Cover Fotoband „KZ überlebt“
08. August 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Rezension: „KZ überlebt“ von Stefan Hanke

2015 jährte sich zum 70. Mal die Befreiung der nationalsozialistischen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Nur noch wenige Überlebende kommen zu den Feierlichkeiten oder geben heute aktiv ihre Erinnerungen weiter. Der Fotograf Stefan Hanke hat sich in den vergangenen Jahren mit seiner Kamera auf die Spuren der Überlebenden begeben.

Er portraitierte für sein Projekt „KZ überlebt“ 121 Männer und Frauen, die aus ganz verschiedenen Gründen in die deutschen Lager verschleppt wurden. Für die Aufnahmen bereiste Hanke sieben Länder. Entstanden sind dabei eine Ausstellung und ein begleitender Fotoband, der vor Kurzem im Verlag Hatje Cantz erschienen ist.

Aufgeschlagenes Buch „KZ überlebt“

Inhaltsverzeichnis in einem aufgeschlagenen Buch

„…ein Wettlauf mit der Zeit…“

Die ersten Portraits von Überlebenden der deutschen Lager fertigte Stefan Hanke bereits vor über 10 Jahren an. 2004 fotografierte der Regensburger die ersten Überlebenden und bereitete sich in den Folgejahren intensiv auf das eigenverantwortliche Projekt vor: „Ich recherchierte viel und besuchte ehemalige Konzentrationslager“, sagt Hanke heute rückblickend.

Anfang 2010 wurde ein Gruppenbild der jüdischen Gemeinde Regensburgs aus den 1980er Jahren veröffentlicht, das Hanke angefertigt hatte. Von den Überlebenden, die auf dem Bild zu sehen waren, waren bis auf eine Ausnahme bereits alle verstorben. „Da war mir klar, sofort intensiv das Projekt anzugehen“, so Hanke. In den kommenden vier Jahren führten ihn seine Reisen von Rom bis an die ukrainische Grenze und zu zahlreichen Überlebenden der Konzentrationslager. Dabei versuchte der Fotograf, die große Zahl an Inhaftierungsgründen in seinem Projekt abzubilden.

Aufgeschlagenes Buch mit Text links, Schwarzweißportrait rechts

Aufgeschlagenes Buch mit Text links, Schwarzweißportrait rechts

Es war mir ein großes Anliegen, alle noch für mich erreichbaren Verfolgtengruppen in den Portraits vertreten zu wissen. In meinem Projekt gibt es keine Opferhierarchie. Ein großer Teil meiner Protagonisten ist jüdischer Herkunft, aber ich portraitierte auch Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, sowjetische Kriegsgefangene, politische Häftlinge sowie solche, die den schwarzen Winkel für „Asoziale“ tragen mussten.

Besonders am Herzen liegt mir das Schicksal der Doppelverfolgten. Leider fehlen Portraits homosexueller Häftlinge in meiner Arbeit. Es gelang mir zwar noch, mit einem der letzten Überlebenden in Kontakt zu treten, aber er verstarb kurz darauf. Meine Arbeit war oft ein Wettlauf mit der Zeit. Die Auswahl der Überlebenden ist von sehr vielen Faktoren abhängig, vor allem aber von der Bereitschaft jedes einzelnen Zeitzeugen.

Aufgeschlagenes Buch mit Text links, Schwarzweißportrait rechts

Aufgeschlagenes Buch mit Text links, Schwarzweißportrait rechts

Der älteste portraitierte Überlebende ist 105 Jahre alt. So verschieden wie die Protagonisten der Ausstellung sind, sind auch die Portraits und Aufnahmeorte. Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano fotografierte Hanke nach einem ihrer Auftritte mit der Kölner Hiphop-Band „Microphone Mafia“ in Regensburg, den Überlebenden Bogdan Bartnikowski im ehemaligen Männerlager Auschwitz-Birkenau, Israel Offmann in der Synagoge in Straubing und Martin Löwenberg an der Feldherrenhalle in München.

Gerade die Vielfältigkeit der Portraits macht den besonderen Reiz des Fotobandes aus. Sie bildet nicht nur die unterschiedlichen Verfolgungsgeschichten der Überlebenden ab, sondern auch die Verschiedenheit der einzelnen Überlebenden. So ähnelt kein Bild dem anderen und auch die Überlebenden wählten sehr unterschiedliche Posen und Emotionen für die Portraits.

Aufgeschlagenes Buch mit Text links, Schwarzweißportrait rechts

Aufgeschlagenes Buch mit Text links, Schwarzweißportrait rechts

Begleitet werden die Bilder von kurzen biographischen Texten, die vor der Inhaftierungszeit beginnen und auch die Geschichte der Überlebenden nach ihrer Befreiung beschreiben. Fragt man Stefan Hanke nach seinem persönlichen Fazit des langjährigen Projektes, verweist dieser auf die Widmung seines Fotobandes: „Dieses Buch ist allen Verfolgten totalitärer Systeme gewidmet und unserer zukünftigen Generation, von der ich mir Wachsamkeit gegen jegliche Tyrannei erhoffe.“

Auch die Größe des Fotobandes von 23 x 33,7 cm und die gute Druckqualität unterstützen die Wirkung der ganzseitigen Portraits. Der Preis der Publikation ist mit 39,80 € für 264 Seiten mit 123 Abbildungen mehr als angemessen. Die Ausstellung zum Projekt ist noch bis zum 31. Dezember 2016 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg zu sehen.

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