23. August 2017 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Fotogeschichten aus aller Welt

Der tschechische Fotograf David Tesinsky hat mich auf Grund seiner Vielfalt guter Fotogeschichten sehr fasziniert. Als ich ihn anschrieb und um einen Artikel bat, konnten wir uns nicht entscheiden, welche der Serien wir auf kwerfeldein zeigen wollen. So einigten wir uns am Ende auf ein kurzes Interview und einen kleinen Überblick seiner gesamten Arbeit.

Ein schlafender Mann

Männer in einer U-Bahn

The Man-Machine, Japan

Wie bist Du zur Reportagefotografie gekommen?

Ich vermeide Worte wie Reportage oder Dokumentation, wenn es um meine Arbeiten geht, auch wenn es wohl richtig ist. Aber es ist, als würde man zwei verschiedene Bands in dieselbe Schublade stecken, zum Beispiel Rockmusik. Das kann auf The Cure zutreffen, aber auch eben auch auf Justin Bieber. Ich bevorzuge die Bezeichnung „people’s stories“ und konzentriere mich bei meiner Arbeit auf tiefes menschliches Verhalten und vor allem Subkulturen, die mich durch ihren Lebensstil interessieren oder sogar inspirieren.

Ich bekam meine erste Kamera im Alter von 12 Jahren und nervte meine Klassenkameraden damit etwas, aber ich interessierte mich damals mehr für Skateboarding und es brauchte eine Weile, bevor ich die höhere Bedeutung der Fotografie erkannte. Ich begann, Fotografie in Prag zu studieren, aber auch dann noch interessierte ich mich zu sehr für andere Dinge wie Punk-Rock, Grunge und Gitarrespielen. Noch vor dem Abschluss brach ich das Studium ab und flog in die USA auf der Suche nach einem inneren Ziel und einem Fokus mit Bedeutung.

Ich begann, viel zu reisen und war seitdem vor allem in vielen asiatischen Ländern wie Indien, Nepal und Kambodscha. Ich lebte mit sehr geringen Mitteln, wodurch es mir möglich war, einige Monate in den Ländern zu bleiben. Manchmal schlief ich in einem Park oder auch an einem falschen Ort in Afrika, wo ich mich mitten in einem blutigen Kampf wegen mir und meiner „teuren Tasche“ wiederfand.

Zwei Frauen küssen sich

Zwei Frauen küssen sich

Dictator or Gay?, Weißrussland

Kannst Du Dich an Dein erstes Fotoprojekt erinnern?

Bei meinem ersten ernsthaften Projekt war ich 20 Jahre alt und erzählte vom Leben auf der Straße. Ich fotografierte an drei verschiedenen Orten, begleitete Drogensüchtige in Prag, Obdachlose in Paris und Punks in Berlin.

Ein weinender Mann

Ein Mann spritzt sich vor einer Wand mit Graffiti

All along the watchtower, Prag

Wie entscheidest Du, welche Geschichten Du erzählen möchtest?

Besonders wichtig sind mir Fotogeschichten, bei denen es um Umwelt-, Tier- oder Menschenrechte geht, wie in meiner Serie über Freiheitsaktivisten im Iran oder Homosexuelle in Weißrussland, weil es mich wütend macht, wenn jemand sein Leben nicht frei gestalten kann.

Meine Serie „Born to Die“ kann vielleicht Menschen dazu bewegen, kein Fleisch mehr zu essen, weil es heute im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr notwendig ist. Zumindest möchte ich aber mit der Serie zeigen, wie Tiere behandelt werden und wie sie in den meisten Fällen leiden müssen. Die Leute nutzen Tiere wie Produkte und sehen nicht, dass es lebendige Wesen sind.

Es ist eine große Motivation für mich, Momente zu erfassen, durch die Menschen etwas erkennen oder einfach nur bereichert werden durch das Wissen und das Sehen, dass es diese Dinge gibt.

Schwiene werden mit Wasser bespritzt

Knochen in einem Raum

Aus dem Projekt „Born to Die“

Deine Fotogeschichte über die Jugendkultur im Iran hat mich besonders angesprochen. Wie hast Du das Land erlebt?

Der Iran ist ein schönes Land mit einer sehr schlechten Regierung und dummen Regeln. Die jungen Leute, besonders in der Hauptstadt Teheran, sind sehr aufgeschlossen und tragen Wut in sich, aber die Regierung ist einfach sehr mächtig. Ich wünsche ihnen sehr bald eine Revolution.

Drei Frauen zeigen den Mittelfinger

Zwei Männer küssen sich, ein anderer sieht dabei zu

Children of Islam, Teheran

Die Menschen vertrauen Dir und zeigen sich und ihre Gefühle offen, auch wenn das gerade in Ländern wie dem Iran gefährlich für sie sein könnte. Wie machst Du das?

Ich finde schnell Vertrauen und oft auch eine Verbindung zu den Menschen, die ich fotografiere, weil mich ihr Leben aufrichtig interessiert. Ich finde den Kontakt meist über die sozialen Medien und Couchsurfing. So simpel es klingt, ich frage einfach und bekomme eine Antwort oder eben nicht. Auch vor Ort frage ich einfach und manchmal klappt es oder eben nicht. Wir haben heute Zigaretten und Bier, was in vielen Fällen ein großartiges Werkzeug für die Kommunikation ist.

Männer verbrennen ein Time-Cover mit dem Bild von Trump

Männer posieren in einer Gasse

Rap is our religion, USA

Du arbeitest als Freelancer, wie finanzierst Du Deine Reisen und Projekte?

Ja, ich bin Freelancer. Von Zeit zu Zeit veröffentliche ich etwas in den lokalen oder auch großes Medien. Ich hungere nicht, wie vor ein paar Jahren noch, aber ich muss einige Dinge fotografieren, die mir nicht so viel Freude bereiten, um etwas Geld zu verdienen. Fotografieren ist das Einzige, was ich kann. Wenn mich jemand für seine persönlichen Portraits oder Reportagen bucht, wird er aber nicht enttäuscht werden.

Vielen Dank für Deine Zeit!

Weitere Bilder und Informationen findet Ihr auf der Webseite von David Tesinsky. Schaut unbedingt vorbei, hier gibt es auch noch weitere Geschichten zu entdecken. Auch auf Facebook ist er vertreten. Welche Serie hat Euch besonders beeindruckt?

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3 Kommentare

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  1. Nachdem vor wenigen Tagen hier die Stil-Frage berührt wurde, ist dieses “Konvolut” -so würde ich es bezeichnen – ja ein fabelhaftes Lehrbeispiel, da es nach meiner Auffassung weder inhaltlich nicht stilistisch eine Linie erkennen lässt und man sich jetzt fragen darf, ob das schlimm ist.
    Ich selbst kann es mir allerdings vermutlich nicht mehr abgewöhnen, bei Serien nach dem Charakteristikum zu suchen, das durch eine logische Verbindung zwischen thematischer Gezieltheit und stilsitischer Beschränkung ablesbar und interpretierbar wird. Ob jüngere Generationen das lockerer sehen ohne an Tiefe zu verlieren, wäre interessant zu hören.

    Janz wat anderet / P.S.: Einem Land oder einer Bevölkerung eine baldige Revolution zu wünschen scheint mir mit Verlaub : töricht.

    • In dem Artikel wird eine Auswahl der Projekte des vorgestellten Fotografen gezeigt. In sich zeigen die sowohl inhaltlich als auch stilistisch eine sehr klare Linie (man sollte evtl. auch die Website des Fotografen besuchen, bevor man hier kommentiert.)
      Dass zwischen den Projekten stilistisch und inhaltlich große Unterschiede bestehen, zeigt, wie vielseitig der Fotograf ist.
      “Thematische Gezieltheit” oder auch einfach “eine Story” ist ganz klar erkennbar.
      Was “stilistische Beschränkung” angeht: wenn sie damit die Beschränkung auf einen Stil meinen: das ist innerhalb der einzelnen Serien ganz klar erkennbar. Dass man an jede Serie anders herangeht und den Stil an die Serie anpasst, so wie es David Tesinsky macht, ist ein Zeichen für die Qualität des Fotografen.
      Wenn sie mit “stilistische Beschränkung” meinen, dass sich der Fotograf auf einen Stil beschränken sollte, der sich durch sein gesamtes Tun zieht: One Trick Ponys sind heutzutage nicht mehr gefragt. Wenn sich der Fotograf voll in den Dienst des Themas stellt, ist das m.E. besser und sinnvoller als an einem “Stil” zu arbeiten, der den Fotografen universal wiedererkennbar macht.

      Ganz was anderes / P.S.: Einer Bevölkerung den Verbleib in Lebensumständen zu wünschen, die diese Bevölkerung ablehnt, scheint mir, mit Verlaub: töricht.