Buchcover von "Greetings from Auschwitz"
15. Februar 2016 Lesezeit: ~7 Minuten

„Ich bin in Auschwitz. Es ist ein bisschen kalt.“

Auf der linken Seite die Rückseite beschriebener und frankierter Postkarten, rechts die dazugehörigen Postkarten-Motive: Aufnahmen der Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Beschrieben und verschickt wurden sie von Touristen, die zwischen 1946 und 1992 Auschwitz besuchten. Sie stehen in einem enormen Gegensatz zu den Briefen und Postkarten, die vor 1945 von Opfern der Nationalsozialisten aus dem KZ nach Hause geschickt wurden. „Greetings from Auschwitz“ ist eine bemerkenswerte Sammlung ungewöhnlicher Zeitzeugnisse.

An den Orten der ehemaligen Vernichtungslager der Nationalsozialisten stehen heute Museen. Sie sind nicht nur Orte des Gedenkens, sondern auch des Massentourismus. Oft sind es Jugendgruppen und Schulklassen, deren in Klassenfahrten eingebundene Besuche Versuche sind, Jugendlichen ein Gefühl für Erinnerungskultur, Verantwortung und kollektives Gedächtnis zu vermitteln.

Wir sind auf einer Klassenfahrt. Es ist cool. Auschwitz deprimiert uns aber. Das Wetter ist passend – es ist ein typisch dunkler Herbsttag.

schreiben zwei junge Frauen im Jahr 1973.

Abbildung des Buchs "Greetings from Auschwitz"

Dass junge Menschen durchaus Zugänge zu einer Erinnerungskultur finden, zeigt diese Reportage von Krautreporter. Wie in Zukunft mit dem Gedenken der Judenverfolgung umgegangen wird, entscheidet die junge Generation. Es braucht eine sinnvolle Erinnerungskultur, angesichts eines andauernden Rechtsrucks in Europa und der immer wieder aufkeimenden antisemitischen Forderung, das Thema solle nicht weiter bewegt werden. Eine solche Kultur des Gedenkens muss entsprechende Bildung beinhalten.

Von Postkarten ist aktuell auch im Detmolder Auschwitz-Prozess die Rede. „Bin gut im Arbeitslager Monowitz angekommen“, schrieben Neuankömmlinge zwangsweise auf Karten, die an ihre Familien verschickt wurden. Erzählt wurde diese Begebenheit vor Gericht vom Auschwitz-Überlebenden Justin Sonder. Ob bei dem Prozess eine Strafe für den Angeklagten, einen ehemaligen SS-Wachmann, herauskommt, ist Sonder egal. Es geht ihm darum, zu berichten, was geschehen ist.

„Greetings from Auschwitz“ endet mit einem Text von Iwona Kurz zur Bedeutung von Postkarten im KZ. Neben den bereits erwähnten angeordneten Karten, auf denen diktierte Zeilen zu stehen hatten, wurde die Aufnahme eines Blumenmotivs bekannt, die als Postkarte vervielfältigt und an die SS verkauft wurde. Aufgenommen hatte sie der Fotograf und Auschwitz-Überlebende Wilhelm Brasse.

Abbildung des Buchs "Greetings from Auschwitz"

Als Motive der Postkarten in „Greetings from Auschwitz“ dienen aber Fotografien, die Teile des Lagers zeigen. Zäune, Wachtürme, Zellenblöcke, Krematorien mit den dazugehörigen Schornsteinen, Gleise, die in das Lager führen und dazwischen ein Farbfoto von Blumen, die in einem der Zäune stecken. Justin Sonder kennt die Motive gut. Das letzte Bild im Buch zeigt einige Personen, die dabei sind, menschliche Leichen zu verbrennen. Das Bild entstand 1944. Die Karte ist beschrieben mit „Warme Grüße aus Auschwitz“ und wurde 1967 verschickt.

Das Verstörende an „Greetings from Auschwitz“ ist die Banalität. Es beginnt bei der Tatsache, dass an diesem Ort überhaupt – auch heute noch – Ansichtskarten verkauft werden und hört bei der Frage auf, wer sie benutzt und warum. Es wird darüber diskutiert, ob der Torbogen mit den Worten „Arbeit macht frei“ überhaupt als Fotomotiv dienen darf. Besucher*innen, die Postkarten in Auschwitz kaufen, wollen eine Erinnerung, ob sie sie verschenken oder behalten, sagt die Mitarbeiterin eines Erinnerungsladens.

Viele dieser Fragen lässt das Buch offen. Zu Beginn steht lediglich eine kurze Erzählung von Wilhelm Brasse, dem Fotografen des besagten Blumen-Motivs. An den Bildteil des Buches schließt sich nur Kurz’ Text an.

Buchrücken von "Greetings from Auschwitz"

Die Sammlung wurde vom polnischen Künstler Paweł Szypulski über Jahre hinweg zusammengetragen. Die Karten stammen aus den Jahren 1946 bis 1992. Die meisten der Bilder sind wohl in Zusammenarbeit mit dem Museum entstanden. Warum wirkt der Ansatz der Erinnerung an den Holocaust, den Szypulski mit dieser Sammlung anspricht, so unangemessen und provokant?

„Greetings from Auschwitz“ ist ein provozierender Bildessay über das Unvermögen von Sprache und Bild, mit dem sozialen Trauma umzugehen, das eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte verursacht hat.

So beantwortet der Kurator diese Frage.

Kurz schließt ihren Text mit einer These: Es sei dieselbe sachliche Banalität, mit der der Massenmord ausgeführt wurde, die es ermöglicht, dass diese Postkarten und Bilder entstehen, während Touristen sich zugleich vom Geschehenen in Sicherheit distanzieren können.

Das Unvermögen der Schreiber*innen dieser Postkarten, mit dem Gesehenen vor Ort umzugehen, zeigt sich in der Verleugnung von Emotionen. Mitteilungen an Familie und Freunde beschränken sich auf Grußworte und Anmerkungen zum Wetter.

Wäre da nicht dieser bedrückende Ort und die düsteren Bilder, könnten es Grüße aus dem Strandurlaub sein. Zu bedenken ist, dass dies auch dem Format der Postkarte geschuldet ist. Begrenzter Platz und Öffentlichkeit einer Postkarte fördern andere Formulierungen als ein geschlossener Brief, in dem über Gefühle und Gedanken gesprochen wird.

Abbildung des Buchs "Greetings from Auschwitz"

Wie sind Postkarten von Deutschen formuliert, die Auschwitz in den vergangenen 71 Jahren besucht haben? Die deutsche Erinnerungskultur zum Holocaust könnte durchaus ähnliche Ergebnisse hervor bringen. Ein offizieller Holocaust-Gedenktag wurde erst nach der Wiedervereinigung festgelegt, Strafprozesse gegen NS-Kriegsverbrecher dauern bis heute an. Antisemitismus und Antiziganismus sind aktuell noch immer ein Problem.

Vom Holocaust-Mahnmal in Berlin aus verschicken Besucher*innen mit Hashtags versehene Selfies anstatt Postkarten, in denen die Gedenkstätte zur Kulisse der Selbstdarstellung degradiert wird. #Berlin #Holocaustmahnmal #Picoftheday #Shoa #Happy #Goodtimes

Über die Motivation, aus der heraus die abgebildeten Postkarten geschrieben und verschickt wurden, lässt sich nur spekulieren. Dasselbe gilt für die Selfies, die heute als Erinnerung am Holocaust-Mahnmal in Berlin oder eben auch in der Gedenkstätte Auschwitz gemacht werden.

Pawel Sawicki, Mitarbeiter der Gedenkstätte, warnt davor, einfach darüber zu urteilen. Auch wenn es pietätlos erscheinen mag, lässt sich statt blanker Empörung besser die Frage stellen, wie eine angemessene und für heute relevante Erinnerungskultur aussehen kann. Neben kollektiven Antworten muss dazu auch jede*r eine persönliche Haltung entwickeln.

Abbildung des Buchs "Greetings from Auschwitz"

Hans-Georg Golz von der Bundeszentrale für politische Bildung schreibt dazu:

Wir sollten uns auf die ernsten, ungelösten Fragen konzentrieren, die uns der Holocaust überlassen hat. Er bietet uns die Möglichkeit, etwas über die menschliche Natur zu erfahren, was wir noch nicht verarbeitet haben, und vielleicht sind wir nicht in der Lage, es jemals zu verarbeiten:

Wie können gewöhnliche Menschen anderen Derartiges antun, und zwar ohne Reue und über einen derart langen Zeitraum hinweg? Wie können andere zur Seite schauen oder sogar stumm applaudieren? Wie können Menschen ein normales Leben führen, nachdem sie die Hölle durchlitten haben? Was bedeutet Normalität, drei Generationen nachdem die Verbrechen stattfanden?

„Greetings from Auschwitz“ lässt diese Fragen nicht in Vergessenheit geraten. Das Buch weist in überwältigender und bedrückender Art und Weise auf die Komplexität menschlicher Abgründe hin. Es zwingt Betrachter*innen dazu, innere Konflikte auszuhalten und einen persönlichen Standpunkt zu finden. Über Verwunderung, Kopfschütteln und offene Fragen beginnt man, sich selbst in der eigenen Menschlichkeit zu hinterfragen, während man zwischen den Extremen des menschlichen Daseins hin- und her pendelt.

Das Buch ist, herausgegeben von Paweł Szypulski, im Schweizer Verlag Edition Patrick Frey erschienen. Es umfasst 88 Seiten mit 75 Farbabbildungen und misst 21,5 × 22,5 cm.

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2 Kommentare

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  1. Ich war zu meiner Schulzeit 2x in Auschwitz. Ein Gespräch am Wochenende und euer Text erinnerte mich wieder sehr deutlich an das unbeschreibliche Gefühl (seltsam, das klingt positiv…), was die Besuche hinterliessen. Auch damals habe ich schon fotografiert.. und ich weiss, dass ich bei meinem ersten Besuch die Kamera dabei hatte. Ich wollte eigentlich fotografieren. Im Endeffekt habe ich nicht ein Bild gemacht.. die Bilder im Kopf haben gereicht um mich komplett schachmatt zu setzen. Ich wäre auch nicht imstande gewesen, all die Gefühle in die Bilder zu transportieren. Am Ende bin ich mit einem Buch mit Fotos und kurzen Texten dort weggefahren. Warum ich es gekauft habe, weiss ich heute nicht mehr. Die Kopfbilder sind heute noch sehr klar.. eine „Erinnerung“ habe ich nie gebraucht.