Farbbild von 5 unterschiedlichen handgemachten Lochkameras aus alten Dosen.
01. November 2017 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Die Verlockung der Lochkamerafotografie

Mein erster Eindruck großartiger Kunst war der Anblick der Malerei „The Race Track (Death on a Pale Horse)“ von Albert Pinkham Ryder. Dieses Gemälde berührte mich als Kind so tief, dass es sich in mein Gedächtnis einbrannte. Ein Skelett reitet auf einem Pferd auf einer Rennbahn – das setzte meine Imagination und Kreativität in Bewegung.

Bis heute behaupte ich, dass dieses Bild der Grund dafür war, dass ich Künstlerin geworden bin. Einzigartige, mystische Landschaften zu erschaffen, die sich um die abgebildete Figur herum bewegen, bleibt ein festes Thema innerhalb meiner Arbeit.

Doch erst später in meinem Leben lernte ich die Lochkamerafotografie kennen. Begonnen habe ich als Malerin, dann ging ich über zum Erstellen von Drucken. Auch wenn ich dieses Medium liebte, kämpfte ich dort mit meinen Bildwelten. Ich beschloss, eine Pause einzulegen und kaufte mir eine Kleinbildkamera für Experimente. Es passierte während dieser Zeit, dass ich einen Kunstfotografen kennenlernte, der mich in die Lochkamerafotografie einführte.

Als ich begann, mir diese Kunstform anzueignen, bemerkte ich eine surreale Eigenheit in vielen Bildern. Ich spürte, dass dieses Medium mit meinem Hintergrund aus der Druckerzeugung mitschwang und dass es möglicherweise meine Arbeit auf eine imaginärere Ebene bringen könnte. Also versuchte ich mich an der mysteriösen Kunst der Lochkamerafotografie. Ein merkwürdiges Bild entwickelte sich im Entwicklerbad – und es war Liebe auf den ersten Blick.

Nackte Frau in einem geometrischen Gebilde auf der Oberfläche eines Sees treibend.

Ich wusste, dass man der Lochkamerafotografie (der Kunst der objektivlosen Fotografie) nachsagte, sie sei ein Medium, das in der Lage ist, fortwährend überraschende Ergebnisse zu erzeugen. Dieser eine Gedanke „der Überraschung“ ist, was meinen Elan am Leben erhielt. Die Hoffnung, dass ein einzelnes Bild meine Vorstellungen übertreffen könnte, ist eine treibende Kraft.

Die Lochkamerafotografie lehrt mich in gewisser Weise, nichts als gegeben zu betrachten. Auch wenn ich mir in Gedanken vorstelle, wie das Bild aussehen wird, ist es sehr häufig so, dass es ein Eigenleben entwickelt hat. Und wenn dies geschieht, fühle ich, dass das wirklich das größte Geschenk ist, das die Lochkamerafotografie einem anbietet. Man kann nie sicher sein, wie die Lochkamera die Realität bezwingt.

Nackte Frauen in einem See mit verzerrtem Horizont. Eine im Wasser, die andere liegend auf einem Schwimmring.

Nackte Frau mit einer Art Geweih vor einer Landschaft.

Die Art und Weise, wie eine Lochkamera funktioniert, ist unglaublich einfach, aber oft entstehen auffällige Ergebnisse. Es ist kein Sucher an einer Lochkamera. Die Unmöglichkeit, durch den Sucher zu schauen, fasziniert mich und eröffnet mir neue Wege der Kreativität. In Vorbereitung für eine Aufnahme belade ich meine zwei Vintage-Hutschachteln mit 25 selbstgebauten Lochkameras.

Mein Modell und ich ziehen los zu einem Ort, den ich vorab ausgekundschaftet habe. Jede Kamera (hergestellt aus Dosen in vielfältigen Größen und Formen) ist ausgestattet mit der Möglichkeit, ein Stativ zu befestigen. Es gilt, viele Überlegungen im Hinblick auf die Entstehung des Bildes vorab zu durchdenken.

Frau vor einer symmetrischen Kulisse aus Holz.

Nackte Frau, die akrobatisch auf einem Bein steht zwischen geformten Gebilden.

Wenn ich an einem Moment besonders interessiert bin, werde ich die Szenerie mit mehreren Kameras in unterschiedlichen Art und Weisen einfangen. Bedenkt man die Tatsache, dass ich nur 25 Chancen habe, ein erfolgreiches Bild zu erstellen, wird deutlich, dass jede Aufnahme wohlüberlegt ist. Ich kontrolliere zu grelles Sonnenlicht, warte auf Windstille, warte auf eine Wolke – und hoffe, alle wichtigen Punkte befinden sich irgendwann auf einer Linie.

Die belichteten Papiernegative werden in meiner Dunkelkammer entwickelt, eingescannt und in Photoshop bearbeitet. Ich mag die Tatsache, dass ich mit einer der ältesten und einer der neuesten Technologien zusammenarbeite. Die finalen Bilder sind archivfeste Pigmentdrucke.

Farbbild von 5 unterschiedlichen handgemachten Lochkameras aus alten Dosen.

Meine aktuellste Serie „The Wisdom Of The Saints“ begann, als die Schießübung für eine Rehjagd in einem Nachbargarten meine Aufmerksamkeit erregte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte, ob ich das Reh für einen Monat ausleihen könnte. Ich war neugierig, wie dieses Reh auf einem Lochkamerafoto aussehen würde. Würde es real aussehen? Oder wie eine Fälschung? Würde es überhaupt etwas bedeuten, dass es ein unechtes Reh ist? Kann ich einen spirituellen Aspekt in die Serie einbringen?

Ich begann, mehr Möglichkeiten zu suchen, um diese Tiernachstellungen zu fotografieren. Als das Projekt weiter fortschritt, war ich immer weniger eingeschüchtert zu erfragen, ob ich jemandes Vorgarten oder die Warenauslage eines Geschäfts fotografieren dürfte. Lochkamerafotografie erweckt die Kühnheit in mir.

Figuren auf einer Wiese in schwarzweiß mit akrobatischen Übungen.

Tier und Mensch in schwarzweiß in einer verzerrten Landschaft.

Die Vignettierung, eine Art Markenzeichen oder Qualität der Lochkamerafotografie, zieht mich an in ihrer Möglichkeit, einen Raum einzuschließen und zu isolieren. Die Figuren scheinen sehr einsam, wie in ihrer eigenen Realität gefangen zu sein. Die Verzerrungen wie ein sich wölbender Horizont können den Raum in ein Reich aus einer anderen Welt verändern. Existierend in diesem wie in Vergessenheit geratenen Raum, erscheinen die Subjekte wie ahnungslos gegenüber ihren Betrachter*innen.

Frau in einem hellen Kleid in mitten von kahlen Stämmen die gen Himmel fluchten in schwarzweiß.

Zwei nackte Frauen treiben auf einer natürlichen Wasserfläche.

Ich bin erfreut von der Kunst der Lochkamerafotografie. Durch diese Kunstform wurde es mir möglich, meine Bilder zu einem mythologischeren und imaginativeren Ort zu machen.

Dieser Artikel wurde für Euch von Tabea aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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6 Kommentare

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  1. Das versöhnt mich nun doch mit der alten, in diesem Fall uralten analogen Technik, der ich ja sonst eher skeptisch gegenüberstehe. Warum etwas analog machen, das man auch digital mindestens genauso hinbekommt? Aber das hier sind Sachen, die eben nur analog gehen. Es hinterlässt Spuren und beeindruckt. Sehr schön!