27. September 2017 Lesezeit: ~5 Minuten

Eine Frage, viele Antworten – Teil 12

Zur heutigen Frage an unsere Berufsfotograf*innen gab es die wenigsten Rückmeldung: „Wie hoch schätzt Du das Risiko der Existenzgründung in Deiner Branche ein?“ Vielleicht gab es nur fünf Antworten, weil sie nicht allgemeingültig zu beantworten ist, vielleicht aber auch, weil die Antwort für einige doch sehr ungemütlich ist, denn leicht ist es für Selbstständige sicher nie.

Eine Gruppe Männer mit Rauch

Alex Ginis, Hochzeitsfotograf

Das Risiko ist auf jeden Fall vorhanden, wie in jeder freiberuflichen Branche. Man muss an dieser Stelle Klartext reden und in dieser Hinsicht sind sich erfahrene Hochzeitsfotograf*innen relativ einig: Der Hochzeitsfotografie-Markt ist momentan recht übersättigt. Es gibt zehn Mal so viele Hochzeitsfotograf*innen wie noch vor zehn Jahren, aber nicht zwangsläufig genauso viel mehr Brautpaare.

Das bringt typisches Marktverhalten mit sich wie Dumping oder gar kostenloser Portfolioaufbau – die Kund*innen freuen sich sicherlich, dass sie an der Stelle schon mal sparen können. Wer jetzt durchstartet, muss ein klares Konzept sowie viel Durchhaltevermögen mitbringen, damit er von diesem Beruf auch langfristig leben und dabei Spaß haben kann.

 

Angela Merkel vor vielen Menschen

Stefan Boness, Fotojournalist

Als Fotojournalist, der ich im Wesentlichen bin, ist das Risiko für einen Neuanfang schon recht groß. Es werden ziemlich viele Fotojournalist*innen ausgebildet (u. a. in Hannover), der Markt ist letztendlich jedoch recht eng. Zusätzlich kommt hinzu, dass die Honorare immer und immer mehr fallen, die Budgets der Fotoredaktionen schrumpfen. Gerade verschickt Gruner + Jahr neue Haustarife, die eine erhebliche Kürzung beinhalten.

Gute allgemeine Grundkenntnisse sind für die Arbeit aller Fotojournalist*innen wichtig: Mir hilft immer meine ursprüngliche Ausbildung als Politikwissenschaftler; sei es bei der Beurteilung aktueller Deutungen im Bereich der Bundespolitik (eines meiner Schwerpunkte) oder bei der Recherche für zukünftige Projekte. Zudem habe ich früher als Fotoredakteur für verschiedene Fotoagenturen und Redaktionen gearbeitet, das hilft enorm für das Verständnis der Arbeitsstrukturen in der Fotobranche.

 

Spitze eines Kleides

Anne Hufnagl, Hochzeitsfotografin

Ich halte das Risiko für recht hoch, allerdings sehe ich das nicht nur in der Fotobranche so, sondern eigentlich überall. Selbstständige haben in Deutschland hohe Ausgaben zu schultern (Krankenversicherung, Altersvorsorge, betriebliche Versicherungen, Steuern, Beiträge zur Handwerkskammer oder IHK und dann natürlich die normalen Lebenshaltungskosten), müssen viele Auflagen erfüllen und Hürden nehmen und bekommen aus meiner Sicht dafür, dass sie sich selbst und eventuell irgendwann noch weiteren Angestellten einen Job schaffen, systemseitig denkbar wenig Unterstützung.

Dafür besteht mit einer Selbstständigkeit, wenn sie denn funktioniert, die einmalige Chance, das zu tun, was man liebt, und eben nicht von 9 bis 5 ins Büro zu rennen und für jemand anderen zu schuften.

Ich denke, dass bezüglich der Existenzgründung viel Augenwischerei betrieben wird – Berichte über hippe Start-Ups und geglückte Gründungen sind natürlich schöner als Meldungen von Entlassungen bei Start-ups, Insolvenzen oder Berichte über Freelancer, die doch wieder in eine Festanstellung gehen. Ich kenne keine offiziellen Statistiken, denke aber, dass es mindestens ebenso viele gescheiterte Gründungen wie geglückte gibt, oder, dass die gescheiterten Gründungen sogar überwiegen.

Daher sollte man vorsichtig sein mit der Gründung, sich möglichst vorher schon einen Ruf und einen Kundenstamm aufbauen, zum Beispiel nebenberuflich, und sich, wenn es irgendwie geht, ein finanzielles Polster aufbauen, um die ersten zwei, drei Jahre abzufedern und in Ruhe schauen zu können, ob man das Ding ans Laufen bekommt.

 

Ein Mann vor einer Stadt

Martin Neuhof, Portrait- und Hochzeitsfotograf

Ich denke, es kommt ganz darauf an, wo man wohnt und wie lange man schon dabei ist. Ich habe ganz lange im Nebengewerbe mit Fotos Geld verdient, um mich dann von diesem „Kundenstamm“ und „Bekanntheitsgrad“ komplett selbstständig zu machen. Ich denke, das ist eine ganz einfache Entwicklungsfrage, von 0 auf 100 kann man nicht als Fotograf*in selbstständig sein.

Wenn man in einer Kleinstadt lebt, in der es kaum „moderne Fotograf*innen“ gibt, sehe ich die Chance als sehr gut an, sich damit selbstständig zu machen. Lebst Du aber in einer größeren Stadt, wo es enorm viel Konkurrenz gibt, muss man sich erst einmal einen Namen machen, damit man am Ende auch gebucht wird.

 

Orangen

Jule Frommelt, Foodfotografin

Mittel. Ich bin der Meinung, dass man auch mit sehr geringem Startkapital und kleiner Ausrüstung ein*e sehr gute*r Fotograf*in werden und es damit auch schaffen kann, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt sehr viele Fotograf*innen, aber es werden auch immer noch viele Fotos gebraucht. Sich auf etwas zu spezialisieren, finde ich immer gut und dabei auch nicht zu sehr darauf zu achten, was gerade hip ist, sondern auch immer an den Themen zu bleiben, die einen selbst auch etwas interessieren.

Jede Woche werden wir nun eine neue Frage und die verschiedenen Antworten dazu veröffentlichen. Alle bisherigen Artikel der Reihe findet Ihr hier. Habt Ihr auch eine Frage? Dann stellt sie in den Kommentaren und vielleicht wird sie schon bald in einem Artikel beantwortet.

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3 Kommentare

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  1. Ich kann Alex Ginis und Stefan Bonnes da nur beipflichten.
    Ich habe über 10 Jahre im Bereich Unternehmenskommunikation fotografiert und hatte ein Studio für Privatkunden. Ich habe in dieser Zeit fette Aufträge gehabt, aber insbesondere in den letzten Jahren einen Niedergang. Und nicht nur bei mir, sondern auch bei Kollegen, die besser fotografiert haben als ich. Ich habe die Branche vor zwei Jahren in Richtung Festanstellung verlassen und bin bereue diesen Schritt nicht.
    Natürlich ist es schön, von dem zu leben, was man mag und was einen beflügelt. Nicht vergessen darf man aber, dass Auftragsfotografie häufig auch daraus besteht, sich an Kundenwünschen zu orientieren. Der eigene Anspruch muss da manchmal hinten angestellt werden. Im Bereich Corporate vielleicht etwas mehr als in der Hochzeitsfotografie. Aber geheiratet wird halt überwiegend an den Wochenende und das reduziert die Aufträge, die ich im Monat realisieren kann, schon mal erheblich. Dazu kommt, dass dass das Geld bei den meisten Kunden nicht mehr so locker sitzt, bzw. sich auch Prioritäten verschoben haben. Geld ist zwar nach wie vor kein Problem, aber die Frage ist halt, ob es unbedingt der 1000-Euro-Fotograf sein muss oder ob es auch einer für 200 reicht. Klar, das werden dann andere Bilder. Aber wie oft schaut man sich seine eigenen Hochzeitsbilder wirlich an…?! Und die gesparten 800 Euro kann ich in andere Dinge investieren.
    Im Bereich Corporate sieht es nicht anders aus. Nach meiner Erfahrung geht es bei 90% der Kunden um die Zahl, die auf dem Angebot steht. Ich kenne Kollegen, die bei Jahresrahmen-Verträgen bei 85 Euro/h angekommen sind, sich dafür Zeit frei halten, aber keine zugesicherte Terminzahl im Jahr haben.
    Auf ihren Fanpages stellen viele Fotografen ihr Geschäft als eine schillernde Welt dar, in der sie jeden Tag die tollsten Menschen vor der Kamera haben, aber das ist Poserei und in der Regel kostenloser Portfolio-Aufbau. Das zeigt dann zwar die handwerkliche Breite eines Fotografen, hat aber mit seiner Auftragslage nicht im geringsten zu tun. Die Kunden, die sich privat fotografieren lassen, sind alles andere als Models: da fehlen Körperspannung und emotionale Modulationsfähigkeit. Ja, es gibt auch Außnahmen, aber das ist eine Seltenheit.
    Ohne belastbare Kontakte zu Redaktionen und Unternehmen, einer klaren Bildsprache und einem erheblichen finanziellen Puffer, würde ich heute niemanden mehr zu einem Einstieg in die Selbstständigkeit als Fotograf raten. Auch wenn Workshops etwas anderes versprechen…

    • Warum wollen manche mit Fotografie unbedingt GELD verdienen? Geld verdienen muss jeder, aber ausgerechnet mit Fotos? Einfach Fotos machen,kreativ sein und dabei Freude haben, kann ich auch so.

  2. Ulrich u. Martin Paashaus Photography
    Die meisten Fotografen die ich kenne, und dieses Bild spiegelt sich auch hier in den Kommentaren wieder, ist wirklich das sich der Umgang mit der Fotografie in den letzten Jahren sehr geändert hat. Oder es ist halt unsere Gesellschaft allgemein die sich verändert. Fotos werden in Sozialen Netzwerken auf allen Ebenen enorm geteilt, und ich spreche hier nicht von nur schlechten Fotos. Es ist heute kein Problem mehr gute Fotos für seinen Zweck aus dem Netz zu ziehen. Das wahr früher nicht so, und hat sehr viel für uns als selbsständige Fotografen kaputt gemacht.
    O.K. das ist nicht die Auftragsfotografie, aber auch hier meinen viele ich kann doch mit den heutigen Kameras, und sogar mit meinem Smartphone, super selber Fotos machen.
    Und leider stimmt dies auch in gewisser Hinsicht … zu Früher.
    Aber wir als professionelle wissen doch was ein gutes Foto ausmacht, ja nur leider liegt das nicht mehr so im Fokus bei den Leuten.
    Ich und mein Sohn arbeiten hier in der Konzert und besonderen Eventfotografie, haben viele Kontakte zu Bands und Eventferanstaltern, und bestreiten unsere dritte große Foto Ausstellung in NRW.
    Trotzdem arbeiten wir nicht rein Kommerziell Selbstständig , und werden uns aus den besagten Gründen auch nicht dazu entschließen können, weil die Nachfrage an bezahlten guten Fotos, einfach aus unserer Ansicht sehr stark abgenommen hat. Auch in der privaten Auftragsfotografie.
    Habe bis heute nur sehr selten gehabt das Bands oder Eventveranstalter für Fotos bereit sind ein Auftragsgeld zu zahlen. Es ist ja so einfach alles zu posten.
    Wir wünschen aber allen die sich doch in die Selbstständigkeit als Fotograf begeben wollen viel Erfolg, und mit den gewissen Ehrgeiz und Können in dem Bereich, und der Nachfrage in der Öffentlichkeit ist das auch heute noch möglich…… doch recht schwierig.