21. März 2017 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Träume Dein Leben

Ich war schon immer eine Träumerin. Das sagten meine Eltern, Lehrkräfte und auch Freund*innen fast tagtäglich zu mir, wenn ich mal wieder das Tischbein mitnahm oder den Saft über die Hausaufgaben verschüttete. Und ganz sicher hätte ich meinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre, wie mein Opa prophezeite. Diese Träumerei wurde von mir auch stetig als negativ empfunden, bis ich vor ein paar Jahren das luzide Träumen (Klarträumen) für mich entdeckte. Und damit änderte sich alles.

Ich fotografiere seit etwa neun Jahren. Es gibt wenig in meinem Leben, was sich nicht um die Fotografie dreht. Es machte schon am Anfang schnell süchtig und so verschrieb ich mich quasi dieser Leidenschaft. Meine Inspiration entnehme ich meinen Träumen, verbunden mit meinen Interessen für Kunst aus der Renaissance, Mythen und Mystik, Religionsthematiken und Noetik- Wissenschaften.

Surreales Frauenportrait

Ich halte meine Bilder auf Filmen fest, weil mich die ursprüngliche Technik der Kameras schon immer faszinierte und ich es immer sympathischer fand, Negative in der Hand zu halten, die (hoffentlich) Jahrzehnte überdauern. Die digitale Welt würde ich niemals verteufeln und missen wollen, ich nutze sie auch, aber tatsächlich fühle ich mich in der analogen Umgebung viel wohler. Vielleicht auch, weil ich sehr schnell überfordert bin. Die digitale Fotografie vermittelt mir den Eindruck, mit zu viele Möglichkeiten zu bieten.

Die Dunkelkammer stellte sich für mich nach meinem Beginn des Fotografiestudiums in Berlin als Paradies dar. Es fühlt sich gut an, vom geschossenen Foto bis zum selbstentwickelten Druck alles mit handwerklicher Arbeit selbst zu erschaffen. Abgesehen davon, dass ich in jedem Prozess die Herrin über meine Bilder sein kann. Das ist wie Photoshop, bloß organisch.

Eine Engelsstatue wird umarmt

Das Herumexperimentieren spiegelt ziemlich gut die Experimente mit meinen Träumen wider. Der Beginn, meine Träume als „Kreativitätsquelle“ zu nutzen, kam durch all die düsteren Träume, die mich einst belasteten. Ich suchte ein Mittel, damit umzugehen, ohne jeden Morgen halb den Verstand zu verlieren und mit diesem Gefühl durch den Tag gehen zu müssen. Ich entdeckte einen bestimmten Tee und einige Bücher, die mir helfen sollten, luzide Träume zu entwickeln.

Klarträume sind solche Träume, in denen man völlige Klarheit darüber besitzt, dass man träumt und nach eigenem Entschluss handeln kann. […] Die sieben Klarheitskriterien:

  • Klarheit über den Bewusstheitszustand: darüber, dass man träumt;
  • Klarheit über die eigene Entscheidungsfreiheit: darüber, ob man zum Beispiel vor einer Alptraumfigur Reißaus nimmt oder sich mit ihr anzufreunden versucht;
  • Klarheit des Bewusstseins: im Gegensatz zum Trübungs-, Verwirrtheits- oder Dämmerungszustand;
  • Klarheit über das Wachleben: darüber, wer man ist und was man sich für diesen Traum vorgenommen hat;
  • Klarheit der Wahrnehmung: dessen, was man sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt;
  • Klarheit über den Sinn des Traums;
  • Klarheit über die Erinnerung an den Traum: Man beachte, dass sich dieser Klarheitsbegriff im Gegensatz zu den anderen nur indirekt auf den Traumzustand bezieht.1

Surreale Tänzerin

Es ist ein sehr schwieriger und langatmiger Prozess, diese Methode zu erlernen und es gelingt nicht immer, aber man kann es trainieren. Ich beherrsche sie nicht perfekt, aber es ist immer wieder etwas Besonderes, den erstrebten Zustand zu erleben. Und wenn man schlecht träumt und sich im Klaren darüber ist, dass man träumt, hat man weniger Angst und kann alles verändern. Mit Tagträumen ist das genauso. Es ist derselbe Prozess, ein Fallenlassen der Sinne, um seinen Träumen einen kreativen Lauf zu geben.

Das ist genau die Thematik, die ich durch meine Kunst vermitteln möchte: wilde Träumerei. In unserer Gesellschaft gilt es als hohe Priorität, strukturiert, klar und bewusst seinen Alltag zu meistern. Die Kontrolle über seinen eigenen Lebensweg zu haben und immer wieder einen Plan vor seinem inneren Auge am Reißbrett zu konzipieren. Das alles langweilt mich.

Frau mit SchmuckEine Frau vor einem Stuhl sitzend

Ich habe die Erfahrungen gemacht, manchmal besser meinem inneren Wegweiser die Kontrolle zu überlassen. Das macht das alles viel spannender und überrascht mich häufig mit wundervollen Ereignissen. Leben heißt für mich auch Wohlfühlen. Und wenn wir versuchen, alles zwanghaft in ein Konstrukt zu quetschen, dann kann dabei keine freie innere Energie schwingen, die dafür verantwortlich ist, dass wir kreativ sind, lieben, lachen und planlos durch die Weltgeschichte träumen. Überraschst Du Dein Leben, überrascht es Dich auch.

Es ist ein Kreislauf aus Entdecken und Erschaffen. Also: Aus der Entdeckung zu erschaffen und der Schöpfung zu entdecken. Und das gilt ebenso für die Kunst. Wenn man das erst einmal verstanden hat, kann man alles kreieren, was man sich ersehnt.

1 Aus: Tholey, Paul: Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen, in: Gestalt Theory, 2, 1980, S. 175–191 (S. 175 f.)

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2 Kommentare

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  1. Abgesehen davon, dass ich mit meinen eigenen fotografischen Arbeiten irgendwie ganz woanders unterwegs bin, so muss ich sagen, haben mir die Gedanken zu Deinem Zugang zur Fotografie sehr gefallen.

    besonders …
    “In unserer Gesellschaft gilt es als hohe Priorität, strukturiert, klar und bewusst seinen Alltag zu meistern. Die Kontrolle über seinen eigenen Lebensweg zu haben und immer wieder einen Plan vor seinem inneren Auge am Reißbrett zu konzipieren.”

    Das gilt, so finde ich auch im großen Umfang für die Landschaftsfotografie, zumindest ist das mein Empfinden.

    Vielen Dank auf jedenfalls Deinen kurzen Text …

    lg Herbert
    Die Sache mit den Tagträumen, erinnert mich irgendwie an die Vorstellung, die ich beim Fotografieren manchmal über das fertig ausgearbeitet und gedruckte Bild habe.