01. Juni 2015 Lesezeit: ~7 Minuten

Mark Alor Powell – Open at Noon

Nach dem schon wirklich seltsamen „Songbook“ von Alec Soth wurde ich auf ein weiteres Buch aufmerksam, das das Prädikat „merkwürdig“ verdient: „Open at Noon“ von Mark Alor Powell. Dieses Buch möchte ich Euch heute vorstellen.

Auch hier näherte ich mich dem Buch mit einem Minimum an Wissen, um die Bilder möglichst unvoreingenommen beurteilen zu können. Alles, was ich vorab wusste, war, dass das Buch bei einem iberoamerikanischen Fotobuchwettbewerb den ersten Preis gewonnen hatte und dass der oben erwähnte Alec Soth und Martin Parr in der Jury saßen.

Kontakt zum Verlag, der in Barcelona und Mexiko sitzt, war schnell hergestellt und einige Tage später lag ein dünner Band, eingebunden in rot eingefärbtes, falsches Krokodilleder vor mir. Darauf in Goldbuchstaben geprägt die Angaben zu Titel und Autor.

Assoziationen zu Familienfotoalben stellen sich ein. Und auch zum optisch ähnlichen Buch „A Christmas Tree Bucket“ von Trent Parke*. Das Buch hat ca. 70 Seiten und abgesehen vom luxuriös wirkenden Einband ist es sehr einfach gehalten. Der Inhalt des Buches und die Bilder stehen in starkem Kontrast zum Einband.

Mark Alor Powell, Open At Noon

Nach der Einbandinnenseite sieht man bereits ein Portrait einer jungen Frau. Danach folgt nochmals ein Titelblatt. Der eigentliche Inhalt besteht aus Farbfotos ohne Text, die Seiten ohne Paginierung. Die Bilder sind manchmal rechts, manchmal links und manchmal beidseitig plaziert. Warum hier kein einheitliches Schema durchgehalten wurde, ist nicht klar.

Beim ersten Durchblättern fiel es mir schwer, auch nur im Ansatz irgendeinen Zusammenhang zu erkennen. Immerhin sieht man auf einer Doppelseite links einen Mann mit einer Kaffeetasse vor sich stehen und rechts einen Kellner, der Kaffee serviert. Man klammert sich ja gern an solche Strohhalme des Verstehens.

Mark Alor Powell, Open At Noon

Mark Alor Powell, Open At Noon

Auf zwei weiteren Bildern sieht man einen Mann mit Buckel, der sich bückt und einen Arm ausstreckt. Auf der Folgeseite ein Auto, die Windschutzscheibe von Zeitung abgedeckt und wieder ein Arm, der vom Beifahrersitz kommend wie ein Scheibenwischer auf der Windschutzscheibe liegt. Bei genauerem Hinsehen findet man doch einige Bildpaare, die in einem Zusammenhang gesehen werden können. Ein Motiv, eine Leitlinie, die sich als roter Faden durch das Buch zieht, ist dennoch schwer auszumachen.

Die dargestellten Menschen wirken, als seien sie Außenseiter oder die Situationen, in denen sie fotografiert wurden, erzeugen ein Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit. Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Ein Bild, das für mich aus der Reihe fällt, zeigt mehrere ältere Männer mit Cowboyhüten, die in ein Handgemenge verwickelt sind, weil hier so viel mehr Bewegung und Aktion zu sehen ist als in den anderen, sehr stillen Bildern.

Mark Alor Powell, Open At Noon

Mark Alor Powell, Open At Noon

Was man den Bildern entnehmen kann, ist, dass sie in einem spanischsprachigen Land entstanden sind. Mexiko als Handlungsort anzunehmen, liegt nahe, wenn man sich auf Powells Website informiert: Er lebt in Mexico City.

Wann die Bilder entstanden sind, ist schwer festzumachen. Sie sind mit Sicherheit nicht vor besonders langer Zeit entstanden, aber da man keine Gegenstände sehen kann, die sich eindeutig mit einem Jahr verknüpfbar lassen, kann man nur schätzen. Ich würde sie auf die Zeit nach 2008 datieren. Die Bilder wirken sehr unbearbeitet. Es scheint so, als ob Powell in der Bildbearbeitung nichts unternommen hätte, um die Bilder dramatischer wirken zu lassen. Manche Betrachter mag das zu dem Urteil verleiten, dass die Bilder eigentlich nur Schnappschüsse sind. Ich fand schon die Bilder von Paul Graham in ihrer scheinbaren Zufälligkeit schwer zu verdauen. Powell setzt hier noch einen drauf, da seine Fotos im Erscheinungsbild noch spröder wirken.

Mark Alor Powell, Open At Noon

Mark Alor Powell, Open At Noon

Die Website des Autors führt unter der Rubrik Open at Noon mehr Bilder auf, als im Buch zu finden sind. Tatsächlich wurde die Auswahl und die Sequenz auch nicht von Powell, sondern von zwei anderen Redakteuren durchgeführt.

Wieso diese wesentlichen Arbeiten nicht von ihm durchgeführt wurden, ist mir nicht klar, da der Fotograf damit die Kontrolle darüber abgibt, wie das Buch in seiner Gesamtheit wirkt. Weitere Informationen, nicht zuletzt der Hinweis auf den Fotowettbewerb und dessen Jury, sind auf den beiden letzten Seiten des Buches zu finden, die einerseits technische Informationen enthalten, andererseits auch Verweise, beispielsweise auf den Film „Invasion of the Body Snatchers“.

Das Bild auf Seite 59 stammt aus einem Film von Jose Maria Cueva, ohne Paginierung gelang es mir jedoch nicht, herauszufinden, um welche Seite es sich handelt, da noch nicht einmal klar ist, wo die Seitenzählung beginnt.

Mark Alor Powell, Open At Noon

Mark Alor Powell, Open At Noon

Ich habe mir das Buch zwischenzeitlich mehr als zehn Mal angesehen. Ich glaube nicht, dass die Sequenz rein zufällig ist, aber es ergibt für mich auch keinen Sinn, zuviel in die Abfolge interpretieren zu wollen. „Open at Noon“ erzeugt bei mir eine Mischung aus Unwohlsein und Neugier. Das Unwohlsein resultiert aus dem verstörenden Eindruck, den die Bilder bei mir hinterlassen.

Menschen, die teilweise wie in Trance wirken, verlassene Orte. Wann immer man meint, einen Ansatzpunkt gefunden zu haben, durchbricht ein Bild wieder die vermeintliche Logik. Wieso kommt da ein Bild vor, das einen zugefrorenen See zeigt? Wieso ein violettes Haus hinter Blättern?

Kunsthistoriker und Menschen mit vergleichbarer Bildung finden in dem Buch vermutlich eine ganze Reihe von Referenzen, die die Bilder so mit einer weiteren Bedeutungsebene aufladen können. Doch auch ohne enzyklopädisches Hintergrundwissen bleibt man von der Stimmung, die das Buch ausstrahlt, nicht unberührt.

Mark Alor Powell, Open At Noon

Mark Alor Powell ist Mitglied von iN-PUBLiC, sein Stil ist aber nicht mit dem einiger bekannterer Exponenten wie Matt Stuart oder Nick Turpin zu vergleichen. Aber auch dieser Sachverhalt löst das Rätsel dieses Buchs nicht.

„Open at Noon“ verschließt sich einfachen Erklärungen, es besitzt keine Handlung, es stellt meiner Ansicht nach auch kein politisches Statement dar. Aber es zeigt, wie man durch eine sehr selektive Wahrnehmung eine Welt sehen kann, die nicht mehr vertraut, sondern fremd wirkt. Was für den einen vielleicht normal erscheint, verunsichert den anderen zutiefst, wirft ihn aus der Bahn. Oder nehmen wir in der Welt nur noch das wahr, was unsere Sicht der Dinge bestätigt, um nicht die Dinge oder gar uns selbst in Frage stellen zu müssen?

Würde ich mit Powell zusammen auf der Straße fotografieren, kämen ziemlich sicher sehr unterschiedliche Bildserien heraus. Und das macht „Open at Noon“ für mich so spannend: Es stellt meine Sichtweise auf die Dinge in Frage. Es provoziert die Reflexion des eigenen Blicks und der eigenen Bewertung dessen, was man für fotografierenswert bzw. überhaupt bemerkenswert hält.

Informationen zum Buch

„Open At Noon“ von Mark Alor Powell*
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 74
Maße: 25,4 x 30,5 cm
Verlag: Verlag RM
Preis: 44,90 €

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

Ähnliche Artikel

10 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. „Manche Betrachter mag das zu dem Urteil verleiten, dass die Bilder eigentlich nur Schnappschüsse sind.“

    Dazu formuliert Eggleston sehr treffend: “The blindness is apparent when someone lets slip the word ‘snapshot’. Ignorance can always be covered by ‘snapshot’. The word has never had any meaning.“

    • Heißt das jetzt also, immer wenn jemand meine Bilder als Schnappschüsse bezeichnet liegt das daran, daß der Betrachter doof und ignorant ist und auf keinem Fall daran daß meine Bilder langweilig sind? Cool!

      • Wäre super, oder? Ich glaube, wenn Dir Deine eigenen Bilder gefallen, dann ist das schon mal gut und Motivation, mehr zu fotografieren, weil Du alleine Dir damit schon mal eine Freude bereitest. :-)
        Wenn sie mehr Menschen als nur Dir gefallen, auch gut. Wird ein Bild jemals jedem Betrachter gefallen? Nein. Im besten Fall äußert der Betrachter seine Meinung dann konstruktiv, ansonsten hört man halt alles von „zufälliger Schnappschuß“ bis „überproduzierter Kitsch“. Oh, und Deine Familie wird Deine Bilder anders kommentieren als, sagen wir, jemand wie ich oder gar ein Alex Webb. Erwartungshaltung, Blickwinkel und Kenntnis der Umstände sind anders. Bei jedem. Es gibt gerade in der Fotografie wenig Absolutes.

      • Nein, das heisst es natürlich nicht. Schlechte und langweilige Bilder gibt es natürlich trotzdem und zwar nicht zu knapp. Es geht darum, dass es keine „Schnappschüsse“ gibt und der Begriff somit werde positiv noch negativ sondern schlicht bedeutungslos ist.

  2. Ich finde Mark Alor Powell hat einen wirklich guten Blick für die Absürtitäten des Lebens. Es macht einfach Spaß seine Bilder zu betrachten und ich finde viele von denen, die auf seiner Webseite zu sehen sind, durchaus gelungen – sie sind einfach subtil witzig. Ich denke das ist auch der einzige Zusammenhang zwischen den einzelnen Bilder.
    Danke für’s vorstellen!
    //Matz

  3. Ich finde das ganz schön, dass du mit einem unvoreingenommenen Blick dieses Buch regelrecht beackert hast. Der erste Punkt ist ja schon, dass dieses Buch überhaupt deine Aufmerksamkeit bekommen hat, es hat dich neugierig gemacht und damit hat der Autor/Fotograf bereits viel erreicht. Es scheint etwas Unbestimmtes, nicht leicht zu Fassendes davon auszugehen, und wenn du das immer und immer wieder hervorgeholt hast, dann mit dem Versuch etwas hinter den Bildern zu finden, eine Erklärung vielleicht. Warum waren diese Fotos es überhaupt wert, als Buch veröffentlicht zu werden, auch da steckt eine Geschichte dahinter, die sich erstmal nicht erschließt. Aber neugierig macht!

  4. Blogartikel dazu: Der Schnappschuss und die Fotografie › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity