Zwei Stapel Hefte liegen nebeneiander, beide betitelt mit Avalanche.
11. Juli 2016 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Rezension: Avalanche

AdeY und Kersti K sind zwei unabhängige Persönlichkeiten, zwei Fotoschaffende, die für sich arbeiten, aber sich kennen und schätzen. Aufgrund der Bekanntschaft und der räumlichen Nähe kam der Wunsch auf, ein gemeinsames Projekt zu verwirklichen, das die verschiedenen Arbeitsansätze der beiden gegenüberstellt, aber auch zusammenführt. Die Ausgangsmaterialien waren: Ein Wochenende in Bastad, Schweden. Ein altes Familienhaus aus dem Jahre 1910. Zwei Modelle. Eine Landschaft. Februar 2016.

Was dabei herausgekommen ist, lässt sich im liebevoll zusammengestellten Zine „Avalanche“ aus This Very Instant, einem kleinen Kunstverlag aus Wien, den Vincent Wagner seit 2015 betreibt, betrachten. Auf rauem Papier gedruckt, erzählt es zwei verschiedene Geschichten, die Kersti K und AdeYs Köpfen entsprungen sind, und von ihnen auf Fotos festgehalten wurden.

Buchcover mit den Worten Avalanche und einer nackten Frau mit einem Karton in der Hand.Buchcover mit den Worten Avalanche und einer Frau auf einem Bett sitzend.

Das Büchlein lässt sich von beiden Seiten lesen und hat man sich einmal bis zur Hälfte vorgearbeitet, stellt man es einfach auf den Kopf und ist im nächsten Bilder-Universum. Je nachdem, wo man „vorn“ oder „hinten“ interpretiert, startet man mit dem Eintauchen in die insgesamt 29 Bilder.

Es entblättern sich die Geschichten zweier Frauen, die miteinander einen Tag verbringen, zusammen, aber irgendwie doch allein. Eine Schwere liegt auf den Bildern und die Leserichtung, die von außen mit Kersti K ausgewiesen ist, zeigt eine düstere, melancholische Welt auf, in der nicht miteinander gesprochen wird, zumindest nicht mit Worten.

In schwarzer Kleidung verleben die Frauen ihren Tag im Haus, erst am Ende befreien sie sich nach draußen und warten am Meer auf etwas, das wahrscheinlich nicht eintreffen wird. Zumindest lese ich diese Bilder, die mich berühren, so, aber sie halten mich auch auf sicherer Distanz. Ähnlich verwirrende Geschichten von Kersti K haben wir auch schon einmal an dieser Stelle vorgestellt.

Eine Doppelseite eines Buches mit 2 kleinen, dunklen Bildern.

Eine zerknüllte Bettdecke auf einer Doppelseite eines Buches.

Eine verdunkelte Gestalt sitzt am Meer und hält den Kop einer zweiten Person auf ihrem Schoß.

Im Buchteil, der mit AdeY bedruckt ist, leben dieselben Frauen, dieselben Körper. Und doch sind es andere und doch haben sie eine andere Stimmung, sind andere Charaktere, je nachdem, wer hinter der Kamera stand. Während Kersti Ks Frauen bei sich und in ihrer Ruhe und Trauer gefangen sind, interagieren AdeYs Frauen viel intensiver miteinander.

Mit Köpfen aus rosafarbenem Karton begeben sie sich auf eine nonverbale Reise und tun Dinge, die man eben miteinader machen kann. Dass sie dabei Kartonköpfe, aber keine Kleidung tragen, vergisst man nach einigen Seiten und begibt sich mit ihnen in dieses Haus, das sie im Gegensatz zu Kersti Ks Frauen nicht verlassen, sondern gefunden haben.

Zwei nackte Frauen laufen mit Kartonköpfen über einen Strand.

Zwei Frauen mit Kartonköpfen spielen Federball.

Eine Frau mit einem Kartonkopf sitzt in einem Schaukelstuhl.

Überall gibt es solche Berührungspunkte, solche Umkehrungen, Parallelen und Unterschiede. Ich bin erstaunt, wie verschieden die Ergebnisse ausfallen, obwohl die Rahmenbedingungen für beide Fotografen dieselben waren und wie verschieden die beiden Geschichten enden. Beide lassen mich aber in Staunen zurück, sind irgendwie rätselhaft und ich frage mich, ob ich es mit Subjekten oder Objekten, mit Innen- oder Außenräumen, mit aktiver Veränderung oder passiver Stagnation zu tun habe.

Auf jeder Seite bekomme ich eine andere Antwort und je nachdem, von welcher Seite ich das Zine aufschlage, verändern sich meine Eindrücke. Das einzige, was mir in beiden Serien nicht gelingen mag, ist die Identifikation mit den Protagonisten. Aber selbst das ist sicher Teil des Spiels.

Ein Stapel Hefte mit dem Titel Avalanche aufgedruckt.

Ich kann das Zine sehr empfehlen, obwohl es in sich anspruchsvoll ist und eine längere Betrachtung erfordert. Was mir persönlich etwas gefehlt hat, ist ein kleiner Begleittext, der mir einen ersten Zugang ermöglicht. Aber das ist vielleicht auch nur mein Wunsch, da ich immer gern über Worte kommuniziere und eine reine Bildersprache mir auf den ersten Blick erst einmal schwer fällt. Den Zugang kann man sich nämlich auch über die Fotos erarbeiten, wobei er-arbeiten wörtlich genommen werden darf.

Die Arbeiten der beiden Künstler*innen sind vielfältig, psychologisch und fragmentarisch, die Narration entfaltet sich nicht direkt, es überzeugt und nimmt einen mit, ist aber dennoch unverständlich. Ihr solltet es einfach selbst probieren.

Das Zine kann hier bestellt werden und wird weltweit versandt. Es kostet € 12 zzgl. Versandkosten (€ 4,50 innerhalb Europas, € 7 international). Die Auflage beträgt 100 Stück. Das Zine hat 44 Seiten (exkl. Umschlag) und zeigt 29 Farbfotografien. Maße: 24 x 16,5 cm. Druck: Digital (HP Indigo). Papier Umschlag/Innenseiten: 300/120 g/m².

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3 Kommentare

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  1. Zu Beginn hat es mich gefangen den Text zu lesen und die ersten Bilder zu sehen. Für mich ist eine schwere Melancholie spürbar. Ab dem Zeitpunkt wo die Kartons auf den Köpfen steckten hat mich das Werk verloren. Schade.