anderer Arbeiten, beispielsweise als Teil meines Fotobuchs „Durch die Tür“ (2016) oder im Ausstellungskontext mit Arbeiten meiner Landschaftsbilder – einer Serie, an der ich parallel ebenfalls seit gut zwei Jahren arbeite und deren Fragestellung des Bezugs zur und der Verortung in der Welt eng mit den Stillleben verbunden ist.

Eine Graslandschaft in gelb und grün mit jungem und altem Gras.

Ich arbeite hauptsächlich analog, mit einer Pentax Mittelformatkamera (6×7). Ich betone dies, da es auf die Art, wie ich fotografiere, Einfluss hat: Denn ich mache nahezu immer jeweils nur ein einziges Bild. Die augenblickliche Kontrolle und das Wiederholen sind so nicht möglich und der Vorgang des Fotografierens ist damit ein langsamer. Es ist ein Vorgang, dem das Schauen, das Aufbauen einer Beziehung zwischen mir, dem Gegenstand und dem Ort in der vergehenden Zeit vorausgeht. Erst, wenn diese Beziehung besteht, betätige ich den Auslöser.

Eine Birne in einer braunen Flüssigkeitspfütze auf einem hellen Untergrund. Eine Graslandschaft in gelb und grün mit jungem und altem Gras.

Die Stillleben sind kein abgeschlossenes Projekt, sondern Teil meiner andauernden Beschäftigung mit dem „Objekt“, mit der Bedeutung des „Dings“ und der Frage, wie die Fotografie und der Fotograf zum Objekt stehen. Eine Frage, die auch mit meinem Erlernen der deutschen Sprache zusammenhängt, seit ich vor knapp fünf Jahren nach Deutschland kam: Denn die Bedeutung des Objekts unterscheidet sich sprachlich im Deutschen und Chinesischen sehr.

Ein Alpe mit einer Schnur daran der auf einer hellen Fläche liegt.

Im Chinesischen ist das grammatikalische Objekt (binyu宾语) völlig verschieden vom Objekt verstanden als „Gegenstand“ (wu物). Auch die Begriffe für das philosophische Objekt (keti客體) und das künstlerische Objekt bzw. die Skulptur (diaosu雕塑) sind völlig verschieden und stehen nicht wie im Deutschen in gedanklicher Nähe zueinander. Meine Arbeit fragt somit auch, wie sich dieses Sprachliche auf die Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit einem Gegenüber auswirkt und wie ich, als nun zwischen beiden Sprachen und somit Denkweisen stehend, den Dingen begegne.

„Was ist ein Ding, ein Objekt?“, fragte ich eingangs. Eine Antwort kann und will dieser Text nicht geben – ebenso wie meine Arbeiten, die Stillleben, dies kaum beantworten wollen. Doch sehe ich genau in diesem Nicht-Beantworten einen Weg, auf dem meine künstlerische Arbeit weitergehen wird: im ständigen Befragen des mich Umgebenden, im Befragen, dessen, was selbstverständlich scheint.

Dieser Text wurde von Lidong Zhao und Lisa Bauer-Zhao gemeinsam geschrieben.

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8 Kommentare

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  1. ein sehr philosophischer zugang zur welt, wenn man so will auch ein phänomenologischer. interessant ist dabei, dass hier tatsächlich durch die sinnliche abbildung des sinnlich erfassbaren auch eine wichtige grundbedingung des „westens“ thematisiert wird: die subjekt-objekt-beziehung zur welt. ich musste bei der beschreibung deiner arbeit auch an heidegger und seinen „kunstwerk“-text denken, in welchem er sich über die betrachtung eines gemäldes von alten schuhen in das sein hineinwühlt, um so mehr über das sein zu erfahren.
    so sehe ich die obige vorgehensweise auch. die objekthaftigkeit der welt ist eine vorlage, die genutzt wird, um das kantische „das ding an sich“ zu zeigen, nicht zu erklären. das ist gut.

  2. Falls du in fünf Jahren so gut Deutsch gelernt hast, dann schon mal „Hut ab“.

    Deine Worte, die Philosophisches und Linguistisches bedenken, lese ich genau so gern wie ich die Fotos betrachte.

    Die Frage, „wie sich das Sprachliche auf die Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit einem Gegenüber auswirkt“, kann man schon stellen, wenn man zwischen deutschen Texten einerseits und englischen oder spanischen andererseits wechselt. Erst recht muss das eine hochinteressante Erfahrung sein, wenn die Sprache so komplett anders ist als unsere.

    • Andreas V. schreibt, weiter unten:
      „Wenn eine Autor oder Künstler auf eine selbst gestellte Frage keine Antwort geben kann und will ( ? ! )….dann ist das aus meiner Sicht wenig philosophisch….“

      Wenn man auf komlexe oder komplizierte Fragen schnelle Antworten findet, DAS ist dann wenig philosphisch.

      Der Autor schrieb im Text:
      „… einen Weg, auf dem meine künstlerische Arbeit weitergehen wird: im ständigen Befragen des mich Umgebenden, im Befragen, dessen, was selbstverständlich scheint.“
      „Eine Antwort kann und will dieser Text nicht geben …“

      Philosophie als Wissenschaft ist ein ständiges, andauerndes Befragen, das nicht aufhört zu Suchen, und es liefert immer kleine Zwischenergebnisse, Annäherungen, aber nie „EINE ANTWORT“.

      Das ist wie der Unterschied zwischen Religion und Theologie: Religion liefert eine Antwort. Theologie (als Wissenschaft) sucht und sucht und sucht und fragt und fragt und fragt, erzielt damit eine Menge an Zwischenergebnissen, aber nie EINE ANTWORT, die lauten könnte „Das Ergebnis ist Gott“ oder „Dies ist die Antwort. Weitere Fragen sind tabu.“

      • lieber Jürgen, vielen dank für deine nochmalige antithese zu andreas v. in der sache richtig und notwendig.
        vielleicht gibt es ja eine synthese. nicht der text kann und will antwort geben, aber doch seine fotos. und das finde ich ja gerade das interessante. über die phänomenologische herangehensweise die fotos sprechen lassen …

  3. Wenn eine Autor oder Künstler auf eine selbst gestellte Frage keine Antwort geben kann und will ( ? ! )….dann ist das aus meiner Sicht wenig philosophisch….
    DIe Römer wollten bei fehlenden Kräften doch wenigstens den Willen loben. Dahinter sollten wir nach gut 2000 Jahren nicht zurückbleiben.
    Die Fotos aber stört das alles nicht.
    Freundliche Grüße
    Andreas

  4. hello……
    …….als promovierter philosph suche ich entlang des textes nach den topoi, denen der künstler offenbar folgt bzw. folgen möchte.
    die von ihm forcierte art von lichtbild scheint eine art dekonstruktivismus zu sein, der im minimum der form das archetypische maximum sucht.
    mir gefällt dieser zugang.
    gottlob aber de gustibus disputandum.
    servus,
    werner aus der hochsteiermark