Portrait eines Astronauten vor einer Berglandschaft.
13. Januar 2017 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Größer als wir

„Wenn ich groß bin, werde ich Astronaut!“ Ich denke, diesen Wunsch hatten schon viele in ihrer Kindheit. Auch ich wollte schon immer unsere Erde von oben sehen und weit entfernte Planeten erkunden.

Im letzten Sommer entschloss ich mich, meine Pläne endlich in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber wie? Das Tolle an der Fotografie ist, dass man Dinge, die nur im eigenen Kopf existieren, mit Hilfe einer Kamera und etwas Willen in die Realität umwandeln kann.

Oberkörperportrait eines Astronauten, der vor einer roten Felswand steht.

Ein echter Astronautenanzug war unerschwinglich, deswegen entschied ich mich für einen alten sowjetischen Pilotenanzug (falls jemanden die genaue Bezeichnung interessiert, der Anzug heißt „WCC-6M“ und der Helm „GS-6A“), den ich auf der Webseite eines Militaria-Sammlers entdeckte und sofort bestellte. Eine Woche später kam das riesige Paket an. Mein Vater lachte mich aus und auch ich war unsicher, was ich nun eigentlich mit dem Teil anfangen sollte.

Wochen vergingen und der Sommer stand vor der Tür. Schon vor dem Kauf des Anzugs hatte ich vor, in den Ferien Bergsteigen zu gehen – also warum nicht gleich mit Raumanzug? Ich fragte einen Freund, der begnadeter Bergsteiger ist, ob er nicht mitkommen und auch gleich das Modell spielen wolle. Er sagte sofort zu und gemeinsam mit meiner Freundin ging es ab in die Vorarlberger Alpen.

Bergpanorama, in dem die Farbe grün durch rot ersetzt wurde.

Ein Astronaut steht neben einem Fluss in einer roten Felslandschaft.

Ganz so einfach, wie wir es uns vorgestellt hatten, gestaltete sich das Vorhaben dann doch nicht. Der Anzug brachte mit Helm und Stiefel gute 15 kg auf die Waage. Also teilten wir die einzelnen Teile untereinander auf und zogen bei 30 °C im Schatten los, wir wollten ja noch die Berghütte auf 1.800 Metern Höhe vor Anbruch der Nacht erreichen.

Zwei Stunden vor Sonnenuntergang kamen wir schließlich an, auf dem Weg dorthin hatten wir schon einige Fotos geschossen. Der ursprüngliche Plan war es, am nächsten Tag den Gletscher zu besteigen, daraus wurde jedoch nichts.

Ich war nicht bergerfahren und daher noch ziemlich trittunsicher. Um zum Gletscher zu kommen, musste man einen schmalen und steilen Weg mit einigen vereisten Stellen besteigen. Als mir mein Freund dann auch noch erzählte, dort wäre erst kürzlich jemand tödlich verunglückt, hatte sich das Thema für mich eindeutig erledigt.

Felswand, in der die Farbe grün durch rot ersetzt wurde.

Portrait eines Astronauten vor einer Berglandschaft.

Ein Astronaut steht auf einem Geröllhügel in einer roten Felslandschaft.

Ich war ziemlich deprimiert, denn bis jetzt hatte ich noch nicht viele Fotos gemacht. Zum Glück fanden wir eine kleine Schneezunge, umgeben von Geröll und Gestein, die perfekt für die Bilder war. Dort entstand auch der Großteil der Serie. Wir verbrachten einige Stunden dort, bis wir uns schließlich erschöpft auf dem Heimweg machten.

Ein Astronaut geht durch eine Schneelandschaft.

Als ich wieder Zuhause in Wien war, machte ich mich sofort an die Bilder: Ich bearbeitete sie so, als wäre es Reportage- oder Landschaftsfotografie und versuchte, es gedämpft und realistisch zu halten, aber irgendwie war ich vom Ergebnis nicht überzeugt.

Die Fotos schienen langweilig und spiegelten nicht das Abenteuer und die Leidenschaft wieder, die man, zumindest meiner Meinung nach, als Astronaut erlebt. Ich dachte darüber nach, was ich eigentlich mit den Fotos aussagen wollte – Einsamkeit, Neugierde, Leidenschaft.

Ein Astronaut sitzt auf einem Haufen Geröll vor einer roten Felslandschaft.

Der Rücken eines Astronauten, der vor einer Wiese mit rotem Gras steht.

Ein Astronaut liegt in einer Wiese mit rotem Gras.

Ich begann, mit den Farben herumzuexperimentieren und erinnerte mich an Infrarotfotos, die ich einmal geschossen hatte. Die Landschaften sahen so fremd aus. Also versuchte ich, diesen Look nachzuahmen. Das vertraute Grün der Vorarlberger Alpen wurde zu einem außerirdischen Rot.

Ein einsamer Astronaut wandert verirrt durch die gewaltige Landschaft auf der Suche nach etwas. Was genau das war, das wissen wohl nur er und ich. Zumindest in diesem Moment und in dieser Serie war ich endlich dort angekommen, wo ich sein wollte.

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11 Kommentare

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  1. Cool! Ich fühle mich zurückversetzt in die Träume meine Kindheit – damals wollten wir fast alle Kosmonauten werden. Die (Traum-)Stimmung hast du gut eingefangen und mMn. macht es gar nix, dass es kein ‘echter’ Raumanzug ist, es trägt evtl. sogar dazu bei, dass die Sache noch ein wenig fremder, traumhafter wirkt …

  2. Das ist ja mal … im positiven Sinne … echt verrückt!
    Der rote Planet sieht auf manchen Bildern aus wie ein Stück Fleisch. Vielleicht könnt ihr euch ja auch mal als Bakterien verkleiden, hahaha.
    Ich bin nicht am Lästern. Ich finde sowas echt gut und sollte auch mehr solchen “Un-Sinn” machen, nicht alles so ernst nehmen.
    Danke fürs Zeigen. You made my day.