02. Juni 2015

Diese Nacht in Tokio

Diese Serie entstand in einer Nacht in Shibuya, einem Stadtteil von Tokio. Shibuya ist eines der belebtesten Viertel dieser Metropole, die gleichzeitig die Hauptstadt von Japan ist. Als ich diese Serie fotografierte, war ich für meine Universität in Cork in Tokio, um die dortigen Universitäten zu besuchen. Tagsüber war ich nur beruflich unterwegs, erst abends hatte ich die Gelegenheit, zu fotografieren. Darüber kann ich mich nicht beschweren, im Gegenteil.

Tokio ist eine Stadt, die nach Einbruch der Dunkelheit erst richtig lebendig wird. Wenn man am frühen Morgen zu Fuß unterwegs ist und nach dem Verlassen des Hotels die Tausenden Pendler trifft, die am Bahnhof Shibuya ankommen, fällt besonders die Stille auf. Eine Stille, die nur durch das Klacken der hochhackigen Schuhe und der Durchsagen über Lautsprechersysteme unterbrochen wird.

Salarymen (engl. „Anzugträger“) und Salarywomen auf dem Marsch. Würdig. Schweigsam. Noch nicht im neuen Tag angekommen, ruhig, schläfrig bewegen sie sich in zäher Masse, auf dem Weg zu Zügen, in denen die Handys immer stummgeschaltet sind.

Niemand spricht.

Am Abend ist alles anders.

Am Bahnhof hört man selbst im Hintergrund der Durchsagen laute Gespräche und Gelächter. Das Klacken der hochhackigen Schuhe verklingt unbemerkt im allgemeinen Lärm, während man den Bahnhof verlässt. Die Gesichter, die morgens noch so viel Würde ausstrahlten, sind nun heiter, fröhlicher. Man sieht Menschen lächeln. Die Salarymen und Salarywomen werden locker. Werden ausgelassen nach einem harten Arbeitstag. Das Marschieren verändert seinen Rhythmus. Es sind keine grauen Massen mehr unterwegs, die Leute bewegen sich langsamer, bilden Grüppchen. Niemand muss mehr irgendwohin.

Mit meiner Nikon D7000 habe ich versucht, dieses Gefühl wiederzugeben, das entsteht, wenn wir alle gleichzeitig in einer Kollision des Zusammentreffens aufeinderprallen, am selben Punkt zur selben Zeit. Gleichzeitig sind wir alle auf uns allein gestellt und jeder geht wieder zu seinem eigenen Ziel, weg von der Kreuzung.

Shibuy and us © Brendan Ó Sé

This collision of coincidence is paused © Brendan Ó Sé

Is it the red man or the green man who robbed us of the rebellion? © Brendan Ó Sé

The mathematics of self esteem © Brendan Ó Sé

Photographic Punctuation Photo Booth © Brendan Ó Sé

I’m off to Friday © Brendan Ó Sé

Shibuya forever © Brendan Ó Sé

Shibuya forever 2 © Brendan Ó Sé

Tokyo night © Brendan Ó Sé

Tokyo night 2 © Brendan Ó Sé

Tokyo night 3 © Brendan Ó Sé

This Tokyo night © Brendan Ó Sé

This Tokyo night 2 © Brendan Ó Sé

This Tokyo night 3 © Brendan Ó Sé

Collision of Coincidence © Brendan Ó Sé

In manchen Bildern wollte ich das Moment der Bewegung besonders hervorheben und habe mich dabei der Zoom-Burst-Technik bedient. Das ist ein ganz einfach zu erzielender Effekt. Es gibt dafür zwei Wege: Entweder zoome ich ganz nah an meine Motive heran und zoome heraus, während ich abdrücke, so schnell ich kann.

Daraus entsteht Bewegungsunschärfe, die die Bewegung noch betont. Oder ich beginne im Weitwinkel und zoome heran. Mit etwas Übung findet man dann heraus, dass man nur wenig zoomen muss, um den besten Effekt zu erzielen. Zoomt man zuviel, wird das Bild zu entstellt und die Motive nicht mehr erkennbar.

Die Serie entstand in einer einzigen Nacht und es war meine letzte Gelegenheit, nachts in Shibuya zu fotografieren. Ich wusste, was ich wollte und wie ich es erreichen konnte. Die bekannte Shibuya Scramble Crossing, eine große Alle-Gehen-Straßenkreuzung, wird jedes Mal, wenn das grüne Männchen erscheint, von bis zu 2.000 Menschen frequentiert.

Für einen Straßenfotografen ein wirklich elektrisierender Ort. Die schwarzen und weißen horizontalen Linien der Zebrastreifen und die dunkle Kleidung der Passanten ermöglichen einen kontrastreichen Look für die entstehenden Bilder.

Als ich auf der Straße unterwegs war, entstand einer dieser Momente, an denen man sich selbst in der „Zone“ befindet. Ich war gefangen im Augenblick und komplett absorbiert von den Motiven, die sich mir in rascher Abfolge darboten. Ich war fokussiert auf die Fußgängerampeln und wie diese die Bewegung der Menschen orchestrierten.

Das letzte Bild nahm ich aus meinem Hotelzimmer heraus auf. Ich hatte glücklicherweise ein Zimmer, von dem aus ich genau auf die Kreuzung schauen konnte und ich setzte erneut die Zoom-Burst-Technik ein, um die Bewegung dieser immensen Menge von Menschen weiter zu akzentuieren, während sie sich über die Kreuzung bewegten.

Dieser Artikel wurde für Euch von Tilman Haerdle aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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14 Kommentare

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  1. Sehr sehr cool.
    Der Zoomeffekt, den man ja häufiger in ganz unschöner Art sieht, ist durch die geringe Dosierung echt toll. Passt zur Bildidee und funktioniert gerade durch die schwarz/weiss Entwicklung finde ich.
    Schöne Anregung, mal wieder das zu unrecht vernachlässigte Zoom herauszuholen!

  2. Awesome! Beautiful black colour! I have a beginners question: How did you turn your photos into black and white? Did you do in your camera, with lightroom or photoshop? I really like the contrasts…

  3. Eine schöne Serie. Am Besten gefällt mir die Aufnahme von der Akihabara Kreuzung. Sie mag nicht so voll sein, wie sie sein kann, doch das Bild hat so viel herrliche Dynamik und transportiert das Gewusel auf der Kreuzung sehr trefflich.

  4. Die Fotos sehen gut aus. Unschärfe finde ich gut. Aber ich finde es schade, dass viele Street-Fotografen Menschen zu oft von hinten fotografieren. Scheinbar ist es die eigene Schüchternheit oder Angst vor der Reaktion der Personen? Das gefällt mir nicht.

    • Hi Denny,
      I shot from behind to give the feeling that we are together in this. Shooting in front of them would have defeated this purpose.
      I wanted the sense of shared movement.
      Thanks for your comment. I appreciate it a lot. Hope my comment helps to clear up what I was trying to achieve.

    • Hi Denny,

      Brendan hat ja schon geantwortet, aber zu der Streetfotografie von hinten noch ein paar Anmerkungen:
      Natürlich ist es erst einmal einfacher, Menschen von hinten zu fotografieren. Auch rechtlich kommt man da in weniger Schwierigkeiten. Wie Brendan ausführte, macht es das Bild auch nicht von vorneherein schlechter – es kommt halt immer drauf an, was man ausdrücken will. Aber klar, einfach von hinten fotografieren, nur damit man Menschen drauf hat, reicht nicht aus.

  5. Hallo, ich bin auf der Suche nach Tokyo Streetphotos über diese Aufnahmen visuell gestolpert. Da diese Fotos mehr Kunst als bloße Reproduktion sind, gewäre ich diesen Fotos (für mich) diese künstlerische Freiheit und nehme die Idee dahinter als mögliches technisches Stilmittel auf.

    Für meinen persönlichen visuellen Geschmack werde ich nicht warm mit den Konzept der Unruhe und stetigen Bewegung in sonst ruhenden Linien. Es wirkt wie ein sehr persönliches Gefühl des Erlebten, dass mich als Beobachter eher teilnahmslos zurückläßt..