Nahaufnahme zweier Hände die Papier ineinander weben.
19. Mai 2017 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Gewebte Fotoportraits aus New York

Amerika ist jetzt ein dunklerer, zutiefst zynischer Ort. Und der beunruhigende politische Zeitgeist hier ist durchdrungen von unheimlichen, Reality-TV-mäßigen Possen. Unheimlich wegen der grundlegenden Natur der Sache, an der sie hängen. Dies wird Auswirkungen außerhalb der Politik haben.

Seit den letzten einhundert Jahren sind wir Fotoschaffenden ergriffen von dem, was uns seltsam und absurd erscheint – und wollen es festhalten. Angesichts der allgegenwärtigen Seltsamkeit und Absurdität der heutigen Realität und der der kommenden Jahre, werden wir vielleicht irgendwann einmal von dem ergriffen sein, was uns rational und ehrwürdig erscheint.

Zwei überlagerte, halbtransparente Portraits einer Frau mit grauen Haaren.

„Darlene“ (2017), 103 x 79 x 0,6 cm

Zwei überlagerte, halbtransparente Portraits einer jungen, blonden Frau.

„Ivy“ (2017), 103,2 x 77,2 x 0,6 cm

„Woven Portaits“ ist eine laufende Serie handgemachter Kunstwerke, die durch das physische Verweben zweier großformatiger Velinpapierdrucke* desselben Modells entstehen. Die hier gezeigten Bilder sind die neueste Gruppe fertiggestellter Arbeiten. Ich mache Portraits dieser Art schon seit 2011, aber früher waren sie vor allem sehr stark auf das Gesicht des Modells konzentriert. In dieser neuen Werkgruppe habe ich versucht, einen Schritt zurückzutreten und mehr vom Modell miteinzubeziehen: Hände, Haar, Brüste, Arme – Portraitmotive, die ihre eigenen Bedeutungen einbringen und genau deswegen schon seit Ewigkeiten genutzt werden.

Zwei überlagerte, halbtransparente Portraits einer jungen, dunkelhaarigen Frau.

„Susan“ (2017), 102,6 x 79 x 0,6 cm

Zwei überlagerte, halbtransparente Portraits eines jungen, dunkelhaarigen Mannes.

„Teddy“ (2017), 102 x 80 x 0,6 cm

Diese Kunstwerke beabsichtigen, Fotografien als eindeutig physische Objekte und das Portrait seinerseits als würdevolle Darstellung einer Person zu präsentieren. Die durch den Prozess des Webens gegebene Abstraktion ermöglicht dem Modell ein Stück weit, sich innerhalb der eigenen Darstellung zu verstecken. Historisch betrachtet ist Weben etwas, das nahezu alle Kulturen miteinander gemein haben. Und das ist logisch, denn es ist ein völlig rationaler Vorgang, der auf einer einfachen Struktur basiert. Das ästhetische Resultat verbirgt dies jedoch oft.

Fotograf fotografiert sitzendes Modell, eine Assistentin hält einen Reflektor.

© David Gonsier

Nach der Auswahl der Modelle und der Zeitplanung beginnt der Prozess damit, jedes Modell in einem Lichtstudio zu fotografieren. Im Falle dieser Werkgruppe fanden die Aufnahmen in Chelsea, im Dezember 2016, an einem unglaublich dunklen, matschigen Tag statt. Das Wetter führte zu Verkehrsproblemen und Verspätungen überall in der Stadt. Nichtsdestotrotz kamen alle pünktlich, sodass meine Assistentin und ich neun Stunden am Stück beschäftigt waren.

Pro Modell machte ich in etwa 200 Aufnahmen. Wir nutzten den Generator Profoto Acute 2R 1200 mit dem Blitzkopf Single Pro 7, eine 42″-Softbox, einen Reflektor, eine Canon EOS 5DS R mit dem Canon EF 85 mm f/1.2 L II USM und einen Batteriegriff, vor allem wegen des Komforts, den der seitlich angebrachte Auslöser bietet.

Ein Mann beugt sich über einen Tisch, auf dem zwei Bilder einer Frau liegen.

© David Gonsier

In den Tagen und Wochen nach jedem Aufnahmetermin fertige ich Dutzende Testbilder an, indem ich die entstandenen Bilder in Photoshop überlagere. Das ermöglicht eine einfache, aber zutreffende Vorstellung davon, wie eine bestimmte Bildkombination wirken würde. Basierend auf diesen Testbildern verbringe ich viele Stunden damit, zu entscheiden, welche Bildkombination jedes Modells die jeweils beste ist. Ich suche in den Testbildern nicht nach etwas ganz Bestimmtem, sondern meistens ist irgendetwas daran, wie zwei bestimmte Bilder miteinander interagieren, so verblüffend, dass die Wahl schließlich klar ist.

Zwei Hände, die mit einem Lineal und einem Messer das Portrait einer Frau in Streifen schneiden

© David Gonsier

Im Falle von „Ivy“ etwa habe ich diese Bildkombination ausgewählt, weil die Hände eine weiche, runde Bewegung andeuteten, die mich insgesamt an die Heiligendarstellungen aus dem Mittelalter und der Renaissance erinnerten. Die schlichte Ruhe von Ivys Blick schien auch zu dieser Idee zu passen.

Auf jeden Fall bearbeite ich die zwei Bilder, für die ich mich entschieden habe, dann nach. In der Postproduktion müssen sie speziell bearbeitet werden, weil sie anschließend mit einem Epson Tintenstrahldrucker auf sehr feines, durchscheinendes Velinpapier ausgedruckt werden. Das erfordert viel Geduld und oft auch etwas Feinabstimmung des Druckfarbprofils, da der Drucker und das Velinpapier eigentlich nicht füreinander gemacht sind. Trotzdem sind die Drucke, sobald sie dann angefertigt sind und aussehen, wie sie sollen, tatsächlich sehr langlebig.

Im Falle von „Ivy“, das im April 2017 gedruckt wurde, habe ich die Farbbalance des einen Drucks etwas Richtung Cyan verschoben und die des anderen Drucks in Richtung Magenta, um etwas zusätzliche Textur und Tiefe zu erzeugen. Obwohl die jeweiligen Cyan- und Magenta-Stiche insgesamt im finalen Bild neutralisiert werden, gibt es kleinere Details, in denen die Farbwirkung der Durchmischung erhalten bleibt.

Hände, die Papierstreifen ineinander schieben

© David Gonsier

Monate nach der ursprünglichen Aufnahme wurden die „Ivy“-Drucke dann sorgfältig vermessen und markiert, ringsherum auf Karton fixiert und in Streifen geschnitten – einer horizontal, der andere vertikal. Danach geht es nur noch darum, wie eine Maschine zu arbeiten, um die Drucke miteinander zu verweben; dafür nutze ich meine Finger, einen winzigen Spachtel und manchmal auch eine Pinzette. Die entstandenen Werke, jedes misst etwa 103 x 79 cm, haben eine klare Textur und Greifbarkeit.

Gute Kunstwerke sollten auf einer greifbaren Ebene gut sein. Ich bewundere Künstler*innen, die ungewöhnliche Medien raffiniert einsetzen wie Tom Friedman, Tara Donovan, Do Ho Suh und auch die, von denen die meisten denken würden, dass sie rein fotografisch orientiert wären wie Thomas Demand, Jan Dibbets, Hiroshi Sugimoto und Taryn Simon. Sie alle sind akribische Menschen.

Ich plane, die Serie „Woven Portraits“ fortzusetzen und werde die Arbeiten noch größer machen, sobald mir die richtigen Materialien dafür zur Verfügung stehen. Ich möchte, dass diese Portraits sich weiterentwickeln. Mit insgesamt drei Abzügen ein Portrait zu weben, hat in der Vergangenheit zu lohnenden Ergebnissen geführt, daher möchte ich auch diese Variante noch weiter untersuchen.

In den letzten Jahren habe ich auch viel mit klassisch gestalteten, analogen Bildern gearbeitet und bin, um ehrlich zu sein, immer noch dabei, herauszufinden, was ich fotografisch als nächstes machen möchte.

* Velinpapier ist ein pergamentähnliches Material. Es wird aus Baumwolle hergestellt, fühlt sich satt und weich an und sieht dabei sehr edel aus. Die glatte Oberfläche bringt Farben und Illustrationen sehr gut zur Geltung.

Die Fotografien, die David Samuel Stern beim Weben seiner Fotografien zeigen, wurden freundlicherweise von David Gonsier zur Verfügung gestellt.

Dieser Artikel wurde für Euch von S. W. und Aileen Wessely aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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