Blätter Bokeh
12. Juli 2016

(Un)natürliche Lebensräume

Ich hatte schon immer ein Herz für Tiere. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass ich in Argentinien in einem Rehabilitationszentrum für schwarze Brüllaffen geholfen und anschließend zwei Jahre im örtlichen Tierheim gejobbt habe. Meine ersten Erfahrungen mit der Arbeit mit Tieren habe ich allerdings bereits in der Schule, in einem Praktikum im Zoo gesammelt.

Ich war im Garten, wo sie all die Tiere
Gefangen halten; glücklich schienen viele,
in heitern Zwingern treibend muntre Spiele.
Doch andre hatten Augen, tote, stiere!
Ein Silberfuchs, ein wunderzierlich Wesen,
Besah mich unentwegt mit stillen Blicken;
Er schien so klug sich in sein Los zu schicken;
Doch konnte ich in seinem Innern lesen.
Und andre sah ich mit verwandten Mienen,
Und andre rastlos hinter starren Gittern…
Von wunder Liebe fühlt‘ ich mich erzittern,
Und meine Seele wurde eins mit ihnen.

– Christian Morgenstern

Mir hat es dort nicht gefallen – im Grunde genommen bestand mein Job drei Wochen lang nur darin, Fensterscheiben zu putzen und Obst in kleine Stücke zu schneiden. Es fühlte sich so an, als würde ich die Tiere mit der Nahrung „am Leben erhalten“, während ich ihre Gitterstäbe jeden Tag aufs Neue putze, um sie lachenden Familien zu präsentieren.

Füttern – Scheiben putzen – Ausmisten. Jeden Tag. Mich ödete diese Routine bereits nach einer Woche an. Wenn ich dabei an die Tiere denke, kommen mir die Tränen. Der Charme des Zoos ging für mich in diesem Sommer für immer verloren – denn ich erkannte, dass Tiergärten und Zoos nichts anderes als Gefängnisse sind.

Tiere wie Tiger, Bären, Menschenaffen, Löwen, Giraffen, Eisbären und viele andere können grundsätzlich nicht ausgewildert werden, wenn sie in Gefangenschaft geboren wurden. In ihrer Zelle verkümmern ihre Instinkte und die Tiere können für ein Überleben in der Natur wichtige Verhaltensweisen überhaupt nicht erlernen. Über mehrere Generationen hinweg verlieren die Tiere immer mehr natürliche Eigenschaften, sodass sie schließlich nur noch ein trauriges Abbild ihrer stolzen, in Freiheit lebenden Artgenossen sind. Das ganze Konstrukt hat mit Bildung, geschweige denn mit Artenschutz, überhaupt nichts zu tun.

Der Schwanz eines ReptilsDer Fuß eines Reptils

Ein Gehege im Zoo

Ein Nilpferd durch eine Scheibe

Ein Gehege im ZooEin Roter Vari im Zoo
Ein unscharfer Fisch im AquariumEin Nashorn im Zoo

Ein Reptil im Zoo

Ein Vogel im Zoo

Ein Affe im ZooEin Gehege im Zoo

Eine Person putzt eine Scheibe

Ein Affe im Zoo

Personen spiegeln sich in einer Glasscheibe

Der Arbeitstitel der Serie lautete von vornherein „Innenwelten“. Ich wollte die Innenwelten, die „natürlichen Lebensräume“, die der Mensch den Tieren in Form einer 20-m²-Zelle zur Verfügung stellt, in Verbindung mit ihren Insassen dokumentieren. Erschreckenderweise war es alles andere als schwierig, apathisch wirkende Tiere zu finden. Tatsächlich gab es in jedem Gehege eines.

Ich erinnere mich besonders gut an einen Waschbären, der immer wieder die Fensterscheibe auf und ab gelaufen ist. Immer wieder. Ich beobachtete ihn mehr als 20 Minuten, aber er zog immer wieder nur weiter seine Runden. Man kann nicht sehen, wie Vögel fliegen, Geparden rennen oder Affen in Bäumen klettern. Der Anblick dieser verhaltensgestörten Tiere zeigt Zoobesuchern ein völlig falsches Bild von Tieren auf.

Wildtiere haben enorm hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. Elefanten bspw. wandern bis zu 80 Kilometer am Tag. Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, leben in Waldgebieten von bis zu 50 Quadratkilometern Fläche. Noch einmal: Unsere nächsten Verwandten! Kein Zoo der Welt kann diesen Tieren auch nur annähernd artgerechte Lebensverhältnisse bieten. Egal wie glasklar die Scheiben auch geputzt sind.

Ich denke nicht, dass die Fotos in irgendeiner Art und Weise weiter erklärt werden müssen.
Ich hoffe aber, dass sich der Betrachter gedanklich mit dem Thema auseinander setzt. Dass er darüber nachdenkt, was er eigentlich mit seinem Eintrittsgeld unterstützt. Und ob er oder sie das nicht lieber in ein Auswilderungsprojekt spenden möchte. Damit wäre schon vieles erreicht.

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6 Kommentare

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  1. Danke, Joshua. Das macht mich in der Tat sehr nachdenklich… damit hast Du mir ein Thema nahe gebracht, über das ich mir wohl bisher zu wenig Gedanken gemacht habe. Und hast mir nebenbei mal wieder gezeigt, was Fotografie kann: mich mehr und intensiver berühren als Buchstaben es können.

  2. Gute Gedanken, gute Bilder, guter Text,.

    Tja, so ist er der Mensch.
    Was dem Menschen nützt, das setzt er durch.
    Eine dominante Spezies halt.
    Er ist Ergebnis der Evolution.
    Wird auch ihr Opfer werden.

    P.S. was ist mit den Tieren, die der Mensch nicht zum Anschauen einsperrt?