20. Juni 2015 Lesezeit: ~4 Minuten

Verliebt in ein Land

Mein Australien besteht aus vier Fünfteln Sehnsucht und einem Fünftel Wirklichkeit. Aus dieser Gleichung und etlichen 35-mm-Filmen gestaltete ich meine aktuelle Ausstellung „Australia is a myth of her mind“, die nun in der Australischen Botschaft in Berlin zu sehen ist.

Zweieinhalb Jahre habe ich in Australien verbracht. Zwölf Jahre habe ich mich nach Australien geträumt. Durch das unausgeglichene Verhältnis von Anwesenheit (in Australien) und Sehnsucht (in Deutschland) erscheint mir Australien oft als ein Mythos. Ist es das wirkliche Australien, das mich fasziniert oder die Version meiner Träume und Erinnerungen?

Schon als kleines Mädchen träumte ich von diesem Land auf der anderen Seite der Welt. Ich flog nach Australien mit 19, 22, 24 und 27 Jahren, verbrachte insgesamt anderthalb Jahre in Brisbane und ein Jahr auf Reisen. Ich verliebte mich in die Weite des Outbacks, das aufbauschende Meer als Rahmen eines Kontinents, in das warme Licht und die heftigen Gewitter von Brisbane, in das ganze Land.

Ein Mensch in einem Spiegel.Der Blick in eine Tür eröffnet einen Blick in die Stadt.

Doch noch mehr verliebte ich mich mit meiner analogen Kamera in der Hand: Erst einer Canon AE-1, später Canon A-1. Mit ihr ging ich viel spazieren und sah: Pflanzenspitzen im letzten Sonnenlicht des Tages, eine abgelegte halbe Zitrone auf dem Hausboot, ein Briefkasten auf der weltweit größten Sandinsel, die langen Schatten der Stuhllehnen an einem meiner letzten Australientage auf seinem Balkon. In Australien lernte ich, mit meiner Kamera mehr zu sehen.

Und so entwarf ich meine eigene Version von Australien aus einem Mix aus Sehnsucht und Anwesenheit. Die analoge Fotografie ist für mich das ideale Medium dafür, denn sie braucht Zeit. Ich muss den Film fertig fotografieren, zum Entwickeln bringen und warten.

Architektur im Bild.

Kleine Palmen recken ihre Hälse nach oben.

Erst Tage, manchmal Wochen später halte ich die entwickelten Fotos in der Hand und blättere sie durch. Manche Augenblicke habe ich bis dahin fast vergessen, andere scheinen wie gestern gewesen. So verlängere ich die scheinbar flüchtigen Momente und lasse sie im Rückblick größer und auffälliger werden. Ich erinnere mich. In Ausschnitten, Momenten, Fotos.

Denn das eine wirkliche Australien, das gibt es nicht. Jede Reise und jede Begegnung ist einzigartig und individuell und so gestaltete ich auch meinen Mythos dieses Landes individuell. Ich kam immer wieder zu Australien zurück und näherte mich diesem Land an, ähnlich einer Beziehung oder einer Heimatsuche: Durch ein Innehalten, eine Faszination und ein Gefühl der Verbindung.

Eine Zitrone und der Ausblick aufs Meer.Ein Platz an der Sonne.

Diese Gefühle unterstreiche ich auch mit der Literatur, die ich oft mit meiner Fotografie verknüpfe. Die richtigen Bücher lassen mich das Land und mich erkennen, wie beispielsweise die von Helen Garner, David Malouf, A. B. Facey, Robyn Davidson. Und „The Merry-go-round in the sea“ von Randolph Stow. In diesem Buch fand ich das passende Zitat für mein Australiengefühl und für meine Ausstellung:

The world the girl had believed in did not, after all, exist. The world and the clan and Australia had been a myth of her mind, and she had been, all the time, an individual.

(frei nach Randolph Stow, angepasst an sie)

Menschen am Strand und ein seltsamer Himmel.

Mit meiner aktuellen Solo-Ausstellung „Australia is a myth of her mind“ sind meine Fotos nun in der Australischen Botschaft in Berlin angekommen. Sozusagen auf australischem Boden in Deutschland. Es ist der perfekte Ort dafür, denn auch hier geht die Gleichung auf: Ein kleiner Punkt australischer Boden mitten in Deutschland. Zweieinhalb Jahre Anwesenheit, eingerahmt von zwölf Jahren Sehnsucht.

„Australia is a myth of her mind“ ist den ganzen Sommer 2015 lang in der Australischen Botschaft (Berlin) zu sehen. Adresse: Wallstraße 76-79, 10179 Berlin. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8:30 – 17 Uhr, Freitag 8:30 – 16:15 Uhr. Samstag und Sonntag geschlossen.

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6 Kommentare

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  1. Danke für den Buchtip „Das Paradies ist nebenan“ von Cees Nooteboom!
    Auch hier finde ich mal wieder: auf der eigenen Website finde ich einige sehr schöne Fotos. Und ich bin sicher, dass einige davon in den Ausstellungen noch besser rauskommen. (Tolle Farben beispielsweise in dem Foto Nr. 13/Schwimmbad – aus der Ausstellung „Nebenan“. )

  2. Blogartikel dazu: Leseempfehlung vom 23. June 2015 | off the record