01. Februar 2018 Lesezeit: ~4 Minuten

Buchtipp: Unfamiliar Familiarities

Zwischen Bergpanoramen, Schokolade und Jodelgesang – irgendwo da findet sich die Schweiz wieder, wenn man den Klischees Glauben schenken mag. Klischees, die seit Jahrhunderten bestehen und somit nicht nur Teil der Landeswerbung wurden, sondern sich auch in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben.

Um zu beweisen, dass das Land mehr zu bieten hat als ländliche Idylle, ließ sich die nationale Tourismusmarketing-Organisation Schweiz Tourismus auf ein Experiment ein. In Zusammenarbeit mit der Fotostiftung Schweiz (Winterthur) und dem Museé de l’Elysée (Lausanne) wurde das Projekt „ Unfamiliar Familiarities: Outside Views on Switzerland“ auf die Beine gestellt.

Menschen auf einem Felsen

Menschen auf einer Aussichtsplattform

© Simon Roberts

Hierfür wurden fünf international renommierte Fotograf*innen eingeladen, die Schweiz unabhängig, subjektiv sowie sensibel zu erkunden und fotografisch zu entdecken. Die Zielsetzung war es, fünf möglichst individuelle Reiseberichte zu kreieren, die das Vertraute aus einer neuen Perspektive zeigen sollen. Mit ihrer Arbeit schufen die beteiligten Fotograf*innen Shane Lavalette (US), Simon Roberts (GB), Alinka Echeverría (MX/GB), Zhang Xiao (CN) und Eva Leitolf (DE) fünf Sichtweisen auf das Land, die verschiedener nicht sein könnten.

Den Anfang des Buches macht eine detaillierte Beschreibung des Projekts, der Künstler*innen und ihrer Zielsetzung gegenüber dem Projekt, denn so individuell wie sie sind, erscheinen auch die Arbeiten.

Mann mit PfeifeKahler Baum

© Shane Lavalette

„Unfamiliar Familiarities“ setzt sich aus jeweils einem Booklet pro Künstler*in zusammen, das an das jeweilige Thema gestalterisch angepasst wurde. Somit heben sich nicht nur die Herangehensweisen, sondern auch die Darstellungen der Ergebnisse voneinander ab. Vom klassischen Booklet bis hin zu einer Art aufklappbarem Portfolio werden die einzelnen Arbeiten in einer passenden Aufmachung präsentiert.

Eine zentrale Rolle innerhalb der Umsetzungen spielen Menschen, die die Stimmung und Repräsentation des Landes selbst vermitteln. So besuchte Shane Lavalette dieselben zwölf Gemeinden, die vor ihm auch der Schweizer Fotograf Theo Frey aufsuchte und für die Landesaustellung 1939 portraitierte. Simon Roberts hingegen bindet Menschen ein, um eine Beziehung zur Landschaft herzustellen. Dafür beobachtete er Urlaubsgäste von Aussichtsplattformen und hielt ihre Verhaltensweisen fest.


Eine Gruppe Menschen sitzt an einem Steinufer

© Alinka Echeverria

Alinka Echeverría widmet sich in ihrem Werk wiederum Zufallsbekanntschaften. Jungen Menschen, die an einem kritischen Punkt ihres Lebens stehen und den Lebensbedingungen ausgesetzt sind, die ihr Land ihnen bietet. Im Gegensatz – oder viel mehr in Ergänzung dazu – nehmen Zhang Xiaos und Eva Leitolfs Bilder mit auf eine Reise durch die Landschaft der Schweiz. Während Zhang Xiaos Reise entlang des Rheins verlief, tastete sich Eva Leitolf entlang der Grenzen durch das Land und hinterfragte dabei deren Funktionsweise.

Durch diese unterschiedlichen Blickwinkel eröffnen sich Szenen, die zum Nachdenken anregen, zum Schmunzeln bringen und ganz nebenbei einen authentischen Einblick in das alltägliche Leben der Schweiz geben – abseits von gestellten Werbefotos.

Nebel über Dächern

© Eva Leitolf

Straße vor einem Haus

Da ich selbst noch nie in der Schweiz war, war meine einzige Verbindung, die ich bis zu diesem Zeitpunkt mit dem Land hatte, ein Plüsch-Bernhardiner mit Schnapsfass, den mir Freunde als Souvenir mitgebracht hatten. Gerade deswegen fand ich das Projekt so interessant und war gespannt, inwiefern die verschiedenen Arbeiten meine Vorstellung beeinflussen würden, die, seien wir ehrlich, hauptsächlich von Bergen und Alphörnern geprägt war.

Schlussendlich haben mich besonders die Umsetzungen von Shane Lavalette und Simon Roberts überzeugt, da hier das Gesamtwerk aus Idee, fotografischer und gestalterischer Umsetzung im Booklet selbst am faszinierendsten auf mich wirkt. Aber auch die drei übrigen Künstler*innen haben dazu beigetragen, dass ich mir ein besseres Bild darüber machen konnte, inwieweit Realität und Vorstellung beieinander liegen. Trotz der Tatsache, dass sich jede*r der fünf einer anderen Facette bedient hat, erscheint trotzdem jedes Foto ein Teil der Schweiz zu sein und somit seine Vielseitigkeit zu repräsentieren.

Spielfiguren am Rande eines Spielfeldes

Eine Gruppe Menschen fotografiert sich selbst vor einer Landschaft

© Zhang Xiao

Wer nun also gern hinter die Fassade eines so klischeebehafteten Landes blicken möchte, Freude an fotografischen Experimenten hat oder einfach seine eigenen Eindrücke des Landes überholen möchte, wird sicher Freude an diesem Buch haben. Durch die unterschiedlichen Themen ist „Unfamiliar Familiarities“ in keine bestimmte Kategorie einzuordnen und als Gesamtwerk zu betrachten.

„Unfamiliar Familiarities: Outside Views on Switzerland“ ist im Verlag Lars Müller erschienen und für 40 € erhältlich. Das Werk umfasst 200 Bilder verteilt auf sechs Booklets mit dazu passendem Schuber. Das Infomaterial ist dreisprachig auf Deutsch, Englisch und Französisch verfasst.

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5 Kommentare

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  1. Ich war noch nie in der Schweiz und will da auch nicht hin, aber ich bin mir sicher, dass es sogar in der niedlichen kitschigen Schweiz sowas wie “urbanes Leben” gibt:
    Autos im Stau. Fußballfans. Drogentote. Shopping Malls. Krankenhäuser. Demonstrationen. Baustellen und Umleitungen. Polizeikontrollen. Verkehrsampeln. Bettler und Straßenmusiker. Pommes- oder Dönerbuden. Prostituierte. Warteschlangen beim Behördengang. Friedhöfe. Flughäfen. Kfz-Werkstätten. Coffee Shops und Eisdielen und Ein-Franken-Shops und Tattoostudios. Wetten dass?
    Interessant, dass fünf Fotografen aus unterschiedlichen Ländern allesamt vor allem Berg-, See- und Flusslandschaften zeigen, und dazu einen pfeiferauchenden Opi. Das erinnert mich an La Habana, da zeigt man ja auch immer zigarrerauchende gitarrespielende Opas. Oder an Nepal, da knipst man dann eine Omi mit einem Joint.
    Schade, dass wir Fotografen fast alle so ideenlos sind.
    (Ich nehme mich da auch nicht aus, ich habe sicher auch solche Barrieren im Kopf und sehe sie selber nicht.)

  2. Hm … dadurch, dass die Arbeiten ›abseits gestellte[r] Werbefotos‹ stehen (wollen), sind sie doch auch nur ›gestellt‹, nur bedienen sie nicht das, was man erwartet hat. Sie dienen nicht unbedingt der Tourismusbranche, sehr wohl aber ihren jeweiligen Urhebern und dem Verlag …
    Ich selbst war auch noch nie in der Schweiz (zwei Tage Zürich gelten da nicht – ja!, warum eigentlich nicht? Weil es mein Klischee nicht bestätigte!?), aber es ist gerade das vermeintliche Klischee, das mich anzieht: die Berglandschaft. Ja, ich mag die Berge, aber dort werde ich vermutlich auch keinem ›Bernhardiner mit Schnappsfass‹ begegnen, höchstens und vermutlich als käufliche Folklore made in Wo-auch-immer – auch werde ich gewiss nicht über ein Alphorn stolpern, da das Hineinstopfen des Matterhorns in Schokoladenform meine Wahrnehmung beeinträchtigt. Ja, die Berge sind schön. Wer in den Bergen gewesen ist, weiß aber auch, dass die Berge alles andere als ein Sehnsuchtsort sein können.
    Ich finde einige diese Bilder ›interessant‹, technisch jedoch blass; überraschend sind sie inhaltlich nicht: wer auf Reisen geht, sieht es vermutlich ähnlich. – Die Menschen aus der Schweiz, den ich Wo-auch-immer begegnet bin, waren nie anders als Andere.

    Welches Land auf diesem Planeten ist nicht ›klischeebehaftet‹!? Klischee? Was ist das? Der kleinste gemeinsamer (ausbuchstabierbare) Nenner einer Größe, für die die eigene Geisteskraft vielleicht zu klein ist!? Nur ein einfaches saloppes Kommunikationsmittel!?