05. September 2017 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Eine Frage, viele Antworten – Teil 9

Unsere Artikelreihe, in der wir verschiedenen Berufsfotograf*innen eine Frage stellen, geht weiter. Nachdem Ihr in unserer Umfrage die Serie auf Platz drei gewünscht habt, haben wir neue Fragen. Heute beantworten sieben Menschen diese: Wieviel Zeit bleibt Dir noch für persönliche Projekte und wie wichtig sind Dir diese?

Zwei Bauarbeiter

Michael Omori Kirchner, Businessfotograf und Trainer

Persönliche Projekte finde ich sehr wichtig für die eigene Weiterentwicklung. Wenn man nur Projekte für Kund*innen durchführt, passiert es schnell, dass die eigene Kreativität auf der Strecke bleibt. Außerdem kann man in eigenen Projekten mehr Risiken eingehen und Fotos erstellen, für die sonst kein Freiraum bleibt.

Daher ist nicht die Frage, ob ich Zeit für persönliche Projekte habe, sondern eher, wieviel Zeit ich mir dafür nehme. Ich strebe an, jeden Monat ein freies Projekt zu machen, muss aber zugeben, dass ich diese Frequenz zurzeit nicht ganz einhalte.

 

Ein Mann steht auf einer Hand auf einem Felsen

Hanna Witte, Reportage- und Peoplefotografin

Für persönliche Projekte fehlt mir natürlich im Alltag immer die Zeit, denn Kund*innen und Termine gehen stets vor. Manchmal vergisst man dann, sich die Zeit einfach zu nehmen. Oft entwickeln sich aber aus eigenen Ideen und Interessen auch Jobs. Da ich persönlich viel Yoga mache und mich das Thema sehr interessiert, habe ich vor ein paar Jahren einfach mal in diesem Bereich angefangen, für mich Fotos zu machen. In den letzten Jahren hatte ich dann das Glück, diese Sparte immer mehr auszubauen und auch für Yogafestivals und -zeitschriften zu arbeiten.

Das ist natürlich toll, wenn man zwei Leidenschaften miteinander verbinden kann. Daraus ergab sich auch ein Projekt für eine Hilfsorganisation im Regenwald von Ecuador, die ich im letzten Jahr sieben Wochen bei ihrer Arbeit im Amazonas begleiten durfte.

Wenn ab und zu mal solche Projekte dabei sind, ist das schön, aber ich bin auch sehr glücklich über meine regionalen Kund*innen und Hochzeiten. Auf meinen Reisen fotografiere ich immer gern Land und Leute und auch die ganz einfachen Fotos von Zuhause mit Freunden und Familie sind mir sehr wichtig. Ich versuche immer, die Emotionen der einzelnen Momente einzufangen, so dass sie beim Anschauen der Bilder wieder lebendig werden.

 

Ein Brautpaar küsst sich auf der Wiese sitzend

Susann Probst von Krautkopf und Paul liebt Paula, Food- und Hochzeitsfotografin

Das ist ein heikles Thema, denn seit ich vor sieben Jahren mit meinem Freund nach Berlin gezogen bin, haben wir beide nicht mehr wirklich viel Zeit für unsere persönlichen, künstlerischen Arbeiten. Teilweise ist es aber auch gar nicht der Zeitfaktor. Unsere Arbeit macht so viel Spaß und erfüllt mich so sehr, dass ich nur schwer davon loskomme, neue Projekte dafür zu planen und meine ganze Energie in die Arbeit zu stecken.

Allerdings ist unsere kommerzielle Arbeit auch sehr persönlich und frei und deswegen ist das Bedürfnis nach den früheren künstlerischen Projekten in Verbindung mit eigenen Ausstellungen, Magazinen im Selbstverlag usw. nebensächlich geworden. Das ist zwar auf der einen Seite etwas traurig und immer, wenn ich darüber nachdenke, stimmt es mich etwas wehmütig, auf der anderen Seite ist es aber auch ein großes Privileg, so in der eigenen Arbeit aufzugehen.

Wenn der Wunsch, mehr an der persönlichen Fotografie zu arbeiten, groß genug wäre, dann ließe sich auch die Zeit dafür finden. Gerade gehe ich aber sehr in dem auf, was wir machen und habe gar kein Verlangen nach etwas anderem.

 

Arzt gibt Kind eine Schluckimpfung

Stefan Boness, Fotojournalist

Deswegen arbeite ich immer an eigenen (Langzeit-)Projekten, aus denen oft Fotobücher oder Ausstellungen hervorgehen. Das bereichert meine Arbeit gewaltig. Zudem komme ich dabei viel herum, was sehr spannend ist. Nicht zu sprechen von den vielen interessanten Menschen, die man dabei trifft. Auch werden eigene produzierte Geschichten immer mal wieder veröffentlicht, entweder über Eigenvermarktung oder via der Fotoagentur Panos Pictures London.

Dabei sind die von mir fotografierten Projekte in ihrem Inhalt und ihrer Form je nach Sujet recht unterschiedlich. Das sind häufig ganz andere, oftmals ruhige Themen wie Landschaftsfotografie zum Ersten Weltkrieg, urbane Landschaftsfotografie in einer schrumpfenden Stadt, Reportagefotografie gekoppelt mit Portraits in Eritrea, Modernistische Architektur in Asmara und Tel Aviv, Straßenfotografie in Japan etc. Diese gegensätzlichen Arbeiten tun mir gut und helfen mir, neben dem Alltagsgeschäft immer wieder auf eine andere Ebene zu kommen. Hierbei ist die Unterstützung durch Stipendien sehr hilfreich.

 

Brautpaar

Stefanie Fiegl, Neugeborenen- und Hochzeitsfotografin

Das Thema persönliche Projekte kommt bei mir leider oftmals zu kurz und ich muss mir freie Shoots direkt im Kalender notieren. Die Zeiten, an denen ich mir etwas Eigenes vorgenommen habe, sind somit geplant und es herrscht wenig Spontanität. Das widerstrebt meinem Naturell manchmal, aber es ist nötig. Vor allem, da in der Branche die Termine bereits so lange im Voraus feststehen.

 

Eine Braut am Hafen

Anne Hufnagl, Hochzeitsfotografin

Mir bleibt erschreckend wenig Zeit für freie Arbeiten, was aber vor allem daran liegt, dass die „richtigen“ Aufträge so gut laufen. Und darüber soll man sich ja nun wirklich nicht beschweren.

Freie Projekte sind mir dennoch immer noch wichtig, meine Kamera begleitet mich auch in meiner Freizeit fast überall hin, sodass ich eigene Fotos gar nicht unbedingt als „Projekt“ kategorisieren und planen muss, sondern sie einfach nebenher mache.

Wichtig sind mir freie Arbeiten dabei vor allem für mich selbst, zum Abschalten und Entspannen. Eher weniger, um sie nach außen zu präsentieren, sondern einfach, um den Spaß am Fotografieren nicht durch zu viel Arbeit zu verlieren.

 

Zwei Frauen umarmen sich nackt in einem Flur

Martin Neuhof, Portrait- und Hochzeitsfotograf

Würde ich mir diese Zeit nicht nehmen, würde ich relativ schnell den Spaß an der Fotografie verlieren. Oft sind es genau diese Projekte, in denen ich mich durch meine Bilder ausleben kann. Nichts ist mir wichtiger als meine freien Arbeiten, weil sie genau die Art der Fotografie widerspiegeln, die ich so mag und liebe. Meine Lieblingsserie aus den letzten zwei Jahren ist Alaska (nsfw), die mir persönlich sehr viel bedeutet.

 

Jede Woche werden wir nun eine neue Frage und die verschiedenen Antworten dazu veröffentlichen. Alle bisherigen Artikel der Reihe findet Ihr hier. Habt Ihr auch eine Frage? Dann stellt sie in den Kommentaren und vielleicht wird sie schon bald in einem Artikel beantwortet.

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3 Kommentare

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  1. Puh … gut, dass ich kein Berufsfotograf bin: Immer und überall glückliche, ausgeglichene Menschen. Himmel Arsch und Zwirn: diese prometheische Fröhlichkeit der Hochzeitspaare, mit ihren obsoleten Deckmäntelchen. Selbst der Steuerberater und die Malocher auf den Bohrinseln scheinen glücklicher in ihrem Elend zu sein als Don Quijote.
    Zwei nackte Frauen latschen durch ‘ne dustre’ Bude und gucken zeitgemäß; ernst, kontemplativ, mit eigenem Gepäck beladen, das sein farbliches Äquivalent in der Ästhetik der Bilder wiederfindet. Oha! Darum, vielleicht: Alaksa. Wortgewordenes Gefühl einer diffusen Sehnsucht nach etwas, das mehr verspricht, als das, wo was und wer man ist.
    Und selbst das Leid in Afrika ist … Trommelwirbel … ein einziges herzergreifendes Leid.

    Das ›also‹ macht der Berufsfotograf Sternchen Berufsfotografin!

    Ob Photograf oder Fliesenleger, Head of Verbal Communications oder unemployed person: Entscheidend ist doch, so rein persönlich, was man außerhalb seiner beruflichen Rolle macht. Ein Beruf zwingt. Die ›Ergebnisse‹ hier sprechen Bände. Lieber die Leidenschaft nicht kommerz… äh … zum Beruf machen.

    • “…diese prometheische Fröhlichkeit der Hochzeitspaare,..”

      Da ist dir oder deinem Smartphone wohl ein Fehler unterlaufen.

      Prometheus ist, sozusagen, der Urvater der Atheisten. Er war (in der griechischen Mythologie) ein Titan, also Zeus als Gottvater unterstellt, stahl ihm aber das Feuer und gab es den Menschen. Wurde daraufhin von Zeus bestraft und verbannt.

      Mit der Stimmung der Paare in der Hochzeitsfotografie hat das doch nichts zu tun, oder?