08. Juni 2016 Lesezeit: ~12 Minuten

Das nahe Ufer – Küstenfotografie in Portugal

Wellen wogen heran und brechen in einem Getöse aus Gischt und Schaum; sie hüllen dunklen Stein in ein weißes Kleid. Sand wird umspült vom stetigen Wechsel aus Ebbe und Flut. Wir sind am Meer, unser Auge auf der Suche nach dem nächsten Kader, die Kamera im Anschlag warten wir auf den nächsten fotogenen Augenblick.

Nur wenige Disziplinen in der Landschaftsfotografie sind so abhängig von einem einzigen Moment wie die Küstenfotografie. Oft entscheidet eine Sekunde über ein geglücktes Bild oder ein misslungenes. Nichts desto trotz ist keine Spielart der Landschaftsfotografie so dynamisch und abwechslungsreich wie die Küstenfotografie, das macht ihren Reiz aus.

Dieser Artikel wird sich mit einigen der Eigenheiten des Fotografierens von Meeresansichten am Beispiel von Portugal beschäftigen und Euch einen kleinen Überblick über diese vielleicht interessanteste Kategorie der Landschaftsfotografie geben.

Bucht an der Küste

Warum gerade Portugal? Ich habe schon verschiedenste Küsten fotografiert: Die Westküste der USA, Japans Inlandsee und die Küste zum chinesischen Meer, Islands und Norwegens Nordatlantikküste, den Ärmelkanal und die Bretagne und auch die Ufer von Cornwall und Wales. Jedoch gibt es nur an wenigen Küsten auf einem geografisch recht kleinen Abschnitt von gerade einmal 200 km in der Nord-Süd-Ausdehnung ein so reichhaltiges Angebot an faszinierenden Stränden, Buchten, Klippen und kleinen Örtchen wie am südlichen Ende Portugals.

Ebenso die Bereiche um den westlichsten Punkt Festlandeuropas, Cabo da Roca, haben wundervolle Strände mit gigantischen Felsen in petto, die nur darauf warten, auf den Sensor gebannt zu werden. Ein zusätzlicher Reiz ist, dass es eine Vielfalt an Motiven gibt, die leicht zugänglich sind, da es ein gutes Straßennetz gibt und dennoch einige der Orte echte Geheimtipps sind – andere sind mittlerweile natürlich allseits bekannt.

Die Nähe von Deutschland aus – es sind Luftlinie in etwa 2.000 km bis nach Lissabon – macht es ebenso zu einem wesentlich günstigeren Ziel als etwa die Pazifikküste Oregons oder gar Japan. Dazu kommt, dass ein Großteil der Küstenzüge nach Westen orientiert ist.

An sich nichts Ungewöhnliches, allerdings hat man so den Vorteil, dass der Sonnenuntergang die meiste Zeit – je nach Winkel des Vordergrundes – über dem Meer stattfindet, sodass man meist ein interessantes Schauspiel am Himmel hat und die Chance auf schöne, farbige Wolken – und das, ohne allzu früh aufstehen zu müssen.

Mittlerweile habe ich die Algarve, Alentejo und andere Bereiche Portugals drei Mal auf längeren Trips besucht, um eine ausgedehnte Sammlung von Arbeiten zu erstellen, anhand derer ich Euch nun einige Tipps und Tricks vermitteln möchte.

Felsen im Meer

Als erstes möchte ich kurz auf die allgemeine Anmut eingehen, die sich durch die Mixtur aus Dynamik und Statik besonders bei Küstenbildern, auf Neudeutsch auch oft „Seascapes“ genannt, ergibt. Häufig sind in der Fotografie visuelle Kontrapunkte zum Herausarbeiten bestimmter Aspekte äußerst wichtig. In der Landschaftsfotografie kann dies unter anderem meistens – ähnlich bei der Architektur und Stadtfotografie – durch längere Verschlusszeiten erreicht werden.

Dadurch können bewegte und ruhige Bildelemente zueinander in Relation gesetzt werden und sich so gegenseitig betonen. So wirken die Steine auf der Aufnahme unten besonders starr, weil sie von sich bewegenden Wellen umspült werden; dabei benutzt man in der Regel Belichtungszeiten von einer Zehntelsekunde bis zwei Sekunden. Bei Tageslicht kommen hier Neutralgraufiltern zum Einsatz.

Dieses Spiel von Starre und Bewegung ergibt einen besonderen Synergieeffekt, bei dem die Kinetik der Brandung als solche erkennbar wird, wohingegen noch genug Textur vorhanden bleibt, um die Wellen als solche sichtbar erscheinen zu lassen und sie nicht verwaschen abzubilden. Diese Verschlusszeiten können zu dramatischen Momentaufnahmen führen, in denen die Gewalt des Meeres eingefangen werden kann, wie beim folgenden Bild von einem der vielen Surferstände Portugals „Praia do Castelejo“ illustriert. Jedoch ist hier perfektes Timing von Nöten, damit die wässrigen Wogen den gewünschten Effekt entfalten können.

Let the Tempest Come © Nicolas Alexander Otto

Diese eher kurzen Belichtungen eignen sich besonders bei hoher Tide und starkem Wind. Allerdings ist hier das Timing besonders wichtig. Bei größerem Dynamikumfang passe ich in der Regel erst den Vordergrund ab, sodass ich die Wellen zuerst belichte und erst, wenn ich eine Wellenbewegung habe, die mir besonders gut gefällt, werde ich die Aufnahmen für den Himmel oder den Mittelgrund schießen, falls nötig.

Die Einzelteile können später in der Nachbearbeitung problemlos zusammengefügt werden, um den Dynamikumfang des Bildes dem des Auges anzugleichen. Tipp: Je schwerer das Stativ, desto fester steht es. Sonst warten bis es etwas im nassen Sand eingesunken ist, damit es nicht zu sehr wackelt, wenn es vom Wasser erfasst werden sollte, sonst ist das Bild unbrauchbar.

Der Vordergrund ist hier klar das Wichtigste, den jede Meeresbewegung ist einzigartig und wird kein zweites Mal genau gleich durch den Kader wallen. Das kann besonders wichtig sein, da bei einem bestimmte Winkel zum Ufer das hereinkommende oder sich zurückziehendende Wasser für die Linienführung einsetzt werden kann. Somit können die brechenden Wasserkanten etwa genutzt werden, um den Blick des Betracht*inner zu besonderen Elementen im Mittelgrund zu ziehen.

The Living Infinite II © Nicolas Alexander Otto

Bei diesem Bild, entstanden mit einer Belichtungszeit von drei Sekunden am „Praia da Adraga“ bei Sintra, führen die Linien des zufließenden Wassers von den unteren Ecken des Bildes in die Mitte zu den Steinen, dem Hauptaugenmerk der Aufnahme. Gleichermaßen wird die Textur des Sandes nur teilweise überlagert, sodass die Kontraste zwischen Hell und Dunkel an den Felsen am größten sind und somit den Blick zusätzlich auf die Bildmitte lenken.

Darüber hinaus werden so die Ecken dunkel gehalten, damit der Blick nicht aus dem Bild gleitet. Wäre die Aufnahme einen Bruchteil früher oder später aufgenommen worden, wäre der gesamte Vordergrund überspült worden oder aber es hätte gar keine Wellenlinien gegeben und es wäre lediglich Sand zu sehen gewesen. Beides hat sicherlich auch seinen Reiz, allerdings wollte ich eben diesen „Sogeffekt“ erzeugen.

Im Kontinuum zwischen Dynamik und Statik ist eine meiner persönlich präferierten Techniken das Erzeugen von negativem Raum mit Hilfe von sehr langen Belichtungszeiten, beginnend bei zehn Sekunden bis prinzipiell Ende offen. Mit Hilfe von sehr langen Belichtungszeiten lassen sich Details im Wasser, der Brandung und auch im Himmel „auswaschen“. Dies ermöglicht ein gezieltes Fokussieren auf die Elemente im Bild, die gänzlich starr sind.

Besonders reizvoll ist das, wenn das Motiv gänzlich vom Wasser umschlossen ist, wie etwa der mittlerweile sehr berühmte, verfallene Fischerssteg beim Örtchen „Carrasqueira“ am Delta des Sado.

Ein alter Fischersteg

Bei solchen Aufnahmen sollte allerdings ein wesentlich formalistischerer Ansatz berücksichtigt werden, was die kompositorischen Grundelemente angeht, da das Wasser selbst bei verschwindenden Konturen nicht mehr als direktionales Bildaufbauelement nutzbar ist, um etwa Führungslinien zu erzeugen oder Dynamik zu transportieren.

Stattdessen werden die Konturen zwischen den unveränderlichen und den in Bewegung befindlichen Teilen des Bildes betont, die ihrerseits die Aufnahme tragen müssen. Oft wird das als minimalistischer Ansatz verstanden, da die globale Menge an Textur massiv verringert werden kann, um so bestimmte Muster, etwa in den Felsen, wie auf der nächsten Aufnahme vom „Cabo Raso“ nahe Lissabon herauszuarbeiten.

Schroffe Felsen im Meer

Ein besonders interessanter Aspekt bei der Arbeit an den Ozeanen generell ist selbstverständlich der Einfluss der Gezeiten, so kann ein Strand bei Flut klein und unspektakulär wirken und sich bei Ebbe in ein aufregendes Feld aus potenziellen Vordergrundkompositionen verwandeln.

Der Strand „Praia do Malhao“ etwa wirkt bei Flut recht spärlich mit Blickfang gesegnet, wenn das Wasser sich jedoch zurückzieht und Preis gibt, was das Meer sonst verdeckt, bieten sich verschiedenste, von Algen bewachsene Steine dem Auge, komplettiert von einer unter dem Strand verborgenen Süßwasserquelle, die für besonders schöne Texturen im Vordergrund Spuren in den Sand zeichnet.

Es muss also auch nicht immer die Brandung sein. Zusätzlich abgerundet von einem schönen Sonnenuntergang kann mit diesen Komponenten eine sehenswerte Arbeit entstehen.

Sonnenuntergang über dem meer bei Ebbe

Aber auch im Verlauf der Jahre verändern sich die Küstenlinien kontinuierlich. Mit jedem Wintersturm etwa kann Sand angespült oder abgetragen werden; das hat bei mir schon diverse Male dazu geführt, dass ich vergebens versuchte, eine bestimmte Komposition am Strand wiederzufinden. So wurden inzwischen die Steine, die noch vor einem Jahr als Bildelement dienten, verdeckt oder anders herum andere freigelegt mit einem gänzlich anderen Ergebnis.

Dieser Umstand führt dazu, dass zusätzlich zu unterschiedlichen Tidezeiten – die man immer vorher recherchieren sollte, je nachdem, welchen Stand man vorfinden möchte – der längerfristige Wandel der Strände berücksichtigt werden muss, wenn man wiederholt vor Ort ist oder sich von einem bestimmten Foto hat inspirieren lassen.

Nur selten bietet sich exakt dasselbe Bild wie zuvor. Etwas, das ich sehr begrüße, da man so davon abgehalten wird, in alte Muster zu verfallen und stattdessen dazu gezwungen ist, neue Kompositionsanreize zu finden.

Letztlich möchte ich noch auf einen Punkt kommen, der wohl einigen Fotograf*innen sehr romantisiert vorkommen mag, aber nicht zuletzt ist das Meer aus unserer Geschichte heraus schon immer gleichzusetzen gewesen mit dem großen, weiten Unbekannten. So kann dieses Gefühl von Fernweh und Abenteuer evoziert werden, wenn man sich die Geschichte der europäischen Seefahrer vor Augen hält.

Die Vorstellung, dass eine bestimmte Landzunge das Ende der Welt markiert und dahinter nichts mehr ist außer dem Ozean, herrschte über Jahrhunderte vor. Gerade auf hohen Klippen lässt sich dieses Gefühl grafisch festhalten. Um noch einen verstärkenden emotionalen Effekt hervorzurufen, ist es hilfreich, ein Objekt zum Größenvergleich einzubauen, um die Macht des Ozeans in Relation zu setzen.

Besonders eignen sich hierzu Menschen oder Leuchttürme. Hier zu sehen der „Farol do Cabo de São Vicente“ unweit von Villa do Bispo, einer kleinen Stadt am Südwestende des europäischen Festlandes.

Ein Leuchtturm bei Nacht auf einem Felsen

Bei Klippen sollte man dazu noch im Hinterkopf behalten, dass oft der Winkel parallel zur Küstenlinie interessantere Vordergründe bietet, da die Klippe selbst der Blickfang ist und weniger das offene Meer. Darum eignen sich besonders Buchten und Landzungen, damit die Küstenlinie nicht zu gleichmäßig und somit langweilig erscheint, sondern als Blickführung einsetzt werden kann.

Im folgenden Bild, das unweit vom bereits genannten „Cabo da Roca“ aufgenommen wurde, sorgt eine kleine Bucht mit zahlreichen Felsen für einen Interessanten Mittelgrund und leitet den Blick zum Leuchtturm auf dem Plateau oberhalb der Kliffs. Der große Fels, der dem Strand seinen Namen gibt, „Praia da Ursa“ (Strand des Bären), sorgt dabei dafür, dass die leere Seefläche keinen zu großen Teil des Bildes einnimmt.

Ein felsiger Strand

Wenn man also keine Angst hat, nasse Füße zu bekommen – ich arbeite in der Regel auch bei niedrigen Temperaturen immer barfuß am Strand, denn irgendeine Welle schnappt mich immer – oder mit Höhenangst zu kämpfen hat, gibt es jede Menge Gründe, die wundervolle und abwechslungsreiche Küste Südportugals zu besuchen und sich und seiner Kamera den Seewind um die Ohren blasen zu lassen.

Für einige mag die Brandung, der Gezeitenwechsel und die Gischt, von der es die Linse ständig zu befreien gilt und die schier unüberschaubare Fülle an Möglichkeiten als Umfeld sehr anstrengend zu erscheinen, doch eben das macht die Küste zu einem unglaublich aufregenden und spannenden Motiv, wie es vielfältiger nicht sein könnte!

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10 Kommentare

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  1. Teilweise sehr schöne Bilder!
    Nur: gibt es eigentlich ernsthaft jemanden, dem diese „verwaschenen, wolkenähnlichen“ Wasser/Meer Darstellungen wirklich gefallen? Ich habe immer Schwirigkeiten zu überlegen, ob ich da jetzt „Meer“ oder eine „Wolkenbank“ oder Bodennebel sehen soll… Gilt aber anscheinend in den letzten Jahren wohl als „modern“
    Klares Meer (wie auf dem Aufmacherbild) ist so was erfrischendes!

    • die frage ist weniger, ob einem das gefallen kann, sondern eher, ob es einen sinn hat, das in einem photomagazin zu bringen, weil: man kennt’s ja schon von all diesen drucken aus möbelhäusern und katalogen oder whiskywerbung.

      • „Eigenheiten des Fotografierens von Meeresansichten am Beispiel von Portugal“

        Ja, leider sind die Bilder nicht sehr originell, auch wenn sie nicht schlecht sind, und man kann leider von Portugal nichts sehen.
        Das könnte auch in Schottland, Norwegen, die Schweiz oder Kroatien sein.
        Auf Webseiten von Charlie Waite, Joe Cornish, David Ward, David Noton, Lee Frost, Ian Cameron, David Clapp u.a. sieht man genau solche Fotos aus Northumberland oder der schottischen Westküste oder North Devon oder auch New England oder Neuseeland oder Patagonien.

  2. Ich finde, die Bilder haben alle große Klasse! Vor allem wenn man weiß, welch enormer Aufwand und Planung hinter jedem einzelnen steckt!

    Eine Frage habe ich an den Autor: auf deiner Homepage ist eins vom Bahnhof FFM, ist das vom alten Güterbahnhof aufgenommen? Insgesamt super Arbeiten!

  3. nur weil das Genre Langzeitbelichtung 1000 fach bedient ist, soll man es nicht mehr machen dürfen? Das würde dann nach meiner Einschätzung für alle Gattungen der Fotografie zutreffen, wenn man sich den täglichen Bildertzunami im Netz anschaut. Nein, die Bilder sind auf jeden Fall handwerklich gut gemacht. Wer auf diese Art der Fotografie steht, der wird sicher beim Betrachten der Bilder keine Enttäuschung erleben.

  4. Manchmal geht es nicht nur um den reinen Konsum von Bildern, sondern um einen Erfahrungsbericht im Bilder-Schaffen. Es geht um Kunst im Sinne von Können (Philosophen kennen den Begriff „techne“ vielleicht) und netterweise teilen manche Leute ihr Wissen über ihr Können, so dass man selbst noch was lernen kann. Ich mache auch solche Bilder und freue mich immer über Austausch und Info. Es geht nicht darum, anderen Leuten jederzeit was neues am Fließband zu liefern, sondern seine Technik immer weiter zu verfeinern und dazuzulernen. Daher jedem Tierchen sein Pläsierchen. Ich mag solche Bilder, selbst wenn der ganze Mond damit zupflastert wäre. Daher danke jedenfalls für den Artikel. <3

  5. Ich kenne die Westküste Portugals gut und finde, du hast wunderschöne Bilder davon gemacht! Danke auch für die vielen Tipps. Ich habe an der Costa Vicentina zuletzt Polaroids gemacht, war auch spannend .. Langzeitbelichtungen an der Küste habe ich schon länger auf dem Schirm, da möchte ich mich demnächst auch mal rantasten …

  6. Blogartikel dazu: Landschaftsfotografie - 7 interessante Links - Foto-Tricks