20. Mai 2017

Berlin Bhf.

Als ich einen Preis gewann, der mir erlaubte, in Berlin zu arbeiten, wollte ich die Stadt durch Film und Literatur erkunden. Ich habe festgestellt, dass viele ungarische Schriftsteller*innen aus verschiedenen Ären aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Berlin gegangen sind.

Um zu entkommen, um zu arbeiten, um sich inspirieren zu lassen – alles Situationen, die kein Bleiben beinhalten. Ich verband diese Gefühle mit meinen eigenen Transitgefühlen, Erfahrungen aus meinem Privatleben, meiner Familiengeschichte.

Ich habe diese Texte als Inspiration benutzt und sie als Puzzle mit dem Bild in meinem Kopf zusammenarbeiten lassen. Alle Geschichten spielen in einem fiktiven Berlin, alle haben einen persönlichen Hintergrund und eine historische oder kulturelle Verbindung zu Berlin.

Bevor ich nach Berlin ging, hatte ich schon die Bilder in meinem Kopf, die ich umsetzen wollte. Ich musste also dafür passende Aufnahmeorte ausfindig machen und Leute finden, die mir helfen würden. In der Produktion war es einer Filmproduktion sehr ähnlich, allerdings mit sehr, sehr wenig Budget.

Ich brauchte viel Hilfe, um die Bilder zu verwirklichen und mag diese Art von Teamarbeiten sehr. Meine Freundin und Makeup-Künstlerin Barbara Kund Bibi kam für einige Tage für die Bilder vorbei und ich fand in Berlin den Fotografen Sebastian Andrews, der mir assistierte. Da es ein Low-Budget-Kunstprojekt war, brauchte ich vor allem die Begeisterung der Leute. Das alles wäre ohne ihr Talent und ihre harte Arbeit nicht möglich gewesen.

Eine Frau in einem großen Saal auf einem Bett

… Ist nicht der Schock, den ich mir selbst vorspiele, eine Bühne? Denn was ist ein Schauspiel anderes als eine Anstrengung der unvermeidlichen Gegenwart, die Vergangenheit oder Zukunft zu erleben? … Die Bühne macht diese ständige Verwirrung von Zeit und Raum sichtbar … wenn ich aus meiner eigenen Gegenwart verschwinde als ein Experiment! Wenn meine Fantasie es auf eine Bühne stellt … „Was für ein Spiel! Aber es ist nur ein Spiel!“ …

Péter Nádas: Berlin Grey (1973)

Ein Mann an einem Schreibtisch

… Vielleicht ist es nicht als literarische Übertreibung zu qualifizieren, wenn ich sage, dass der Raum voll war von schattenhaften Figuren aus wilden Visionen … Einer trägt immer seine Paranoia mit sich, wohin er auch geht … Wir wollen den Lärm nicht wirklich nah an uns heran lassen, genau wie wir uns weigern, die Idee einer schweren Krankheit anzuerkennen … Außerhalb? Der Außenbereich hat auch seine eigene Innenseite …

György Konrád: Remembrance of West Berlin (1987)

Ein Kind spielt mit Murmeln

… Alles hat einen Sinn, eine Bedeutung. Alles ist ein Teil von etwas, passt in etwas … aber es scheint, als ob das irgendwie nicht für Berlin gilt, für West-Berlin, um genau zu sein. Das ist der Grund, warum ich meistens zu Hause geblieben bin, den Spion und den Feind in jedem sehend … Das war noch schlimmer als Einsamkeit … ein Vakuum, ein Loch, das nicht gefüllt werden kann, eine pochende, schmerzende Wunde … Trotz alledem sehne ich mich jetzt nach dem, denn damals war: M. noch bei mir … und wir spielten mit Murmeln in der Halle unserer Wohnung.

Imre Oravecz: Battle in Berlin (1988)

Eine Frau steht an einem Bett. Rundherum Mäusefallen

Du bekamst ein Geschenk, als du keine Freude mehr darin gefunden hast. Du bist spät angekommen, weil du früh geboren wurdest. Du wurdest in einer Blase aufgezogen … Schlaflos, du wirfst dich herum und drehst dich in deinem Bett, du akzeptierst, dass deine Atmung schwer geworden ist, du stehst auf und tappst in der Dunkelheit herum, du denkst an enge Freunde, die jetzt vergangen sind. Du hast ein Glas zuckerhaltiges Wasser und greifst nach dem Apfel auf deinem Nachttisch … Du würdest sicherlich deinen Weg besser finden, wenn du nicht von der materiellen Welt umgeben wärst. Die Realität hindert dich daran, deine Fantasien zu überwachen … Vielleicht macht kein Land zu haben dich zum Gefangenen einer imaginären Heimat.

László Végel: Nach Berlin (1989)

Eine Frau auf einem Bett

Wenn das Wichtigste die Freiheit ist – der Teufel will sie von jemandem nehmen, indem er sie an schlechte Gewohnheiten bindet. Diese Gewohnheiten ziehen dann die Seele zur Ignoranz und zu einer animalischen Existenz … Sie ging zum Fenster und starrte auf die dunklen, leeren Straßen durch den Vorhang. Sie verstand langsam, dass sie verloren war. Sie hatte sich in diesen Mann verliebt.

Ernő Szív: The Black Berlin Notebook

Zwei Frauen verbrennen etwas in einem Zimmer

Für eine Weile schon haben mich doppelte Zentren, Durchdringbarkeit und geteilte Systeme fasziniert. Dieser meditative Raum befindet sich nicht in der Mitte des Zimmers, sondern in einem der elliptischen Zentren, so dass das andere Zentrum frei, leer ist, man kann frei herumlaufen, wo Straßen sich gegenseitig kreuzen … Ich betrete diesen Raum, so eng von außen, aber natürlich erweiternd von innen …

Ferenc Szijj: Vertigo in Berlin

Ein Riese in einer Bar

… in West-Berlin auf der Stayloyalstraße.
Ich hatte Pizza zum Abendessen vor einem Restaurant
mit vier oder fünf anderen Tischen neben mir,
alle leer,
vielleicht wegen des schwarzen Regens, der tropfte …
Ein kleiner Kellner hielt an meinem Tisch:
„Herr Goliath, habe ich recht?“
Nach meiner bejahenden Antwort gab er mir einen Brief
und während ich den Absender suchte,
schlug er mein Gesicht mit der heißen Pizza,
belegt mit Käse, Tomate und Salami.

… das große Haus begann sich zu drehen
vor mir lag ich auf dem
Kopfsteinpflaster im Regen
Und wusste, dass ich hungrig sterben würde –
Die Leiche von hundert Ratten verwüstet,
Tausend Fliegen verdecken die toten Ratten,
Das Kleine isst das Größere –
Die Zeiten sind hart für Goliath
Die Zeiten sind gut für den kleinen David.

Istvan Eorsi: On Stayloyalstreet (1982)

Eine schwangere Frau

Ich habe gerade mein Gepäck in den Raum gestellt, den ich gemietet hatte und ich war bereit, die Stadt zu entdecken … Der Krieg hatte nicht nur Berlins Körper berührt, sondern hatte auch tiefe Wunden in seinen Geist gelassen. Etwas war hier in dieser Stadt am Ende der 30er Jahre unterbrochen worden; genauso wie im Schloss von Dornröschen war die Zeit gestoppt wurden. Seither hat sich Berlin in einer anderen Zeit gefunden …

Földényi F. László: Berlin Mass (1978)

Eine Frau auf einem Scherbenhaufen

Der Gegenstand der Wut bleibt in der Regel unbestimmt. Man kann die Spur dieser Wut nur entziffern. Regen tropfte von der Erle, ein Hahn wurde geöffnet und die Röhren, die auf den Zweigen befestigt waren, begannen, Wasser zu sprühen. Der Mann, mit dem Hammer an seiner Brust, war durchnässt unter dem Baum auf dem sonnigen Platz, sein Gesicht gleichgültig …

Zsolt Láng: The Mystery (2004)

Eine Frau vor einer Schrankwand gefüllt mit Dosen

Der Ausgangspunkt muss diese Interaktion sein, das sanfte Zusammenspiel von Berührung und Unberührbaren, Vertrauten und Fremden. Es ist aber gleichzeitig abstrakt. Zu Hause zu sein, egal wie relativ es ist, ist immer Routine und repetitiv …

Lajos Parti Nagy: The Red Lion (2002)

Ich arbeite schon lange mit an Filmen und ich fühle mich dem Kino und filmischen Szenen sehr nahe. Ich erstelle Storyboards und Moodboards, führe Castings und die Locationsuche durch und kümmere mich um das Bühnenbild. Mein bester Freund, der Regisseur ist, sagte mir einmal, dass seine aktuelle Arbeit dort ist, wohin er seine vorherige bringen wollte. Was ich daraus gelernt habe, wird man in meinem nächsten Projekt sehen. Aber das benötigt noch mehr Zeit für die Planung und mehr Budget, fürchte ich.

Die Texte wurden für Euch von Katja Kemnitz aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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4 Kommentare

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  1. Eine aufwendige und mutige Umsetzung literarischer Sinnbilder, fernab gefälligem Unrat, der sich ansonsten und gerne gewisser Beliebtheit erfreut. Gut, bin eingenommen, wer Konrád gelesen hat … der inszeniert mit seinem Zirkus nicht Island, nö!, der gibt Don Quijote Asyl in Sachsen.

    Danke für die Worte.

    Gelungene Arbeit, die inspiriert. Auch wenn eine analoge Arbeit in diesem Zusammenhang konsequenter wäre.

  2. Die Bilder sind Masterwerke in der Lichtführung, attmosphärisch, sorgfältig aufgenommen. Eine Homage an das alte West Berlin.
    Die Texte lassen eine Schönheit vermuten, de die Übersetzung nicht gerecht wird. Ich vermute, da ist mehr drin, als das, was bei uns ankommt.
    Alles im allen Komplimment und großes Danke fürs Teilen.

  3. Nachtrag. Ich lese gerade, die Text wurden aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Es sind aber hungarische Autoren, die Rast in Berlin gemacht haben und sicherlich auf hungarisch geschrieben haben … Hinzu kommt, es sind sehr lyrische Texte. Ein Wunder, das überhaupt was ankommt Die Übersetzerin hatte definitiv ein schlechtes Ausgangsmaterial. Danke für diese sisyphusarbeit, die man bestimmt nur auf sich nimmt, um die großartigen Bilder präsentieren zu können.