Eine Frau geht vor einer blauen Hausfassade entlang, an der auch ein Fahrrad lehnt.
13. Mai 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

Kuba mit Einschränkungen

Nach drei Jahren Abwesenheit reiste ich im März 2016 wieder in die Heimat. Es war Zeit, meine Eltern wiederzusehen und mein geliebtes Sancti Spíritus zu besuchen – die Stadt im Zentrum der Insel, wo ich das Laufen, das Sprechen, das Lesen und das Schreiben gelernt habe. Darüber hinaus freute ich mich auf meine neuen Kubafotos.

Einen richtigen Plan, was und wie ich fotografieren wollte, hatte ich dieses Mal nicht. Ich wusste bloß, dass ich 2016 keine fotografische „Menschenjagd“ auf Kuba treiben würde. Das hatte ich in der Vergangenheit ausreichend getan und die Bilder, die aus diesen Streifzügen entstanden sind, kann ich sowieso nicht mehr toppen. Im besten Falle kann ich mich nur wiederholen.

Dunkler Durchgang, in dem die Silhouette eines Mannes vor einer orangen Fassade zu sehen ist.

Ein Mann trägt einen Sack aus einem Durchgang.

Angeschnittene Silhouette eines Fahrradfahrers vor einer Hausfassade im Abendlicht.

So beschloss ich, die Wiederholungsgefahr im Keim zu ersticken: Ich nahm nur eine 35-mm-Festbrennweite mit auf die Reise, quasi als bewusste technische Einschränkung. So kurzsichtig ausgestattet, dachte ich, würde ich nicht in die Versuchung kommen, Menschen aus der Distanz heran zu zoomen und so zu fotografieren.

Hinzu kommt, dass ich zu diesem Zeitpunkt über nur wenig Erfahrung mit der für Straßenfotografen klassischen Brennweite von 35 mm verfügte. Neuland im eigenen Land. Ich musste mich als nun „amputierter“ Fotograf auf den Straßen meiner Geburtsstadt neu erfinden. Keine Chance auf Routine, mein Flow wurde brutal gekappt.

Zwei Männer fahren auf Fahrrädern vor einer blauen Hausfassade in entgegengesetzter Richtung.

Durchgang, in dem gelbe und blaue Fassaden und zwei Männer zu sehen sind.

Ein Mann auf einem Fahrrad schaut durch die geöffnete Tür in ein Geschäft.

Die Herausforderung und die damit verbundene Ungewissheit waren mir aber willkommen, ich ging mit meinem Wagnis erstaunlich entspannt um. Ich spürte keinen Druck, ich reiste nach Kuba mit dem Gefühl der Sättigung und der darauffolgenden Genügsamkeit, denn mit meinem Kuba-Portfolio war ich eigentlich schon sehr zufrieden.

Ich brauchte dieses Mal nicht unbedingt etwas aus dem Land mitzunehmen, denn zuhause in Deutschland hatte ich genug davon. „Vielleicht“, sagte mir meine innere Stimme, „hast Du ‚Deine‘ Kubafotos bereits aufgenommen.“ Wenn drei bis fünf gute Fotos dazu kämen, dann dürfte der Sack voll sein.

Aufnahme von erhöhter Position eines Fahrradfahrers auf einer Straße mit weißen und gelben Markierungen.

Eine Frau mit Sonnenschirm geht auf einer breiten, leeren Straße.

Blauer Transporter auf einer Straße, Perspektive von oben.

Ich wusste außerdem, dass meine Flügel in Kuba kurz beschnitten sein würden. Meine Eltern sind über achtzig Jahre alt und ihre eingeschränkte Mobilität verpflichtet mich dazu, in ihrer Nähe zu bleiben. Mir war bewusst, dass ich die meiste Zeit in meiner Geburtsstadt Sancti Spíritus bleiben würde.

Mit der Entscheidung, nur eine Festbrennweite mitzunehmen, hatte ich mir selbst eine technische Einschränkung auferlegt und mit der erzwungenen Bleibe in Sancti Spíritus wurde noch dazu auch mein Bewegungsradius eingeschränkt.

Ein Mann schiebt ein Fahrrad vor einer blauen Hauswand, im Hintergrund ein Motorrad.

Eine Straße mit blauen Hausfassaden.

Ein Mann und eine Frau treffen sich zufällig auf der Straße vor einer blauen Hausfassade.

Der Minimalist in mir aber feierte die Einschränkung und fühlte sich im Käfig ganz in seinem Element. „Ein Hoch auf das, was da kommt!“, sagte ich mir, als das Hahnengeschrei, das Hundegebell und die Rufe der fliegenden Händler der ersten Nacht im Haus meiner Eltern ein Ende setzten.

Auf dieser Reise sind Bilder entstanden, die nicht besser und nicht schlechter sind als meine alten Kubafotos – so sagt die Vernunft. Sie sind anders, weil ich durch meine freiwillige Amputation nicht anders konnte und wollte. Ein Hoch auf das Andere! So relativiere ich eine gelegentliche, nicht ausgesprochene Unsicherheit, wenn ich Neues mit Altem vergleiche.

Schatten eines gusseisernen Zauns auf abblätternder Hausfarbe. Mann vor einer blauen Hauswand, auf die ein Strommast seinen Schatten wirft.

Blick eine kubanische, ländliche Straße hinunter, die ein Hund entlangspringt.

Blick in eine kubanische Straße mit großem Strommast im Vordergrund.

Ich wollte keine Ausschau auf ahnungslose Menschen halten und sie mit dem Autofokus-Lasso in den Kasten ziehen. Stattdessen entschied ich mich für eine sorgfältige Auswahl des grafischen Rahmens meiner Fotos und ließ den Zufall das nötige i-Pünktchen setzen. So fotografierte ich großzügig hyperfokal und betrachtete die Passanten als willkommenen „Störungsfaktor“ meiner Kompositionen.

In meinen neuen Fotos erkenne ich das Sancti Spíritus meiner Kindheit wieder, so wie ich es in meinem Herzen trage und in der Erinnerung behalte. Doch der Reisende sei gewarnt: In meiner ehrlichen Liebe bin ich auch unehrlich. Ich habe die Stadt für mich und nach meinen Sehnsüchten visuell rekonstruiert.

Vier Männer stehen verstreut vor einer blauen Hausfassade.

Ein Junge trägt ein Huhn auf einer Straße entlang.

Beige-braune Hausfassade, vor der ein Mann entlang geht.

Ich zeige die Stadt so, wie ich sie aus meinen Kindestagen kenne und heute noch sehen möchte. Ich sehe fast menschenleere Straßen und ein einzelnes Passieren des Lebens durch lückenlose spanische Kolonialarchitektur. Ich lasse die Espirituanos (wie die Anwohner von Sancti Spíritus genannt werden) mit ihrem winzig gewordenen Dasein vor mächtigen Kulissen aus vergangenen Zeiten – immer etwas suchend – vagabundieren.

Ich zeige die mir vertraute Normalität einer Stadt, die in ihrer Unschuld noch nicht ahnen kann, dass sie ein halbes Jahrhundert später als Reisedestination in den Touristenkatalogen der westlichen Welt vorgestellt wird.

Ähnliche Artikel

17 Kommentare

Schreibe einen Kommentar zu Kati B. – abbrechen –

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Weniger die Bilder oder Kuba (scheint ja allgegenwärtig zu sein) sind hier für mich Thema. Doch spannend, wenn sich ein ausgewiesener Profi (s. die Kubabilder auf seiner Webseite) neu zu erfinden versucht. Danke fürs Zeigen.

  2. Wunderbar ich mag den „grafischen“ Stil der Bilder und den Abstand, so fotagrafiere ich auch ;) besonders gelungen finde ich die Farben, bisher habe ich meine Fotos in Schwarzweiß gehalten und mehrere Versuche Richtung Farbe unternommen, aber bei den meisten Fotos fand ich das sehr unpassend, hier ist das aber wunderbar gelungen, sehr motivierend…

  3. Für mich funktionieren diese Bilder noch besser als die vom vorherigen Bericht. Die Hintergründe sind meist weniger komplex gehalten: klare, starke Linien. Die Anordnung / Komposition der Protagonisten erscheint mir bedeutungsschwerer, soll heissen sie ist nicht zu eindeutig und laesst mich eher ueber die jeweils dargestellte Szene reflektieren. Cartier-Bresson kommt mir bei einigen in den Sinn (wie dem Radfahrer von oben oder der Frau mit dem Zuckerrohr), ich werte das als sehr positives Zeichen!
    Danke fuers zeigen, es macht Lust auf mehr.

    Schoenes Wochenende,
    Stefan

  4. Ich war noch nie auf Kuba. Die Bilder die man sonst zu sehen bekommt (50er Jahre US-Oldtimer, Strand- und Urlaubsfotos, Che und Konsorten) entsprechen wohl weniger dem Land, als das was wir hier heute zu sehen bekommen haben.
    An dieser Stelle, danke fürs zeigen. ich mag solche Fotografie.
    Auch die Reduktion auf eine Brennweite beruhigt das Auge des Betrachters und wird von meiner
    Seite als angenehm entfunden.

    Elmar

  5. Mir gefallen die Bilder und der Reisebericht dazu. Es ist schon eine Herausforderung mit nur einem Objektiv durch die Gegend zu tingeln. Ich denke, dabei lernt man wirklich viel dazu.
    Zum Thema kwerfeldein, wie hier diskutiert wird. Ich mags.

    • Ich finde die Bilder gelungen und ich erkenne einen Hang zur Abstraktion und satten Farben.
      gefällt mir gut diese Serie – insbesondere in Anbetracht der lokalen und technische Einschränkungen.
      //MAtz

  6. hi Gilberto,
    die Fotos finde ich mit dem Text bewegend. Deine schreibweise gefällt mir.
    Ich kann nur jedem Kritiker empfehlen auch den Text dazu zu lesen, bevor geurteilt wird.

    Danke fürs zeigen.

    Lg Joe

  7. „Ich zeige die mir vertraute Normalität einer Stadt“, schreibst du. Die Bilder und der Bericht sind sehr subjektiv, manchem wird das gefallen, anderen nicht, und das ist auch gut so, denn „die Subjektivität ist die Wahrheit“ (Kierkegaard).

  8. Sehr gute Bilder! FotoGRAFISCH und nah am Menschen, ohne die Intimsphäre zu verletzten, so geht Street. 35mm ist die ideale Beschränkung, gestalterisch und von kurzer Distanz. Man nimmt den Fotografen wahr und lässt ihn gewähren, das sehe ich den Bildern an, da ich selbst u.a. leidenschaftliche Streetfotografin bin und da aus Erfahrung und „nächster Nähe“ spreche. Wer Menschen fotografiert, kennt das. Dann könnte man auch gleich Ikonen wie Cartier Bresson verfluchen, aber was wäre die Fotografie ohne seine Werke… Solche Bilder wie hier macht man nicht ohne Respekt vor Menschen, sondern mit langjähriger Erfahrung, Interaktion… Es ist Reportage, Dokumentation mit Feingefühl.
    Viel – viel schlimmer finde ich diese Knipser, die Leute mit dem 300er Tele unbemerkt abschießen und sich an ihrer „Ausbeute“ erfreuen und Zuhause damit angeben, oder sie mit dummen Titeln veröffentlichen. Das hat weder etwas mit Nähe oder gar mit Respekt zu tun, geschweige denn, mit Interesse am Leben und Tun auf der Strasse bzw. an fremden Kulturen.

  9. ”Ich nahm nur eine 35-mm-Festbrennweite mit auf die Reise, quasi als bewusste technische Einschränkung.”
    mmh, ich empfinde diese künstliche technische Einschränkung(en) grundsätzlich immer als Indiz für eine fehlende fotografische Idee/ Aufgabe. Der Autor schreibt dieses ja auch selbst: ”Einen richtigen Plan, was und wie ich fotografieren wollte, hatte ich dieses Mal nicht.”
    So erhält dieser Punkt leider auch eine entsprechend hohe Gewichtung im folgenden Text, logisch, weil die Geschichte anfangs fehlt.
    ”In meinen neuen Fotos erkenne ich das Sancti Spíritus meiner Kindheit wieder”
    Die Geschichte entsteht erst anhand den fertigen Bildern, und ich meine, das ist auch zu erkennen; zumindest ich kann den “Kinderblick” nicht wirklich nachvollziehen.

    • So ist das meistens, die Sublimation (Verwirklichung) einer Idee steht am Ende des Prozesses. Das hat der gute Hegel schon gewusst. Und natürlich ganz blauäugig, Konzept- und emotionslos bin ich auch an die Sache nicht ran gegangen. Sie dürfen meine Planlosigkeit nicht so wörtlich nehmen. Am Anfang stand eine tiefe emotionale Beziehung zum Land meiner Kindheit, meine Sehnsucht nach einem verloren gegangenen Land. In meinen Augen das reicht schon, um mit der Seele, nicht mit dem Kopf, fotografieren zu können. Oder wollen Sie auch bestreiten, das ich wahre Gefühle zu Kuba hege?

      • Ich kann mir ja nur den Text durchlesen und mir die Bilder dazu ansehen, und das was ich dann lese und sehe nehme ich „beim Wort“ – warum sollte ich etwas anderes annehmen? Das ist der Grund warum ich für mich die Idee grundsätzlich am Ende des Prozesses gesehen habe.

        „Oder wollen Sie auch bestreiten, das ich wahre Gefühle zu Kuba hege?“
        Das habe ich nicht geschrieben, und warum sollte ich das auch bestreiten? Das glaube ich Ihnen gerne.

  10. @ Horst E.
    Wahrscheinlich haben Sie auch Recht. Ich hatte sehr wohl eine Vorstellung, was und wie ich das Land meiner Kindheit fotografieren wollte und – das ist entscheidend – ich hatte die unendliche Liebe zu diesen Straßenzügen als Motivation oder Intention dieser fotografischen Annäherung an mein Sancti Spiritus. Die Sache ist so, dass wenn man schreibt, wenn man aus Worten Sätze macht, tendieren diese zu Verselbstständigung und oft maskieren sie das, was man eigentlich schreiben wollte. Vielen Dank für die Anregung, die diesen Gedanken bei mir auslöste.

    • @Pérez Villacampa

      Mir geht es gar nicht um „Recht haben“, aber wenn meine kleine bescheidene Kritik neue Gedankengänge ausgelöst hat, dann ist das doch schon was und ist am Ende vielleicht wertvoller als ein seichtes oberflächliches „gefällt mir“ nur um Ihnen kurzfristig etwas Gutes zu tun ;)