03. Juni 2015 Lesezeit: ~8 Minuten

Selbstportrait mit meiner Mutter

Ich erinnere mich an die Freude, als ich Haribo Fruchtgelees, Nutella und Margarine zwischen bunter Kleidung entdeckte, die zusammen in schweren 15-kg-Paketen verpackt waren. Früher haben wir große Pakete von Verwandten aus Westdeutschland bekommen, als in Polen vielen die grundlegenden Dinge fehlten. Das Öffnen der Pakete war ein Fest, bei dem die ganze Familie anwesend war.

Diese Kleidung, wenn auch aus zweiter Hand, war immer gut genug für Mama. Sie empfand es nie als notwendig, sich neue zu kaufen und zog es vor, so Geld für wichtigere Ausgaben zu sparen. Sie sah immer schlicht aus und mochte kein Schwarz. Einige sagen, dass das, was man trägt, ein Teil der eigenen Identität ist. Meine Mutter trug ihr ganzes Leben lang Kleidung, die sie sich nicht selbst ausgesucht hatte.

Ich habe die Vergangenheit wieder gelebt und in der Vergangenheit gelebt, seit sie im Jahr 2008 starb. All meine Arbeiten bauen auf meinen Erinnerungen und Sehnsüchten auf. „Selbstportrait mit meiner Mutter“ ist ein Versuch, diesen Zeitraum zusammenfassen, mich aus der Vergangenheit zu bewegen – eine endgültige Versöhnung mit der Realität.

Das Haus meiner Großmutter ist jetzt leer und kalt, Bergschäden zerstören es langsam und machen es zu einer Ruine. Es ist das Haus, in dem meine Mutter, meine Schwester und ich aufgewachsen sind. Hierhin brachte ich nach dem Tod meiner Mutter ihre Kleidung.

Und nun, da auch meine Großmutter gestorben ist, mache ich hier diese Selbstportraits. Die Kleider und Outfits stelle ich aus meinem Gedächtnis nach, genau wie meine Mutter sie miteinander kombiniert hat. Ich probiere ein Outfit an, das wir in einem der großen Pakete vor so vielen Jahren bekamen. Ich finde ihr blondes Haaren auf dem grünen Mantel.

Frau in weißem Pullover und Rock.Frau in einem bunten Kleid.

Links: Kleidung für Zuhause. Ich erinnere mich, wie sie am Klavier saß, konzentriert, ihre Hand tippt den Rhythmus, geduldig dem Geklimper ihrer Schüler zuhörend. Und ich kann immer noch ihre sanfte Stimme hören: „Wiederholen wir diesen Teil.“ Wie konnte sie dem nur zuhören? Ich weiß es bis heute nicht. Meine Schwester und ich verließen immer nach wenigen Minuten das Haus.

Rechts: Hochzeitskleidung. Ich bin sieben Jahre alt, Anfang der neunziger Jahre, die Hochzeit eines Cousins, 150 Gäste. Ich kenne die meisten nicht. Ich stopfte meinen Mund mit Kuchen voll, während ich meine Eltern beobachte, die zu einer schlechten Version eines Songs von Krawczyk tanzen.

Meine Mutter liebte es zu tanzen und sie war gut darin. Meine Eltern sahen toll zusammen aus, verstanden sich ohne Worte. Sie mochte diese Art von Festen nicht. Mit Verwandten reden, die man nur auf Hochzeiten und Beerdigungen sieht. Worüber soll man mit ihnen reden? Es ist viel besser, zu tanzen und zu lächeln.

Frau in weißem hemd und Rock.Frau in blauem Kleid.

Links: Arbeitskleidung. Ein kleines, schlecht eingerichtetes Büro in der Grundschule Nr. 2, die ich und meine Schwester besuchten. An der Tür: „Direktor für Aktivitäten nach der Schule“. Mama sitzt an ihrem Schreibtisch und schreibt einen Bericht für ein Treffen mit dem Bürgermeister über die Leistungen des „Alkatras“ (ein Club für Jugendliche mit Problemen) und des „Orlik“ (Club für Kinder und Jugendliche). Ich warte geduldig in der Ecke sitzend; ich möchte mit ihr nach Hause gehen.

Rechts: Reisekleidung. Der Abreisetag. Menschenmengen auf der Plattform. Ich halte die Hände meiner Mutter und Schwester fest umklammert. Plötzlich werde ich hochgehoben. Es ist meine Mutter, die mich durch das Fenster des Abteils zu meinem Vater reicht. Mir folgen zwei Koffer. Meine Mutter und Schwester kommen irgendwie zu uns. Es ist voll und stickig und bleibt so für die nächsten 14 Stunden. Aber zwei Wochen Urlaub am Meer sind eine lohnende Aussicht.

Mama hat Sandwiches, hart gekochte Eier, Tomaten und Tee in einer Wyborowa-Wodkaflasche vorbereitet. Wir haben „Happy Minutes“ (ein Kinder-Puzzle-Magazin, das es im kommunistischen Polen gab). Sie liebt das Meer. Sie reist in Gedanken verloren. Ich glaube, sie kann schon das Meer riechen und die Wellen und kreischenden Möwen hören. Ihr blaues Kleid mag aus billigem Material hergestellt sein, aber es knittern nicht und trocknet in zwei Minuten – perfekt für solche Reisen.

Frau in dunkelgrünem OutfitFrau in blauweißem Kleid.

Links: Weihnachtskleidung. Es ist Heiligabend, Mama ist geschäftig in der Küche, holt einen goldenen Karpfen aus dem Ofen, vorsichtig, um sich nicht selbst mit der heißen Butter zu berbrennen. Sie trägt sogar Make-up, Grün, zum Outfit passend. Sie ist glücklich. Sie liebt Weihnachten. Nach dem Abendessen sitzt sie am Klavier und wir alle singen gemeinsam Weihnachtslieder.

Rechts: Wochenendkleidung. Ein sonniger Tag, die ganze Familie sitzt bei meiner Großmutter im Garten, Würstchen liegen auf dem Grill, Vogelgezwitscher, Gelächter, Gespräche. In diesem Kleid lächelte meine Mutter immer, war entspannt. Sie trug es nur an sonnigen, arbeitsfreien Tagen.

Eine Frau in dunklem Hemd mit weißem Rock.Eine Frau in buntem Kleid.

Links: Kindergartenkleidung. Im Kindergarten der Kohlegrube bereitete sie die Kleinen für viele Aufführungen vor. Sie unterrichtete Lieder über geliebte Mütter, die geschwärzten Gesichter der Bergleute oder die mutig marschierenden polnischen Soldaten. Sie wusste ein Lied für jeden Anlass. Sie trug Blusen mit großen geometrischen Mustern für die Kinder. Sie liebten sie, die glückliche mollige Dame, die mit rosigen Wangen ihren Gesang auf dem Klavier vor ihren stolzen Eltern begleitete.

Rechts: Beste Sonntagskleidung. Es ist St.-Georgs-Tag. Die ganze Familie geht zur Kirchen-Kirmes. Zuerst sehen wir einen Stand voll mit Plastik-Spielzeug an, dann den Schießstand, wo Papa es schafft, einen Strauß von grellen, künstlichen Blumen für Mama zu schießen. Rosa Zuckerwatte darf nicht fehlen, meine Schwester und ich müssen mit den Füßen stampfen, um sie zu bekommen, denn sie ist nicht gesund und schlecht für die Zähne.

Aber Mama gibt immer nach und oben drauf gibt Oma uns zwei „goldene“ Ringe mit rosa „Edelsteinen“. Absolute Glückseligkeit. Am Ende noch Karussell, wir betteln für noch eine Runde, nur noch eine. Und dann gehen wir wieder zurück, Knallkörper gehen hinter uns los. Mama, Papa und Oma glücklich, gesprächig; meine Schwester spielt auf einer Spielzeugpfeife; und ich habe den obligatorischen Luftballon um mein Handgelenk gebunden.

Frau in grünem Mantel.Frau in hellblauem Kleid.

Links: Winterkleidung. Sie verlässt das Haus für die Arbeit in der Dunkelheit; wir alle schliefen noch. Sie nimmt einen roten Bus zu ihrer Arbeit an der Musikschule. Wir hatten kein Auto. Warten auf den Bus, bittere Kälte, die Unsicherheit, ob er kommen wird, abwechselnd von einem Fuß auf den anderen wiegend.

Auf dem Weg zurück wird sie einkaufen gehen. Sie wird sich langsam mit den schweren Taschen bewegen, vorsichtig, um nicht zu auszurutschen. Eiskalt, mit einer roten Nase und Wangen wird sie das Haus betreten. Jede Nacht stehen ihre nassen schwarzen Stiefel in einer Pfütze aus geschmolzenem Schnee unter der Heizung in der Küche.

Rechts: Urlaubskleidung. Es ist Sommer, neben der intensiv strahlenden Sonne und dem Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee weckt uns die Stimme unserer Mutter. Ein kurzer Blick durch die Vorhänge: Wäsche muss schon früh am Morgen auf der Leine aufgehangen worden sein, sie sieht bereits ganz trocken aus.

Ich kann niemanden sehen, aber ich weiß, dass sie da ist. Ich recke meinen Hals, aber bin nur in der Lage, blonde Locken und Zigarettenrauch auszumachen. Der morgendliche Tratsch mit den Nachbarn ist in vollem Gange. Barfuß und im Schlafanzug springen ich und meine Schwester auf den Balkon und nehmen an der Diskussion teil. Wir lieben Sommer. Dann haben wir unsere Mutter für die ganzen zwei Monate der Ferien nur für uns allein.

Dieser Artikel wurde von Katja Kemnitz für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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8 Kommentare

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  1. Sehr schöne Idee
    und vor allem sehr emotionale Geschichte die dahinter steckt.
    Die Fotografie kann wirklich dazu beitragen, Erinnerungen zu
    verarbeiten oder eben wieder aufleben zu lassen.

    Leider muss ich gestehen, kann ich mit solchen Bildern nichts anfangen.
    Aber da bin ich wahrscheinlich zu sehr der Außenstehende.

    Ansonsten Idee und Gedanke dahinter sehr schön.

    Schöne Grüße
    Stefan

  2. Eine sehr persönliche und interessante Geschichte, die mit den Fotos lebendig illustriert wird! Witzig ist, dass deine Erinnerungen von echtem Leben und den damit verbundenen Eindrücken erzählen, Kleidung und Style war deiner Mutter sicher nicht unwichtig, spielte aber (erzwungenermaßen) nur eine Nebenrolle.

    Heute dagegen spielt das eigentliche Leben bei vielen Menschen augenscheinlich nur noch die Nebenrolle und es geht schwerpunktmäßig um Shoppen gehen, seinen Style finden, Selbstinszenierung, Narzismus, die Jagd nach den richtigen Statussymbolen. Deine Fotos zeigen, dass man auch mit gebrauchten Klamotten gut aussehen kann – den Kontext der damaligen Mode berücksichtigend ;-)

  3. Sehr emotionale und aussergewöhnliche Bildserie, danke für das Vorstellen.
    Sehr empfehlenswert auch die Bildstrecke „Lost“ auf der Webseite.

  4. Die Geschichte geht direkt rein, bei mir jedenfalls.
    Hat etwas trauriges: „Selbstportrait mit meiner Mutter“.
    Wie du schreibst, gefällt mir gut. Sehr direkt will ich meinen.

    Die Bilder mag ich, weil deine Haltung und auch der Gesichtsausdruck kaum variiert.

    Die Wand als Hintergrund ist kahl, allerdings mit etwas Struktur, mit Rissen, die ihn auflockern. Ich erkenne da das beschriebene Haus …

    Der Achilles

  5. Als Fotokunst verkaufte Selfies sind jetzt wohl der letzte Schrei. Diese Portraits sehen wie „bestellt und nicht abgeholt“ aus. Warum dann nicht gleich die Geranien auf der Fensterbank knipsen?

    • Ich kann mir deinen Kommentar nur so erklären, dass du lediglich die Bilder durchgescrollt hast, aber den Text nicht gelesen hast. Falls du ihn doch gelesen hast, finde ich das sehr emotions- und respektlos gegenüber der Gastautorin. Ob du ihr das auch so ins Gesicht sagen würdest?