Nahes Portrait einer bis auf die Augen vermummten Person.
13. Juli 2016 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Das Sehen von Realität und Störung

Über 150 Jahre lang hatten Fotografen nicht die Möglichkeit, ihre Bilder unmittelbar nach der Aufnahme auf einem Kameradisplay zu überprüfen und Belichtungseinstellungen direkt vor Ort korrigierend abzugleichen. Man beherrschte die Wechselwirkungen von Licht, Zeit, Blende und Filmempfindlichkeit. Der kontrollierende Blick auf ein Kameradisplay war über 150 Jahre lang nicht nur unmöglich – sondern auch nicht nötig.

Heute kontrollieren viele Fotografen jedes einzelne Bild, kaum dass es gespeichert ist, auf ihrem Kameradisplay. Es ist geradezu ein Zwang, unverzüglich sicherzustellen, dass das aufgenommene Bild dem entspricht, was der Fotograf sich erhofft.

Es heißt, man müsse doch die Belichtung prüfen, kontrollieren, ob das Bild scharf ist und das Histogramm korrekt verläuft – dies ungeachtet hochpräziser Autofokus-Systeme und ausgefeilter Belichtungsmesser. Manche Fotografen blicken nach der Aufnahme länger auf die Kontrolldisplays ihrer Kameras, als während der Aufnahme durch den Sucher selbst.

Verschneite Landschaft.

Zwei Hände halten die Hand einer im Bett liegenden alten Frau.

In meiner Freizeit spiele ich Klavier. Manchmal vergleiche ich das Klavierspielen mit dem Fotografieren: Kein Pianist käme auf die Idee, sich während seines Spiels jeden Takt, kaum dass er verklungen ist, auf Band anzuhören – dies würde langfristig die Entwicklung jeglicher Musikalität verhindern.

So sind auch das Fotografieren und das Kontrollieren des Bildes zwei gänzlich gegensätzliche Tätigkeiten, die, wenn sie zeitgleich ausgeführt werden, auf fatale Weise miteinander kollidieren. Entweder man fotografiert oder man kontrolliert.

Und keine Frage: Fotografien sollten kontrolliert und bewertet werden, nicht aber unmittelbar auf dem Kameradisplay, sondern auf dem Computermonitor oder dem Leuchtpult; dann, wenn das Geschehen geschehen ist, die zu portraitierenden Personen verschwunden und Lichtstimmungen unwiederbringlich verloren sind.

Mehrere Jungen laufen eine Straße entlang.

Zwei zusammenstehende Kinder vor einem Haufen Müll.

Zweifellos gibt es Ausnahmen. Situationen, in denen vor Ort Einfluss auf das Motiv genommen werden muss und daher häufige Blicke auf das Display unvermeidbar sind: Komplexe Studioausleuchtungen oder Lichtaufbauten sind zwei Beispiele. Bereiche, meist kommerzielle Aufträge, in denen ich das Live-Bild der Kamera zwecks Einstellung auf einen externen Monitor übertrage.

Grundsätzlich jedoch, bei meinen Fotoreportagen, Essays und vor allem Portraitfotos, blicke ich nur selten auf das Display – und benötigte man es nicht für kamerainterne Konfigurationen, würde mir womöglich nicht einmal auffallen, wenn es fehlen oder defekt sein sollte.

Man könnte nun entgegnen: „Wer das Display nicht nutzen will, soll’s einfach lassen“. Das stimmt natürlich. Allerdings geht es mir weder darum, das Display zu verteufeln oder nostalgische Vorstellungen von Fotografie heraufbeschwören zu wollen, noch darum, eine ideale Arbeitsweise zu diktieren oder meine eigene zu glorifizieren. Vielmehr geht es um das Sehen. Es geht grundsätzlich immer nur um das Sehen. Man kann nicht sehen, wenn man unentwegt das Gesehene kontrolliert und bewertet.

Ein Mann liegt auf einer Holzplatte.

Seitliches Portrait einer Frau mit fliegenden blauen Feder-Ohrringen.Portrait eines Mannes mit geschlossenen Augen.

Ich frage mich manchmal, was mich bei der unverzüglichen Bildkontrolle auf dem Display mehr erschrecken würde: ein Foto, das exakt der bei der Aufnahme vorgefundenen Realität entspricht – oder ein Foto, das gänzlich von dieser Realität abweicht, wohl wissend, dass die Frage, ob Fotografien überhaupt Realität zeigen können, eine uralte und müßig diskutierte Frage ist. In meiner Fotografie hingegen stellt sich mir immer eine andere, für mich wichtigere Frage: Was denn anstrebenswerter ist: Die „Realität“? Oder das Ferne und Fremde. Das Irreale. Die Störung.

Eine Antwort, die ich für mich formuliert habe, ist folgende: Anstrebenswert ist es, das nachhaltigste Gefühl für das Sujet zu vermitteln, das sich einem im Moment des (oftmals erstmaligen) Betrachtens offenbart hat. Das Geheimnis eines Ortes. Das Wesen einer portraitierten Person. Das Innerste des Lichts selbst.

Das klingt natürlich ganz nett, bleibt aber zugleich vage, bestenfalls nur eine alte Weisheit, ein frommes Streben, vergleichbar mit Henry Cartier Bressons Suche nach „dem entscheidenden Moment“.

Portrait einer Frau mit fliegenden Haaren.

Portrait eines Cosplayers.Portrait einer Cosplayerin.

„Mache sichtbar, was andere nicht sehen“ – das war der Slogan, den ich einige Zeit lang auf meiner Webseite verwendet habe – und noch immer verwende. Damit meine ich jedoch nicht, ich allein hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen oder könnte, wie der Hauptdarsteller im Film Sixth Sense, Dinge sehen, die andere Menschen nicht sehen können. Wobei Letzteres exakt stimmt.

Aber: Vielmehr halte ich dieses Zitat (wenn ich mich recht erinnere, vom US-amerikanischen Fotografen Joel Meyerowitz) für essentiell – und für einen der besten Ratschläge, den man Fotografen geben kann. „Mache sichtbar, was andere nicht sehen“ – ein Zitat, das mir in meiner fotografischen Entwicklung sehr geholfen hat.

Weil es das Vertrauen in die eigene Sichtweise stärkt. Weil es den Charakter des Fotografen als Geschichtenerzähler hervorhebt. Und weil es betont, wie wichtig es für jeden einzelnen Fotografen ist, das zu fotografieren, was nur er sieht. Weil nur er es sehen kann.

Aktportrait einer Frau.

Portrait einer Frau in einem übergroßen Pullover.Portrait eines Mannes vor einem Wohnwagen.

Wenn ich also etwas fotografiert habe, das nur ich gesehen habe – ist es da wirklich von Belang, ob das Abgebildete gestochen scharf ist? Oder ob das Histogramm nach Lehrbuch verläuft? Sollte man nicht langsam wieder beginnen, das Kameradisplay, den König der Bildkontrolle, zu entmachten?

Dies ist kein Aufruf zur Vernachlässigung der handwerklichen Qualität eines Bildes. Ich sage nicht, Schärfe sei egal. Ganz im Gegenteil, das vollumfassende Begreifen und Beherrschen von Licht, Zeit, Blende und Filmempfindlichkeiten ist der Schlüssel zum Visualisieren des individuell Gesehenen, zum Sichtbarmachen dieses fast nicht greifbaren, diffusen Gefühls, das sich über das Sujet in den Verstand geschlichen hat.

Der Fotograf muss wieder handwerklich souverän werden. Muss zum Sehenden werden, nicht zum Kontrolleur des Gesehenen – um einen Bruchteil der Realität dieser Welt abzubilden und einen Bruchteil ihrer Fremdheit und Störung.

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19 Kommentare

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  1. In weiten Teilen stimme ich Dir zu – wobei ich oft nur einen halbgaren Blick auf das Display werfe, um sicher zu sein, in etwa richtig zu liegen – lichttechnisch. Den Rest vergesse ich, wenn ich (wie mir mal ein Fotografenfreund attestierte) im Flow bin.
    Allerdings hinkt der Vergleich mit dem Klavierspielen aus meiner Sicht stark.
    Als selber Musikinstrumente spielendes ehemaliges Kind und Kind zweier Musiker weiß ich, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Den höre ich nämlich und muss es mir nicht im Nachhinein anhören, um die Fehler zu entdecken. Insofern also eine komplett andere Ausgangsposition.

    • vollkommen richtig, wenn auch erweiterungsbedürftig. tatsächlich wird bei aufnahmen takt für takt eingespielt, gehört, neu aufgenommen, bei spielern wie david fray besonders akribisch, und gerade dadurch das niveau erreicht, welches angestrebt wird.

      mir würde sich in bezug auf den artikel die frage stellen, warum man über handwerk sinniert, und dann am ende die entscheidung trifft, den bildern eben jene optik zu geben, welche gerade mainstream ist – eigentlich sollte es doch um individuelles sehen gehen.

  2. Ein exzellenter Artikel, hätte für meinen Geschmack etwas provokanter sein können.

    Für mich ist es auch wesentlich, dass lange verweilen im Sucher, das Suchen im Sucher. Das Fragen im Sucher.

    Seit dem ich wieder analog fotografiere, bilde ich mir ein, dass ich mich intensiver mit meinem Sujet auseinander setze. Und diese Auseinandersetzung führt zwangsläufig zu einer tieferen Sichtweise über das eigene Handeln.

  3. toller, inspirierender Artike. besonders die internetseite des autos ist sehr beflügelnd. ich überlege ernsthaft, ob ich einen workshop bei martin rohrmann buche, spricht mich alles sehr an. die fotos sind großartig! danke, danke!

  4. Gerade wenn man Menschen fotografiert ist ein langes Wuseln am Display ja auch psychologisch eine „geistiges Abwenden“ vom Model und kommt ja auch so an.
    Allerdings denke ist (wie immer im Leben) der 100% Extremismus nicht die beste Lösung. Ich kontrolliere meist das erste Bild einer Reihe, um sicherzugehen dass ich nicht daneben liege. Dann werden die nachfolgenden Fotos im „konzentrierten Flow“ geschossen, ohne groß aufs Display zu schauen.
    Kamera analog zum Smartphone: hängst Du ständig am Display verlierst Du was. Aber bewusst (und sparsamer als vielfach heute) eingesetzt ist es ein großer Gewinn.

  5. In meinen Seminaren lehre ich den Teilnehmern wie ein Blinder zu denken und mit allen Sinnen das Bild zu “sehen”. Fotografie fängt für mich lange vor dem Knopferldrücken an. Lernen wie ein Blider zu sehen!

    Sehr schöner Beitrag! Kompliment

    LG Stefan Dokoupil

  6. Yap, der permanente Blick aufs Display ist verzichtbar.
    Zustimmung.
    Ebenso verzichtbar sind exzessive Bearbeitungen, zu denen für mich schon bildverändernde Vignetten, wie oben im Bild mit dem auf die Kamera zulaufenden Kindern, gehören.

    Schade um solche Bilder.

  7. Ich stimme nur in Teilen zu! Das Sehen und die Vermittlung des Gefühls, das man bei der Aufnahme hat, sind wesentlich. Ich verstehe aber nicht warum hier eine Kontrolle des Bildes am Display derart verteufelt wird. Hier ermöglicht die moderne Technik eine erste schnelle Beurteilung der Wirkung des Bildes und vor allem technischer Aspekte wie Belichtung und Schärfe. Auch ein Blick auf das Histogramm ist oft sehr hilfreich. Mag sein, dass der Author aufgrund seiner Erfahrung eine solche Kontrolle nicht mehr nötig hat, aber für viele Profis und gerade auch Amateure ermöglicht der Kontrollblick aufs Display eine Optimierung. Wer’s nicht braucht und trotzdem digital bleiben will, kann ja auch gleich zur Leica M-D greifen :-)

  8. Wurden “damals” nicht Polaroids zur Kontrolle von Belichtung und Bildschärfe benutzt? Ich sehe da jetzt nicht so den Unterschied. War halt, wie die Bildbearbeitung auch, aufwendiger als es heute ist …

  9. Da stimme ich voll zu. Alles, was nach der Aufnahme auf dem Display zu sehen ist, das ist hinter dem Pflug. Bei Motiven, die sich wenig bewegen, wie Architektur, Stillleben usw. kann man auch vor dem Auslösen lang genug beim Blick durch den Sucher überlegen.
    Bei allem anderen ist nach der Aufnahme sowieso nichts mehr zu ändern. Der Gesichtsausdruck von gerade eben ist entweder so auf dem Bild drauf wie es der Fotograf gesehen hat oder halt nicht.

  10. Mir ist – ehrlich gesagt – nicht so klar, was an den gezeigten Bildern anders sein soll, wenn man sie auf dem Display kontrolliert oder auch nicht. Denn die eigentliche Bildwirkung geht doch definitiv von der Bildbearbeitung danach aus. Auch lässt sich hier an dem gezeigten Bildmaterial nicht nachvollziehen, ob die Ausschnitte nachträglich verändert / gedreht wurden, etc. Diese Bildbearbeitung ist mir viel zu massiv, so dass ich die Schlussfolgerung mit der handwerklichen Souveranität des Fotografen nicht ernst nehmen kann.

  11. Ich mag drei Bilder: die Frau am Fenster, die Frau mit den nackten Brüsten, und die Frau mit dem Wollpullover. Auch mich stören die krassen Vignetten und der Bearbeitungsstil bei einigen (sieben, um genau zu sein) der Bilder.
    Inhaltlich sehe ich es auch so, dass ein Blick aufs Display das Polaroid ersetzt, das finde ich nicht schlimm. Wer hatte nicht schonmal keinen Film drin oder die Kamera versehentlich auf ISO 12.800 eingestellt … ein Blick aufs Display zeigt mir, dass alles “im grünen Bereich” ist, und erlaubt mir, mich danach voll und ganz auf die fotografische Aufgabe zu konzentrieren.

  12. ich glaub, manche haben den Artikel nicht verstanden. ich denke, martin rohrmann gehts nicht darum, dass man nicht aufs Display gucken soll/darf. der artikel ist da für mich wesentlich subtiler und tiefgehender. das ist so, als wenn man Stolz und Vorurteil gelesen hätte und würd sagen, das sei eine liebesgeschichte.

  13. Sehr schön geschriebener Artikel! Das zwanghafte Stieren auf das Display ist vor allem eins: Handwerkliche Unsicherheit, gewachsen auf dem Mist der motorisierten Automatikballerei. Das einzelne Bild kostet ja nichts, wird gerne geglaubt.
    Wer mit Diafilm aufgewachsen ist, kann da nur den Kopf schütteln. Erst recht bei MF waren und sind die Kosten erheblich und das Foto musste komplett fertig sein bevor man abdrückte. Diese Anforderung ist verlorengegangen und entsprechend lenkt sich der Fotograf jetzt in grotesker Weise mit dem Kontrollblick von Objekt und Situation ab.
    Meine Erfahrung: Wer seine Digitalkamera so benutzt, wie er Film benutz hat, macht die besten Bilder mit dem geringsten Aufwand, das betrifft auch die Nachbearbeitung