Ein Mann hält sich ein Mikrofon vor den Mund und steht in einer Menge von Menschen.
20. Oktober 2015 Lesezeit: ~5 Minuten

Umeå Hardcore

Es muss irgendwann im Laufe des Jahres 1998 gewesen sein, als ich zum erstem Mal „New Noise“ hörte. Der Song war wie ein Blick in die Zukunft, ein vollkommen neuer Sound – repetitives Gitarrenriff, Elektro-Samples, harte Breaks und exzessiv geschriene Parolen. Seit diesem Tag ist er mein ständiger Begleiter.

Er klingt auch heute noch, als wäre er erst vorgestern aufgenommen worden und gestern erschienen. Die schwedische Band Refused hatte mit ihrem dritten Album „The Shape of Punk to Come“ – New Noise war die erste Single – einen Sound erschaffen, der eine ganze Generation verstärkter Gitarrenmusik beeinflusst hat.

Blick in einen Birkenwald.

Sie haben den relativ konservativen 90er New-York-Hardcore mit einem großen Wurf ins neues Jahrtausend katapultiert. Auch stylemäßig waren Refused 1998 ihrer Zeit voraus. Im Video zu „New Noise“ sieht man Karottenhosen, zugeknöpfte Karohemden und Pullunder, dazu Tierkostüme und Monstermasken.

Alles modische Requisiten, die erst seit Mitte der 2000er Jahre zum guten Ton des Indie-Mainstreams gehören und die man noch heute auf jedem x-beliebigen Hipsterfestival zu sehen bekommt. Dennis Lyxzén, der Sänger der Band, war Ende der 90er Jahre für uns Hardcore-Kids im Ruhrgebiet die Inkarnation von „cool“. Wir wollten alle sein wie er.

Zuschauer eines Konzertes klatschen.

Gegründet wurde Refused 1992 an einem der unwahrscheinlichsten Orte der Welt. Umeå ist eine kleine Großstadt oder besser gesagt eine große Kleinstadt im südlichen Nordschweden. Als Provinzmetropole mit Universität galt die Stadt schon lange als tolerante und offene Trutzburg in einem konservativ geprägten ländlichen Umfeld.

Anfang der 90er Jahre schwappte dann die erste Hardcore-Punk-Welle über die Stadt hinweg und traf auf fruchtbaren Boden. Der Verzicht auf Drogen und Vegetarismus gepaart mit harter Musik waren neu und spannend. Schnell formte sich eine beachtliche Szene.

Stagedivende Person wird von anderen getragen.

Mitte der 90er lief so gut wie jeder im Alter zwischen 13 und 19 Jahren mit Baggy-Pants und einem Straight-Egde-Kreuz auf dem Handrücken durch Umeås Straßen. Bands wie Final Exit und Abhinanda erspielten sich schnell szeneinternen Ruhm und gingen auf Welttourneen.

Amerikanische Hardcore-Bands machten den 600 km langen Abstecher von Stockholm nach Umeå und spielten vor Hunderten frenetischer Teenies. Umeå Hardcore wurde zum weltweiten Markenzeichen und die Stadt zum Mekka des DIY-Gegröles.

Ein tätowierter Mann mit freiem Oberkörper.

Kurz nach der Veröffentlichung von „The Shape of Punk to Come“ gingen Refused auf eine Amerika-Tournee. Die dazugehörige Tourdoku trägt den prophetischen Titel „Refused are fucking dead“: Wegen interner Querelen löste sich die Band noch auf der Tour auf.

Die Bandmitglieder erlebten den riesigen Erfolg des Albums nur noch aus der Distanz. Hardcore entwickelte sich in den kommenden Jahren rasant weiter und Refused hatten daran mit ihrem stilprägenden Sound einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Stagedivender Langhaariger.

Als ich Anfang dieses Jahres vom Magazin Il Paradiso gefragt wurde, ob ich für eine Reportage über die Hardcore-Szene nach Umeå fahren wolle, musste ich nicht lange überlegen. Zusammen mit dem Autor Heiko Zwirner verbrachte ich im April vier Tage an einem der Sehnsuchtsorte meiner Jugend.

Schon einige Wochen zuvor hatte Heiko versucht, Kontakt zu Dennis Lyxzén aufzunehmen, der immer noch in Umeå lebt, aber alle Versuche verliefen im Sande. Also trafen wir uns zunächst mit anderen Protagonisten der damaligen Szene, gingen auf Konzerte ihrer Nachahmer und Nachfolger und verbrachten Stunden in Plattenläden.

Metaller im Deicide-Shirt beim Laufen.

Die Hardcore-Szene in Umeå ist nicht mehr so groß, wie sie einmal war. Auch in Nordschweden wird heute mehr Pop als harte Gitarrenmusik gehört, aber der Geist von damals hat viele Leute inspiriert. Refused waren immer eine extrem politische Band: Anti-kapitalistisch, für Gleichberechtigung, gegen Fleischkonsum und tief verwurzelt in der Do-It-Yourself-Kultur – alles Ideale, die heutzutage zumindestens in Schweden in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Auf dem Weg zu einem der Konzerte lief uns Dennis dann einfach über den Weg. Wir sprachen ihn an und er wusste bereits, wer wir waren und was wir vorhatten. Der Flurfunk funktioniert auch in schwedischen Kleinstädten. Er vertröstete uns auf Sonntag, den letzten Tag unseres Aufenthalts.

Ein Mann sitzt nachdenklich auf der Couch.

Als wir ihn dann am Sonntagmorgen anriefen, lud er uns für ein paar Stunden später zu sich nach Hause ein. Wie zwei Groupies standen wir vor seiner Tür und klingelten. Völlig verkatert stand der Held meiner Jugend vor uns. Es wurde ein total angenehmes und offenes Gespräch.

Irgendwann zum Ende Gesprächs hin ließ er dann die Katze aus dem Sack: Refused würden nach 17 Jahren wieder ein Album veröffentlichen – „Freedom“. Wir bekamen noch ein privates Pre-Listening der ersten Single. Der Song war wie ein Blick in die Vergangenheit.

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