19. Januar 2017 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Rezension: Leben nach dem Überleben

In den kommenden Wochen und Monaten jähren sich die Befreiungen der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager bereits zum 72. Mal. Zu den Veranstaltungen kamen in den vergangenen Jahren nur noch wenige Überlebende: Viele sind gestorben, viele zu alt zum Reisen. Dennoch gibt es weltweit Tausende Holocaustüberlebende. Und: Es gibt ihre Familien.

1987 wurde in Israel die jüdische Selbsthilfeorganisation Amcha gegründet. Amcha bietet Holocaustüberlebenden und ihren Nachkommen psychosoziale Hilfe an. Mehr als 16.000 Menschen nehmen jedes Jahr dieses Angebot von Amcha in Israel in Anspruch. Amcha steht im hebräischen für „dein Volk“. Die Holocaustüberlebende Ruth Malin erklärt die Bedeutung des Begriffes für die Überlebenden im direkten Nachkriegskontext folgendermaßen:

Die anderen Überlebenden wollten wissen, ob ich zu ihnen gehöre. Und sie sagten: „amcha“. Und ich sagte: „amcha“. Und wir haben uns erkannt. „amcha“ bedeutet, du bist von meinem Volk. (S. 112)

Foto eines offenen Buches

So lange die Erlebnisse der Überlebenden bereits zurückliegen, so stark sind sie und ihre Familien nach wie vor davon geprägt. Lukas Welz, Vorsitzender von Amcha Deutschland, beschreibt eben jenen Umstand als Ausgangspunkt für die Konzeption einer Fotoausstellung:

Wir merken immer wieder, dass das Thema Holocaust und die Spätfolgen des Holocaust, also insbesondere psychische Folgen, in der Breite der Gesellschaft nicht verstanden werden. Und um dieses Wissen zu vertiefen, um das Verständnis zu erweitern, welche Folgen das sind, und auch dass es noch Überlebende gibt, dass also die Hilfe für Überlebende des Holocaust, aber auch ihre Familien in Israel, aber weltweit, eine Gegenwartsfrage ist, das war eigentlich Ausgangspunkt für die Überlegungen, eine Ausstellung zu konzipieren.

Für die Ausstellung konnte die renommierte Fotografin Helena Schätzle gewonnen werden. Sie reiste insgesamt fünf Mal nach Israel und begleitete dort rund sechs Monate lang Holocaustüberlebende und ihre Familien mit der Kamera. Entstanden ist die Ausstellung „Leben nach dem Überleben. Überlebende des Holocaust und ihre Familien in Israel“, die bereits im Januar 2016 in Berlin eröffnet wurde.

Seit Ende 2016 liegt nun der dazugehörige Ausstellungskatalog vor. Auf rund 400 Seiten fasst er sowohl die von Schätzle angefertigten Bilder als auch zahlreiche Zitate zu unterschiedlichen Lebensabschnitten der Überlebenden und ihren Familien zusammen. Am Ende des Bandes finden sich schließlich die Biografien der zuvor zitierten Verfolgten und ihren Familienangehörigen, ein Künstleressay der Fotografin als auch ein Gespräch verschiedener Amcha-Verantwortlicher über ihre Arbeit und die Traumata der Überlebenden.

Buchansicht

Die Herausgeber haben sich dazu entschieden, den Band dreisprachig zu veröffentlichen. So finden sich alle Texte sowohl in Deutsch und Englisch als auch in Hebräisch wieder. Die Struktur des Bandes folgt in erster Linie den ausgewählten Zitaten und den damit verknüpften Stationen der Überlebenden: Erfahrungen der Ausgrenzung und Verfolgung, der Rettung und Befreiung, des Aufbaus eines neuen Lebens und die Bedeutung des Erlebten für die nachfolgenden Generationen. Schlaglichtartig werden so zentrale Aspekte des Überlebens beleuchtet und somit auch der Weg aus den Lagern zurück in ein freies Leben.

… durch die Fotografie zu zeigen, dass der Schrecken, den sie erlebt haben, dass der Auswirkungen hat auf das Jetzt …

Offene Buchseite

Die Bilder des Fotobandes zeigen eine enorme Bandbreite an Momenten auf, die Helena Schätzle während ihrer verschiedenen Aufenthalte in Israel dokumentieren konnte. Sie reichen von Landschaftsaufnahmen Israels über religiöse Traditionen bis hin zu tiefer familiärer Freude und Momenten der Einsamkeit und des Insichgekehrtseins. Damit gelingt ihr nicht nur eine sehr komplexe Darstellung des Lebens der Familien, sondern auch, eine große Nähe zwischen Fotografin und Fotografierten zu vermitteln. Eben jene Nähe, jenes Vertrauen, ist für Schätzle auch die Basis der entstandenen Arbeit:

Es war mir sehr wichtig, dass vor Beginn der eigentlichen Arbeit Vertrauen besteht zwischen mir und den Überlebenden. Dass nicht nur ich die Geschichte der Überlebenden kenne, sondern auch sie mich mit meiner Geschichte, einschließlich Familiengeschichte.

Nicht erwartet hätte ich, dass sich so nahe Verbindungen aufbauen, wie es geschehen ist. […] Nur durch diese Nähe und engen Verbindungen zwischen mir und den Überlebenden war es mir möglich, solch intime Bilder ihres Lebens in solch unterschiedlichen Situationen und Gefühlslagen einzufangen.

Offenes Buch

Dabei lag ihr Schwerpunkt vor allem auf der Darstellung des „Menschseins“, also jener Eigenschaft, die den Überlebenden aus Schätzles Sicht während des Holocaust abgesprochen wurde: „Menschsein in all seiner Lebendigkeit, in all seinen Facetten, den freudvollen, wie den traurigen Momenten“, beschreibt Helena Schätzle ihren Ansatz selbst.

Ein spannender und komplexer Fotoband. Vor allem die Korrespondenz zwischen den ausgewählten Zitaten der Überlebenden und den Fotografien bilden den großen Spannungsbogen des Bandes. So sehr diese ein Gesamtbild ergeben, so sehr scheinen sie auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein. Die Wirkung der Bilder und ihre Intimität werden durch die teils erschreckenden Zitate im Band gebrochen.

Offenes Buch mit Zitaten

Mit diesen Brüchen und den zahlreichen Facetten des Überlebens, welche der Band bzw. die Ausstellung zumindest ansatzweise darzustellen versuchen, wird die Komplexität sehr gut herausgearbeitet. Besonders der Fokus auf die Folgen der erfahrenen Leiden und deren Bedeutung für die Gegenwart der Überlebenden und ihre Familien macht den Band interessant. Er führt so thematisch weit über viele andere einschlägige Publikationen hinaus, die zumeist bei den Geschehnissen bis zur Befreiung verharren oder dieses zumindest fokussieren.

Informationen zum Buch

„Leben nach dem Überleben: Devoted to life“ von Helena Schätzle
Gebundene Ausgabe: 398 Seiten
Verlag: NIMBUS (1. November 2016)
Sprache: Englisch, Deutsch, Hebräisch
Größe: 20,7 x 3,2 x 27,1 cm
Neupreis: 48 €

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5 Kommentare

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  1. In Zeiten, in denen die Rechtsextremen wieder zum Mainstream werden, in denen man den Holocaust leugnet oder relativiert, in denen man “christliche Werte” wie den Weihnachtsmann und Osterhasen bewahren will, aber christliche Nächsten- oder Feindesliebe keine Konjunktur hat, ist jede Erinnerung an die schlimmen Verbrechen der Vergangenheit herzlich willkommen.

  2. Danke für diesen schönen Beitrag zu einem Thema, zu dem es kein Vergessen geben kann. Wie der Zufall es wollte habe ich mich vor kurzem mit einem Buch ähnlicher Zielrichtung beschäftigt:

    “Ein Stein auf meinem Herzen”
    vom Überleben des Holocaust und dem Weiterleben in Deutschland.

    Ein Buch von Shlomo Birnbaum und Rafael Seligmannn, gebundene Ausgabe, 176 Seiten, 1.Auflage, Herder, 2016

    Ein Buch der leisen, aber weisen Worte.
    VG, Dieter