26. März 2016 Lesezeit: ~7 Minuten

Eines Tages, Baby

Auf einem Fotografentreffen im Februar bei München kam eine Idee auf. Ponny, unsere Gastgeberin, steht sonst eigentlich immer vor der Kamera. Fasziniert von der Wahrnehmung und der Sichtweise, die jeden Fotografen vom anderen unterscheidet, entwickelte sich eine Idee, von der sie uns gleich am ersten Tag erzählte.

Es sollte eine kleine Aufgabe für die Zeit des Meetups werden: Jeder von uns sollte zu einem bestimmten Thema ein Foto machen. Dieses Thema war natürlich kein zufälliges, es sollte der wahrscheinlich fast jedem bekannte Text „One Day / Reckoning“ von Julia Engelmann sein, dessen Inhalt nach wie vor sehr aktuell ist und viele von uns erneut zum Nachdenken gebracht hat. Dabei war jedem freigestellt, ob er den Text als Ganzes oder einzelne Zeilen in seinem Bild bearbeiten wollte.

Inspiration für dieses kleine Projekt war jenes, das im letzten Jahr auf einem Fotografentreffen in der Toskana entstand. Dort hatte jeder Fotograf 15 Minuten Zeit für die Inszenierung eines Portraits mit einem Blumen-Bouquet. Doch anders als damals war es bei uns nur der Text, der den roten Faden für die Fotos bilden sollte. Kein Zeitdruck, keine weiteren Vorgaben.

So hatte jeder genügend Zeit, die Zeilen auf sich wirken zu lassen, sich Gedanken zu machen, Bilder entstehen zu lassen. Während der zwei Tage des Meetups ließ also jeder seine Interpretation und Vorstellungen Wirklichkeit werden und es wurde nur wenig über die Ideen gesprochen, um die Spannung und die Überraschung bis zum Ende zu wahren.

Eine Frau von unten aufgenommen, das Gesicht im Schatten

Sandra Singh

Julias Text hat viele Fragen bei mir aufgeworfen: Was tun wir mit unserer Zeit auf dieser Erde? Mehr tun? Ist das nicht schon wieder Zwangsoptimierung? Lieber weniger? Ist das nicht eine vergeudete Chance? Und was sind die Konsequenzen? Dieses Bild hängt aber an keiner bestimmten Zeile des Textes oder an einer bestimmten Frage. Es soll die Stimmung dazwischen einfangen.

 

Eine Frau in Schwarz steht still, zwei andere tanzen um sie herum

Andrea Peipe

Als wir in der Gruppe den Text von Julia Engelmann angehört haben, empfand ich ihn vor allen Dingen als traurig. Und somit ist auch meine Umsetzung eine eher melancholische. Mit meinem Bild wollte ich das Gefühl darstellen, Dinge verpasst zu haben und sich zu wünschen, in seinem Leben vieles anders und spontaner gemacht zu haben, sich mehr an Augenblicken erfreut zu haben.

 

Ein Mädchen mit Seifenblasen

Birgit Zimmermann

Von Kindesbeinen an lernte ich: „Träume sind zum Träumen da. Es bringt nichts, ihnen hinterherzujagen. Halte Dich lieber an das, was greifbar ist, lerne etwas Gescheites, und bleib auf dem Boden.“ Ich habe seither einigen Träumen hinterhergejagt, manche davon sind geplatzt, aber diese Erfahrungen haben mich reicher gemacht und ergeben im Nachhinein alle Sinn. Jeder sollte ab und zu etwas wagen, auch wenn es unvernünftig scheint.

 

Ein Mann in schwarz hält eine Frau in weiß hoch

Sina Domke

Für mich hat der Text eine wichtige Kernaussage, die ich in meinem Bild umgesetzt habe. Obwohl wir in vielen Dingen eigentlich sehr frei sein könnten, bremsen wir uns selbst zu oft aus. Es gibt fast immer einen Grund oder eine Entschuldigung, die uns daran hindert, frei unseren Träumen zu folgen.

Diese Grenzen befinden sich aber nur in unseren Köpfen, sie sind nicht real. Mir war es darum wichtig, das männliche Modell möglichst anonym, dunkel und nicht wirklich greifbar darzustellen. Man sieht kein Gesicht im Gegensatz zum weiblichen Modell, die in meinem Bild für die Möglichkeiten und die Freiheit steht, die wir besitzen.

 

Ein Mann steht im Rauch mit Perspektive von oben

Christoph Ermert

Oft habe ich den Impuls, in meiner Wolke aus Angst, Selbstmitleid und Selbstzerstörung anderer zu verschwinden; mich in dieser mir bekannten Umgebung und hinter der Vorsicht und Rücksichtnahme anderer zu verstecken. Zu gern lasse ich in meiner Wolke meine Freunde und Fremde diese eine Seite von mir sehen: Mein depressives Selbst. Eine Rolle, die es einem vielleicht manchmal sogar leicht macht – dort ist man sicher; keiner mag einen oder kann einen gar noch verletzen. In Verletzung ist man ja selbst schon gut genug. 

Depression wird so zu einer Krankheit, die in all der Verletzung auch als Schutzschild dient. Und doch wäre es so viel schöner, wenn ich ohne dieses Dunkle um mich herum leben könnte. Dieses Dunkle, das mich immer wieder und wieder in die Knie zwingt. Mir alles nimmt, was ich bin und vieles von dem, was ich habe. Nach jeder neuen depressiven Episode kommen die Gedanken: „Eines Tages, Baby…!“ Aber anstatt in Aktion zu treten, bleiben nur die Konjunktive – als Schutz, als Trost: „Ich müsste nur eines Tages, Baby…!“ 

Aber sogar wenn dieser Schritt aus der dunklen Wolke hin und wieder versucht wird, bleiben die Augen doch verschlossen. Und ich muss feststellen: Nach all der Zeit habe ich Angst, etwas Neues zu sein. Ich habe Angst, dann etwas Normales, Leichtes und Freies zu sein.

 

Ein FrauenportraitEine Frau mit einer Eisenstange

Korbinian Vogt

Ich würd’ gern so vieles sagen, aber bleibe meistens still, weil wenn ich das alles sagen würde, wär das viel zu viel.

 

Ein Mann sieht traurig zum Fenster

Lisa-Marie Kaspar

Der starre Blick ins Smartphone. Planlos. Mit dem Finger scrollen wir durch die schier endlose Welt hinter dem Display. Wir sehen Erlebnisse, die nicht unsere sind, die uns aber doch in ihren Bann ziehen und uns allmählich das Gefühl geben, wir wären dabei gewesen. Wir müssen das heute nicht selbst erleben, es langt, wenn andere es tun und uns daran teilhaben lassen.

Aber morgen, morgen werden wir wieder selbst rausgehen und das Smartphone zuhause lassen.

 

Ein Frauenportrait mit Konfetti

Lisa Hantke

Mein Foto soll einen Zwiespalt ausdrücken – alles zu wollen, aber nicht alles machen zu können. Die Angst und die Überwindung, die man aufbringen muss, um bestimmte Dinge durchzuziehen. Das Bedauern, einige Dinge nicht getan zu haben (weil man seine Angst nicht überwinden konnte?).

Gleichzeitig aber auch die Müdigkeit, die sich einstellt, wenn man versucht, auf jeder Hochzeit zu tanzen und sich einen derartigen Druck aufbaut, dass man die kleinen und wichtigen Dinge im Leben weder sehen noch richtig genießen kann. 

 

Eine Frau unter einer LampeEin Frauenportrait

Alex Ghita

Ich möchte meine Bilder für sich sprechen lassen.

 

Es ist spannend zu sehen, was der Text bei jedem einzelnen bewegt hat, welche Bilder er in den Köpfen ausgelöst hat, wozu er inspiriert hat. Die Ansätze und Umsetzungen waren, wie erhofft, sehr unterschiedlich; konzeptionelle Bilder reihen sich neben klassischere Portraits, Schwarzweiß neben Farbe. Es hat uns allen viel Spaß gemacht und das gemeinsame kleine Projekt hat nicht nur geholfen, neue Ideen zu finden, sondern auch, das Treffen in noch besserer Erinnerung zu behalten.

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