Cover des Buches „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag Taschen
28. März 2016 Lesezeit: ~7 Minuten

Rezension: „Fullmoon“ von Darren Almond

Taschen hat es mal wieder getan: Ein Schwergewicht von einem Bildband auf den Markt geworfen. „Fullmoon“ von Darren Almond wiegt stolze 2,7 kg, umfasst 400 Seiten und quillt nur so über vor Fotografien. Aber weg von den Äußerlichkeiten, hin zu den inneren Werten – worum geht’s?

Wie der Titel schon vermuten lässt, legt der Künstler Darren Almond, der auch mit Film und anderen Medien arbeitet, hier eine Sammlung von im Mondlicht aufgenommenen Langzeitbelichtungen vor. Damit ist der grobe Rahmen auch schon beschrieben, aber das Langzeitprojekt, das 1998 seinen Anfang nahm, hat weitere interessante Hintergründe.

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Darren Almond beschäftigt sich schon länger mit der Frage, welchen Einfluss die Zeit und das Verstreichen selbiger auf den einzelnen Menschen hat. Dieses Thema greift er also auch hier wieder durch die Belichtungszeiten von bis zu einer Viertelstunde auf.

Außerdem hat er nicht einfach irgendwo fotografiert, sondern gezielt Orte überall auf der Welt besucht, die für andere Künstler wie etwa die Maler der Romantik und historische Persönlichkeiten wie Charles Darwin die Vorlagen oder Kulissen ihrer Werke oder Erkenntnisse bildeten.

Sicherlich öffnet sich einem eine ganze weitere Bedeutungsebene, wenn man all diese Verweise in den Aufnahmen von Darren Almond erkennt, sie zuordnen und gedanklich gegenüberstellen kann. Doch auch ohne den kunsthistorischen Kontext ist der Bildband spannend; ich selbst habe beim Blättern nur wenige Verbindungen hergestellt.

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Wie schon erwähnt, ist die Serie in ihrer haptischen Form ein ziemlich dickes Ding. Das Format beträgt etwa 30 x 30 cm, fast 4 cm dick. Es handelt sich um eine Hardcoverausgabe mit Schutzumschlag, unter dem sich auf dem Cover und der Rückseite jeweils eine Prägung verbergen.

Irritiert hat mich an der Aufmachung eigentlich nur die Farbwahl: Das Hardcover ist einfarbig knallrot, auch das Vorsatzpapier hat die gleiche Farbe. Sonst taucht sie nirgends auf und steht für mich im krassen Gegensatz zum Innenteil des Buches. Aber diese Irritation erlebe ich bei Hardcoverausgaben mit Schutzumschlag öfter, vielleicht gibt es da also etwas, was bisher an mir vorbei gegangen ist.

Wie so oft bei Taschen-Bildbänden sind die Texte auch hier jeweils auf Deutsch, Englisch und Französisch abgedruckt. Dabei handelt es sich um zwei Vorworte von Sheena Wagstaff und Brian Dillon, an die sich der große Bildband-Teil mit über 260 Fotografien der Serie „Fullmoon“ anschließt, der nach den 32 Aufnahmeorten gegliedert ist.

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Sheena Wagstaff beschreibt in ihrem Text vor allem Darren Almonds Konzept, dass er also „im Bann der Natur und der Sprache des Lichts“ an die Entdeckungsreisenden des 18. und 19. Jahrhundert anknüpft und analog zu ihnen auf der Suche nach neuen Wegen ist, um Landschaften wahr- und aufzunehmen.

Wie sie hat Darren Almond den Blick über unberührte Natur schweifen lassen und gibt diesen Anblick nun an uns weiter: Die Faszination, die diverse geografische Formationen wie Felder, Küsten, Wasserfälle und Berge in ihrer Weite in uns auslösen, wird hier und da in unverkennbar romantischen Zügen in den Fotografien deutlich.

Immer wieder Erwähnung findet auch die Verflechtung der Flüsse von Zeit, Raum und Licht, die durch die Aufnahmetechnik sichtbar wird und auch dazu führt, dass dann auch der optische Eindruck von Flüssigkeit entsteht.

Brian Dillon geht in seinem Vorwort stärker auf die Präsenz und den Einfluss von Mondlicht in der Kunst ein und wie es verschiedene Künstler wie Maler und Schriftsteller inspiriert hat. Ihren Biografien und den sich darin wiederfindenden „Metaphern für die historische und topografische Messung der Zeit“ gilt Darren Almonds Interesse.

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Eingestreut in die Bildserie finden sich dann auch kurze Text und Gedichte der Künstler, auf die Darren Almond Bezug nimmt. Sie unterlegen die Bilder durch Worte mit einer passenden Stimmung, ausgelöst durch die Betrachtung des Mondes bzw. dem Mondlicht oder den abgebildeten Orten und ihrer Beschaffenheit.

Darren Almond hätte nun nur einen Ausschnitt seiner Serie zeigen können, reduziert auf die Aufnahmen, die eine gefällige Komposition haben und eindrucksvolle Landschaften zeigen. Aber dabei bleibt es nicht. Er breitet vor uns die ganze Bandbreite mit auch unkonventionellen Bildschnitten oder auf den ersten Blick unspektakulären Landschaften aus.

Neben den auf ihre Weise schönen, klassischen Landschaftsaufnahmen sind es gerade die Bilder mit seltsam gesetzten Schärfepunkten, von scherenschnittartig dunklen Silhouetten im Vordergrund überlagerte Szenerien oder die nahen Studien einzelner Pflanzen statt weitläufiger Ausblicke, die im Gesamtkontext spannend sind.

Darren Almond walzt sein Konzept also aus, erforscht die Möglichkeiten und die Betrachter des Bildbandes werden Seite für Seite Zeugen davon. Deutliche Aufnahmen stehen fast abstrakten gegenüber, Klares und Diffuses findet seinen Platz. Kräftige, unwirkliche Farben hier, nur sanft gefärbte Nuancen von Grau dort.

Fullmoon © Darren Almond, Verlag TaschenFullmoon © Darren Almond, Verlag Taschen
Fullmoon © Darren Almond, Verlag TaschenFullmoon © Darren Almond, Verlag Taschen

In einigen Aufnahmen wird vordergründig deutlich, dass es sich um nächtliche Langzeitbelichtungen handelt, wenn fließendes Wasser sich in weiche Nebel verwandelt, Sternenspuren ihren Weg über den Himmel ziehen oder künstliche Lichtquellen ihre nähere Umgebung bunt beleuchten.

Andere Fotografien sind subtiler, enthalten nur kleine, beinahe versteckte Hinweise darauf oder würden ohne den Serienkontext gar nicht als Nachtaufnahmen oder Langzeitbelichtungen erkannt werden – wäre da nicht etwas zwischen den Zeilen, das sich nicht so recht erfassen lässt. Sind es die Farben? Die Weichheit des Lichts? Sein Einfallswinkel?

Einige Orte hat Darren Almond auch mehrfach besucht und stellt Aufnahmen des gleichen Motivs zu verschiedenen Jahreszeiten gegenüber. Andere Szenen werden durch mehrere Bilder charakterisiert, zudem finden sich auch einige wenige Panoramen im Buch, die dann über eine ganze Doppelseite abgedruckt sind.

Das Buch „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag aufgeschlagen

Rückseite des Buches „Fullmoon“ von Darren Almond, Verlag

In meinen eigenen fotografischen Arbeiten habe ich mit dem Genre der Landschaftsfotografie normalerweise wenig zu tun, ich verliere mich eher in den Details von Pflanzen oder stelle Leute in florale Kulissen. Was ich aber, abgesehen von der reinen Freude an der Betrachtung, für mich hier noch mitnehmen kann, ist etwas Allgemeineres:

Darren Almond schafft es, einem fotografisch bereits reichlich erforschten Genre ein paar neue Facetten abzuringen. Es inspiriert und ermutigt mich, die Suche nach bisher unbetretenen Pfaden nicht aufzugeben, sondern den immer schmaler werdenden Wegen in unerforschte Gegenden weiterhin zu folgen.

Nichts ist jemals vollständig ausgelotet, überall verstecken sich noch neue Möglichkeiten. Es heißt also: Dranbleiben. Sich mal ein paar Jahre lang einem Projekt verschreiben, die formalen und inhaltlichen Grenzen erweitern und durchbrechen.

 

Informationen zum Buch

Titel: Fullmoon
Fotograf: Darren Almond
Seiten: 400
Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch
Erscheinungsdatum: 15. Dezember 2014
Verlag: Taschen
Ausgabe: Gebunden
ISBN: 978-3836546614
Größe: 30,2 x 31,2 x 3,8 cm
Gewicht: 2,7 kg
Preis: 49,99 €

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4 Kommentare

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  1. Für mich eine aufschlußreiche Besprechung. Hab den Band seit Ende 2014 da und hatte das Thema „Langzeitfotos mit Mondlicht“ selbst seit 25 Jahren immer wieder aufgegriffen.

    Das sind ein paar sehr schöne Bilder drin, einiges was mit Recherche im Zusammenhang finden kann, und manches (wie fast immer) berührt mich deutlich weniger.

    Vermißt hab ich ein paar Zeilen zur verwendeten Technik, aber das bekommt man wohl nicht bei Künstlern.