Mit Sand gefüllter Raum.
04. Februar 2016 Lesezeit: ~21 Minuten

Diamantensperrgebiet: Von Kolmanskuppe bis zum Bogenfels

Das Diamantensperrgebiet: Wilder und geschichtsträchtiger Südwesten Namibias, eine Zeitreise aus Sand und Wind in das zwanzigste Jahrhundert. Unendliche Weite, genauer gesagt 26.000 km² Sand soweit das Auge reicht. Starker bis beißender Wind und feinste Sandkörner in der Luft, die alles durchdringen und in jede Pore des Körpers eindringen.

2008 als Sperrgebiet Nationalpark gegründet, erstreckt sich das heutige Areal an der Westküste Namibias vom Oranje im Süden bis zum Namib-Naukluft-Nationalpark im Norden. Exakt 100 Jahre nachdem das Gebiet 1908 von der Reichsregierung zum Diamantensperrgebiet erklärt worden ist, wurde das Gebiet 2012 umgetauft zum Tsau-Khaeb-Nationalpark.

Durch die Abgeschiedenheit des Sperrgebiets konnte ein einzigartiges Ökosystem im Südwesten Namibias bewahrt werden, optimal angepasst an das aride Klima der südlichen Namib.

Schriftzug Kolmanskuppe auf einer Wand.

Die bekannteste Station an der Grenze zum Nationalpark ist die Geisterstadt Kolmanskuppe, die ihren Bewohnern vor rund 100 Jahren bereits alle erdenklichen Annehmlichkeiten des modernen Lebens wie Badewannen, Grammophone, Kühlaggregate, Schwimmbad, Kegelclub und Theater bot.

Darüber hinaus ist Kolmanskuppe die einzige Geisterstadt, die als Zwischenstopp in ein paar Stunden erkundet werden kann und sie befindet sich darüber hinaus direkt an der geteerten B4 ca. 20 km vor Lüderitz. Permits sind direkt am Eingangstor zu erwerben: NAM$ 150, Führungen montags bis samstags 9:30 Uhr und 11 Uhr, sonn- und feiertags 10:00 Uhr.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Ab 13 Uhr ist Kolmanskuppe für Tagesbesucher geschlossen. Ausnahmegenehmigungen, insbesondere für Fotografen, gibt es in Lüderitz bei Lüderitz Safaris & Tours zu erwerben. Zu beachten ist, dass die Nachmittage (insbesondere im Sommer) häufig von Sandstürmen geprägt sind und sich nur sehr eingeschränkt zum Fotografieren und einen Besuch an sich eignen, von der Sandstrahlung für Mensch und Material einmal ganz abgesehen.

Neben Kolmanskuppe als Touristenattraktion Nummer 1 können auch Touren in das südliche und nördliche Sperrgebiet unternommen werden, etwa eine südliche Tagestour zum 55 km entfernten Bogenfels. Diese Art von Tour ist sehr exklusiv, da ein Besuch dieser Orte bis heute nur zirka 1.000 Besuchern pro Jahr vergönnt ist. Nur wenige Konzessionäre besitzen die Erlaubnis, Exkursionen in dieses Gebiet anzubieten und durchzuführen.

Verfallene Häuser in einer Wüste, davor eine Badewanne.

Eine längerfristige Planung im Voraus ist unabdinglich, um das Rotkop Gate, das Eingangstor ins Sperrgebiet, zu passieren. Notwendig ist eine Sondergenehmigung, deren Beantragung mindestens sechs Werktage im Voraus erfolgen muss und für die eine gültige Kopie des Reisepasses einzureichen ist.
Touren sind direkt buchbar bei Lüderitz Safaris & Tours oder Carsten Möhle von Bwana.

So ganz preiswert ist das Vergnügen nicht, den Preis aber allemal wert und er hängt auch von der Anzahl der Teilnehmer ab, es sind zwischen N$ 1.750 und N$ 3.500 zu veranschlagen. Besagte Bogenfelstour ins Diamantensperrgebiet habe ich gebucht – doch was ist das eigentlich dieses Diamantensperrgebiet und warum sollte man dahin wollen?

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Das Diamantensperrgebiet und wie alles begann

Der Ausbau der Bahnstrecken wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutsch-Südwestafrika vorangetrieben. 1905 wurde ein Teilstück zwischen der Hafenstadt Lüderitz und der Siedlung Aus fertiggestellt sowie die Siedlung Kolmanskuppe an der Bahnstrecke gegründet. An diesen verlassenen Ort wurde 1907 der Eisenbahnbeamte August Stauch versetzt.

Stauch war verantwortlich für einen 9 km langen Streckenabschnitt namens Grasplatz. Verantwortlich bedeutete, die Schienen frei von Sand und die Strecke befahrbar zu halten. Keine leichte und definitiv keine motivierende Tätigkeit inmitten der Wüste Namib, dem übermächtigen Kontrahenten aus Sand und Wind ausgeliefert.

Ursprünglich wurde Stauch von der Reichsbahn aufgrund seiner Pollenallergie in die Namib versetzt. Es ist offensichtlich, dass im Sand der Namib die Pollenbelastung ganzjährig 0 % beträgt, selbst an einem Platz mit Namen Grasplatz, an dem ein paar vereinzelte Wüstenpflanzen wuchsen.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Im April 1908 machte Stauchs Gehilfe Zacharias Lewalla einen besonderen Fund in Form eines funkelnden Steins. Stauch hatte unmittelbar einen Verdacht, der sich nach einem Ritztest am Glas seiner Armbanduhr erhärten sollte. Sofort machte sich Stauch auf in das nördlich gelegene Swakopmund, um seinen Anfangsverdacht von einem dort lebenden Geologen bestätigen zu lassen. Er hatte Recht, es handelte sich um einen Diamanten.

Stauch kündigte sein Angestelltenverhältnis mit der Deutschen Reichsbahn und unternahm kurzfristig eine Exkursion in die Namib, um möglichst viele Claims in der Nähe von Kolmanskuppe abzustecken. Die zugehörigen Schürflizenzen erwarb Stauch bei der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika während eines Urlaubs in Deutschland.

Verlassenes, leeres Haus.

Ein paar Monate später wird der Diamantenfund auch aus Deutschland bestätigt und die Reichsregierung erklärt daraufhin einen 100 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Küstenstreifen zum Sperrgebiet, um das alleinige Schürfrecht wahrzunehmen.

Stauch hat zu diesem Zeitpunkt bereits seine Claims gesichert und Minengesellschaften gegründet. Bereits 1910 operierten 63 Diamantengesellschaften in Lüderitz und 1912 deckten die Diamantenfelder von Kolmanskuppe 20 % der Weltmarktproduktion ab.

Verlassenes, leeres Haus.

Spätestens 1919 wurden jedoch die Diamantenlager um Lüderitz für erschöpft erklärt. Die Nutzungsrechte wurden an Ernst Oppenheimer verkauft. Er gründete die „Consolidated Diamond Mines of South West Africa“ und dehnte das Diamantenabbaugebiet weiter nach Norden und Süden aus. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde das Unternehmen von der De-Beers-Gruppe übernommen.

Stauch versuchte jedoch auch neben dem Diamantenboom seinen Wohlstand weiter zu mehren und investierte in vielfältige Unternehmen in Deutsch-Südwestafrika und Deutschland, verlor jedoch sein gesamtes Vermögen in der Weltwirtschaftskrise 1931 und verstarb 1947 verarmt in seinem Geburtsort Ettenhausen. Nachdem die Namensfrage nun geklärt und der Diamantenhype im wilden Südwestafrika angedeutet ist, stellt sich noch eine andere Frage:

Verlassenes, leeres Haus in der Wüste.

Wie kamen die Diamanten in die Namib?

Der Ursprung der namibischen Diamanten findet sich in den Drakensbergen an der Grenze von Südafrika und Lesotho. Diese Berge entstanden vor etwa 180 Millionen Jahren, als der Urkontinent Gondwana auseinanderbrach und es in Südafrika viele aktive Vulkane gab. Damit Diamanten entstehen können, müssen Druck und Hitze groß genug sein, dies ist der Fall in mehr als 150 Kilometern Tiefe.

Durch die Vulkanschlote in den Drakensbergen gelangten Diamanten an die Erdoberfläche und es entstand eines der reichsten Diamantenvorkommen. Der Oranje-Fluss, dessen Quelle die Drakensberge sind, hat diese ausgewaschen und das Gestein zu Sand geschmirgelt.

Der Sand, nebst Diamanten, wurden vom Oranje über Millionen Jahre mehr als 2000 km weit bis zur Atlantikküste gespült. Von der Meeresströmung des Benguelastroms nach Norden transportiert, haben sich der Sand und die Diamanten entlang der Küste in der heutigen Namib abgesetzt. Als der Atlantik sich zurückzog, blieben Muscheln und Edelsteine zurück. Wind und Wellen brachten die Steine mühsam an die Oberfläche und sie verstreuten sich langsam im Sand der Wüste.

Nur die lupenreinsten haben den weiten Weg bis in die Namib geschafft, ohne zu zerbrechen. Aus diesem Grund gelten Namibias Diamanten als besonders hochwertig und werden überwiegend in der Schmuckproduktion verwendet.

Straße durch eine Wüste.

Kolmanskuppe

Zurück zum Geschehen in Kolmanskuppe – der ersten Siedlung des Diamantenrauschs und ein Ort, der für jeden, der nach Lüderitz reist, einfach zu erreichen ist und definitiv noch einen Besuch verdient. Kolmanskuppe wuchs im Zenit des Diamantenrausches um 1909 zur wohlhabendsten Kleinstadt Afrikas heran.

Es fehlte den Einwohnern an fast nichts. So gab es neben der Bäckerei und Metzgerei über eine Limonaden- und Sodawasserfabrik bis zur Grundschule, der Polizeistation, dem Postamt und Krankenhaus auch Luxus- und Vergnügungseinrichtungen wie einem Freizeitzentrum mit Casino, eine Turnhalle, einen Tanzsaal, eine Kegelbahn und ein Theater.

Das Krankenhaus war das erste mit einem Röntgengerät ausgestattete Krankenhaus und suchte seinesgleichen im südlichen Afrika. Dieses Röntgengerät diente allerdings nur sekundär medizinischen Zwecken, primär wurde es angeschafft, um Diamantendiebe zu identifizieren, die Diamanten in ihrem eigenen Körper zu schmuggeln versuchten.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Bevor das Arbeitsverhältnis eines jeden Einheimischen endete, wurde dieser genötigt, zwei Tage lang Rizinusöl zu trinken, um sicherzustellen, dass eventuell zu schmuggelnde Diamanten definitiv vorher wieder ausgeschieden wurden.

Eine besondere Herausforderung zu dieser Zeit stellte die Wasserversorgung der zahlreichen Siedlungen inmitten der Namib dar. Süßwasser musste anfangs aus weit entfernten Regionen in die Dörfer geleitet werden. Zusätzlich wurde Wasser auf Schiffen aus Kapstadt importiert, bevor eine Meerwasserentsalzungsanlage in Betrieb genommen wurde und so den Wasserbedarf deckte.

Die Siedlungen wurden anhand eines eigens in Lüderitz errichteten Elektrizitätswerks mit Strom versorgt. Es heißt, zu dieser Zeit war es das leistungsfähigste Elektrizitätswerk der Südhalbkugel.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Seine wohl größte und erstaunlichste Entdeckung machte Stauch in der Silvesternacht 1908. In einer Senke lagen Diamanten über den Boden verstreut, Schürfen war deshalb nicht notwendig. Die Arbeiter brauchten lediglich mit Beuteln und Pinzetten über den Boden zu kriechen und die Diamanten einzusammeln.

Stauch selbst, so erzählt man sich, habe auf dem Boden sitzend 37 Diamanten in Armreichweite gehabt. Diese Senke wurde später als das Märchental bekannt, da die auf dem Sand liegenden Diamanten im Mondlicht wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht funkelten. Später benannte Stauch das Märchental um in Idatal, nach dem Namen seiner Frau Ida.

Trotz oder gerade wegen des märchenhaften Diamantensegens war die soziale Hierarchie in Kolmanskuppe strikt und deutlich sichtbar. Auf einer Anhöhe, über der eigentlichen Siedlung, stehen stattliche Jugendstilvillen mit Giebeldächern und verglasten Veranden, in denen zum Beispiel das Management der Minengesellschaften wohnte. Der Mittelstand hingegen bewohnte einfache Häuser und die afrikanischen Arbeiter waren in einfachen Baracken untergebracht.

Verlassene Werkhalle.

Nach dem ersten Diamantenhype und dem Abernten der Diamanten an der Oberfläche wurde 30 km südlich von Kolmanskuppe Elisabeth Bay gegründet. Hier wurde die Produktion industrialisiert, diamanthaltiger Sand und Kies wurde auf Güterwaggons nach Elisabeth Bay transportiert, um dann in rotierende Trommeln gefüllt, gesiebt und gewaschen zu werden. Das hierfür benötigte Wasser wurde direkt dem Atlantik entnommen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte die Diamantenförderung faktisch zum Erliegen. Mit der Kapitulation der deutschen Streitkräfte vor den Truppen der Südafrikanischen Union am 9. Juli 1915 endete die deutsche Kolonialherrschaft in Südwestafrika und wurde durch den Versailler Vertrag 1919 endgültig besiegelt. Somit fielen alle Schürfrechte bis dato an südafrikanische Minengesellschaften.

Verlassene Anlagen in einer Wüste.

In Kolmanskuppe wurde auch nach diesen geschichtlichen Ereignissen weiter nach Diamanten gesucht, bis das Gebiet 1931 als weitgehend ausgebeutet galt. Insbesondere am Oranjemund neu entdeckte Diamantenfelder beschleunigten den Niedergang und eine südliche Verlagerung der Diamantenförderung. 1956 wurde die Siedlung Kolmanskuppe endgültig verlassen und entwickelte sich in den folgenden Jahren in eine Geisterstadt.

Langsam eroberte sich die Natur Kolmanskuppe zurück. Der gnadenlose Wind trieb Sand durch Türen und Fenster in die Häuser und türmt sich in einigen Häusern zu wahren Dünen auf. Tapeten und Sprossenfenster aus kaiserlichen Zeiten verwittern langsam im ariden Klima und versetzen jeden Besucher unmittelbar zurück in eine Zeit vor einhundert Jahren.

Verfallene Häuser und Bahnschienen in einer Wüste.

Nichtsdestotrotz werden die Überreste im Wüstensand mehr und mehr begraben – dem Sand, mit dem alles begann. Letztendlich wird die Natur siegen, hier im rauen Sperrgebiet. Umso erstaunlicher ist es, dass die Siedlungen dem Sand bis heute trotzen konnten.

Kolmanskuppe ist auch heute einen Ausflug wert, jedoch wird dieser Ort von mehr und mehr Touristen besucht, was sich in Fußspur über Fußspur bemerkbar macht und besonders Fotografen abschreckt. Darüber hinaus können sich viele Leute einfach nicht benehmen und so finden sich mittlerweile diverse Müllartikel aus dem 21. Jahrhundert in den Häusern.

Schlussendlich ist Kolmanskuppe bereits sehr häufig fotografiert worden und so schön es natürlich ist, diese Bilder auch selbst und für sich zu machen, wird es doch immer schwieriger, neue Perspektiven zu entdecken. Gerade deswegen ist das südliche Diamantensperrgebiet sehr reizvoll.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Gegen neun Uhr morgens werden wir von Lüderitz Safaris in unserem B&B, der „Alten Lodge“ abgeholt, übrigens ein sehr empfehlenswerter Ort, um in Lüderitz zu übernachten. Mit zwei Fahrzeugen geht es Richtung Rotkop Gate, dem zur Zeit für Touristen einzigen Eingang in das Diamantensperrgebiet. Nach dem Vorzeigen der vorher beantragten Genehmigungen dürfen wir ohne weitere Sicherheitskontrollen das Tor passieren.

In der typisch unwirklichen und lebensfeindlichen Umgebung der Namib aus Sand, Sand und nochmals Sand bewegen wir uns über Sandpisten in Richtung unseres ersten Ziels, dem Versorgungsposten Grillenthal.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Grillenthal

Grillenthal ist eine der ältesten Diamantengräbersiedlungen Namibias. Von hier aus wurden andere Diamantengräberstädte dank einer Wasserquelle mit Frischwasser versorgt. Die Siedlung besteht aus wenigen Häusern, die dank ihrer massiven Bauweise auch heute noch gut erhalten sind. In einem der Häuser werden wir von einer Sandviper begrüßt, die hier Schutz vor dem Wind und der Sonne gesucht hat.

Langsam gewinnen wir ein Gefühl dafür, wie es sich am Ende der Welt anfühlt, wenn man diesen Begriff verwendet und wie hart die Lebensbedingungen vor rund 100 Jahren an diesem abgeschlagenen Ort gewesen sein müssen. Ich bin so dankbar, in der heutigen Zeit zu leben, dieser Ort wäre definitiv zu hart für mich und würde mich, wie wahrscheinlich den einen oder anderen auch, über kurz oder lang in den Wahnsinn treiben.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Weiter geht es in Richtung Pomona über einen weiteren Außenposten irgendwo im Nirgendwo. Die anderen Teilnehmer sitzen schon lange wieder in den Fahrzeugen, die feine und harte Sandstrahlung aus Sand und Wind ist eine Herausforderung, die ich überwältigt von der Szenerie und den Fotomotiven beim Fotografieren immer wieder aufs Neue vergesse.

Am nächsten Zwischenstopp angekommen, steigt die überwiegende Anzahl der Teilnehmer wenn überhaupt nur noch kurz aus. Die Sonne brennt gänzlich unbemerkt vom wolkenlosen Himmel dank des – selbst für einen Hamburger Jung – gefühlten Windes in Sturmstärke.

Die Baracken sind an diesem Ort aufgrund ihrer Wellblech-Leichtbauweise bereits stark zerfallen. Überall sind deutliche Anzeichen dafür zu erkennen, dass die Natur sich ihr Territorium zurückerobert. Vogelnester finden sich in den Masten, Sanddünen bilden sich in Windrichtung hinter herumliegenden Gegenständen wie Fässern und Töpfen.

Verfallene Häuser in einer Wüste.

Die überwiegende Zahl der Zeitzeugengegenstände ist dank des sehr trockenen Klimas und einer damit nur sehr langsam fortschreitenden Korrosion immer noch in einem guten Zustand.

Am späten Vormittag geht es weiter in Richtung Pomona, eine der bekanntesten Minengeisterstädte. Hier wurde bereits seit 1860 nach Erz gesucht, lange bevor das Diamantenvorkommen entdeckt wurde. Pomona besteht aus einer Siedlung und einer wenige Kilometer entfernten Diamantenmine.

Leerer Raum in einem verlassenen Haus.

Pomona

Anhand der Ruinen der Mine Pomona gewinnen wir einen guten Eindruck davon, wie intensiv der Diamantenabbau zur damaligen Zeit betrieben worden ist: Große Produktionshallen zum Sieben inklusive handbetriebener Zentrifugen und Schmalspureisenbahnschienen für den An- und Abtransport des Sands lassen die Perfektion erkennen, mit der hier vorgegangen wurde.

Der Wind der Namib sandstrahlt die Mauern der Ruinen stetig und so aggressiv, dass bei einigen Mauern der Stein nahezu ausgefräst ist und nur noch das Mörtelgerüst hervorsteht. Die Siedlung Pomona ist im Vergleich zu den bisherigen Zwischenstopps die größte, insbesondere wegen ihrer Bedeutung für den Erzabbau, der bereits vor den ersten Diamantenfunden stattfand.

In Pomona machen wir Rast und essen eine Kleinigkeit, sodass mir etwas mehr Zeit bleibt, die Umgebung zu erkunden. Einige der Häuser sind in einem so guten Zustand, dass sie mit wenig Aufwand wieder bewohnbar gemacht werden könnten.

Der Staat Namibia hat mittlerweile Pläne erarbeitet, wie das Diamantensperrgebiet für den Tourismus erschlossen werden kann. In naher Zukunft wird es die Möglichkeit geben, auf der Bogenfelstour in einem der alten Häuser in Pomona zu übernachten. Eine ganz besondere Erfahrung, die mir leider noch nicht zuteil wird.

Mit Sand gefüllter Raum.

Wie gern würde ich zu Sonnenauf- und -untergang an diesem Ort fotografieren und welch großartige fotografische Möglichkeiten böten sich erst in der Nacht mit dem südlichen Sternenhimmel der Hemisphäre und der Milchstraße mit den Ruinen und Köcherbäumen im Vordergrund!

Ein Traum, der noch ein bisschen auf sich warten lässt. Darüber hinaus sind weitere Konzessionen für bis zu hundert Jahre unbetretene Natur, als Wanderungen mit Übernachtungen in kleinen Camps geplant.

Die Planungen sehe ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge im Vergleich zur touristischen Erschließung von Kolmanskuppe. Auf der einen Seite gibt es so viel unberührte Natur zu entdecken, auf der anderen Seite hinterlässt der Mensch auch immer seine Spuren und dieses unberührte Paradies wird sich verändern, hoffentlich nicht zum Schlechteren.

In einem der Häuser entdecken wir neben diversen alten Flaschen sogar eine Ausgabe der „Neuen Leipziger Zeitung“ aus dem Jahr 1939. Das aride Klima hat das Papier im Laufe der Jahre zwar vergilbt, aber erstaunlicherweise kaum zersetzt.

Natürlich sitzen alle anderen Teilnehmer bereits wartend in den Fahrzeugen, um zum Bogenfels aufzubrechen, nach dem die Tagestour benannt ist. Aufs Neue hatte ich die Zeit vor Faszination vergessen.

Verstraubte, sehr alte Zeitung.

Bogenfels

Der Bogenfels ist ein 55 Meter hoher und wie eine Brücke geformter Kalkfelsen an der Küste des Südatlantiks. Er liegt inmitten des Diamantensperrgebietes etwa 100 km südlich von Lüderitz, unserem finalen Ziel des heutigen Tages.

Nach dem Bogenfels ist auch eine verlassene Siedlung in der Nähe benannt. Hier finde ich dank des Lichts und der unterschiedlichen intensiven Wandfarben der Innenräume in den nur wenig zerfallenen Häusern die für mich schönsten Fotomotive des Tages.

Der Sand ist tief in die Zimmer eingedrungen und die Muster des Windes im Sand zeugen von vollkommener Unberührtheit, dank den wenigen Menschen, die diesen Ort besuchen. Am heutigen Tag besuchen wir diesen Ort nur zu dritt, die sieben anderen Personen sind bereits zu erschöpft von Wind, Sand und Sonne.

Vollkommen surreal wirken diese Momente bei der Betrachtung der Fotografien heute noch auf mich – wie stille Zeitzeugen der Geschichte am anderen Ende der Welt.

Mit Sand gefüllter Raum.

Der Bogenfels ist eines der geografischen Wahrzeichen Namibias und entsprechend viele Fotos finden sich an Plätzen des öffentlichen Lebens in Namibia, obwohl nur verhältnismäßig wenige Menschen behaupten können, dieses Wahrzeichen in natura gesehen zu haben.

Die See ist dank des starken Windes rau an diesem Nachmittag und die Gischt dementsprechend hoch – die sand- und wassergeschwängerte Luft verbindet sich auf der Haut zu einer dünnen und feinen Kruste. Dennoch setze ich meinen lang gehegten Plan in die Realität um und versuche mich an einer Langzeitbelichtung des Bogenfels, vielleicht sogar der ersten Langzeitbelichtung dieses Ortes überhaupt.

Der Wind zerrt an Kamera und Stativ und ich versuche, die Vibrationen über eine Anpassung der Belichtungszeit auszugleichen. Der Preis sind stetig mehr und mehr werdende feine Wasser- und Sandpartikel auf dem Filter, die ich immer wieder mehr oder weniger erfolgreich abwische.

Langzeitbelichtung Bogenfels in der Wüste am Meer.

Das Resultat ist eine Belichtung von 2,5 Minuten. Wie gern wäre ich den ganzen Nachmittag geblieben und hätte mir unterschiedliche Perspektiven erarbeitet, doch leider steht bereits die Rückfahrt an und so packe ich eilig und wehmütig meine Sachen, um glücklich und zufrieden in eines der Fahrzeuge zu steigen.

Zurück am Rotkop Gate entscheidet der Zufallsgenerator darüber, ob unser Fahrzeug, wir selbst oder gar beide durch eine Halle mit einem riesigen Röntgengenerator geschleust werden, um zu überprüfen, ob wir Rohdiamanten in den Schuhen oder anderorts am oder sogar im Körper versteckt haben.

Glücklicherweise bleibt uns diese Prozedur heute erspart und eine halbe Stunde später sitze ich bereits auf der Terrasse der Alten Lodge, dem einstigen Freimauerhaus, genieße ein eiskaltes Tafel-Bier (ein lokales Bier gebraut in Swakopmund) und sacke im Sessel erschöpft von den Strapazen und Eindrücken des Tages zusammen.

Mit Sand gefüllter Raum.

Wind und Sand haben mich geschafft. Aus meinen Haaren und jeder Pore meines Körpers rieselt ein unerschöpflicher Vorrat feinsten Sandes. Mein Gesicht brennt nach einem fortwährenden Ganztages-Sandpeeling und die Haut spannt von der Sonne und dem ewig zerrenden Wind. Zum Glück haben meine Kamera und das Objektiv diesen Ausflug der Extreme anscheinend besser überstanden als ich selbst.

Wer jetzt Blut geleckt hat und sich mit dem Thema wilder Südwesten etwas näher auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch „Diamanten im Sand. Das wechselvolle Leben des August Stauch“ von Olga Levinson wärmstens ans Herz gelegt, mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

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3 Kommentare

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  1. In Sachen “Lost Places” auf jeden Fall einer der ganz großen Klassiker, die Kolmanskuppe.

    Was ich in der Richtung ebenfalls noch sehr interessant finde und unglaublich gerne mal fotografieren würde, wären die Ortschaften in den USA, welche wegen in Bran geratener Kohlenflöze darunter, geräumt werden mussten.