Mensch bei der Arbeit.
28. September 2015 Lesezeit: ~4 Minuten

The Beauty of Serious Work

Andreas Meichsner dokumentiert in seiner Serie „The Beauty of Serious Work“ Prüfvorgänge beim deutschen TÜV in Nürnberg. Wir stellen seine Serie bei Kwerfeldein vor, die nicht nur über den Charme der Norm informiert, sondern auch die gesellschaftliche Bedeutung von Sicherheit hinterfragt.

Andreas Meichsner hat an der Fachhochschule Hannover das Handwerk zu Fotojournalismus und Dokumentarfotografie erlernt. Vor diesem Studium hatte er auch mehrere Jahre Architektur studiert, daher liegt ein Schwerpunkt seiner Auftragsarbeiten neben redaktionellen Auftragsarbeiten im Bereich der Architekturfotografie. Zu seinen Auftraggebern zählen die New York Times, der Stern oder das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung.

Seine Auftragsarbeiten geben ihm die Möglichkeit, mit vollem Elan und Leidenschaft an freien Arbeiten zu werkeln, wie unter anderem „The Beauty of Serious Work“. Auf die Idee Arbeitsprozesse zu veranschaulichen brachte ihn ein Freund, der beim TÜV Rheinland in Yokohama arbeitete und erzählte, er habe eine Barbiepuppe einer Entflammbarkeitsprüfung unterzogen. Die Erzählung seines Freundes hat ihn dazu bewegt, Kontakte zum TÜV in Nürnberg herzustellen und die Arbeitsprozesse dort zu dokumentieren.

Mensch bei der Arbeit.

Mensch bei der Arbeit.

Als Meichsner seine Arbeit begann, war er überrascht und irritiert von den großen Räumen und Testlandschaften. Genau diese Momente der Irritation versuchte er in seiner Serie abzubilden. Meichsner drückte genau dann auf den Auslöser, wenn der Prüfungvorgang korrekt dargestellt wird, aber der Betrachter nicht mehr enträtseln kann, was mit einem sonst gewöhnlichen Gegenstand geschieht.

Was hat es mit dem Toastbrot auf sich? Warum werden beim TÜV Puppen abgebrannt? Und was ist das für eine seltsame blaue Noppenlandschaft? Warum zieht eine Frau einen Schrank hinter sich her? Die Neugier des Betrachters bleibt ungestillt und das Rätsel des gerasterten Toastbrots ungeklärt, denn Meichsner will keine Fragen beantworten, sondern aufwerfen.

Mensch bei der Arbeit.

Mensch bei der Arbeit.

Die Hauptfrage des Projektes ist, wieviel Sicherheit wir im Leben eigentlich benötigen. Meichsner erklärt:

Je mehr Sicherheit wir brauchen, desto mehr Angst haben wir vor dem Ungewissen. Erfahrungen der Unsicherheit schüren die Lust danach noch weniger Risiken im Leben einzugehen. Doch uns geht auch etwas verloren, wenn wir unser Leben danach ausrichten, uns Sicherheit zu verschaffen. Ich möchte die Suche nach Sicherheit aber nicht kritisieren, sondern eher diskutieren, wieviel Unsicherheit der Mensch braucht, um zufrieden zu sein.

Andreas Meichsner erklärt, dass vorherige Generationen in gewisser Hinsicht eine bessere Aussicht darauf hatten, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. Für junge Leute bringt der Blick in die Zukunft heute eine größere gefühlte Unsicherheit mit sich, was dazu beitragen mag, dass man an der Sicherheit festhalten möchte.

Werde ich meinen Job auch in fünf Jahren noch haben? Kann ich einen Kredit für ein Haus abschließen? Sollte ich nicht in eine private Rentenvorsorge investieren? Ist eine Reise nach Thailand heute sicher?

Mensch bei der Arbeit.

Mensch bei der Arbeit.

Mit dieser Idee des Hinterfragens von Unsicherheit spielt Andreas Meichsner. Einerseits möchte er die Phantasie der Leute anregen, die sich über die Bilder wundern. Andererseits möchte er am Beispiel des TÜVs diskutieren, wieviele Prüfungen notwendig sind, um ein Leben sicher zu gestalten. Ein wunderschön ästhetisches und anregendes Verwirrspiel ist demnach wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit:

Wenn sich alle an Regeln halten, gibt es auch keinen, der die Regeln hinterfragt. Umgeben sein von Sicherheit und Struktur kann auch zu einer Unflexibilität führen, auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Diese Idee, die mein Projekt aufwirft, kann man auf viele andere Aspekte des Lebens übertragen.

Mensch bei der Arbeit.

Mensch bei der Arbeit.

Für die Serie erhielt Meichsner mehrere Preise, unter anderen den Grain Award, bei den Sony World Photography Awards landete er unter den ersten 10. Aktuell arbeitet an einem Projekt über Reenactment Festivals, auf denen unter anderem militärische Szenen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg möglichst wahrheitsgetreu nachgespielt werden.

Wir werden zeitnah auf Kwerfeldein von der Serie berichten, die in den nächsten Monaten veröffentlicht wird. Wer nicht so lange warten möchte, schaue auf der Webseite von Meichsner vorbei, wo er seine aktuellen Arbeiten mit gesellschaftspolitischem Fokus vorstellt.

Ähnliche Artikel

Die Kommentare dieses Artikels sind geschlossen. ~ Die Redaktion