Drei Menschen am Ende einer vernebelten Straße.
05. September 2015 Lesezeit: ~6 Minuten

Lichte Momente



Manchmal streife ich mit meiner Kamera gefühlte Ewigkeiten durch (m)eine Stadt oder 
(m)eine Landschaft, ohne eine einzige Aufnahme zu machen. Das mag einigen wie nutzlose Verschwendung vorkommen. Kostbare Zeit, die man ohnehin nicht hat, verzehrt sich ohne Businessplan und Nutzanwendung scheinbar sinnlos.

Für mich ist es eine langgezogene Atempause von der Arbeit als Texter, in der ich im Vertrauten dem Besonderen und Unerwarteten begegnen darf, ohne gleich eine käufliche Formulierung für dieses Unwägbare in unserem Alltag finden zu müssen.

Der Weg von meinem Schreibtisch auf die Straße ist nicht bloß ein Gedankensprung, sondern eine Reise zu den Festen der vom Pflasterstrand ausgeschiedenen Natur, so banal und unscheinbar sie sein mögen. Der Fotograf ist ein leidenschaftlicher Betrachter der Menschen und Dinge, ob in der eigenen Hemisphäre, die vor der Haustür beginnt oder in der entferntesten Fremde.

Spielbild zwei spielender Jungen vor einer Treppe.

Das Gehen ist mir über die Jahre zur natürlichen Begleitung meines fotografischen Blickes geworden, der ja immer auch eine meditative Seite hat, die auf den Fotografierenden zurückweist. Dieses Yin und Yang ist ein Wechselspiel auf Zeit 
wie die Fotografie selbst. So laufe ich also durch (m)eine Stadt und (m)eine Landschaft und sammle Augenblicke, an die ich mich noch am Tag danach erinnern möchte.

Sei dies nun eine Geste, ein Gesicht, das Plakat an einer Wand, Schaufensterpuppen mit ihren abgeschnittenen Köpfen, die zum Schnäppchenwahn einladen, die flinken Hände einer Harfenspielerin in einer Fußgängerzone, der verhuschte Schatten einer Frau vor einem dieser Passbildautomaten in einer Bahnhofshalle, die Rolltreppen zum Platz an der Sonne in einer Shopping Mall… eine bestimmte Szene mit Menschen, die mir eine Geschichte erzählt, die sich mir aufgedrängt hat, weil ich sie wahrscheinlich schon ewig lange mit mir selbst herumgetragen habe.

Mann hinter Wassserdampf.

Die meisten dieser fotografischen Begegnungen lassen sich nur schwer in Worte zurückübersetzen, sie verbleiben oftmals in einem Gedankenfluss, der kein Ende finden möchte, wie bei einem Gedicht, das uns durch die Seele weht, oder
 in einem Tagtraum, den wir noch nicht ausgeträumt haben.


Bilder, die den Blick erwidern, sind nie vollständig lesbar. Es liegt viel mehr im Betrachter, diese Lücke auszufüllen, mit Sinn und Sinnlichkeit, mit einem eigenen Text, der dem Subtext des Unwägbaren auf die Schliche zu kommen versucht.

(M)eine Stadt und 
(m)eine Landschaft haben viele solcher Subtexte. Wasserzeichen, durch die ich meinen Blick wandern lasse, um sie für mich zu entziffern. 

Es gibt viele Aufnahmen, die stumm bleiben und eigentlich in den Papierkorb gehören, sei er nun digital oder analog.

Ein Mann läuft eine Treppe hoch, die ein schönes Gemälde trägt.

Sie bleiben vielleicht stumm, weil ich mich selbst nicht genügend eingebracht habe, weil ich selbst schon nichts zu erzählen hatte vor dem Bruchteil jener Sekunde, in dem ich auf den Auslöser gedrückt hatte.

Das macht manchmal die Enttäuschung über jene Bilder, die so entstanden sind und dem 
eigenen Empfinden nicht genügen wollen, umso größer: Ich habe einen großen Papierkorb, aber ich glaube, die wirklich großen Fotografen haben einen noch viel größeren – das hat etwas Beruhigendes.

Ich bin kein Fotograf. Das Handwerk habe ich nie erlernt. Aber ich übe mich am fotografischen Blick und ich kenne meine Kamera, mit der ich umzugehen weiß, auf meine Weise. Es gibt Leute, die gewiss mehr von ihrer fotografischen Ausrüstung zu berichten wissen als ich.

Ein Hut hängt alleine an einem von hunderten Jacken-Haltern.

Da werden Vergleiche angestellt, Güte und Qualität der Kameramodelle und Optiken gegeneinander abgewogen, als gelte es, in diesem Derby der technischen Brillanz als Erster durch die Ziellinie zu laufen. Diese verführerische Begeisterung, der ja auch professionelle Fotografen mitunter erliegen, war noch nie die meine.

Das Geheimnis eines guten Bildes liegt für mich nicht in den immer perfekteren Abbildungsleistungen einer technischen Apparatur, vor allem nicht in einem allenthalben zu beobachtenden Schärfewahn, der die unscharfen Bedeutungstiefen eines Bildes aus dem Auge verloren zu haben scheint, denn diese haben mit den Säulenheiligen einer fotografischen Technik zunächst nichts zu tun.

In einer Welt aber, in der Gemüse und Menschen nach Wachstum und Qualitätspotential vermessen und bemessen werden, gehört die technische Begeisterung oftmals zu den großen Ersatzbefriedigungen – in 
einem Meer von Bildern, auf dem wir uns in einer kleinen Nussschale zu eigenen Ufern 
aufmachen, vielleicht ohne je anzukommen.

Ein Mann liegt auf dem Boden und schaut einer Silhouette nach.

Für mich fangen gute Bilder mit einem inneren Monolog an. Das macht sie mir so verwandt mit meinen Kopfgeburten am Schreibtisch, die natürlich weitaus gelenkiger erscheinen, weil sie sich in ihren besten Zeiten über die Alltagserfahrung hinwegzusetzen vermögen.

Aber auch eine Fotografie kann in ihren besten Momenten über die bloße Dokumentation des Gegebenen hinausweisen. Hier, in dieser Konzentration auf das Äußerste, beginnt der fotografische Blick für mich ernsthaft zu werden.

Hier beginnt für mich das Abenteuer einer fotografischen Wahrnehmung. Aber darüber haben sich ja in der Geschichte der Fotografie weitaus Berufenere ausgelassen und wahrscheinlich gibt es hierzu ebenso viele Ansichten wie fotografierende Zeitgenossen.

Ballspiel im Gegenlicht.


So laufe ich mit meiner Kamera durch (m)eine Stadt und (m)eine Landschaft und sammle Augenblicke, manchmal gefühlte Ewigkeiten, ohne eine einzige Aufnahme gemacht zu haben. Am Schreibtisch bin ich Herr meiner Kopfgeburten, an denen sich feilen lässt, bis sie der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich sehen.

Auf der Straße überlasse ich mich dem Zufall, dem ausgeliefert, was mir der Tag zuträgt. Meine Helden flanieren nicht über rote Teppiche, sie gehören in erster Linie einer Poesie der Straße, wo Menschen und 
Brachflächen, Einkaufstempel mit ihren Reklamewelten, Mietskasernen und Bürotürme sichtbar sind. 

Schlafende Fahrgäste hinter einer nassen Glasscheibe.

Das, was ich von diesen gelebten Leben nach Hause tragen darf, fügt sich mit den Jahren zu einem einzigen Bild, in dem ich mir selbst und meinen mir eigenen unbekannten Kontinenten immer wieder neu begegnen kann. 


Es soll Leute geben, die dabei an „Straßenfotografie“ denken. Mir sind es lichte Momente im Versuch einer neugierigen Selbstvergewisserung.

Ähnliche Artikel

Die Kommentare dieses Artikels sind geschlossen. ~ Die Redaktion