22. Juni 2015 Lesezeit: ~8 Minuten

Empfehlenswerte Fotodokumentationen Teil 1

Immer häufiger gibt es aufwändig produzierte Dokumentarfilme über Fotografen. Filme, die sogar im Kino laufen. Die Fotografen werden regelrecht zu Stars, was uns zum einen freut, denn so erfahren wir mehr über die Männer und Frauen hinter den Kameras. Zum anderen führt der Hype jedoch auch zu starken Inszenierungen, durch die man die entstanden Filme durchaus kritisch betrachten muss.

Wir haben in letzter Zeit eine Menge DVDs für Euch angesehen und werden diese nun nach und nach vorstellen. Darunter auch nicht nur die neuesten Produktionen. Wir beginen mit den ersten fünf Empfehlungen, die zum Teil sehr verschieden sind, aber eins gemeinsam haben: Nach dem Schauen will man mit der Kamera losziehen.

 

Gregory Crewdson: Brief Encounters*

Bilder, die eine ganze Geschichte erzählen – so lassen sich die Arbeiten von Gregory Crewdson am besten beschreiben. Er ist ein Meister des Lichts und für seine Fotos wird ein Aufwand betrieben, der sonst nur großen Hollywoodfilmen zuteil wird. Schauspieler treten vor seine Kamera und Straßen werden für seine Produktionen gesperrt.

Es sind Aufnahmen, bei denen man einfach einmal hinter die Kulissen schauen möchte. Dank des Dokumentarfilmes „Gregory Crewdson: Brief Encounters“ ist dies auch möglich. Der Film gibt einen umfassenden Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers. Man erlebt die Produktionen mehrerer seiner Fotos mit, bekommt jede Menge Hintergrundinformationen und sieht, was auch bei den Profis alles schief gehen kann.

Wir haben die Dokumentation gemeinsam in der Redaktion an einem Herbstabend im Harz angesehen und ein wenig mit Gregory mitgelitten, wenn das Wetter plötzlich umschlug oder das jüngste Modell einfach nicht einschlafen wollte. Nach dem Film ist man kein besserer Fotograf, aber gut unterhalten und hat den Ansporn, auch öfter bei schwierigen Lichtsituationen Fotos zu schießen.

Der Film ist in englischer Sprache und kostet als DVD 28,69 € auf Amazon* oder 3 $ als Stream.

 

Annie Leibovitz – Life through a Lens*

Ein weiterer großer Name in der Fotografie ist Annie Leibovitz. Sie zählt zu den bekanntesten und bestbezahltesten Fotografen weltweit, was nicht unbedingt ein Grund sein muss, sich näher mit ihren Bildern zu beschäftigen. Was ein Grund ist, sind ihr fotografisches Wirken und die vielen Bilder, die im Gedächtnis bleiben.

Der Film „Life through a Lens“ zeichnet ihr fotografisches Leben nach. Wie sie bereits in jungen Jahren zur Fotografie kam, Cheffotografin für das Rolling Stone Magazine und bei einer Konzerttournee mit den Rolling Stones drogensüchtig wurde. Wie sie zur Werbung und Fashion-Fotografie wechselte und Cheffotografin der Vanity Fair wurde. Auch ihre Beziehung zu Susan Sontag ist ein Thema.

Man erhält durch den Film einen schnellen und guten Überblick über die Arbeiten von Annie. Es werden viele Aufnahmen gezeigt und auch kurze Sequenzen einzelner Shootings. Wirklich über die Schulter schauen beim Arbeiten kann man ihr in der Dokumentation nicht. Es werden zudem viele bekannte Menschen interviewt, die mit Annie zusammengearbeitet haben. Sie sprechen sich durchweg positiv, ja nahezu euphorisch über die Fotografin aus, was die Dokumentation ein wenig einseitig erscheinen lässt.

Mit dieser leisen Kritik im Hinterkopf ist der Film aber durchaus zu empfehlen. Die DVD ist in englischer Sprache und kostet 10,48 € auf Amazon*.

 

DVD Kontaktabzüge

Kontaktabzüge – Große Fotografen und ihre Werke*

33 Fotografen sprechen über ihre Arbeiten. Eine unglaubliche Sammlung kommt in der DVD-Box von Arte edition. Auf der ersten DVD sind die großen Meister der Schwarzweißfotografie wie Bresson, Doisneau und Newton versammelt. Sie zeigen ihre Kontaktabzüge, reden über ihre Arbeitensweise, wie sie Bilder auswählen und was ihnen wichtig ist. Dazu sieht man die Kontaktabzüge – nahezu alle Bilder, die es zum Motiv gebraucht hat. Einige wenige sind rot markiert: Die Treffer, die man teilweise auch kennt.

Die anderen beiden DVDs sind unterteilt in „Aufbruch der zeitgenössischen Fotografie“ mit Fotografen wie Nan Goldin, Sarah Moon, Andreas Gursky und Hiroshi Sugimoto und „Konzeptionelle Fotografie“ mit Martin Parr, Bernd und Hilla Becher und Thomas Struth. Hier sieht man weniger die kompletten Kontaktabzüge, öfter die einzelnen Bilder. Die einzelnen Fotografen sprechen jedoch auch hier über die Entstehung einzelner Serien und Bildern.

Die drei DVDs mit insgesamt sieben Stunden Laufzeit kann man kaum am Stück ansehen. Ich habe zuerst mit den mir bereits bekannten Fotografen angefangen. Und nun schaue ich nach und nach, wenn ich Muße habe, auch die mir unbekannten an und entdecke dabei neue Lieblingskünstler wie Sophie Calle.

Jeder Fotograf hat etwa 13 Minuten Zeit bekommen, man kann die Episoden einzeln im Register auswählen. Jedes Kapitel gibt es in drei Sprachen: Englisch, Deutsch und Französisch. Die Synchronisationen sind leider manchmal nicht perfekt abgestimmt, Untertitel gibt es nicht. Ansonsten eine rundum empfehlenswerte Dokumentation, durch die man einiges lernen kann. Die Box kostet 32,99 € auf Amazon*.

 

Finding Vivian Maier*

Vivian Maier ist sicher den meisten ein Begriff, denn die unglaubliche Geschichte zu ihren Bildern wurde erst kürzlich bekannt und wir haben mehrfach über sie berichtet. 2007 ersteigerte John Maloof mehrere Kisten voller Negative und erkannte schnell, was für einen Schatz er da erworben hatte: Das Gesamtwerk von Vivian Maier. Einzigartige Straßenaufnahmen aus Chicago und New York.

Vivian Maier arbeitete dort als Kindermädchen und hatte immer eine Kamera dabei. Ihre Aufnahmen zeigte sie jedoch nie jemandem. Die meisten hatte sie selbst nie gesehen, denn Maloof erstand nicht nur Negative, sondern auch unentwickeltes Material und persönliche Dinge.

Der Film zeichnet Maloofs Entedeckung und die Suche nach der Frau hinter den Bildern nach. Dabei sucht er Menschen aus ihren Leben auf und lässt sie erzählen. Die Dokumentation ist spannend gemacht und erweckt nach und nach eine sehr exzentrische Frau zum Leben. Eine Frau mit vielen Geheimnissen und Fehlern. Und hier entsteht auch ein mulmiges Gefühl, denn die Interviewten sprechen nicht nur gut von der Fotografin, die sich selbst nun ja nicht mehr zu Wort melden kann.

John Maloof setzt sich im Film gekonnt in Szene und die rechtlichen Schwierigkeiten und Klagen, die bis heute Gerichte beschäftigen, bleiben im Film fast gänzlich unerwähnt. Dennoch ist der Film empfehlenswert, schon allein wegen der vielen großartigen Aufnahmen von Vivian Maier, die man zu sehen bekommt. Die DVD ist auf Englisch mit deutschen Untertiteln und kostet 14,99 € auf Amazon*. Für 2,99 € kann man den Film dort auch streamen.

 

DVD 3 Fotografinnen

Drei Fotografinnen: Ilse Bing, Grete Stern, Ellen Auerbach*

Eine beziehungsweise gleich drei unaufgeregte Dokumentationen bekommt man mit diesen zwei DVDs von Arte edition. Die Dokumentationen sind bereits von 1993 und wurden von Antonia Lerch produziert. Sie lässt in ihnen die drei Fotografinnen Ilse Bing, Grete Stern und Ellen Auerbach selbst zu Wort kommen. Alle drei wurden um 1900 geboren und erzählen im hohen Alter von ihrem Leben und ihren Arbeiten.

Antonia Lerch hat jede der Frauen bei sich zu Hause besucht und so bekommt man sehr persönliche Einblicke. Die Reportage kommt völlig ohne Inszenierung aus. Die Frauen erzählen, es gibt keine weiteren Wortkommentare, keine Interviewfragen.

Die drei Frauen verbindet nicht nur die Fotografie, sie sind alle jüdischer Abstammung, studierten in Deutschland und emmigrierten 1930. So sind die DVDs nicht nur ein wichtiger Teil der Fotografiegeschichte, in der Frauen doch oft viel zu kurz kommen, sondern auch ein wichtiges Zeitdokument.

Die Filme sind auf Deutsch, teilweise kurze Sequenzen mit deutschen Untertiteln. Für 20,99 € bekommt man die drei Dokumentationen auf 2 DVDs auf Amazon*. Einen Trailer gibt es leider nicht.

 

Welcher Film hat Euch neugierig gemacht? Habt Ihr vielleicht den einen oder anderen schon gesehen und habt noch etwas beizutragen? Wir freuen uns auf Eure Kommentare.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

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17 Kommentare

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  1. [Kleine Korrekturanmerkung: Annie Leibovitz ist nicht die „bestbezahlteSTE“ Fotografin, denn „bezahlen“ ist ein Verb und das lässt sich in der Regel nicht steigern. ;) ]

    Ansonsten empfehle ich noch folgende Dokumentationen:
    – Joel Meyerowitz – „Sense Of Time“-DVD
    – „Everybody Street“ über street photography in New York als günstiger Download bei vimeo
    – arte-DVD-Box zu Henri Cartier-Bression
    – „Anton Corbijn – „Inside Out“-DVD
    – Andreas Gursky – „Das globale Foto“
    – Sally Mann – „What Remains“
    – „William Eggleston in the real world“

    Ansonsten steht das Internet voll mit wirklich guten Dokumentationen aus vielen Jahrzehnten.

    Beste Grüße!

  2. Wer sich mit deutscher Nachkriegsfotografie und dem (in meinen Augen) wichtigsten Vertreter der „Subjektiven Fotografie“ beschäftigen möchte, dem lege ich den Film „Robert Häusser – Leben und Werk“ von Rudij Bergmann ans Herz. Robert Häusser war auch der erste deutsche Fotograf, der den begehrten Hasselblad-Preis erhielt. Zu beziehen über den Museumsshop der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. http://www.rem-mannheim.de/rem-aktuell/mitteilung/jetzt-auch-auf-dvd-robert-haeusser-leben-und-werk.html

      • Gursky steht für mich symbolisch für die perverse Kapitalisierung der Kunst. Kunst muss unbedingt und uneingeschränkt frei von elitärem Gehabe, Qualität und Quantität sein. Gursky und viele andere aus der „anerkannten“ Kunst-Riege (Künstler, Kritiker, Händler,…) sind verantwortlich für den Tod der Kunst in ihrem eigentlichen Sinne.
        Für mich persönlich kommt hinzu, dass ich die Arbeiten, die er macht, bzw. durchaus auch machen lässt (!), für eher unspektakulär halte. Aber, wie gesagt, letzteres ist komplett subjektiv.

      • Okay, verstehe was du meinst. Da ich Gursky nicht persönlich kenne, kann ich auch nicht beurteilen, ob er ein elitäres Gehabe an den Tag legt. Das ausgerechnet Gursky 2x in der Liste der teuersten Photographien erscheint (quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_most_expensive_photographs), liegt m.E. weniger in der Verantwortung des Künstlers als vielmehr in einem pervertierten Kunstmarkt und seiner Investoren begründet. Den Künstler deswegen aus, wie du schreibst, kultur-politischen Gründen zu boykottieren, halte ich für nicht gerechtfertigt. Konsequenterweise dürftest du dir somit auch keine Bilder eines Gerhard Richter, Jeff Koons oder Damien Hirst mehr anschauen.

      • Hallo Thomas, über Gurskys Art und Weise kann man sich zumindest im Ansatz ein Bild machen in den Dokumentationen, die es über und mit ihm gibt. Kann natürlich sein, dass er sich dort anders darstellt als er im persönlichen Kontakt wäre, aber das lässt vielleicht schon einmal mehr Beurteilung zu als nur durch Betrachten seiner Werke und Lesen seiner Biografie.

      • Ich meine weniger sein Gehabe und Auftreten – obwohl es mir nicht gerade symphatisch ist – sondern ihn als Symbolfigur (neben vielen anderen), die ein kapitalistischen Kunstmarkt vertreten. Geld tötet Kunst. Schon Kunststudenten wird gelehrt, dass man am Kunstmarkt Marktgesetzen zu folgen hat, wenn man nach vorne kommen möchte. Wer sich mit dem ureigenen Sinn und Wesen der Kunst auseinandersetzt, kann das nur entschieden kontraproduktiv und pervers finden.