26. September 2017 Lesezeit: ~ 12 Minuten

Hinter den Kulissen eines Fußballspiels

Fußball, genauer gesagt Bundesliga, verbindet schillernde Bildwelten mit Topstars, Helden des Sports, gar Helden des Lebens. Schon von klein auf himmeln Kinder ihre Stars an. Keine Frage, das Bild vom euphorisierenden, stets aufpolierten Massenbegeisterungsspiel bringt Freude, sieht gut aus, fasst sich gut an. Fußball ist heutzutage fest verankert im gesellschaftlichen Leben.

Auch ich bin fußballbegeisterter „Konsument“, wie man den gemeinen Fan heute bezeichnet. Ausgestattet mit einer Dauerkarte pilgere auch ich meinem Lieblingsverein von Spiel zu Spiel hinterher – daheim, auswärts (aufgrund zwei kleiner Kinder jedoch nur noch ein eher seltenes Vergnügen) und sogar europaweit. Letzteres wird wohl nicht mehr ganz so oft der Fall sein, aber wer weiß, wohin die Reise unseres oft unterschätzten Clubs aus dem Süden Deutschlands noch gehen wird.

Blick auf ein Fußballfeld

Ein Mann mit Headset

In der Vorbereitung auf die Rückrunde der Saison 2015/16 übertrug ein regionaler Fernsehsender ein Testspiel des FCA live aus Marbella, sein Gegner war der Schweizer Spitzenklub FC Basel. Meine Kumpels und ich schauten uns dieses Testspiel in unserer Stammkneipe an. Für den Sender war es eine Premiere, Live-Bilder zu produzieren.

Was es auf jeden Fall besonders machte, war die Tatsache, dass einer meiner Bekannten dieses Spiel kommentierte. Blöderweise kam es, wie es irgendwie kommen musste: Bildausfall. Rund 20 Minuten lang ging gar nichts. Hohn und Spott waren somit garantiert.

Dieser Vorfall ließ sich mir die Frage stellen, was an einem ganz normalen Spieltag hinter den Kulissen passiert. Wie groß ist wohl der Aufwand, der im eng getakteten Rhythmus der Spiele Menschen beschäftigt, die dafür Sorge tragen, dass wir vermeintliche Konsumenten mit spektakulären Bildern versorgt werden? In Echtzeit. Hochauflösend. Immer piekfein und ohne Aussetzer.

Ich wollte es genauer wissen. Am besten einmal live dabei sein, bei diesem wohl sehr hektischen, aber sicher von A bis Z gepamperten Medienzirkus. Ein Blick auf die Finger und Lippen derer Personen, die uns die Spiele mit bestem Sachverstand und teils hervorragenden Entertainer-Qualitäten nahe bringen.

Also fragte ich meinen bereits erwähnten Bekannten, seines Zeichens Radio- und Fernsehkommentator, ob er mich denn mal zu einem Bundesligaspiel in unsere Arena mitnehmen könne. In heimischer Umgebung berichtet er live für einen Augsburger Radiosender mit überregionaler Reichweite.

Pressekabine im Fußballstadion

Männer mit Headsets

Sein Job ist es primär, die Hörer*innen aus dem Stadion mit aktuellen Spielständen und -entwicklungen zu informieren. Gefragt, organisiert, getan: Nach ein paar wenigen Thekengesprächen war die Idee einer Reporter-Reportage geboren. Gedanklich das Konzept zurechtgelegt, durfte ich wenige Wochen später zum Heimspiel gegen den 1. FC Köln am 29. April 2016 mitkommen.

Ausgestattet mit meiner Nikon D7200 und verschiedenen Nikkor-Linsen (35 mm f/1.8 , 24–70 mm f/2.8 , 70–200 mm f/2.8 ) und dem Sigma-Weitwinkel 10–20 mm f/3.5 , also rundum allzweckbewaffnet, ging es für mich auf die Jagd nach neuen Perspektiven, die ich meinen Bild-Betrachter*innen und mir selbst aufzeigen wollte.

Abendspiel um 20:30 Uhr, Flutlicht, lauer Frühlingsabend, Gegner auf Augenhöhe – hervorragende Bedingungen also für einen nach Hintergrundinformationen lechzenden Fußballfan mit Fotografenambitionen.

Fußballstadion

Ein Notizbuch

Die konkrete Spielvorbereitung fand bei meinem Kumpel Tom im Laufe des Nachmittags in einem Biergarten statt. Sonne plus Radler waren wohltuende Begleiter der Recherchearbeiten im mobilen Zeitalter. Treffpunkt war anschließend um 18 Uhr am Sender. Kurzer Smalltalk mit dem Radiomoderator, schnelles Update mit einer noch anwesenden Redakteurin, Tasche mit erforderlichem Equipment packen (auch hier hat der technische Fortschritt mittlerweile dafür gesorgt, dass alles in eine Umhängetasche passt), Dienstfahrzeug abholen und los Richtung Stadion. Praktischerweise liegt der Sender am anderen Ende der Stadt, was Zeit für ablauferklärende Gespräche ließ.

Am Presseeingang angekommen, mussten wir eine Fan-ähnliche Kontrolle über uns ergehen lassen. Seit den terroristischen Anschlägen in Paris sind auch in Augsburg die Sicherheitskontrollen verschärft worden, was bedeutet, dass neben einer kurzen Leibesvisitation sogar unser komplettes Equipment kontrolliert wurde. Direkt nach den Vorkommnissen in Paris musste das Equipment sogar auf Funktionsfähigkeit vorgeführt werden. Man merkte wohl aber schnell, dass dies teils abstruse Auswüchse annahm und so wurde die Einlasssituation doch wieder etwas entspannt und beschleunigt.

Mikrofon

Bildschirm im Fußballstadion

Um 19:05 Uhr verließen wir den Aufzug im 3. Stock der Arena, die Pressetribüne war erreicht. Gelassenes Gewusel an etwa der Hälfte der vorhandenen Presseplätze. Hier mal ein freudiges „Servus“, dort mal ein emotionsloses „Grias di“. Es war ziemlich unaufgeregt da oben. 20 Minuten später waren unsere Plätze eingerichtet: Rechts Toms Platz mit Mikro, Notizbuch, Schreibutensilien und einem kleinformatigen Sendegerät, links mein Platz, ähnliches Setup, nur fotospezifisch.

Punkt 19:30 Uhr dann erstes „Warmsprechen“. Tom hat hier seine ganz eigene Technik zur Vorbereitung: Leise anfangen, dann schneller, dann lauter, wieder leiser, wieder langsamer, inhaltlich typische Kommentator*inneninhalte, wie man sie eben samstags aus den Stadien geliefert bekommt: kurz, knackig, emotional und immer mit einer angenehmen Melodie in der Stimme. Zugegeben, wenn man das Gehörte auf einmal auch zu sehen bekommt, dann wirkt es im ersten Moment doch ein wenig merkwürdig. Abgerundet wird das Einstimmen mit einer 60-sekündigen Testschaltung in den Sender.

Eine Stunde vor Spielbeginn ist nun noch genug Zeit, um das verheißungsvolle Catering zu probieren. Mit dem Aufzug geht es drei Stockwerke nach unten und über triste Flure gelangen wir in den dann doch nicht so tollen Presse-Verpflegungsbereich. Auf gefühlt 20 m² Raumgröße kommen ca. 40 Medienvertreter*innen, die sich mit erfahrungsgeprägter Miene über zwei Würstchenwarmhaltebehälter lehnen, um sich ihre wohl millionste Wurst auf den Pappteller zu legen. Noch ein wenig Tütensenf und leicht angetrocknetes Brot dazu, fertig ist das in Gänze überhaupt nicht hochwertige Pressemitarbeiter*innenessen.

Tribühne im Stadion

Notizzettel

Kurz vor Spielbeginn hat sich ein recht bekannter, gereifter Sky-Kommentator mit leichtem Bauchansatz, hoher Stirn und Oberlippenbart fix in Schale geschmissen und den Fernsehzuschauer in aller Kürze über das bevorstehende Bundesligaspiel informiert. Was genau der Inhalt war, vermag ich leider nicht wiederzugeben.

20:30 Uhr: Noch schnell wird die hochmoderne 360°-Fullview-Supercam aus dem Mittelkreis entfernt, dann: Anpfiff! Augsburger und Kölner Ultras schmettern sich die Gesänge um die Ohren. Herrlich.

20:49 Uhr: Erster Live-Kommentar für die Radiozuhörer: „Da muss mehr kommen! Ein bisher sehr zurückhaltendes Spiel, das wir hier zu sehen bekommen“ (Dauer: messerscharfe 40 Sekunden). Nun denn, anders konnte man es tatsächlich nicht zum Ausdruck bringen. Der gemeine Fan hingegen hätte sicher deutlich negativere Worte der Spielbeschreibung gefunden.

Mann mit Headset

Pyro im Stadion

Einige Live-Schalten und austauschende Wortwechsel mit den benachbarten Medienkollegen später: Halbzeit. Es waren fünf Übertragungen, die die Zuhörerschaft mit spielanalytischen, stets emotionsgeladenen Berichterstattungen vom „Homeground“ in die Radios versorgten. Mein persönliches Zwischenfazit: Trotz bisher ausbleibenden Spielhöhepunkten alles eine runde, ausgeklügelte, vor allem aber unaufgeregte Sache.

Analog dem dem Spiel vorangegangenen Geschehen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Runter in den Catering-Raum und Würstchen essen. Einziger Unterschied: Der SB-Getränkekühlschrank ist mittlerweile mit regionalem Bier gefüllt. Zwar nicht prall, aber dennoch ausreichend.

21.28 Uhr: Das Thermometer hat sich in seiner Skala den nicht mehr ganz so frühlingshaften Temperaturen angepasst. Es zieht wie Hechtsuppe, die Kälte dringt über Nacken und nicht-winterbeständige Sneakers ein. Egal, nach kurzer Anwesenheitsmeldung beim Sender ertönt der Anpfiff zur zweiten Halbzeit.

21:39 Uhr: Live-Schalte zum Sender mit Berichterstattung über einen danebengesetzten Kopfball von Ragnar Klavan. Knapp, nur wenige Zentimeter tiefer und sogar hier wären wohl (hoffentlich) alle wie gewohnt ausgeflippt. Es war auf jeden Fall höchst interessant, wie viel Mangel an Spielgeschehen sich in ein 30-Sekunden-Fenster pressen lässt – Chapeau!

Moderatoren bei einem Fußballspiel

Moderatoren bei einem Fußballspiel

21:45 Uhr: Mit minimal schadenfreudiger Stimme wird die Hörerschaft aufgeklärt, dass ein Kölner Spieler den Platz wegen einer Unsportlichkeit mit Gelb-Rot verlassen muss. Gezeichnet von einem bis dato wirklich öden Bundesligaspiel macht sich Hoffnung auf eine höhere Schlagzahl der Highlights breit. Es dauerte nur rund 10 Minuten, bis es alle aus ihren Drehstühlen hob.

Kein Tor, dafür eine äußerst strittige Elfmetersituation, bei der ein Kölner Spieler im eigenen Strafraum klar mit der Hand zum Ball ging. Selbst auf gefühlt hundert Metern Entfernung waren sich alle einig: Elfer, klare Sache, wieso zum Teufel ist der Schiri anderer Ansicht!?

Hektisch stürmen zirka zehn Medienvertreter*innen an den nächstgelegenen Platz mit Bildschirm und entsprechender Zeitlupenwiederholung. Nach einigen Sekunden erstarrter, nach vorn gebeugter Körperhaltung und schweigsamer Mine die Bestätigung: Fehlentscheidung! Skandal! Das kann es doch wirklich nicht sein! Sauerei! Und so weiter… Den Hörer*innen wird dieses Ereignis natürlich nicht vorenthalten.

Männer sehen auf einen Monitor

Notizen

Kurz vor Schluss dann eine letzte Übertragung aus dem Stadion. Inhalt: Status quo, Fazit, Ausblick, das war’s. Der einzige Unterschied zu sämtlichen vorherigen Übertragungen war, dass sie doppelt so lange dauerte, zirka eine Minute.

Unmittelbar nach dem Abpfiff machte sich Hektik breit. Das komplette Equipment wurde zurückgelassen, denn wir mussten in Windeseile in die Mixed-Zone eilen, um O-Töne der Spieler und Trainer einzufangen. Im Zeitalter der Smartphones und in mobile Mikrofone eingebaute Aufnahmegeräte wird jeder Zentimeter vor der Presseabsperrung durch dichtes Gedränge und Geschiebe sinnvoll genutzt, um den polarisierenden Personen des Geschehens so nah wie möglich zu kommen.

Männer richten Mikrofone auf eine Person

Mikrofone

First row rules! Findige Presseprofis wissen genau, wie sie sich ihren Platz an der Sonne erobern, meine knapp zwei Meter Körpergröße halfen mir hier – wie meist sonst in eher alltäglichen Rudelsituationen – rein gar nichts. Dank meines lichtstarken Teleobjektives jedoch kein Problem, es ließ sich auch von weiter weg wunderbar das Gerangel um die besten Spielanalysen einfangen.

Gegen 23 Uhr packten wir unsere Taschen, erhaschten einen Blick in des leere Rund und machten uns auf den Weg zurück in den Sender. So trostlos ein verlassenes Stadion nach 90 Minuten Dauergedröhne, intensiven Gefühlschwankungen und kalter sowie nasser Luft wirken kann, so fühlte sich auch die Umgebung des nächtlichen Sendeanstaltareals an: rien ne va plus, that’s it, Flasche leer, keine Sau mehr unterwegs.

Die abschließende Aufgabe von Tom Scharnagl bestand darin, die gesammelten Stimmen mittels eines ziemlich in die Jahre gekommenen Rechners, mit wohl noch gegossener Klimpertastatur, in die Systeme einzuspeisen und in aller Kürze ergänzende Texte für die Frühschicht vorzubereiten.

Ein Mann an einem PC

Ein Mann an einem PC

Gegen Mitternacht erreichten wir die Fußballkneipe des Vertrauens. Ein, zwei Bierchen und resümierende Worte zum Erlebten später bildeten einen perfekten Abschluss eines äußerst interessanten Ausfluges „auf die andere Seite“. Ich durfte eintauchen in die vermeintlich funkelnde Welt der Berichterstatter*innen. Vermeintlich, weil weit gefehlt. Aus meiner Sicht ist der Job kräftezehrend, anstrengend, unterkühlt. Trotz allem aber äußerst wertvoll.

Wir halten es für selbstverständlich, dass immer und zu jeder Zeit brandaktuelle Informationen parat sind. Was dies aber bedeutet, welcher immense technische wie personelle Aufwand in seiner Gesamtheit dazu gehört, hatte ich so vorher nicht geahnt.

Bei der Bildentwicklung überkam mich sofort wieder das Gefühl der Tristesse. In der Ausarbeitung habe ich, für mich folgerichtig, darauf geachtet, dass der Bild-Look eben etwas unterkühlt, düster und hart gestaltet ist. Fazit: Ich konnte meiner Herzensangelegenheit, dem Fußball, sehr nah kommen und habe tolle Sachen erlebt, die meinen Blick auf diesen ganzen Zirkus in ein neues Licht gerückt haben. Das nächste Projekt folgt sicher bald – Ideen gibt es viele.

Danke Tom, für die Möglichkeit, hinter die Kulissen blicken, sie viel mehr noch mit meiner Kamera festhalten zu dürfen. Übrigens: Die zweite Live-Übertragung eines Testspiels beim regionalen Fernsehsender lief dann auch rund, ganz ohne Bildunterbrechung. Weiter so. Uns Fußball-Fans freut’s.

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11 Kommentare

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      • Das sehe ich genauso. Aktuell sind mehr als zwei Geschlechter bekannt, warum muss das Gendern auf kwerfeldein.de immer wieder infrage gestellt werden? Die binären Rollen sind nicht die einzigen – und das darf auch sprachlich sichtbar gemacht werden.

  1. Brot und Spiele und die Journalisten sind kritiklos dabei! Schon die Kleinen himmeln ihre Ersatzgötter an! Meine nicht! Ein braver, unkritischer Artikel zu einem Sport bei dem Spieler, nicht die Spielerinnen aus ärmeren Regionen oft mehr verdienen als ganze Stadtviertel. Aber Hauptsache die * fehlen nicht!

  2. Ein toller Artikel – informativ und gut gechrieben. Und wieder einmal die Erkenntnis, dass ein Blick hinter die Kulissen oft ernüchternd wirkt. Trotzdem – oder gerade deswegen – macht der Artikel Lust, sich auch mal wieder an eine Reportage zu wagen.

  3. “Kurz vor Spielbeginn hat sich ein recht bekannter, gereifter Sky-Kommentator mit leichtem Bauchansatz, hoher Stirn und Oberlippenbart fix in Schale geschmissen und den Fernsehzuschauer in aller Kürze über das bevorstehende Bundesligaspiel informiert. Was genau der Inhalt war, vermag ich leider nicht wiederzugeben.”

    Ziemlich fies, wenn man genderfreundlich korrekt Frauen und alle, die sich nicht in “binären Rollen” wiederfinden, beachtet, aber diesen Sky-Kommentator so sexistisch beschreibt.

      • Ja, genau. Die Definition über das Körperliche.

        Er ist kein Model. Er ist ein Kommentator.

        Was hat also sein Bauch damit zu tun? Das ist so als schreibe man, “Maybritt Illner, die ein wenig Speck angesetzt hat, begrüßte ihre Gäste.”

  4. Auch bei mir ein Artikel auf Kwerfeldein, den ich seit langem wieder komplett gelesen habe und der mir Eindrücke vermittelt hat, die ich nicht kannte. Leider gab es davon in letzter Zeit viel zu wenig. Aber vielleicht ändert es sich ja wieder.