10. Mai 2016

Straßenwanderungen

Es ist schwierig, eine einfache Beschreibung meines Projektes abzugeben, denn wenn Du Deine eigene Arbeitsweise kennst und weißt, wie Du es machst, weißt Du trotzdem noch lange nicht, wie Du darüber am besten sprechen kannst. Ich mache es einfach, weil es für mich Sinn ergibt. Vom Wesen her besteht meine Arbeit aus wiederkehrenden Themen und Vorlagen aus urbanen Erinnerungen, Einsamkeit, stummen Geschichten, Licht und Botanik.

Ich habe es schon immer gemocht, Kleinigkeiten zu bemerken; hauptsächlich an Menschen, die mich durch Worte oder Zeichnungen inspiriert haben. Mit der Fotografie versuche ich, einen nicht-menschlichen Teil meiner Straßenwanderungen festzuhalten. Das kann ein leerer Platz sein oder ein verlorenes Objekt, bei dem ich untersuche, wie es immer noch Erinnerungen mit sich herumträgt.

Genauso wie meine Suche nach Licht und Schatten: Licht gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu erkennen, Schatten ermöglicht eine ganz andere Wahrnehmung. Aber es sind alles Geschichten, Fragmente des Lebens, die etwas zu erzählen haben, bevor sie verschwinden. Ich mache Bilder, um mich ihrer zu erinnern, um mich ihrer Geschichten anzunehmen.

Genau aus diesem Grund mag ich es, bereits existierendes Fotomaterial weiter zu verwenden – wie alte Drucke oder Negative. Das ist eine Basis, um Geschichten wiederzuentdecken und neu zu erfinden und dafür nutze ich Collagen.

Auf einem Schwarzweißfoto wurde der Kopf der Frau zerkratzt.Ein übereinanderbelichtetes Portrait einer stehenden Frau.

Verschmierte Seifenreste auf einer Fensterscheibe.

Die Licht-Spiegelung eines Fensters.

Zwischen zwei Hecken entsteht ein Spalt.

Eine zusammengerollte Kabelspirale.

Ein Lichtstrahl zerfällt diffus.

Das Bein einer Schaufensterpuppe steht auf einem Spiegel.

Die Folie um ein Hochhaus ist an vielen Stellen eingerissen.

Eine symmstrische Hecke mit Wiese.

Eine weiße Wand mit Tapetenresten.

Weiße Kreidezeichungen von Zahlen und Formen auf der Straße.

Eine Matratze mit Samtüberzug ist zugeschnürt.

Mosaikkacheln an einer efeubewachsenen Wand.

Spiegelungen auf der Wasserobefläche, daneben ein Geländer.

Das Ende einer Rolltreppe.

Ein in eine Plane eingewickeltes Etwas.

Alte Objekte habe ich schon immer gern gemocht, weil sie die Vergangenheit in sich tragen. Nicht aus „Liebe zur Nostalgie“, sondern wegen der Erinnerungen, die an ihnen haften und die man nur erahnen kann. Sie wurden für und von Menschen gemacht und sie wurdem zuvor schon benutzt. Manchmal sind die Dinge verloren gegangen, manchmal haben sie lange Reisen hinter sich und jetzt liegen sie dort vor mir, voll mit unerzählten Geheimnissen.

Das sind die gleichen Gedanken, die ich habe, wenn ich durch die Straßen wandere. Es kann eine Jahrhunderte alte Geschichte sein, oder eine, die gerade erst fünf Minuten jung ist, aber beide zeigen nur einen Teil von sich und halten den Rest versteckt.

In diesem Projekt verwende ich hauptsächlich Fotografie, weil es zu den Themen passt, die ich aufgreifen möchte und es ergibt sich aus den relevanten Geschichten, die ich ausdrücken will. Wenn etwas meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, versuche ich, die Spontanität des Moments so gut es geht zu wahren und festzuhalten. Ich mache Fotos, jedes schnell und nur einmal.

Ich verwende dabei analoge Kameras, weil sie zu meinem gesamten Arbeitsprozess passen. Ich fotografiere bis zum Ende der Filmrolle und warte dann auf die Ergebnisse. Manchmal dauert es einen Monat, einen Film zu beenden, dann habe ich Gelegenheit, auf meine Ausflüge in die Stadt zurückzuschauen und sehe nach, ob ich erfolgreich darin war, genau das festzuhalten, was mir in diesem Moment seine Geschichte dargeboten hat.

Dieser Artikel wurde für Euch von Anne Henning aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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10 Kommentare

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  1. Interessante Herangehensweise, würde mich eigentlich mehr interessieren. Mir erschliessen sich die Motive zu wenig bei diesen Bildern aus dem Alltag. Welche Erinnerungen, welche Geschichten werden da freigelegt ?

      • Naja, so als richtiger Künstler kann man doch nicht einfach ’nur‘ Bilder erschaffen – es muss dann doch schon etwas tiefgründiger sein, sonst könnte es ja jeder…

        howsoever – some are quite good!

        //MAtz

  2. Also ich mags. Meine Fotospaziergänge sehen ähnlich aus.
    Und da man bei einer Präsentation auch ein bisschen Text braucht,
    sehe ich das mit den Geschichten erzählen nicht so eng.
    Wenn man mich fragt warum ich denn wieder so altes Gerümpel
    fotografiert habe, so würde ich wahrscheinlich ähnlich antworten.
    Man macht sich wohl viel mehr Gedanken beim Text, als bei den Bildern die man macht.

    Elmar

  3. hallo……
    ….hat schon seinen reiz, ein photonotizbuch anzulegen und immer wieder darin zu blättern;
    es ist dann eine art erinnerungsverstärker und -akzentuierer.
    ich mach sowas auch, und das seit jahren.
    mehr und mehr nutze ich instagram, weil kamera, bildbearbeitung und hochladen aus einer hand kommen, blitzschnell und jederzeit.
    wenns mehr ins gestalten gehn soll, hab ich eine meiner compacts mit, vorzugsweise solcher aus der digitalen steinzeit mit 2 bis 4 MP, für zweistelliges aus flohmärkten gefischt.
    freilich fördert diese bildauffassung das fragmentarische, flüchtige…umso mehr spaß habe ich dann in langen stunden beim bearbeiten, was quasi eine metaebene der aufnahmeprozedur ist.
    servus,
    werner aus der hochsteiermark

  4. Gefällt mir sehr gut, und funktioniert (für mich) auch prima ohne Erklärtext. Letzterer nimmt bei manchen der hier publizierenden Fotografen manchmal etwas die Überhand und soll vielleicht entschuldigend/vorbauend für ein selbstbewusst/ambitioniertes, jedoch unglücklich umgesetztes Gesamtkonzept sein. Diese Serie gefällt mir einfach so wie sie ist, auch ohne große Worte. Die wären für mich gar nicht nötig gewesen. Betrachten und sich seine eigene Version der Geschichten zusammenspinnen, so man möchte …